„Cordelia muss weg!“

Nach William Shakespeare: Lear, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Silvia Rieger)

Von Sascha Krieger

Am Ende, die angekündigten zwei Stunden sind längst überschritten, gibt es, natürlich, Beifall. Und ein paar vereinzelte Buhs. Als Silvia Rieger sie hört, huscht ein sanftes Lächeln über ihre Lippen. Ja, die alte Volksbühnen-Tradition, das Publikum bis über den Rand seiner Belastbarkeit hinaus anzustrengen, es bewusst zu provozieren und jeden Versuch der Annäherung, jede wohlwollende Offenheit dem Sperrigen gegenüber zu unterlaufen, indem so lange an der Schraube gedreht wird, bis auch der toleranteste Zuschauer die weiße Fahne schwenkt –  sie ist nicht vergessen. Silvia Rieger, ein zerbrechlicher aber umso trotzigerer Lear in Umhängebart und goldenem Glitzerfummel, hält das Banner aufrecht. Frank Castorf, der der Premiere beiwohnt, wird es mit Freude gesehen haben. Was auch immer man über den Abend sagen will: Er lässt nicht kalt. Vielleicht ist das Spannendste an ihm, den Blick von Zeit zu Zeit durch das Publikum schweifen zu lassen – die fassungslosen Blicke zu registrieren, die immer häufigeren verstohlenen Ausflüge zu Armbanduhr oder Handy, die vielfältigen Versuche, sich wach zu halten, die Reaktionen auf die zahlreichen plötzlichen Eruptionen des Geräuschpegels, die kreativen Methoden, das Sitzen auf dem Asphalt – den so Geschlagenen sei versichert: die vier oder fünf Stuhlreihen sind nicht wesentlich bequemer – irgendwie auszuhalten. In Castorfs Volksbühne ging es immer auch und nie zuletzt um die Zuschauer*innen und ihre Reaktionen, und darum, sie an Orte zu führen, zu denen sie freiwillig nicht gehen würden. Insofern ist Lear ein exemplarischer Abend dieses Theaters auf Abschiedstour.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Aber natürlich will da auch Inhalt sein. Will man den Abend lesen, bietet sich eine lange Passage nahe seiner zumindest gefühlten Mitte an. Da fliegt metallenes Ess- und Kochgeschirr auf die Bühne. ein Darsteller tritt auf und beginnt mit einem Löffel darauf einzudreschen. Nach und nach kommt das gesamte Ensemble hinzu und prügelt mit allem, was sie finden, auf alles, was sie finden ein: Schüsseln, Kellen, Kochtöpfe, Brustpanzer, Beinschienen, egal. Hauptsache, es ist laut, metallisch und lässt sich verbeulen. Aufhänger der Szene, die gefühlt endlos andauert, ist das rüpelhalte Verhalten von Lears Gefolgschaft im Hause seiner Tochter, ein Wendepunkt von Shakespeares Stück. Hier geht die Bedutung natürlich weit darüber hinaus. Das etliche Minuten andauernde Trommelfeuer sinnloser und nichts erreichender Gewalt gegen Dinge will die Geschichte des Königs, den die eigene Macht dazu führt, der Wirklichkeit abzuschwören und damit den eigenen Untergang zu provozieren, als Symbol verstehen für die Gewalt, die Macht mit sich bringt und bedingt, die sie nutzt, um abzulenken vom Denken und der Möglichkeit, vielleicht alternativen zu finden zum Bestehenden, eine Gewalt, die stabilisiert, indem sie zerstört, die das Korrupte, Unterdrückende aufrechterhält, indem sie die Unterdrückten zu Handlangern macht. Wer einen Bezug zu Ereignissen unserer Tage finden will, wird kaum enttäuscht werden.

Da ist es denn auch logisch, dass Lear als diktatorischer Choleriker erscheint, zunächst weitgehend allein auf der Bühne, eingekapselt in seinem Machtkokon, dass das Gegenprinzip, die ehrliche Tochter Cordelia abwesend bleibt (sie huscht nur kurz stumm im lächerlichen Show-Tänzerinnenkostüm über die Bühne), dass die meisten Figuren schizophren oder gar bipolar angelegt sind, mit sich selbst debattieren, zu Gollum-haften Monstern gewaltinduzierter Ich-Aufspaltung werden (dass die beiden „bösen“ Töchter in Personalunion gespielt werden, ist da kein Zufall), dass der Mob wütet („Cordelia muss weg!“), dass Rieger das Königsdrama, das sie ohne Rücksicht auf Figuren und Handlungszusammenhänge bestenfalls skizziert, verschränkt mit Heiner Müllers Kriegsirrsinn der Wolokolamsker Chaussee, dass sie die Ränkespiele von Othello zitiert und die naive Menschheitsvision von Der Sturm persifliert. Der Mensch ist des Menschen Wolf, in den Schlössern Englands wie den russischen Wäldern. wohin das führt? Nirgends. Nur in den Tod. Sterben ist sinnlos. Für Lear wie die Soldaten bei Heiner Müller, für Desdemona und Othello, für die Menschheit.

So weit so gut. Doch Silvia Rieger will nicht verstanden werden oder zumindest will sie es dem Publikum so schwer wie möglich machen. es wird, das gehört zum guten Ton, im Theater Castorfs, gebrüllt, was das Zeug hält. Rollen lösen sich auf, Texte werden zu mechanischem Selbstzweck – man beachte den schönen Beginn, in dem Rieger Lears Rede nacheinander aus den Bestandteilen Schreien, Schimpfen und Text zusammensetzt – Körper zu unkontrollierten gestischen Verkrampfungsmaschinen (den neben Rieger agierenden Studierenden der HfS „Ernst Busch“ kann man zumindest keinen mangelnden Einsatz vorwerfen, auch eine schöne Martin-Otting-Imitation ist dabei). Inmitten der Ränkespiele wird über Kaffeetassen gestritten, Konfrontationen enden in grotesker Sinnlosigkeit, sechs Rotkäppchen stellen sich einem imaginierten Wolf. Immer, wenn sich so etwas wie Verstehen einzuschleichen droht, setzt Rieger Störfeuer, durchbricht die Narration mit wahnwitzigem Nicht-Material oder bringt sie zum Stillstand, etwa wenn tausende Briefe die Bühne fluten.

Lose Enden, Nichtzusammenpassendes, wiederholte Sprünge zwischen den nicht ineinander greifen wollenden und sollenden Textebenen, Durchbrechungen des Theatralen, unerträglich lange Wiederholungsschleifen, die Gewalt des gewollt Sinnlosen (Beispiel: der vielleicht seltsamste Bauchladen der Theatergeschichte): all das ist nicht Regiemittel – eas ist der Kern dieses Theaters des Auseinanderbrechens, der Dekonstruktion. Nur ist eben was bleibt herzlich wenig: Zweistündiges monotones Brüllen, zunehmend willkürliche Sinnaufhebungen und eine Überforderung, die nur ermüdet und den Blick nicht schärft. Es ist, als würde Silvia Rieger einfach nur noch mal die Mittel des Castorfschen Theaters vorführen – ob das irgendwohin führt, ist ihr egal. Wenn es das nicht tut – umso besser. Nur weiß eben jeder Castorf-Kenner auch: Wenn seine Stilmittel zum Selbstzweck werden, wenn sie nicht mehr dazu dienen, Geschichten zu erzählen, zu hinterfragen und sich an ihnen zu reiben, dann bleibt, was diese Bühne in Bert Neumanns ikonischem Raum wie den ganzen Abend auszeichnet. Leere und Erschöpfung. Und den Wunsch zu vergessen. Ganz schnell.

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