Provokatiönchen am Fließband

Oliver Frljić: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt, Wiener Festwochen / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

In Die Ästhetik des Widerstands setzt sich Peter Weiss, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auseinander, ihrem Scheitern im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, die Rolle der Arbeiterklasse bei dessen Triumph, die in seinen Augen untrennbare Verknüpfung von faschistischer Ideologie und kapitalistischem System. Das dreibändige Werk war und ist ein Schlüsselwerk linken Denkens, dem das Berliner Hebbel am Ufer nun ein Festival widmet, zu dem der kroatische Theatermacher Oliver Frljić eine Arbeit beitragen darf. Das Ergebnis heißt Unsere Gewalt und eure Gewalt und schert sich ansonsten wenig um Peter Weiss und sein Werk. Das wäre auch nur störend, denn im Gegensatz zu Weiss hat Frljić eine angenehm übersichtliche Weltsicht. Die lautet in Kürze: Kapitalismus gleich Faschismus gleich Krieg gleich schuld an allem Übel in der Welt. Wenn also, nachdem gerade ein in Guantanamo-Orange gekleideter Gefesselter Gegenstand einer Hinrichtungsszene geworden ist, dessen Henker eine Schweigeminute für die Opfer islamistischer Terroranschläge ankündigt, folgt dieser eine zweite auf dem Fuße. Diese ist für die vier Millionen (die Zahl wir den ganzen Abend mantraartig wiederholt) Todesopfer in Syrien, dem Irak und Afghanistan, die natürlich einzig und allein „der Westen“ auf dem Gewissen hat.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

„Der Westen“, das sind natürlich wir, die wir hier im Theater sitzen, während woanders Bomben fallen, wir, die wir eine Kultur genießen, die darauf basiert, dass anderswo unser Wohlstand erpresst und erlitten wird. Eine kleine Publikumsbeschimpfung also, die von den Zuschauern eher gleichgültig erduldet wird. Zumal der Abend sich hier seine eigene Falle baut: Da beschuldigt Frljić sein Publikum, den Tod zum „ästhetischen Erlebnis“  zu reduzieren – und serviert ihm genau das. Er ergeht sich genüsslich in realistischen wie zu einer albernen Unterhaltungsrevue mutierten Hinrichtungsszenen, schließt die Erniedrigung der Guantanamo-Gefangenen mit deren Spiegelung durch den so genannten „Islamischen Staat“ kurz, zelebriert die Folterung eines syrischen Geflüchteten durch feindselige „Einheimische“. Eine Wand aus Bezinkanistern – ja, auch das Öl als vermeintlicher Hauptgrund für militärische Konflikte mit westlicher Beteiligung darf nicht fehlen – bildet die Kulisse und stürzt irgendwann zusammen. Zurück bleiben Gitterstäbe, hinter denen sie Schutzsuchenden verbleiben, und ein Kreuz, von dem Jesus herabsteigt, um eine Muslima im Hidschab zu vergewaltigen.

Unsere Gewalt und eure Gewalt ist eine Abfolge berechneter Pseudoprovokationen, die längst nicht mehr verstören, und klischeehafter Gewaltbilder, die Frljić behauptet zu entlarven, die er jedoch ungebrochen einsetzt, um seine in den holzschnitthaften Textpassagen – ausgehend von wenigen Textfetzen Weiss‘ – plakatierten Thesen von der Schlechtigkeit des Kapitalismus und der Generalschuld des „Westens“ zu illustrieren. Da hilft auch ein bisschen Metatheater nichts: Die plumpen falschen Biografien der Darsteller*innen sollen wohl das Dokumentartheater und seine Behauptung von Authentizität karikieren und ersticken doch an ihrer klischeetriefenden Plakativität. Noch perfider der „Kunstgriff“ nach der Folterszene: Da „outet“ sich einer der Darsteller als Filmemacher, der gerade eine dokumentarische Szene nachgestellt hätte. Diese halbherziuge Distanzierung kann jedoch nicht verbergen, wie sehr er die Passage in ihrer schockieren wollenden Wirkung ausgekostet hat.

Was gibt es sonst noch? Da werden die Worte des lettischen Theatermachers Alvis Hermanis über seinen Protest gegen das Engagement des Hamburger Thalia-Theaters für Geflüchtete verlesen, eine Deutschlandflagge aus einer Vagina hervorgeholt, eine simple Ausgrenzungschoreografie dilettiert, tanzen todgeweihte Gefangene zu amerikanischen Swing, weben Filmmusik, Atonales und Gustav Mahler  einen immer schön illustrierenden Soundtrack, der die gewollte Provokation verstärken will und sie doch nur in ihrer platten Wirkungsbehauptung entlarvt. Unsere Gewalt und eure Gewalt ist ein effekthascherischer, heuchlerischer (indem er die Mittel, die er zu kritisieren behauptet, ungefiltert einsetzt), plakativer und ungeheuer unreflektierter Abend, der mit Peter Weiss kaum weniger zu tun haben könnte. Wo dieser analysiert, enthüllt, aufbricht, bleiben bei Oliver Frljić plumpe Propaganda, platte Parolen und ein so zwischentonfreies Schwarz-Weiß, dass selbst der aufgeschlossenste Zuschauer irgendwann gezwungen ist, sein Gehirn auf Stand-by zu schalten. Gebraucht wird es in diesen – und das ist das einzig Positive – knappen 75 Minuten nicht. Doch sollte  Frljić beabsichtigt haben, den Samen des Widerstands im Publikum zu säen, könnte dies nicht vollkommen erfolglos geblieben sein. Zumindest so lange er den Widerstand gegen solches sein Publikum nicht für voll nehmendes und sich in altbewährten Provokationsroutinen gefallendes Theater der Denkfaulheit meint.

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Ein Gedanke zu „Provokatiönchen am Fließband

  1. […] u ovih, skoro 75 minuta – a to je jedino pozitivno – nije potreban, zaključuje Sascha Krieger svoju […]

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