„Fahrt Bus!“

PortFolio Inc.: Die Männerspielerin. Motive einer Selbstverewigung, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Marc Lippuner und Michael F. Stoerzer)

Von Sascha Krieger

Früher führte man Tagebuch, heute postet man Selfies. Selbstinszenierung ist nichts Neues, aber in unserer Digitalen Gegenwart um Etliches leichter, zugänglicher, sichtbarer. Doch die Konkurrenz ist groß, buhlen doch Unzählige auf Instagram, Facebook oder Twitter um die Gunst des virtuellen Publikums. Da kann es schnell mal zur Lebenskrise führen, wenn die Likes ausbleiben und nimmt die Frage, wie man sich den YouTube-Abonnenten am erfolgreichsten präsentiert schnell eine Bedeutung ein, die alles andere dominiert. In Die Männerspielerin lassen PortFolio Inc. etwa eine australische YouTube-Aussteigerin zu Wort kommen, die irgendwann feststellte, dass ihr komplettes Leben nur noch dazu da war, Material für ihre Videos zu produzieren. Um die Sehnsucht nach Anerkennung geht es, die letztlich Ausdruck eines Bedürfnisses nach Kontakt ist. Kontakt zu einer Außenwelt, zu welcher der Zugang immer schwieriger erscheint. Und so sucht man ihn über die Distanz, die Anonymität des World Wide Web. Ein Paradoxon, das wir, digitalisiert wie wir sind, kaum noch als solches wahrnehmen.

Bild: Michael F. Stoerzer

Bild: Michael F. Stoerzer

PortFolio Inc. stoßen den Zuschauer hinein in die Widersprüchlichkeiten (post)moderner Selbstinszenierung. Und sie stellen uns die Urahnin der Generation Instagram vor: Anaïs Nin, Autorin, Künstlerin, Tagebuchschreiberin. Wir sehen sie in wunderbar karikaturesken Gesprächen mit dem Psychoanalytiker Otto Rank, den sie aufsuchte, um aus all den Rollen herauszukommen, die sie zu spielen hatte, sie zu transformieren in ein Ich, das performativ sehr viel stärker sein sollte als die vielen Einzelrollen Muse, Geliebte, Tochter. Zwischen ihnen entspinnt sich ein grotesker Tanz, der sie beide transformiert: Sie macht er zur Künstlerin, ihm eröffnet er ganz neue Räume der Ich- und Welterfahrung. Transformiert werden auch ihre Tagebücher: Statt Instrumente privater Selbstvergewisserung sind sie nun die Bühne, auf der sich Nin der Welt zeigt, wo sie ihre künstlerische Welt erschafft und mit ihr sich selbst. Mit der Selbstinszenierung tritt sie den Anderen gegenüber, kommuniziert sie mit der Welt. Zurück kommt Anerkennung, Ruhm, das Wahrgenommenwerden durch die Welt.

Wie bei PortFolio Inc. üblich haben Marc Lippuner und Michael F. Stoerzer Dokumente gewälzt und O-Töne gesammelt und verrühren sie nun zu einer Mischung, die Kunst und Internet, damals und heute, das ästhetisch Erhöhte und das alltäglich Banale verknüpft. Denn gegen das Nichtwahrgenommenwerden, die mediale Nichtexistenz kämpfen sie alle an: die Künstlerin, die YouTuberin, der Facebook-Süchtige. Lippuner und Stoerzer verschränken die Zeit- und Spielebenen: Man wir farcenhaft chargiert, dann trocken vorgetragen, alles ist performativ, Inszenierung, Imitation – wie etwa die initialen Posenbilder Nins auf dem Videoquadrat, unter die sich die eine oder andere Kopie durch Darsteller*innen und Regisseure eingeschlichen haben. Überhaupt die Videowand (Bühne: Uri Oppenheim): Sie ist Kulisse, Kommentator, Illustrator – und Metapher. Denn sie visualisiert die fragmentierte Wirklichkeit, in der die Figuren versuchen aufzufallen. eines der 16 Teilquadrate wird zum Bücherregal, zwei weitere entpuppen sich aus herausnehmbare Würfel, die sich als Hocker oder Posdeste nutzen lassen, am Ende teilt sich die Wand ganz. Die einheitliche Mastererzählung bleibt Illusion.

Nicht für Nin: Sie, die einer anderen Zeit entstammt, hat die selbstinszenierung zur Kunst gemacht und sie ist auch hier, in der Darstellung Judica Albrechts reine Pose. Doch gleiches gilt für Thomas Georgis Rank. Wer ist wessen Muse, wer inszeniert wen? Für die heutigen Rollenspieler ist die Frage gar nicht mehr zu beantworten. Sie bringt der Inszenierungsrausch auf die – hier virtuelle – Psychiatercouch oder wird zur allesverschlingenden Obsession. Die Männerspielerin ist ein spielerischer, augenzwinkernder und doch analytisch tiefbohrender Abend, der sich der Frage widmet, warum die Sehnucht nach authentizität zwangsläufig zu totaler Künstlichkeit und Lbens- wie Ich-Inszenierung führt. Damals wie heute, in Anaïs Nins Tagebüchern wie bei Instagram und Facebook. Vielleicht ist die einzige Antwort die, welche uns die australische YouTuberin entgegenschleudert: Wenn ihr Kontakt wollt, geht hinaus in die reale Welt, sprecht mit Leuten, lernt andere Ich-Konstrukte, auch bekannt als Menschen, kennen. Geht dahin, wo andere Menschen sind. Fahrt Bus!

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Ein Gedanke zu „„Fahrt Bus!“

  1. […] Geschmack gab es klitzekleine Längen, was aber zu vernachlässigen ist. Sascha Krieger hat eine wunderbare Kritik dazu […]

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