„Die Wahrheit spricht nicht.“

Autorentheatertage 2015 – Elfriede Jelinek: Das schweigende Mädchen, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Es ist eine spannende Konstellation: Die sprachbesesessene Elefriede Jelinek schreibt ein Stück über eine Frau, die sich der Sprache versagt. Das Schweigen als Sujet und Mittelpunkt eines 220-seitigen Sprachflusses. In Das schweigende Mädchen nähert sich die Literaturnobelpreisträgerin Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten des Münchner NSU-Prozesses, und sie tut es natürlich nicht. Ihr Text kreist um die sprachliche Leerstelle, die schnell Ausdruck einer viel größeren, lägst nicht mehr persönlichen Leere wird. Das Schweigen, insbesondere das kollektive, ist nicht zum ersten Mal ihr Thema, schon in Rechnitz (Der Würgeengel) ging es um das Verdrängen, Hinausdrängen, Ausstoßen durch Sprachverweigerung und –deformation. Die Sprache als Sinneröffnerin, -verdreherin, -möglichmacherin ist bei Jelinek stets auch ihr größter Feind und doch der einzige Weg, sich dem zu stellen, auch entgegenzustellen, was der Mensch in der Lage ist sich selbst anzutun. Ihre Vorliebe für Wortkaskaden, die sich gegenseitig in selbiges fallen, für Wortspiele, die schnell zu Worternst werden, für weitläufige Assoziationsketten, die oft über die sprachlich-phonetische Ebene laufen, sind teil einer Suchbewegung nach dem, was das Schweigen oder eben der totalitär utilitaristische Einsatz von Sprache verdecken.

Die Münchner Kammerspiele (Foto: Sascha Krieger)

Die Münchner Kammerspiele (Foto: Sascha Krieger)

In Das schweigende Mädchen sind die Bögen weit. Von den drei NSU-Mördern und ihren zehn Todesopfern reicht er in germanische Heldensagen und hinüber ins Neue Testament. Da wird Zschäpe zur Jungfrau, ihre Mittäter zu ihren Söhnen und Erlöserfiguren, sowohl im Anklang an die heilige Familie wie an die Heldensage um den Urdeutschen schlechthin, Siegfried. Von dort geht es zurück in die mühsame Suche nach Wahrheit und Schuld, hinein ins Herz einer Gesellschaft, die nicht wissen will, nicht sehen will, das Zuhören und Hinschauen verlernt hat. Da spricht der Verfassungsschutz und spricht nicht, sprechen die Eltern und sprechen nicht, urteilt der Richter und urteilt nicht. Die biblischen Engel werden zu Apologeten des Verbrechens, die Propheten erblinden. Wer sind die Söhne, die morden, wer ihre Väter, heilige oder auch nicht? Wir alle? Kommen sie, kommt ihr Hass nicht aus unserer Mitte? „Das gericht lässt sich nicht beirren, weil es nicht sieht“, darf der Richter sagen: „Es sieht nichts, weil da nichts ist.“ Einfacher ist das in jedem Fall.

Um Wahrheit geht es, ihre Notwendigkeit und gleichzeitige Unmöglichkeit, dort, wo keiner etwas gesehen haben will, weil niemand etwas sehen wollte oder konnte, denn wie etwas sehen, was sich nicht denken lassen darf. Biegsam ist sie, diese Wahrheit, nicht absolut, nicht fassbar. „Aber der Wahrheit entspricht alles“, heißt es an einer Stelle: „Die Wahrheit spricht nicht.“ Dieses Ent-Sperechen ist das zentrale Thema von Jelineks Text.. Und es geht um Deutschland, um uns, unser tolerantes, vergangenheitsbewältigtes Land, das nur zu gern weggesehen hat, glauben wollte, dass das mit uns nichts zu tun habe, dass es das „Fremde“ sei, das sich selbst Feind ist und es uns umso leichter macht, es nicht hineinzulassen in unsere leere Mitte.

Johan Simons, so erzählt er im Programmheftinterview, hält den Text für nicht inszenierbar. So lässt er ihn lesen, nicht ohne Rollen anzudeuten. Da ist ein Richter, die Engel des Herrn, die Propheten, der meist stumm kauernde Jesus. Dahinter drei Musiker auf einer Bühne (Muriel Gerstner), die Jelineks Version des von den Mördern erfundenen „Spiels“ „Pogromly“, eine Nazi-Version von Monopoly, darstellt. Mal suchend, mal scharf dissonant, untermalen und untergraben sie den nicht endenden Wortschwall, der nirgendwo hin kann, weil er kreist und seine Mitte doch nicht fassen kann. Der Grund mag fest sein, doch der Untergrund ist es nicht, der (Migrations-)Hintergrund schon gar nicht. Der Text steht im Mittelpunkt und auch um ihn kreisen sie, stellen ihn in Frage, versuchen es mit Ernst, bürokratischer Pedanterie, ironischer Distanz und können die Leerstelle auch nicht füllen. Aber sie vermögen sie sichtbar zu machen und hörbar. Immer wieder bricht die Stille herein, bis am Ende der Richter sein „Guten Morgen!“ in den leeren Raum ruft. Die Wahrheit, um die sich alles dreht, bleibt nicht greifbar, aber sie ist da, in diesem schwarzen Loch im Zentrum, in den zehn ausgelöschten Leben, der Kultur des Wegsehens und Umschreibens der Realität, im Nicht-Sein-Können dessen, was nicht sein darf. In uns, in Deutschland.

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