Polonäse des Wahnsinns

Schnee. Frei nach Motiven des gleichnamigen Romans von Orhan Pamuk, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Zeitpunkt ideal: Lange ist es noch nicht her, da versammelten sich Montag für Montag Zehntausende in der Dresdner Innenstadt, im gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ (Begrifflichkeiten, die gut dazu sind, jedem den Magen umzudrehen, der auch nur ein paar Sekunden über sie nachdenkt) zu protestieren. Michel Houellebecq veröffentlichte ein Buch, in dem er eine gar nicht unrealistisch erscheinende Vision einer demokratisch legitimierten islamistischen Machtübernahme in Frankreich zeichnet, kurz bevor die Anschläge von Paris schlimmste Befürchtungen zu bestätigen schienen. Orhan Pamuk hat derartige Szenarien in seinem Roman Schnee bereits 2002 durchgespielt und Regisseur Hakan Savaş Mican verlegte die Geschichte schon 2010 am Ballhaus Naunynstraße in die deutsche Provinz, als an Pegida & Co. noch nicht zu denken war. Seine jetzige Neuinszenierung am Maxim Gorki Theater macht aus der dystopischen Vision einen kritischen Gegenwartskommentar. An Schärfe verliert sie dadurch nicht.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Dabei benötigt der Abend einige Zeit, um in die Gänge zu kommen. Zu dominant ist der riesige schwarze Quader, der über der Bühne hängt. Können die Figuren zunächst noch aufrecht unter ihm hindurchgehen, senkt er sich unmerklich immer weiter ab, ein Ausdruck der selbst geschaffenen und nicht mehr zu bändigenden Eigendynamik sich selbst immer wieder reproduzierender Gewalt. In Savaş Micans Interpretation reist der Schriftsteller Ka (natürlich ein entfernter Verwandter von Kafkas Figuren) in seinen Heimatort Karlsberg, in dem sich der bestenfalls rechtspopulistische Bürgermeister Herbert (im braunen Anzug!) und der charismatische Islamistenführer Grün (gewandet in unschuldigem Weiß mit Tuch in der Farbe des Islam) unversöhnlich gegenüber stehen. Der Bühnenraum ist eng und so steht man da, sich statisch die ideologischen Sentenzen um die Ohren hauend, was zunächst durchaus hölzern und blutleer daherkommt. Und sich mit zunehmender Dauer als wirkungsvoller Zugriff erweist. Denn ob sie vor dem alles beherrschenden Block stehen oder darunter kauern: Der Bewegungsspielraum dieser Figuren ist eingeschränkt, eine selbst auferlegte Verkrüppelung, der am Ende auch Ka (mit einer Mischung aus egoistischer Arroganz, rückgratlosem Pragmatismus und verzweifelter Orientierungslosigkeit gespielt von Mehmet Yilmaz) erliegt, wobei sich deutschtümelnder Hass alles vermeintlich Fremden und Unterwerfung unter den einen Gott des Korans kaum mehr unterscheiden lassen.

Savaş Mican führt den angeblichen Kulturkampf als politische Satire vor, bevölkert von Figuren, die in dem Moment, da sie den ideologischen Kokon verlassen, zerbrechen oder zerbrochen werden. Da ist es sicherer, sich einer Seite anzuschließen wie Godehard Gieses aasiger Bürgermeister oder Dekan Bućins charmant charismatischer Grün. Es gehört zu den Stärken des Abends, dass er bei aller Karikatur und satirischen Schärfe, bei aller Selbstentlarvung der Phrasendrescher, die doch nur nach Macht streben (die Anführer) oder einfache Gewissheiten in einer komplizierten Welt suchen (die Anhänger) immer ein Stück Glaubwürdigkeit mitführt. Die Argumente beider Seiten klingen zunächst vernünftig und nachvollziehbar, die Glaubenskrise des 14-jährigen Koranschülers Johann (lange im Gedächtnis bleibend: Nora Abdel-Maksoud) ebenso schmerzhaft realistisch wie die verqueren Pragmatismen der ungleichen Schwestern Samt (Abdel-Maksoud) und Seide (Lea Draeger). Sie bilden die Basis, die der Satire Kraft verleiht, die ihr bei allem Belustigungspotenzial und trotz der Lächerlichkeit, die sie den Glaubenskriegern auf beiden Seiten zuweist, einen bedrohlichen Unterton gibt.

Der Abend kulminiert zweifach: in der berührend gepiepsten Lebens- und Sterbensbilanz des ermordeten Johann und in einer mit versteinerter Miene chorisch vorgetragenen „Polonäse Blankenese“, die stockend beginnt und sich in aggressive Pogromstimmung steigert, eine bild- und tongewordene Perversion der deutschen Leitkultur, die sich hier als auf Unterdrückung zielendes Machtinstrument entlarvt. Das Ende ist nicht des Abends stärkster Moment, zu sehr versucht er zu erklären und zugleich lächerlich zu machen, statt die tödliche Mischung aus Absurdität und zwingender Machtlogik für sich stehen zu lassen. Da wird ein wenig zu sehr relativiert, gewinnt das Farcenhafte Oberhand und verstellt zunehmend den Blick in den Abgrund.  Und doch ist der Abend über weite Strecken stringent und wirksam in seiner Mischung aus satirischer Karikatur und realistischem Zeitbild, aus entlarvender schärfe und zutiefst menschlicher Erschrockenheit, aus absurder Komik und ergreifend ehrlicher Traurigkeit. Natürlich kippt er zuweilen ein wenig ins Alberne und doch zentriert ihn der gähnende, selbstgeschaufelte Abgrund, an dem er spielt, immer wieder. Wobei es natürlich nicht schadet, dass die Realität ihn längst eingeholt hat, eine Realität, die er weder aufbläht noch zusammenschrumpfen lässt, sondern in all ihrer Sinnlosigkeit am Nasenring durch die theatrale Manege führt. Dabei stellt der Abend selbst die Frage, ob dies der richtige Weg ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eine finale Antwort gibt er nicht und doch ist es manchmal wichtiger, die Frage überhaupt zu stellen.

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