Verheddert im Leben

David Paquet: 2 Uhr 14, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

Das Leben, ein verschwommenes Bild. In 2 Uhr 14 widmet sich der kanadische Dramatiker David Paquet der wohl seltsamsten aller Lebensphasen: dem Erwachsenwerden. Wie schwer ist es doch, klar zu sehen: sich selbst, die Anderen, die Zukunft. Oder auch die eigenen Kinder. Regisseur Kristo Šagor inszeniert die Berliner Erstaufführung des Stücks im Rahmen des Jungen DT mit zwei erwachsenen Schauspielern und vier Jugendlichen. Und er hat dafür ein zwingendes Bild gefunden. Eine Wand aus weißen, elastischen Bändern spannt sich über die gesamte Bühnenbreite und erschweren den Blick auf das, was dahinter liegt, machen es zu einem Schattenspiel mit verzerrten Konjunkturen, gesellen dem Sehen ein Vermuten und Erraten hinzu. Geraten die Bänder in Bewegung, verschwimmt das Bild vollends in einem verwirrenden Vexierspiel, in dem nichts mehr sicher ist. Was für eine Metapher. Im Mittelpunkt des Stücks stehen vier Jugendliche und ein Abwesender, dazu dessen Mutter und ein Lehrer, so verloren wie die, welche er zu unterrichten hat. Katrina wütet gegen sich und die Welt, Josi will schön sein und opfert dafür sich selbst, Linus will „normal“ werden und Norbert glaubt, dass er vorgeben müsse, jemand anderes zu sein, um Erfolg zu haben. Sie alle sind nicht bei sich, suchen das, was sie nicht haben und sind, aber sein zu müssen glauben. Sie wollen Türen, viele Türen, die sich öffnen – wie in Linus‘ drogeninduzierten Träumen – doch sie zeigen keine Auswege, nur Fallen, wenn sie nicht gar verschlossen bleiben. Am Ende bleibt nur der Versuch, mit sich selbst zu leben. Doch wie, wenn man dieses selbst nur bestenfalls verschwommen sieht?

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Die Gummiwand ist das Zentrum des Abends. Jeder geht mit ihr anders um: Linus, atemberaubend intensiv und körperlich gespielt vom umwerfenden Jungdarsteller Maximilian Paier, reißt sie weit auf und nutzt sie als Turn- und Spielfläche, probiert sie und sich aus und zeigt panische angst, wenn er sie dieses eine Mal, für Sekunden nur, loslässt. Der verlässliche Rahmen, er gibt Sicherheit. Und er zwängt ein: die schlankheitsuchende Josi, die Celia Bähr als Nervenbündel am Rande der Hysterie gibt, verheddert sich in elaborierten, selbstgewählten, Einsperrmustern. Der scheue Norbert (wunderbar unschuldig und schlitzohrig zugleich: Franz Jährling), traut sich nur zögernd an die zitternde, unsicher erscheinende Wand heran, während Katrina (starke Mischung aus rebellischer Härte und Verletzlichkeit: Katharina Anchalie Schulz) sich ihr eher aggressiv pragmatisch nähert. Sie alle können sie öffnen, hindurchschauen, aber kommen nicht von ihr los. Auch nicht die Erwachsenen: Lehrer Denis (Jens Schäfer als bemitleidenswertes sich selbst klein machendes Würstchen) verstrickt sich in ihr so sehr wie seine Schüler. Außen steht nur Nicole (Judith Hofmann): Sie gehört nicht dazu, ist jenseits der Kämpfe, welche die anderen durchleben und wird doch gleich zu beginn von ihnen eingesaugt.

Sie erzählen von ihren Ängsten, Wünschen, inneren und äußeren Kämpfen, geben, wenn der Andere dran ist, die bedrohlichen anderen oder die eigenen Dämonen. Die Sicht ist eine konsequent innerliche: Die Außenwelt manifestiert sich nur im eigenen Erleben. Bis zur lächerlich unmöglichen Annäherung von Katrina und Norbert: Zwei Inseln, die aufeinander zudriften und damit klarkommen müssen, dass da jemand ist, der so real und zerrissen ist wie man selbst. Irgendwann muss man raus aus sich selbst und hinein in die Welt. Doch wo ist sie und wie komme ich dahin? Und will ich das überhaupt? Die Wand ist eine metaphorische: Sie steht für Innen- und Außenwelt, Dabeisein und Außenstehen, Kindheit und Erwachsensein. Doch wo ist die richtige Seite, wo die wahre Realität?

Sie trennt auch die Zeiten: Erst gegen Ende erfahren wir, dass Nicole die einzig Lebende ist, die anderen sind längst tot, die regungslosen Körper hinter der Wand am Anfang die Realität. Erschossen von Karl, dem Abwesenden, vorhanden nur als verzerrtes Störgeräusch aus dem Äther und in der kalt sachlichen Hörspielfassung seiner Tat. Nicole, von Hofmann gespielt mit dem versteinerten Ausdruck einer längst Erstorbenen. Die Leben, die wir gerade dabei beobachteten, sich selbst zu suchen, es gibt sie gar nicht mehr. Es ist die Tote Nicole, die Mutter des Todes, die sie  aufweckt. Das Ende bildet ein Line Dance: Von links nach rechts und zurück, rhythmisch in die Hände geklatscht, alles wohlgeordnet, keine Komplexität, keine Verwirrung, keine offenen Fragen. Klarheit. Nicole tanzt vor dem Vorhang, die Toten im Gleichklang dahinter. Sie tanzt mit ihnen, den Verlorenen, erzählt ihre Geschichten, jene, die wir gerade sahen, erzählt sie wortlos und findet gar ein scheues Lächeln. Das Leben, die träume, die Hoffnungen und Ängste: So leicht lassen sie sich nicht besiegen. Ein stilles, erschütterndes und berührend schönes Ende eines der stärksten Abende dieser Spielzeit. Sie gehen viel zu schnell vorbei, diese 75 Minuten. Auch das natürlich eine – eindringliche – Metapher.

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