„Nichts gelten und doch frech sein“

Autorentheatertage 2015 – Oliver Kluck nach dem Buch von Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, Schauspielhaus Graz (Regie: Christina Rast)

Von Sascha Krieger

Atemlos rattert er sie herunter, die Stationen eines Lebens, bald fünfzig Jahre, reduziert auf ein paar Minuten, kommagetrennte Aufzählungspunkte in Substantiven und Adjektiven. Untermalt werden Franz Solars von zwei Mitspielern zuweilen assistierte Worte von Florian Köhlers Gitarre und unterbrochen von dessen wiederholten Einwürfen, die aus einem einzigen Wort bestehen: „Versager“. Mahr als vier Jahrzehnte Leben zusammengeschnurrt auf eine Emanzipationsgeschichte, die ein Weglaufen ist, ein rastloses Suchen, auch eine veritable Therapiekarriere. Andreas Altmanns Leben ist das, ein gescheiterter Schauspieler, Gelegenheitsjobber, Kleinkrimineller, der seine Bestimmung fand, indem er der unentrinnbaren Enge seiner Herkunft im bayerischen Wallfahrtsort Altötting, die heimatlose Existenz eines Reisejournalisten und -schriftstellers entgegensetzte. Und doch ist der Weltbürger Altmann nicht denk- und verstehbar ohne die strenge Mustertapete des heimischen Wohnzimmers, den totalitären Mief eines Katholizismus, der nicht nur enges Wertekorsett, sondern auch materielle Lebensgrundlage im Haus seines Vaters, des Altöttinger „Rosenkranzkönigs“ war. In Christina Raste Uraufführungsinszenierung von Oliver Klucks Bühnenversion steckt Bühnenbildnerin Fatima Sonntag Andreas denn auch in das Grau eines Fünfzigerjahre-Wohnzimmers, in dem die Schrankwand sich als Arkadentriptychon mit Rundbögen und allerlei Devotionalien entpuppt, das die Enge dieser von einem schweren Esstisch quasi erdrückten Miniaturwelt, in der ein beiger Pullover über Hemd und Krawatte das Lebendigste ist, was gerade so erlaubt ist, perfekt symbolisiert.

Foto: Lupi Spuma

Foto: Lupi Spuma

Oliver Kluck hat aus Altmanns Autobiographie ein Stück gemacht, das über das Persönliche, Individuelle hinausweisen will. Um exemplarisches Erwachsenwerden in einer sich demokratisch gerierenden Gesellschaft soll es gehen, die die Fesseln der Vergangenheit noch längst nicht abgeworfen hat. Karg, mechanisch, eintönig ratter das Leben herunter, erst als der Text zurückgeht und eintaucht in die Kindheitstraumata, wird die Sprache etwas freier, erlaubt sie sich ganze Sätze und mit zunehmender Dauer, ganz zögerlich und meist nur angedeutet, lugt sie ein wenig hinüber ins Reich dramatischen Dialogs. Und doch bleibt die Ich-Perspektive dominant. Figurensprache wird durch die Namensnennung eingeleitet und es ist stets der Erzählende, durch den die anderen reden, ein Erzählender, der zugleich Exempel und Individuum ist. Und der uns führt durch eine Jugend, die geprägt ist von angst und Terror, einem Vater, den die SS-Vergangenheit nicht loslässt und der seine Sühne, wie es einmal heißt, verwechselt mit den „Russenschweinen oder Polenschweinen“, die er quälte, als er noch die Macht dazu hatte. Jetzt ist er ein geachteter Bürger, ein wichtige Mitglied der katholischen Gemeinschaft in einer Welt, die jederzeit dem Ersticken nahe scheint. Ein Mann, der seinen Kindern „Arbeitsdienst“ erteilt und dessen wichtigstes Kommunikationsinstrument der Gürtel ist. In Christina Rasts Inszenierung wird eben dieses Accessoire zum Schlüsselsymbol. Er knallt auf den Tisch oder wird als Perkussionsinstrument eingesetzt, am wirkungsvollsten während der „Vaterdämmerung“, ein wütender Rocksong mit Anleihen an ein bekanntes christliches Weihnachtslied („Maria durch ein‘ Dornwald ging“), in dem sich der Freiheitsdrang endlich Bahn bricht, das leben pulst, die fesseln gesprengt sind. Die Stunde Null ist da, viele Irrwege stehen bevor und doch geht die Verantwortung für das eigene Leben Stück für Stück auf das bisherige Opfer über.

