„Aus ist’s“

Martin Sperr: Jagdszenen aus Niederbayern, Münchner Kammerspiele (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

„Aus ist’s“: Es sind die ersten Worte, die wir hören in Martin Kušejs Inszenierung von Martin Sperre dramatischem Erstling Jagdszenen aus Niederbayern, den der aus der bayerischen Provinz stammende Autor und Schauspieler mit gerade einmal 21 Jahren fertigstellte. Und es werden auch seine letzten sein. Der Abend ist Teil eins des Münchner Intendatentausch: Residenztheaterchef Kušej inszeniert an den Kammerspielen, deren Intendant Johan Simons revanchiert sich am „Reis“. Leichte Kost hat sich ersterer wahrlich nicht ausgesucht. Sperrs „kritisches Volksstück“ seziert die dörfliche Gemeinschaft als Miniatur einer Gesellschaft, die ihren Lebenssaft aus der Abgrenzung zieht, aus dem Ausschluss derer, die nicht dazu gehören. Und die mit mindestens der gleichen Energie, mit der die Mehrheitsgesellschaft die „Anderen“ jagt, die suchen, die noch schwächer sind als sie. Der Weg in die Gemeinschaft führt für sie über den Ausschluss noch weniger den Vorstellungen von „Normalität“ entsprechender. Bei Sperr spielen diese Rolle zu Beginn Barbara und Volker, Bäuerin und Knecht, die zusammen leben, obwohl Barbaras Ehemann – wir schreiben das Jahr 1948 – noch nicht für tot erklärt wurde. Ihr Glücksfall heißt Abram: Gerade hat er eine Haftstrafe wegen Homosexualität abgesessen – ein besseres Feindbild für die alles Abweichende hassende Dorfgemeinschaft lässt sich nicht denken. Und ebenso kein besseres Mittel für Barbara und Volker, endlich dazuzugehören.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Bei Kušej ist am Anfang schon alles verloren. Wir sehen den panischen Abram (Katja Bürkle), wie er sich gegen eine Bretterwand presst. Dann fallen Schüsse und die besagten Worte. Die Dorfgemeinschaft hat ihr Opfer gefunden und ihre Identität gesichert. Abram, den Kušej sinnigerweise von einer Frau spielen lässt, muss dafür nicht nur ausgesondert werden, ihm darf keine Identität zustehen. Das Ambivalente, sich nicht komplett in eine Schublade zwängen lassende, das Widersprüchliche dieser Figur in Bürzels Darstellung: Sie sind das eigentlich Gefährliche, Bedrohung einer Gesellschaft, für die Homogenität, die „gemeinsamen Werte“, die klare Abgrenzung des Eigenen vom Anderen Lebensgrundlage sind. Werden diese Grenze verwischt, droht der Kollaps. Dass der nicht zugelassen werden darf, ist hier von Beginn an klar. Und hier liegt auch der Grund für Kušejs wichtigste Inszenierungsidee: Er inszeniert die Geschichte rückwärts, von der finalen Katastrophe bis zum Auftauchen Abrams im Dorf, von Abrams Tod – eine durchaus konsequente Handlungsänderung des Regisseurs, bei Sperr wird Abram „nur“ der Polizei übergeben – bis zu seiner Zurückweisung durch die Mutter, der gesellschaftliche Anerkennung wichtiger ist als der eigene Sohn. Hier gibt es kein Ende und keinen Anfang, nur eine Folge von Abgrenzungen, von kollektiver Identitätsbewahrung durch Abwehr des Störenden.

Die dramatische Handlung, das Jagen des erklärten Feindes ist lediglich notwendiges Mittel der Erhaltung des Status Quo, das Ziel letztlich das Verhindern jeglicher Veränderung. Kušej inszeniert das Stück denn auch als Abfolge statischer Bilder, in denen so wenig Bewegung ist wie möglich. Gesprochen wird langsam, Stimmen und Gesichter sind hart und kalt, bewegt wird sich nur unter großer Anstrengung, das Licht ist fahl, die Bühne von rauen Mauern dominiert. So viel hier geschieht (immerhin sterben drei Menschen!), so wenig passiert hier. Der paralysierte Abram am Anfang und die fein säuberlich aufgereihte Dorfgemeinschaft (der Kušej mit der Streichung von Pfarrer und Bürgermeister übrigens jegliche formale Autorität nimmt) sind Teil des gleichen größeren Bildes. Abrams Daueranspannung, das angsterfüllte Gesicht der Mutter (Gunda Ellert), das brutal höhnische Grinsen Georgs (Christian Löbel) oder die kalte Selbstsicherheit der Metzgerin (Silja Bächli): Sie alle ändern sich nicht, dürfen es auch nicht, damit die Ordnung nicht aus dem Ruder läuft. Jeder hat seine Rolle zu spielen – wer es nicht tut, wie etwa Volker (Hans Kremer), wir d schnell eingenordet, oder man wird sie, wie im Falle des geistig behinderten Rovo (Jeff Wilbusch) oder der auf ihre individuelle Entfaltung pochende Tonga (Anna Drexler), los.

Denn jeder ist hier Teil des Systems. Auch Abram, der versucht sich anzupassen, in dem er mit Tonka geht und sie, als sie ihm mit einem angeblichen Kind droht, umbringt. Das ist das eigentlich Entsetzliche an Sperre Text: Auch die Ausgeschlossenen nehmen am Kreislauf des Ausgrenzen teil, ihr Unglück – wie in Abrams Fall – ist nur, dass sie keinen Schwächeren finden. Es geht nicht darum gut zu sein, sondern sich auf der richtigen Seite der Mauer wiederzufinden. Kušej inszeniert Sperrs Debüt als Folge von durch lange Blackphasen abgegrenzte Standbilder voller Kälte und Dichte, die das Bild einer erstarrten Gesellschaft malen, die weit weg scheint und deren Mechanismen doch heute noch greifen, wenn auch zuweilen verdeckt von ansehnlichem Putz, der hier längst angekratzt ist. Doch wer sich die Ausgrenzung von Homosexuellen in vielen Teilen der Welt, die Diskriminierung von Frauen in vielen Gesellschaften oder auch die Behandlung von Geflüchteten in diesem unserem Land anschaut, wird kaum bestreiten können, dass Ausgrenzung auch heute noch ein wichtiges Mittel ist, das Gesellschaften nutzen, um sich zu definieren und ihrer selbst gewiss zu werden. Da ist das Ende, wie bei Kušej, der Anfang, ist der Stillstand Fundament für das Bestehen des gemeinschaftlichen Konstrukts. So hart und kalt und sperrig Martin Kušej uns Sperrs Text vor die Füße wirft, so wenig er ihn „vergegenwärtigt“, so sehr geht er uns heute an. Denn was er zeigt, ist eben noch längst nicht „aus“.

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