Archiv der Kategorie: Yael Ronen

„Warum machen wir das hier?“

Yael Ronen & Ensemble: Death Positive – States of Emergency, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Wir sind im Ausnahmezustand“, verkündet Niels Bormann immer und immer wieder in aufgesetzt selbstgerechter Panik. Deshalb läuft er im selbstgebastelten Schutzanzug mit Plastikflaschen-Maske umher, desinfiziert Bühne und Plüschkatzen, steckt sich seine exklusive Spielfläche ab (die natürlich kleinen Platz mehr lässt für die anderen Spieler*innen), liest die Corona-Regeln vor, die schnell ins Absurde und letztlich gar Kunst- und Freiheitsfeindliche kippen. Bloß keine Emotionen auf der Bühne – wenn das Publikum lacht, wird es gefährlich (späte zählt er aggressiv Orit Nahmias an, weil sie auf der Bühne geweint hat). Und keine Dialoge: „Jeder Dialog ist ein potenzieller Konflikt und Konflikte sind voller Aerosole.“ Death Positive – States of Emergency ist das Stück zur Stunde, zur Pandemie, zu unser aller Ratlosigkeit.

Bild: Esra Rotthoff

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Ohne Tampon zur Urmutter

Yael Ronen & Ensemble: Rewitching Europe, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Stückankündigungen mit einer Prise Skepsis zu begegnen, ist eigentlich immer eine gute Idee. An diesem Abend, Yael Ronens neuem am Gorki, ist es essenziell, die Erwartungshaltung schnell vom Text auf der Theater-Website wegzulenken. Denn da ist von einer Auseinandersetzung mit der europäischen Hexenverfolgung in Europa die Rede, die in dieser Inszenierung nur insofern vorkommt, als Lea Draeger die dadurch ausgelöste Erwartungshaltung als ihre eigene thematisiert, zu einer Erzählung über das Thema ansetzt und schnell in der Kakophonie paralleler Geschichten untergeht. Stattdessen beginnt der Abend mit dem, das, wie uns die Website sagt, durch die Hexenverbrennungen verloren gegangen sei: einem elaborierten Ritual samt Animationen mit Schlangen, die zu Frauen, die zu Bäumen, die abgeholzt werden, von Männern mit Äxten. Ein Endzeitszenario wird aufgebaut, die Verbindung zur Natur, zur Erde, der Mutter beklagt, die verloren gegangen sei. Am Ende wird diese Schleife rückwärts wiederholt, als Vision einer Rückkejr, eines Neuanfangs.

Bild: Esra Rotthoff

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Im Schöpfungslabor

Yael Ronen und Ensemble: #Genesis. A Starting Point, Münchner Kammerspiele (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Es war ein vielversprechender Anfang“, sagt Wiebke Puls einmal gegen Beginn, da stehen die sechs Spieler*innen noch vor dem eisernen Vorhang. Gerade hat Damian Rebgetz „bekannt gegeben“, München verlassen zu wollen, der Beginn einer Wutrede, die mit dem Münchner Publikum abrechnete, einer vermeintlichen Ideologie der Stärke, die „Schwaches“, abseitiges, ja, auch Queeren mit Verachtung straft. Es ist nicht weniger als das Konzept der Lilienthalschen Kammerspiele, das Rebgetz hier von einer als feindselig auserkorenen Öffentlichkeit verabschiedet. Und das Puls zum milden Widerspruch reizt und zur Aufforderung, doch zu den Anfängen zurückzukehren, um zu erörtern, wie das alles „aus dem Ruder“ laufen konnte. Das Theater als Schöpfungs-, als Experimentier- aber eben auch Welterschaffungsraum – da ist der Weg so weit nicht zur zentralen Schöpfungsgeschichte westlicher (und nicht nur der) Kultur, zur Genesis, dem 1. Buch Mose, den sieben, nun ja, eigentlich sechs, Tagen der Erschaffung der Welt und dem, was danach kam. Und der vom eigenen Ausgangspunkt, dem Vater, zu jenem anderen Vater, dem göttlichen.

