Verwandlung im Karton

Bridge Markland (nach Carl Laufs und Wilhelm Jacoby): pension schöller in the box, Theater im Delphi + Brotfabrik, Berlin (Regie: Bridge Markland und Nils Foerster)

Von Sascha Krieger

FaustDie RäuberDer zerbrochne Krug: Die Reihe classic in the box ist seit bald zehn Jahren, was man gemeinhin ein „Erfolgsmodell“ nennen könnte. Die Idee, Theater-„Klassiker“ als One-Woman-Show in einer Karton-Box mit Handpuppen und Playback aufzuführen, stammt von der Berliner Performance-Künstlerin Bridge Markland, die viele Jahre auch in der Drag-Szene unterwegs war und aus dieser Zeit ihre Lust an der Verwandlung, dem unentschiedenen Spiel mit Gener-Zuweisungen, der Soloperformance und des „Sprechens“ mit den Stimmen anderer mitgebracht hat. Sie überführt „großes Theater“ in die Sprache des Drag und der Kleinkunst, entführt Faust und Gretchen, die Mohr-Brüder und Dorfrichter Adam in die Welt des Cabarets – und der Popkultur. Ihre Abende sind stets auch Zitatgewitter der Populärmusik, von Musical bis Abba, von The Clash bis Daft Punk, auch dies eine Anleihe an die kulturelle Offenheit und Durchlässigkeit der Drag-Kultur.

Bild: Manuela Schneider

Eine Verwechslungskomödie auf die Bühne zu bringen, erscheint da als logischer Schritt, den Markland, assistiert von ihrem Co-Regisseur Nils Foerster, nun geht. Pension Schöller ist zweifelsfrei ein echter Klassiker des Genres, der spätestens seit Frank Castorfs Kartoffelsalatschlacht im Dialog mit Heiner Müller auch „hochkulturell“ geadelt scheint. Und die Geschichte vom Berlin-Touristen, dem eine Familienpension als „Heilanstalt“ untergeschoben wird, birgt mit ihrer Thematisierung der Frage, was denn gesellschaftlich als „normal“ gilt und was als „verrückt“ geächtet wird, reichlich gesellschaftlichen Sprengstoff. Es ist eine Unterscheidung, deren Trennschärfe das Stück vollständig aufhebt und damit auch die Idee einer solchen Trennung ad absurdum führt, was wiederum die Frage stellt, inwiefern eine solch beliebige, ja, willkürliche Abgrenzung Ausdruck und Instrument gesellschaftlicher Gewalt sein könnte. Dieses Thema mit den Mitteln der Kleinkunst und des Drag anzugehen, jenen künstlerischen Dämmerzonen, in denen das Ungewöhnliche „normal“, das (im Wortsinn) „Verrückte“ zur Norm wird, scheint folgerichtig.

Dazu passt auch, dass die Inszenierung selbst fluide ist. Zur Premiere kommt sie als Stationendrama daher: die ersten zwei Akte im ehemaligen Stummfilmkino Delphi – aufgrund seiner Geschichte und als Kulisse der Serie Babylon Berlin selbst assoziierbar mit der Hochzeit des Cabaret – der dritte auf der Probebühne der Brotfabrik, danach in zweiter Inkarnation als feste Inszenierung auf dortiger Hauptbühne. Arbeitet Markland bei der Premiere für jeden Akt mit einer eigenen Box, zwei aus Karton, einer mit Stoff drapierten Rahmenkonstruktion, kommt später nur noch letztere zum Einsatz, wird aus einer dynamischen Bespielung von Räumen, ein statischerer Kammerspielstil. Die ständige Verwandlung, das Flüchtige des Rollen- und Charakterwechsels  ist das Grundprinzip von Marklands Theateressenz.

Ob mit einer oder drei Boxen, was Markland abzieht, ist immer große Kleinkunst. Grimassierend, das gesicht weißgeschminkt, die Glatze mit wechselnden Perücken behängt, wechselt die leichtfüßig Rollen und Geschlechter, die anderen Charaktere werden durch die fragmentierten Törso- und Kopfpuppen von Eva Garland dargestellt, mitunter wechselt Markland auch mitten in der Szene die Rollenzuteilung zwischen Mensch und Puppe. Alles ist ständig im Fluss, nichts ist sicher. Der Spielstil passt sich an die Figur an und ist doch stets von der gleichen pantomimisch-farcenhaften Expressivität, die auch hier die Grenzen verschwimmen lässt, ohne Beliebigkeit zu erzeugen. Das resultierende Spiel mit Identitäten und deren Austauschbarkeit ist ebenso virtuos wie anregend, ein klarer Wink in Richtung der anarchischen Auflösung von Rollenzuweisungen im Drag.

Und es hat doch auch seinen Preis: Wer schenkelklopfenden Humor und zwerchfellerschütternde Lachsalven erwartet, wird enttäuscht. Für eine volle Entfaltung der irrwitzigen Verwechslungskomik taugt Marklands, Text-, Mimik-, Gestik- und Popmusikcollage nicht, zu sehr ist in ihr selbst die Unmöglichkeit von Verwechslung, wo es die Illusion klar umrandeter und eindeutig zuweisbarer Identitäten nicht mehr gibt, bereits von Beginn an angelegt. Und so passiert es, dass sich der Abend mit zunehmender Dauer etwas zieht, sich der Schauwert des Originellen abnutzt, die Lust an der Verwandlung das freie Spiel des Komischen etwas auflöst. Das erfordert vom Zuschauer ein wenig Abstraktion, eine Abkehr vom Fokussieren auf das rein Komische, ein Sich-Einlassen auf das Hinterfragen von Gewissheiten, das eben eine gerade Linie vom Laufs-Jacobyschen Lustspiel in die Dragszene unserer Zeit legt. Dafür sind zwei Stunden Spieldauer fast ein bisschen lang – angesichts des Erleb- und Nachdenkbaren aber durchaus zu verschmerzen.

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