Gänsemarsch ins Nichts

Christoph Marthaler und Ensemble: Hallelujah (Ein Reservat), Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Christoph Marthaler)

Von Sascha Krieger

„Nicht aus der Freizeit ausscheren!“, kommandiert die Stimme aus dem Off. Und nein, hier schert niemand aus. Kreuzbrav trippelt der Gänsemarsch in Regenumhängen auf dem schmalen Pfad gen Bühnenrand, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, den vorgegebenen Weg zu verlassen. Hier bleibt alles schön unter Kontrolle, wir sind ja nicht zum Vergnügen hier. Sondern zur Freizeit und das ist bekanntlich harte Arbeit, schließlich will die knapp bemessene Zeit gut und effektiv genutzt sein. Einfach ist das nicht, denn das Freizeitparadies liegt in Trümmern. Anna Viebrock hat sich von den seit langem im Dornröschenschlaf schlummernden Überresten des einstigen zentralen DDR-Freizeitparks im Berliner Plänterwald – beziehungsweise dessen verzweifeltem Nachwende-Wiederbelebungsversuch namens „Spreepark“ – inspirieren lassen und eine Art Geisterfreizeitpark gebaut, mit einer Fußgängerbrücke, einem Kartenhäuschen, einem leeren Becken und ein paar Absperrgittern. Irgendwo liegt auch noch die Dino-Attrappe herum, die längst zur Ikone der Parkruine geworden ist.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

DDR, Freizeit: Da ist man leicht beim Zwang und so wird irgendwann über die Freizeitkulturverantwortliche erzählt, die es im vermeintlich besseren Deutschland tatsächlich gab. Auch in der Freizeit hat alles seine Ordnung zu haben. Der Plänterwald war da auch wenig mehr als ein gut zu kontrollierendes Ventil – wie auch die Wildwest- und Indianerbegeisterung. So mancher DDR-Bürger verbrachte seine Wochenenden und Ferien damit, in Indianerstämmen irgendwo in der sächsischen Provinz zu leben. Doch wehe, die Sehnsucht ging darüber hinaus: Hildegard Alex erzählt die Geschichte einer Hobby-Indianerin, die einen Ausreiseantrag stellte, um in den USA in einem echten Reservat zu leben. Das gefiel nicht nur der Stasi nicht, sondern auch ihren Mit-Indianern. Wehe dem, der den vorgezeichneten Weg verlässt. Natürlich gilt das nicht nur im Osten: Auch die Freizeitindustrie des Westens gibt natürlich klar vor, wie sich der Bürger zu zerstreuen hat. Das beginnt bei Karl May und endet bei der präzisen Anordnung von Fahrgeschäften, wo die nächsten Entscheidungen des Vergügungsuchenden bereits vorweggenommen werden, indem man seinen Blick aus einem Fahrgeschäft bereits aufs nächste lenkt. Bloß nicht dem Zufall überlassen. Auch bei der Sehnsucht nach der weiten Welt: Die Freiheit Amerikas war hausgemacht: mit den Winnetou-Filmen im Westen und dem eingekauften Cowboy-Sänger Dean Reed im Osten.

So weit, so gut. Das Konzept ist klar, die Themen gesetzt, doch was machen Christoph Marthaler und Anna Viebrock daraus? Sehr wenig. Viebrocks Bühne ist seltsam unispiriert, sie wirkt lieblos zusammengestückelt und ist weit entfernt von den Verlorenheitslandschaften, die sie sonst für Marthaler baut. Der sich wiederum darauf beschränkt, eine Nummernrevue zusammenzubasteln, deren Hauptfokus darauf zu liegen scheint, möglichst viele Country-Songs zur Aufführung zu bringen. Doch wo in Tessa Blomstedt gibt nicht auf den dort verarbeiteten Schlagern eine gewisse musikalische Würde zugestanden wurde, wird hier meist – mit einigen wenigen Ausnahmen, die vor allem der Stimme Tora Augestads und exzellenten Chor-Harmonien geschuldet sind – persifliert und lächerlich gemacht. Überhaupt ist dies ein eher untypischer Marthaler-Abend: Er ist kaum strukturiert, unangenehm geschwätzig und ungewöhnlich albern. Die Gags zünden nicht (Ausnahme: der verzweifelte und fehlschlagende Versuch von Schlagzeuger Raphael Clamer, der Hank-Williams-Seeligkeit des zombiehaft „tanzenden“ Ensembles Leben entgegenzusetzen) oder stehen nur für sich. So ist Marc Bodnars französische Karl-May-Rezitation, bei der die Mitspieler an den Bühnenrand eilen, um die Übertitel zu lesen, ein netter Einfall, der nirgendwo hinführt.

So bleibt letztlich alles Behauptung, schlägt Marthaler keinerlei Kapital aus seiner These vom Freizeitzwang, entsteht hier nie die für seine Abende so typische atmosphärische Dichte, weil einfach nur eine Nummer unmotiviert der vorigen folgt. Da ist kein roter Faden, kein bestimmender Tonfall, nur Stückwerk, an dem der Zuschauer schnell das Interesse verliert. Sperrige, nicht passen wollende Textstücke irritieren nicht, sondern erscheinen lediglich als gewollte Brüche an einem Abend, an dem die Mechanik des Marthalerschen Theaters nicht nur offen liegt, sondern auch noch bei jeder Bewegung quietscht und knarrt. Der Abend zieht sich, bis sich der Zuschauer am Ende verwundert die Augen reibt, dass das nur gut zwei Stunden gewesen sein sollen. Es gibt Castorf-Abende, die wirken kürzer. So blutleer, so unambitioniert war lange kein Marthaler-Abend nicht mehr, was umso ärgerlicher ist, als sich aus seiner Grundthese so viel mehr hätte machen können. So aber bleibt eine Leere, die für nichts steht, die nichts bedeutet, sondern nur eines tut: unendlich zu langweilen.

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