Gespenster im Baucontainer

Nach Ingmar Bergman: Herbstsonate, Schauspiel Stuttgart / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

In Ingmar Bergmans Film Herbstsonate aus dem Jahr 1978 kommt eine erfolgreiche Konzertpianistin zu Besuch bei ihrer Tochter, die sie sieben Jahre nicht gesehen hat. Es dauert nicht lange, da beginnen die Vorwürfe, erhebt die Vergangenheit ihr nicht gerade schönes Haupt: Da ist die ständig abwesende Mutter, der resignierende Vater, die schwer kranke Schwester, der Tod des Enkels und Sohns. In den Augen der Tochter Eva ist Mutter Charlotte für all das verantwortlich und das macht sie ihr im Laufe eines langen Tages inklusive folgender Nacht auch mehr als deutlich. Herbstsonate ist ein Film über die Geister der Vergangenheit, die, wenn wir uns ihnen nicht rechtzeitig stellen, immer größer und bedrohlicher werden und drohen, uns nicht mehr loszulassen. Da ist es nahe liegend, Herbstsonate als Geisterspiel zu lesen, wie es Regisseur Jan Bosse tut. Moritz Müllers Bühne ist ein mehrstöckiges Labyrinth aus Baucontainern, die winzige Zimmerchen enthalten, alle mit der gleichen hässlichen Tapete ausgestattet, ununterscheidbar und unentrinnbar. Einen Ausweg aus dieser albtraumhaften Erinnerungslandschaft gibt es nicht, verlässt man einen Raum,landet man bald schon im nächsten, gleichen.

Foto: Bettina Stöß

Foto: Bettina Stöß

Gespenster bevölkern diese kalte Wildnis von Beginn an: in tableauartigen Videoprojektionen (Meika Dresenkamp), die das vermeintlich Reale begleiten und schnell beherrschen, im Irrlichtern des toten Kindes, der mal unter dem Tisch kauert und mal auf einen der Container projiziert rastlos hin- und herläuft. Gespenstisch auch die im Film ans Bett gefesselte Schwester, die hier in der Person Natalia Belitskis wie ein schattenhafter Wiedergänger vor allem ihre Mutter heimsucht und wiederholt physisch bedrängt, in die Enge treibt. aber auch Viktor, Evas Mann, in der Darstellung von Andreas Leupold ein stoisch resignierter Fels mit trockenem Diktus, ein angenehmer Kontrapunkt zur wachsenden Hysterie der beiden Protagonistinnen, scheint mehr tot als lebendig, bewahrt mechanisch den Schein, aber eben auch nicht mehr. In dieses Totenfeld hineingeworfen sind nun Fritzi Haberlandt als Eva, die konsequent schwarz trägt und ihre Mutter (Corinna Harfouch) zunehmend wie eine Rachegöttin verfolgt.

Dabei beginnt das noch recht harmlos, beinahe komisch. Wie die Begrüßung zur Abfolge fehlgeschlagener Versuche, einander nahe zu kommen, mutiert, nimmt sie das spiel von Distanz und schmerzhaft empfundener, meist erzwungener Nähe, das den Abend durchzieht, vorweg. Meist stehen die Figuren weit entfernt, oft auf verschiedenen Ebenen, nicht selten ist der Dialogpartner gar nicht im Raum, gehen die Repliken ins Leere. Hier lässt längst keiner den anderen zu, ist Nähe bestenfalls übergriffig zu haben. Selbst wenn sie sich nicht vermeiden lässt, etwa wenn Charlotte ihre Tochter zwingt, ihr etwas vorzuspielen, bleibt der Drang, Abstand zu gewinnen, dominant. Das steht – die Gesichter in Großaufnahme auf einem Gazevorhang gespenstisch vergrößert – Harfouch zunächst mit gequältem Lächeln und akzentuiertem Abstand hinter Haberlandt, um beim gemeinsamen Spiel ihr so nahe zu kommen, dass letztere mit fast schmerzverzerrtem Gesicht die Anwesenheit der Mutter erduldet.

Irgendwann, man hat gerade dutzende Male versucht, sich zur Nacht zu verabschieden und kam doch nicht von einander los, kippt das ganze vollends in den Albtraum, sucht die kranke Tochter Helena ihre Mutter im Schlaf heim, verfolgt Eva sie wie eine Rachegöttin, erscheinen Töchter, Schwiegersohn und toter Enkel im Kleid der kranken Tochter, personifizierte und multiplizierte Schuld, die nicht nur die Angeklagte im Klammergriff hält, sondern vor allem auch die Anklägerin. Denn wo die Mutter am Morgen wieder abreisen kann, bleibt die Tochter im Geisterhaus zurück. Fritzi Haberlandt spielt Eva als passiv-aggressive, leicht manische Gefangene ihrer selbst, die sich Freundlichkeit und Wärme abringen muss und der doch der Wutausbruch, den sie sich nicht erlauben will, viel näher ist, was sie zunehmend zerfrisst. Corinna Harfouch spielt virtuos auf der Klaviatur von schönem Schein, angespannter Hysterie und harter Selbstsucht, wechselt von einem Moment auf den anderen, zuweilen mitten im Satz, den Modus und verkörpert die hauchdünne Fassade, hinter der ein Abgrund gähnt, perfekt.

Und doch lässt dieser Abend kalt. Das liegt sicher an der allzu glatten und überdeutlichen Distanzchoreografie, aln seiner plakativen Symbolik, vor allem aber an der aufgesetzt wirkenden Wendung von symbolisch aufgeladenem, mit einem Schuss Surrealismus versetzten Semi-Realismus ins Schauerhafte einer viktorianischen Gothic Novel. Kaum steigt die Intensität,fallen die Masken, stürzt die Fassade zusammen, schiebt Bosse das Geschehen weit weg von uns, zieht quasi einen undurchdringlichen Vorhang ein, schickt uns in eine Geisterbahn, die plötzlich bestenfalls noch morbide Faszination zulässt, aber keinerlei Relevanz mehr hat. Vermochten zu Beginn, die Versuche, einander nahe zu kommen, aufeinander zuzugehen, die bösen Geister in Schach zu halten, noch berühren, so springt uns deren Aufgabe nun mit der Unmittelbarkeit eines Comic Strips an, Addams Family meets Dallas. Und so ist am ende die Fassade, zugegeben eine andere, wieder intakt, bestaunen wir zwei Ausnahmeschauspielerinnen aus sicherer Entfernung. Wir wären gern näher gekommen.

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