Davor schauen wir einem zu, wie er versucht erwachsen zu werden. nein, bei Klick und Rast sind es deren vier durchaus charakterlich auseinanderzuhaltende Versionen eines Andreas, der eben für seine Generation steht, ein Kind nicht aufgearbeiteter Vergangenheit. Er geht auf Konfrontationskurs, bestiehlt den Vater, kultiviert seinen Hass und muss ganz nebenbei die ganz normalen Bürden eines Heranwachsenden bewältigen: Schule, Pubertät, erwachende Sexualität. Mit viel Tempo und spielerischer Verve eilen Stück und Inszenierung durch das grauen wie die jugendliche Neugier. Immer wieder verändern sich Konstellationen, bilden sich Gruppen oder sitzt man sich umversöhnt gegenüber. Die abwesende Mutter wird als illusionärer Gegenentwurf im weißen Brautkleid mehr imaginiert und aufgeladen, als sie eine wirkliche Figur bildet. Sie ist Hoffnungsprinzip statt Fleisch und Blut. Der Tonfall wechselt zwischen lustvollem Spiel und hartem, unerbittlichem Ernst, zwischen kalter, herzloser Qual und rebellisch heimlicher Gruppenmasturbation. Die Enge des katholischen Umfelds steht dabei nie im Mittelpunkt, sie ist lediglich Teil eines totalitären Ganzen, mehr Mittel zum Zweck als Quelle des Übels.

Und dann ist da die Sprache: Je mehr sich Andreas ihrer Macht als emanzipatorischer Ausweg bewusst wird – ein Aspekt, den die Inszenierung eher subtil einführt, desto freier und eloquenter wird auch jene des Stücks, desto mehr findet der vierfache Andreas seine Stimme. Da hätte es der Coda, einem reichlich albernen Talk-Show-Nachspielen mit dem nun erfolgreichen Autor, in dem er die Rolle des Vaters nochmal analysiert und voyeuristische Fragen nach seinem Liebesleben gestellt werden, nicht bedurft. Es ist ein kleiner Schönheitsfehler an einem Abend, der mit großer Intensität zeigt, wie sie das kleine, persönliche Leben, im großen, alles beherrschen wollende, zu behaupten sucht, wie eine Gesellschaft, die einfach so weiter macht, eine ganze Generation opfert, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der heimischen Stube, wie die eigenen Traumata an die Nachkommen weitergegeben werden und wie schwer es ist, den Kreis zu zerbrechen. Doch er zeigt auch, dass es möglich ist, in diesem Fall durch die Macht der Sprache, der eigenen, die dem Unterdrückten erlaubt, Individuum zu werden. „Nichts gelten und doch frech sein – das zeugt von Überlebenswillen“, heißt es einmal. Kein allzu schlechtes Motto für ein Leben. Und darin ist der Abend eben doch universell und exemplarisch. Wenigen, so wissen wir, gelang oder gelingt dieser radikale Schnitt und auch für sie hat er einen hohen Preis. Wäre es da nicht besser, diesen schnitt gar nicht vollziehen zu müssen? Ein bisschen utopisch ist Oliver Klucks Stück nämlich auch.

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Ein Gedanke zu „„Nichts gelten und doch frech sein“

  1. Beata Gallay sagt:

    Das Buch Altmanns ist ein brillant geschrieben, komplex und intime Schilderung über seine Jugend, seine Erwartungen und Enttäuschungen , seine Suche nach Götzen ( positive Vorbilder von Erwachsenen ) seine Ohnmacht und seine Versuche, die Kontrolle durch Trotz und Kleinkriminalität zu bewahren , seine falschen Vorstellungen über Sexualität und Laster nach der vernichtenden Gehirnwäsche durch die Kirche zu überwinden. Das Erstaunliche an diesem Buch ist, dass er es erst viele Jahrzehnte nach seiner Scheissjugend schrieb und hat trotzdem noch geschafft, die jugendliche Naivität eines sensiblen Kindes, sein Sehnsucht nach der Schönheit, Zärtlichkeit und Banalität der Liebe zu zeigen, die lyrischen Liebesgeständnisse für seine Mutter , seinen Wunsch, sie zu beschützen und seine Unfähigkeit, dies zu tun .

