Terror, glutenfrei

Georg Büchner: Dantons Tod, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Rocksong. Punkrock, um genau zu sein, oder doch besser eine schöne Bluesnummer? Wie wäre es mit etwas Elektropop? Ach ja, ein Klavier ist auch da. Sprechen wir doch einfach durch die Musik. Was, die Angebetete versteht „Ich liebe dich wie mein Grab“ nicht als Kompliment? Moment, schnell die Gitarre hervorgeholt, einen Song geschrieben und schon sagt sich alles viel besser. Und selbst wenn die Angesprochene noch immer schmollt – dann haben wir immerhin einen coolen Song gehört. Und schreit „French Revolution 1989“ nicht gerade nach einem Rap oder einem schmissigen Gitarren-Riff? Neun Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ versuchen sich an Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod und machen es zum Rockkonzert. Mit zuweilen mehr Enthusiasmus als Talent – das Gitarrenspiel Jonas Dasslers oder die Klavierkünste Esra Schreiers mal ausgenommen – schrammelt man sich durch Gesellschaftliches und Persönliches. Die Idee, den zaudernden Danton jedesmal zur Gitarre greifen zu lassen, wenn er eigentlich handeln sollte, ist nett, Musik als eskapistische Verweigerung einer Entscheidung, einer Handlung, einer Parteinahme. Das ist hübsch gedacht und wäre um einiges wirksamer, wenn der Abend diese Bewegung nicht selbst nachvollzöge.

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

Doch der Reihe nach: Zunächst sind die die seltsam Perückten, die sich da Namen französischer Revolutionäre geben, Bewohner der Jetztzeit. Auf einer Party plaudern sie miteinander, plappern über Engagement und gesellschaftliche Verantwortung und landen schnell bei der Kunst. Wie solle sie sich zur Wirklichkeit stellen? Sie auf die Bühne holen oder von ihr abstrahieren? Ist sie gesellschaftlicher Spieler, Spiegel oder Experimentalraum jenseits der Wirklichkeit. Der Diskurs bleibt auf Partyniveau, setzt aber ein Leitmotiv: Die metatheatrale Ebene zieht sich, wie oft bei Regisseur Peter Kleinert, wie ein roter Faden durch den Abend. Immer wieder wird das Spielen, das So-tun-al-ob thematisiert, irgendwann verweigert sich Dassler – oder sein Danton? – den Anweisungen von „Spielleiter“ Paul Maximilian Schulze, der als Erzähler, Taktgeber und Moderator zwischen Spiel und Publikum ohnehin ein paar Ebenen schiebt. Die Reden vor allem der Gegenspieler Robespierre und Saint-Just sind solide Polit-Show und auch bei den letzten Worten der Verurteilten werden sie von Mikrofonen regelrecht belagert. Die Revolution ist Theater, nein, Show, nein, Fernsehen – oder doch Social Media? Egal, alles ist medial verstärkt, auf Außenwirkung bedacht – da kann man schon einmal aussteigen wollen.

Tut aber auch Dassler/Danton natürlich nicht. Also darf er sich weiter mit der in strengem Schwarz  gewandeten und der bunten Lebenslust der Danton-Fraktion entgegenstehenden Tugendverfechtern duellieren. Bemerkenswert ist der Robbespierre der zarten Esra Schreier. Kein zeternder Volkstribun, kein gefeierter Heiliger. Eher ein verknöcherter Asket, ein stiller, jedoch unerbittlicher Fanatiker, der noch stärker wäre – nicht zuletzt im Kontrast zu den brüllenden egomanischen selbsternannten Volkstribunen unserer Zeit –würde er/sie nicht in jedem Aufeinandertreffen mit Danton in fast lähmende Anspannung verfallen und drohen, das argumentative Gebilde zusammenfallen zu lassen. Denn letztlich ist dieser Robbespierre denn eben doch nur ein Phrasendrescher, gesteht ihm der Abend nicht die Ehrlichkeit zu, die Büchners Text ihm nie ganz verweigert. So taugt er aber eben nur als Pappkamerad, verdient sein Diskurs vom Terror als Preis der Freiheit, von der Notwendigkeit, die durch Autoritarismus und Unterdrückung zu schützen, denn doch kaum Beachtung. Das ist schade, denn hier böte sich ein logischer Ansatzpunkt der von der Inszenierung doch angeblich angestrebten Vergegenwärtigung, erleben wir derartige argumentative Volten derzeit doch immer öfter.

Aber nein, da bleibt der Abend doch lieber an der Oberfläche, dürfen wir mit Dasslers virilem Danton sympathisieren, dem wir seinen platten Fatalismus, seine Feier der Resignation nicht nur verzeihen – das Publikum sieht sich gar der Versuchung ausgesetzt, dem „Man kann nichts tun, die Menschheit ist schlecht, und so weiter“ zumindest heimlich zuzustimmen. Klar müsse man handeln, aber haben wir nicht gerade gesehen, dass eh alles Show ist? Ist Verweigerung nicht die ehrlichere Alternative, schließlich macht sich der Abend über das glutenfreie „Gutmenschentum“ genauso lustig wie über FDP-Sprüche der Marke „Leistung muss sich wieder lohnen!“ Und überhaupt: Sind die hurenden Lebemeänner Lacroix (schön lustgetrieben gespielt von Gustav Schmidt) und Philippeau (Schaubühnen-Veteran Vincent Redetzki als etwas weinerlicher Zweifler) wirklich die bessere Alternative gegenüber den kalten Volstreckern Robbespierre und Saint-Just (Lukas T. Sperber)? Einzig der zwischen allen Stühlen stehende Lebemann-Idealist Camille des eindrucksvollen Daniel Mühe könnte ein Gegenentwurf sein. Doch nein, das nächste Lied kommt bestimmt.

Und die Frauen? Sie kippen meist ins Komödiantische (vor allem Monika Freinberger, aber auch Lola Fuchs), knipsen Solidaritäts-Selfies für die verurteilten Gatten und ergehen sich ansonsten launischen Gesprächen und lustvollem Hedoniscmus. Ein Gegenentwurf (schließlich lässt Kleinert sie nicht wie Büchner in den Suizid gehen)? Nicht wirklich, irgendwie erscheinen die Männer interessanter. Bleibt die Klammer ins Jetzt, um das es doch gehen sollte. Doch da ist: Nichts. Die Vergegenwärtigung beschränkt sich auf etwas Bildungsbürgertum-Satire hier und ein paar „Wir sind das Volk“-Rufen dort – Schulze darf sogar einen Wutbürger mit sächsischem Akzent geben. Das ist albern, plump und auch wieder von der Arroganz, die zu Beginn doch so kritisiert werden sollte. Also spielen und singen wir lieber noch einmal, vergehen wir in schöner Mitgröl-Gemeinschaft, weit weg von der Realität und den großen Fragen. Wenn doch nur der ganze Abend nicht das Gleiche täte.

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