Bild: David Baltzer

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Recyclinghof mit Schlagseite

Yael Ronen & Ensemble: Third Generation – Next Generation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Das Maxim Gorki Theater ist so etwas wie das gute Gewissen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ethnisch divers, postmigrantisch, queer, feministisch macht es sichtbar, was und wen man auf anderen Bühnen auch im Jahr 2019 nicht tagtäglich findet. Auch wenn die Katalysatorwirkung der Bühne, deren Arbeit weit über die Berliner Grenzen hinausstrahlt, nicht zu bestreiten ist, lässt sich dem Eindruck, dass sich so manches andere Theater zurücklehnt im wohligen Wissen, „das Gorki“ mache das ja alles schon, dann müssen wir das nicht auch noch, nicht immer widersprechen. Nicht jedes Theater würde – wie im vorliegenden Fall – eine Premiere sausen lassen, damit die weiblichen Mitarbeiter*innen an einem „feministischen Streik“ teilnehmen können. Und weil das Gorki – Markenbildung kann man am Festungsgraben auch – immer vorn dabei ist, wenn es um gesellschaftliche Themen der Stunde geht, ist es auch besonders nachhaltig. Hier kommt nichts weg, was sich noch verwerten ließen. Das gilt auch für Inszenierungen.  In der letzten Spielzeit legte Nurkan Erpulat einen alten Hit vom Ballhaus Naunynstraße neu auf, jetzt tut es ihm Kollegin Yael Ronen gleich: Die dritte Generation an der Schaubühne war 2009 ihr erstes großes Erfolgsstück auf deutschsprachigen Bühnen.

Bild: Esra Rotthoff

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Die Kunst, nein zu sagen

Yael Ronen & Ensemble: Yes but No, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Auf geht’s: Spielzeit Nummer sechs der Ära Langhoff/Hillje am Maxim Gorki Theater. Und was hat das in zwei der fünf Jahre zum Theater des Jahres gewählte Haus schon alles an gesellschaftlich relevanten Themen abgearbeitet. Orit Nahmias zählt sie auf: von Homphobie bis Rassismus, von der Verfolgung der Roma und Sinti bis Balkankonflikt, von Antisemitismus bis geflüchtete Menschen. Afrika sei noch nicht dran gewesen, wirft Taner Şahintürk ein, Asien auch nicht und Lateinamerika. Stoff für drei weitere Spielzeiten also, antwortet Nahmias. Der Eröffnungsabend der neuen Spielzeit am großen Haus beginnt mit einer Beruhigung: Wie gehen nicht so schnell wieder weg. Die nicht lang dauert, denn es geht um ein Thema, das Chemnitz, Maaßen und Co. erfolgreich verdrängt zu haben schienen: #MeToo, der Hashtag und die Bewegung, welche die Alltäglichkeit systemischer sexualisierter Gewalt, Belästigung und Unterdrückung vor allem (wenn auch nicht nur) gegenüber Frauen in den Blickpunkt rückte. Die überall auf der Welt erdebenartig durch die Gesellschaft zuckte und so manchen prominenten Täter entlarvte. Außer in Deutschland: Nach vielen tausend Tweets und Geschichten, gibt es aus kaum prominente Namen und nur sehr zaghafte Auswirkungen. Die Strukturen, die männlichen Machtmissbrauch befördern, wurden nicht erschüttert – auch und gerade am Theater nicht.

Bild: Esra Rotthoff

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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Auf der dunklen Seite

Yael Ronen & Ensemble: A Walk on the Dark Side, Maxim Gorki Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Nanu, was ist denn hier los? Da geht man zu einem Yael-Ronen-Abend und weiß eigentlich, was man bekommt: diskursstarkes Theater über Identität, autobiografisch grundierte Reflexionen über Gewalt, Macht, Heimat, Stückentwicklungen zwischen Spiel und Selbstreflexion, in denen Rolle und Darsteller in ein Spannungsfeld treten, in dem sie oft kaum noch unterscheidbar sind. Und dann das: Mit A Walk on the Wild Side legt Ronen plötzlich ein Familienkammerspiel vor, das als „well-made-play“ durchgingen und in seiner handwerklichen Qualität das Niveau hätte, im West End oder (Off-)Broadway gespielt zu werden. Worum geht es? Ein Physiker, der sich mit dunkler Materie und dunkler Energie befasst, gewinnt einen wichtigen Preis. Zur Feier fährt er mit Frau, Bruder und dessen Freundin für ein Wochenende in die Uckermark. Hinzu kommt der verlorene Halbbruder, der einst auf Anregung der beiden Brüder aus dem Fenster sprang. Schnell kommen Familiengeheimnisse auf den Tisch, alte Ressentiments, neue Schuld, Lügen und immer wieder Lügen. Dabei wechseln die, die vermeintlich die Fäden ziehen, sich immer wieder ab, erst spät wird klar, wer das Ganze wirklich in der Hand hat. Am Ende ein paar Erkenntnismomente und ein fragiler Waffenstillstand, erzwungen durch eine Gewalt, die der Rachelogik folgt, auch wenn Ausführende und Motive nicht immer deckungsgleich sind.

