Wir Heuschrecken

Gob Squad: Dancing About, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz/Roter Salon, Berlin

Von Sascha Krieger

Die Heuschrecke hat ja bekanntlich nicht den allerbesten Ruf. Das ist schon seit bliblischen Zeiten so, als sie als Plage daherkam, welche die Lebensgrundlage der Menschen konsequent vernichtete und nichts als totes Land hinterließ. Heute bezeichnet man damit gern Finanzinvestoren, denen man, im übertragenen Sinn natürlich, gern ein ähnliches Verhaltensmuster unterstellt. Bei Gob Squad dagegen verwandelt sie sich in ein Symbol der Natur, der man sich gern nahe fühlen würde, mit der man eins sein oder zumindest kommunizieren möchte. Nun ist die “ Heuschrecke“, wie sie hier in einem Glas vorn an der Bühne thront, eigentlich eine Gottesanbeterin, aber das Bild erhellt recht schön den Ansatz von Gob Squad, Meister des ironisierenden Befindlichkeitstheaters. Zumal sie sich auf gänzlich unbekanntes Terrain wagen und ein Tanzstück versuchen. Das trägt bei Weitem nicht den ganzen Abend, ist konzeptionell auch ein wenig dünn, aber zumindest nicht ohne Unterhaltungswert.

Foto: David Baltzer

Tanz die Heuschrecke (Foto: David Baltzer)

Zunächst werden die „Spielregeln“ erklärt: Einer der fünf Performer äußert ein „Wir“-Statement, etwa „Wir denken zuviel“ oder „Wir masturbieren gern“ – was den intellektuellen Rahmen schon in etwa absteckt – und wer sich dem anschließen kann, tanzt mit, wer nicht, stellt sich für diese Passage an die Seite. Stimmt nur einer mit dem Gesagten überein, muss er sich erklären. Bei jedem Statement gehen die Performer nach vorn und blicken die Heuschrecke, pardon, die Gottesanbeterin an und auch der Tanz erscheint wie ein Kommunikationsversuch mit dem Insekt, das später auch selbst zu Wort kommt und sich über diese seltsamen Menschen wundern darf. Zu Beginn tragen alle Heuschreckenkostüme, die sie nachdem ersten fehlgeschlagenen Statement ablegen müssen. Ihre Insektenteile erhält die letzte Übriggebliebene, die dann als Komplettheuschrecke die echte antanzen darf.

Dass diese das vollkommen kalt lässt, ist vielleicht gewollt, passt es doch zur Grundaussage des Abends: All unsere menschlichen Versuche – „Ich bin ein Mensch“ ist denn auch das große Gesändnis jedes das Kostüm ablegenden Darstellers – Gemeinschaft zu schaffen, miteinander oder mit der Natur, was immer das auch sein mag, sind zum Scheitern verurteilt. Das Wir bleibt ein Ich – nicht nur, wenn behauptet wird, „Wir“ würden gern im Garten arbeiten oder überlegen, die Feiertage für eine Schönheits-OP zu nutzen – auch die Momente der Gemeinsamkeit sind nur Illusion. So geraten die Tänze nie wirklich synchron, Versuche, die bald auch weitgehend aufgegeben werden, und überhaupt entsteht Einigkeit nur bei besonders generellen Aussagen oder eher zufällig. Natürlich ist es witzig, wenn zwei Akteure zum Satz „Wir hatten schon Sex gegen Geld“ tanzen, und natürlich soll das dieses Gemeinsamkeitsstreben ironisch ad absurdum führen. Dazu passt auch das vielleicht stärkste Bild des Abends: Zwei Darsteller liegen, von einer Deckenkamera gefilmt, auf einer grünen Decke, als eine Dritte sich, um Nähe ringend, dazu gesellt. Das Ganze endet damit, dass die „Neue“ die anderen verdrängt und am Ende allein da liegt.

Das ist alles durchaus stimmig und trägt durchaus eine Weile, auch weil den Darstellern der Spaß anzumerken ist und ihnen auch immer wieder überraschende, komische, ironisierende Aussagen einfallen. Aber natürlich ist das kaum abendfüllend, zumal die Aussage des Abends dann doch ein wenig dünn ist. Dancing About persifliert unser Authentizitätsstreben, unsere Illusionen von Gemeinschaft, unsere naive Natursehnsucht und offenbart unsere Unfähigkeit, uns aus dem als Individualität getarnten Egoismus zu befreien. Amüsant und unterhaltsam ist das allemal und doch e bleibt ein schaler Beigeschmack. Man ist von Gob Squad dann doch Komplexeres gewöhnt.

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