Jugend schweigt

Nach Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Anja Behrens)

Von Sascha Krieger

Nein, für den Titel „Vater des Jahres“ kommt Theodor eher nicht in Frage. Er ist Arzt und Gelegenheitskrimineller, nimmt seine Kinder schon mal ein paar Wochen aus der Schule, um in Berlin irgend einen Deal mit rund um ein Wettbüro abzuwickeln (der natürlich schief geht), hat kein Problem mit Drogenkonsum und -handel seiner drei Kinder und kümmert sich, wenn überhaupt, nur um sich. Selbst das Sorgenmachen, sagt Tochter Romy einmal, müssten sie selbst übernehmen. Dabei ist dieser Vater das Narrativ, das alles irgendwie zusammenhält. Also erschaffen sie ihn sich selbst, das zerstörte Auge angedeutet durch ein Stück grünes Klebeband. Bei Benjamin Lillie ist er ein charmanter Tunichtgut, bei Thorsten Hierse ein kalter Despot. Ansonsten müssen die Kinder sich selbst aufziehen, wie er immer behauptete, es selbst getan zu haben. Antonia Baums Roman ist eine Coming-of-Age-Geschichte, bei der sich Emanzipation und die Sehnsucht, sich an etwas festzuhalten, selbst wenn es eine Lüge ist, die Waage halten, erzählt im Rhythmus des Hip-Hop, eine der großen Lieben der Autorin.

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Anja Behrens‘ Bühnenadaption hat ihre besten Momente, wenn sie diesen Rhythmus aufnimmt, seine Dynamik in Sprache, Bewegung, Klang fühlbar macht, der Dynamik des Erwachsenwerdens, des Sackgassen nicht vermeidenden Vorwärtsstürmens, Gestalt verleiht. Das tut er jedoch nur selten. Vor allem Lillie beherrscht den Sprach- und Bewegungsfluss mit traumwandlerischer Sicherheit, zumal er auch die nötige Mischung aus Neugier, Arroganz und Leichtsinn mitbringt, doch bleiben solche Momente nur Episode. Zu eingezwängt ist der Abend in ein Korsett cleverer Regieeinfälle, die ihm viel zu oft die Luft einschnüren. Da ist der grüne Schrotthaufen an der Decke (Bühne Jessica Rockstroh), die grünen Fußsohlen, das grüne Blut. Hoffnung oder Gift? Zweifellos beides. Unzählige Male ergeht man sich in kollektiven Fall-Choreografien und steht natürlich immer wieder auf. Jede Figur – der Abend dreht sich um die drei Kinder – ist dreifach besetzt, jeweils mit einem Erwachsenen und zwei Kindern oder Jugendlichen. Da lässt es sich schon chorisch sprechen, ansonsten erschöpft sich die Figurenaufspaltung darauf, dass man sich ablöst, ohne dass das irgend einen Erkenntnisgewinn brächte.

Das hat mit dem Etikettenschwindel zu tun, der dieser Abend eben auch ist. „Junges DT“ steht drüber, eine Marke, die Theater von uns mit Jugendlichen meint. Ja, auch hier sind sechs junge Darsteller*innen dabei, doch sind sie zumeist Staffage. Die Erwachsenen, neben den DT-Ensemblemitgliedern Hierse und Lillie die Schauspielstudentin Linn Reusse, geben den Ton an, die Einbindung der Jugendliche wirkt von Beginn an eher bemüht und oft unmotiviert. Die Eigenständigkeit, die ihre Figuren antreibt, ist den jungen Darsteller*innen verwehrt. Und so kommt der Abend, der zwei Zeitebenen – die Erinnerung an eine schwierige Kindheit und die nächtliche Suche nach dem verschwundenen Vater – so virtuos wie austauschbar verschränkt, nicht von der Stelle. Er ist über aus unterhaltsam, aufwendig gestaltet und inszeniert und doch wenig mehr als solides Kunsthandwerk, fehlerfreie Routine. Er ist ein bisschen schmuddelig (grau und leicht verwahrlost die Kleidung), aber er tut nie weh, er bleibt an der Oberfläche. Ein kurzweiliger, zumindest von den Profis (die Jungen und Mädchen haben dazu keine Chance) durchaus lustvoll und variabel gespielter Abend. Aber eben auch ein zutiefst harmloser.

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