Bild: Esra Rotthoff

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Jenseits von Zarah Leander

Yael Ronen & Ensemble: Roma Armee, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Wer nach einem langen und schönen Urlaub nach Hause kommt, freut sich meistens über wenig. Aber wenn es dann schon sein muss, dann will man wenigstens das wohlige Gefühl des Zuhauseseins empfinden, sich im Schoße des Gewohnten und Geliebten geborgen fühlen. Es ist ein Verlangen, das auch der regelmäßige Theaterbesucher kennt, wenn die für ihn zu langen, für so manchen Theatermitarbeiter sicherlich viel zu kurzen Theaterferien enden. Da will man zu den zurückkehren, das man mag und in dem man sich wieder zurechtfinden, sich seiner eigenen Position versichern kann. Langjährige Stammgäste der Berliner Volksbühne haben diese Sicherheit in diesem Jahr nicht, was womöglich einen (kleinen) Teil der derzeit zu beobachtenden – und von Tag zu Tag erschreckenderen – Reaktionen auf den dortigen Intendanzwechsel erklären mag. Für die Gemeinde, die das Maxim Gorki Theater in den letzten Jahren aufgebaut hat, gilt das nicht. Sie können weiterhin sicher sein, dass die ein sicherer aber auch ungeheuer auf- und anregender Ort für Identitätssuchen und das Verhandeln so genannter Minderheitenidentitäten sein wird.

Bild: Esra Rotthoff

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Trockenes Toilettenpapier? Danke, Merkel!

Yael Ronen und Exil Ensemble: Winterreise, Maxim Gorki Theater (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Warum ist deutsches Toilettenpapier so trocken? Warum nennen diese Demonstranten die deutsche Kanzlerin auf ihren Plakaten Fatima? Und warum hat der Bus eine von ausgestattete Küche, wenn man sie nicht benutzen darf? Es ist ein seltsames Land, in dem sich diese sechs wiederfinden. Künstler, Schauspieler*innen aus Syrien, Afghanistan, den palästinensischen Gebieten. Sogar ein palästinensischer Syrer – oder ist er syrischer Palästinenser? – der schon im „eigenen“ Land nicht verständlich machen kann, wer er ist. Überhaupt: verstehen. Einfach ist das nicht, wenn so vieles auf den ersten Sinn keinen Sinn zu ergeben scheint. Wie dieser Deutsche, auch Schauspieler, Niels heißt er. Deutsch, sich ängstlich an Regeln haltend, aber immer zu spät kommend. Seltsam. Winterreise ist die erste Arbeit des Exil Ensembles. Zu diesem hat das Maxim Gorki Theater professionelle, nach Deutschland geflüchtete Schauspieler*innen verpflichtet, die gemeinsam als Gruppe und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Künstlern in den kommenden mindestens zwei Jahren  Theater machen werden. Das erste feste Ensemble aus Geflüchteten an einem deutschsprachigen Stadttheater – allein dafür gebührt dem Gorki und den unterschiedlichen Förderern, denen Intendantin Shermin Langhoff am Ende der Premiere dankt, Bewunderung und Anerkennung.

Bild: Esra Rotthoff

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Das zerschnittene Ich

Yael Ronen & Ensemble: Denial, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“. So lautet das erste Kapitel von Yael Ronens neuem Abend am Maxim Gorki Theater. Wir sehen: Fünf Darstellerinnen, die in lächerlichen Pseudo-Kinderklamotten zu „Billie Jean“ tanzen und dann versuchen, das Statement mit Geschichten aus den eigenen Kindertagen zu unterfüttern. Und kläglich scheitern: Denn egal wie sehr sie versuchen, das Erinnerte schönzureden und ins Positive zu verkehren – die Geschichten von Vernachlässigung und Gewalt lassen sich eben nie ganz in Narrative von Freiheit und Liebe umdeuten. Spielerisch beginnt Denial, eine knapp zweistündige auseinandersetzung mit dem Verdrängten und dem Verdrängen, heruntergebrochen auf die ganz persönliche, private Ebene. Der Beginn ist eine schöne, satirische Comedynummer, die nicht verhehlen kann, dass es schon bald düsterer wird, ja, werden muss. Ronen verzichtet diesmal auf eine Rahmenhandlung, welche die Wahrheits- und Identitätssuche der Figuren und Spieler*innen motivieren könnte. Das ist keine schlechte Wahl, erhöht die Unmittelbarkeit des Erzählten, reißt ein paar Barrieren zwischen Bühne und Publikum ein. Zu behaupten, das ginge uns nicht an, ist an diesem Abend nicht so leicht.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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