Das zerschnittene Ich

Yael Ronen & Ensemble: Denial, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“. So lautet das erste Kapitel von Yael Ronens neuem Abend am Maxim Gorki Theater. Wir sehen: Fünf Darstellerinnen, die in lächerlichen Pseudo-Kinderklamotten zu „Billie Jean“ tanzen und dann versuchen, das Statement mit Geschichten aus den eigenen Kindertagen zu unterfüttern. Und kläglich scheitern: Denn egal wie sehr sie versuchen, das Erinnerte schönzureden und ins Positive zu verkehren – die Geschichten von Vernachlässigung und Gewalt lassen sich eben nie ganz in Narrative von Freiheit und Liebe umdeuten. Spielerisch beginnt Denial, eine knapp zweistündige auseinandersetzung mit dem Verdrängten und dem Verdrängen, heruntergebrochen auf die ganz persönliche, private Ebene. Der Beginn ist eine schöne, satirische Comedynummer, die nicht verhehlen kann, dass es schon bald düsterer wird, ja, werden muss. Ronen verzichtet diesmal auf eine Rahmenhandlung, welche die Wahrheits- und Identitätssuche der Figuren und Spieler*innen motivieren könnte. Das ist keine schlechte Wahl, erhöht die Unmittelbarkeit des Erzählten, reißt ein paar Barrieren zwischen Bühne und Publikum ein. Zu behaupten, das ginge uns nicht an, ist an diesem Abend nicht so leicht.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Die Stärke von Denial liegt, nicht ganz typisch für Ronen, nicht zuletzt im Visuellen. Die lähmende, lebensfeindliche und doch auch lebensermöglichende Kraft der Verdrängung setzen vor allem Magda Willi (Bühne) und Hanna Slak (Video) wirkungsvoll in Szene. Eine zunächst undurchdringlich erscheinender Vorhang aus weißen Plastikstreifen deutet das Dickicht nicht zugelassener Erinnerungen, des Nicht-Aussprechbaren und Tabuisierten an, durch das sich die Protagonist*innen zu kämpfen haben. Und das sie schier zerreißt: Immer wieder werden ihre Gesichter auf die streifen projiziert und geraten dadurch schemenhaft, fragmentiert, unscharf. Das Verdrängen wie das Erinnern an das, was nicht erinnert werden soll, stellt Identitäten in Frage, macht die Gewissheit vermeintlicher Wahrheiten brüchig, rüttelt an Ich und Identität, zerreißt das Unteilbare (Individuum) in tausend feine streifen, die sich nicht mehr problemlos zusammensetzen lassen. Es spaltet die Identität auf, etwa, wenn sich der oder die Erzählende(r) von ihrem Bild löst, das auf dem Vorhang oder eine vorgelagerten Projektionswand erscheint, sich abstößt vom hinten zu erahnenden „realen“ Menschen. Immer wieder ist die Rede vom verdrängten Ich, das nicht wie ein Teil der konstruierten Identität erscheint, gleichsam ein Fremder ist, der im eigenen Körper und Hirn lebt, dort aber nicht hingehört. Ronen, Willi und Slak stellen diese Abtrennung visuell eindringlich in den Raum.

Ein Raum, in dem sich das Verdrängte in Erzählungen herausschält, die Titel haben wie „Es ist nichts passiert“, „Ich bin nicht schwul“ oder „Ich war das Lieblingskind.“ Schutzbehauptungen, Lebenslügen, Vergangenheitsbegradigungen. Vor allem zwei bleiben im Gedächtnis: Da ist Maryam Zaree, die von ihren iranischen Eltern berichtet und dann mit tränenerstickter Stimme Fragen an die Mutter stellt, die sie nie zu stellen wagte. Fragen zu den Gefängnisaufenthalten der Eltern, zur Gewalt gegen die schwangere Mutter, zu dem Suizidgedanken des Vaters, zum Schweigen gegenüber der Tochter. Dabei sitzt sie mit dem Rücken zum Publikum. Die Mutter, so erzählt sie zuvor, könne jederzeit im Publikum sitzen, sich ihr zuzuwenden, kann Zaree (noch) nicht. Das muss ihr Videobild tun, wie körperlos, geisterhaft über den sie schier zerreißenden Fragen schwebend. Und dann ist da Dimitrij Schaad, der von Erinnerungsblitzen erzählt, die ihn heimsuchen und darauf hindeuten, er sei vom Vater missbraucht worden. Dabei tritt der reale Mensch auf den Bühne immer weiter zurück, löst sich auf in schemenhafte Albtraumbilder und Porträtfetzen, in eine entkörperte Stimme, die nicht so recht zum Erinnernden gehören will. Da ist sie wieder, die zerreißende Kraft der Verdrängung.

Auch die Frage, ob sich Wahrheit denn aus dem Beiseiteschieben der Verdrängung destillieren lässt, behandelt der Abend. Etwa im Doppelmonolog von Schaad und Orit Nahmias, in dem sie ein Ex-Paar spielen, das seine Vergangenheit erinnert. Wo jedoch sie von Gewalt und Misshandlung spricht, zeichnet er das Bild einer krankhaft eifersüchtigen Lügnerin und Manipulatorin, die Geschichten erfindet, um ihm zu schaden. Am Ende weißt der Zuschauer, nicht, wem er trauen kann. So viele Narrative, so viele Geschichten haben sich aufgetürmt wie die ineinander rutschenden uns sich aufeinander stapelnden Buchstaben der Eingangsprojektion, dass sich kein klares Bild mehr herausfiltern lässt. Irgendwann wird das Dickicht einfach zu dicht. Auch das thematisiert der Abend, der einmal mehr mit der Vermischung von Spieler*in und Figur spielt, „Reales“ und „Erfundenes“ ineinander verschränkt und auch damit die Erkennbarkeit von „Wahrheit“ problematisiert. In seinen stärksten Momenten ist Denial eine höchst intensive Auseinandersetzung mit der Obesession des Menschen, sich seine Welt schönzumalen – und dem schaden, den er damit in sich anrichtet. Und die das Private mit dem Politischen verknüpft, wie der Abend – sich dessen sehr wohl bewusst und es auch ironisierend – nur andeutet.

Leider besteht Denial  eben nicht nur aus solchen starken Momenten. Und hier zeigt sich der Nachteil der gewählten Form: Ohne narrative Klammer steht und fällt er mit der Stärke seiner einzelnen Nummern – und die ist leider sehr uneinheitlich. Auch das ist hausgemacht: Ronen verweigert sich dem psychologisch innerlichen Kammerspiel, sie will unterhalten, sie will Comedy. Doch es sind gerade die komischen Nummern, etwa Oscar Olivios Coming-Out-Erzählung, die zuweilen in Klischeefeuerwerken und Belanglosigkeiten verpuffen. Auch wenn Çiğdem Teke Zaree zu vermitteln sucht, warum sie beim Heimatbesuch in der Türkei nicht als lesbische Familie mit gemeinsamem Sohn auftreten können, gerät das zur Comedy-Nummer, die sich viel zu schnell nur noch selbst genügt. Gänzlich lächerlich  Olivios Telefonat mit der Mutter über Hypotheken und Schulden. Und so wird Denial dann doch schnell zur Nummernrevue, versucht gar nicht die Spannung zu halten, ist bemüht, die Intensität, das Schmerzliche, immer wieder aufzulockern und fällt sich damit selbst wiederholt in den Rücken. In seinen stärksten Momenten ist der Abend intensivstes, augenöffnendes Theater an der Schmerzgrenze, in anderen alberne Comedy, die im Moment ihres Entstehens schon verpufft ist.

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