    Das Kind hat geteilte Vorstellungen gegenüber der Mutter: auf der einen Seite, er identifiziert stark mit ihr; beide wenden sich zu kleinliche und letztlich ineffektive Akte der Rebellion und dem Austausch von geheimenVertraulichkeiten als Opfer eines brutalen Mannes, des Vaters; auf der anderen Seite schmerzt das Kind von seiner unerfüllten Erwartungen, dass Mutter ist nicht in der Lage ihn zu schützen oder ihn wirklich zu lieben. Auf der Oberfläche, der erwachsene Altmann zeigt einen feinen Sinn für selbstironischen Humor und ein gewisses Maß an scheinbar gutartigen Verständnis, wie und warum der Missbrauch auf der Hand der Kirche und des Vaters kam, aber darunter alle dem rücksichtsvollen Reife brennt eine nachtragende und starre Fassungslosigkeit, Hass und Wut auf die Welt der Erwachsenen, die dieses Verbrechen ihm angetan hatten.

    Kluck hatte vor allem cut and pasted lange Passagen vom Altmanns ursprünglichen Wortlaut (freilich es ist eine sintflutartige atemberaubende Monolog) in einer schnelllebigen mechanischen, kaum veränderten Aufzählung, anstatt das Theaterpublikum dabei zu helfen, die vielen reichen emotionalen Facetten und dramatischen Kampf der Hauptfigur, junger Altmann, vis-à-vis seinen Peinigern zu entdecken . Ein bloßes Ausschneiden und Einfügen Job von Texten des Autors macht noch lange kein Theaterstück. Im Stück gibt es selbstverständlich Brutalität, ausserdem rituelle, sich wiederholenden, mechanischen Clownerie, die Publikumsliebling Circle Jerk Masturbationszene; es gibt Musiknummern mit der Volumen bis zu einem ohrenbetäubenden Stärke aufgekurbelt. Details, die gewiss alle sturmischen Applaus ernten.

    Aber in dieser Bearbeitung, es wird fast nichts über die naive, reinen, hoffnungsvollen Sehnsüchte eines hochsensiblen Kind für eine Welt, die ihn lieben sollte, tut es aber nicht, gezeigt. Nichts von dem realen, schädlichen und dauerhaften Einfluss der Kirche, der Altmann in jahrzehntelangen Therapie geschickt hat, Schaden, die ihn eben zu dem heutigen Zeitpunkt seine religiöse und sexuelle Dämonen zu kämpfen veranlassen. Dieses sensible Kind nahm die Lehren der Kirche ernst, sonst hätten sie nicht so zerstörerisch seine Entwicklung beeinflussen können. Die Kirche in diesem Stück ist nur angedeutet, und immer nur durch lächerlichen automatisierten stereotypischen Gesten dargestellt. Der Vater, der auch nur ein lächerlicher Clown, einfach nur ein Stereotyp der Brutalität ist, für immer zieht and lässt seinen Gürtel für den nächsten Prügel krachen, oder er schreit „Verlierer“ mechanisch, ohne dramatische Aufklärung darüber, was ihn im so einen Ungeheuer verwandelt hat. Am wichtigsten Mangel des Stückes ist, dass es keine Aussagungen oder Darstellungen von der komplexe und schwierige Beziehung des Jungen zu seiner Mutter und seiner eigenen weiblichen Eigenschaften die seine nachfolgenden Beziehungen zu Frauen und Männern erleuchten könnten enthält: die Mutter ist eine gesichtslose Kleiderständer, die nicht einmal ihren eigenen Zeilen im Stück bekommen hat. All diese reichen Aspekten des Altmannschen Werks hätte man durch einen sich auf leistungsfähigen Dialogen ruhende Bearbeitung erfahren können, die die komplexen Zusammenhänge durch einer dramatische Eskalation zu einem Höhepunkt hätte bringen können (wo Altmann etwa vom traumatisierten Scheissleben in Altötting endlich davongekommen ist), auch wenn es einer gründlichen Neufassung der ursprünglichen Altmann Text erforderlich gewesen wäre, da er im Wesentlichen ein Monolog, wenn auch mit unglaublich stark dramatischen Szenen, ist.

    Das schwächste Aspekt Klucks gefühllose und leidenschaftslose Handhabung dieses Materials ist, wenn am Ende der Show, ein paar Schnipsel von aktuellen klatsch Interviews, die nach Schmutz von Altmann’s heutigen Liebesleben nachforschen, eingeklebt sind. Obendrein lässt Kluck die Aktors auch einige Details aus der eigenen Website mit Bemerkungen zu seiner weniger ereignisreichen Kindheit zu erwähnen, was total nicht zu rechtfertigen und irrelevant ist. Erstaunlicherweise, nur wenige vom Publikum des preshow Autorgesprächs vor den ersten von zwei Aufführungen hatten Altmanns bestseller Buch überhaupt gelesen. Diese Bearbeitung veranlasst einen nicht unbedingt dazu, das original Buch kaufen und lesen zu wollen.

    Sorry, my native language is English. My German is holprig.

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