Archiv der Kategorie: Yael Ronen

Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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Auf der dunklen Seite

Yael Ronen & Ensemble: A Walk on the Dark Side, Maxim Gorki Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Nanu, was ist denn hier los? Da geht man zu einem Yael-Ronen-Abend und weiß eigentlich, was man bekommt: diskursstarkes Theater über Identität, autobiografisch grundierte Reflexionen über Gewalt, Macht, Heimat, Stückentwicklungen zwischen Spiel und Selbstreflexion, in denen Rolle und Darsteller in ein Spannungsfeld treten, in dem sie oft kaum noch unterscheidbar sind. Und dann das: Mit A Walk on the Wild Side legt Ronen plötzlich ein Familienkammerspiel vor, das als „well-made-play“ durchgingen und in seiner handwerklichen Qualität das Niveau hätte, im West End oder (Off-)Broadway gespielt zu werden. Worum geht es? Ein Physiker, der sich mit dunkler Materie und dunkler Energie befasst, gewinnt einen wichtigen Preis. Zur Feier fährt er mit Frau, Bruder und dessen Freundin für ein Wochenende in die Uckermark. Hinzu kommt der verlorene Halbbruder, der einst auf Anregung der beiden Brüder aus dem Fenster sprang. Schnell kommen Familiengeheimnisse auf den Tisch, alte Ressentiments, neue Schuld, Lügen und immer wieder Lügen. Dabei wechseln die, die vermeintlich die Fäden ziehen, sich immer wieder ab, erst spät wird klar, wer das Ganze wirklich in der Hand hat. Am Ende ein paar Erkenntnismomente und ein fragiler Waffenstillstand, erzwungen durch eine Gewalt, die der Rachelogik folgt, auch wenn Ausführende und Motive nicht immer deckungsgleich sind.

Bild: Esra Rotthoff

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Jenseits von Zarah Leander

Yael Ronen & Ensemble: Roma Armee, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Wer nach einem langen und schönen Urlaub nach Hause kommt, freut sich meistens über wenig. Aber wenn es dann schon sein muss, dann will man wenigstens das wohlige Gefühl des Zuhauseseins empfinden, sich im Schoße des Gewohnten und Geliebten geborgen fühlen. Es ist ein Verlangen, das auch der regelmäßige Theaterbesucher kennt, wenn die für ihn zu langen, für so manchen Theatermitarbeiter sicherlich viel zu kurzen Theaterferien enden. Da will man zu den zurückkehren, das man mag und in dem man sich wieder zurechtfinden, sich seiner eigenen Position versichern kann. Langjährige Stammgäste der Berliner Volksbühne haben diese Sicherheit in diesem Jahr nicht, was womöglich einen (kleinen) Teil der derzeit zu beobachtenden – und von Tag zu Tag erschreckenderen – Reaktionen auf den dortigen Intendanzwechsel erklären mag. Für die Gemeinde, die das Maxim Gorki Theater in den letzten Jahren aufgebaut hat, gilt das nicht. Sie können weiterhin sicher sein, dass die ein sicherer aber auch ungeheuer auf- und anregender Ort für Identitätssuchen und das Verhandeln so genannter Minderheitenidentitäten sein wird.

Bild: Esra Rotthoff

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Trockenes Toilettenpapier? Danke, Merkel!

Yael Ronen und Exil Ensemble: Winterreise, Maxim Gorki Theater (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Warum ist deutsches Toilettenpapier so trocken? Warum nennen diese Demonstranten die deutsche Kanzlerin auf ihren Plakaten Fatima? Und warum hat der Bus eine von ausgestattete Küche, wenn man sie nicht benutzen darf? Es ist ein seltsames Land, in dem sich diese sechs wiederfinden. Künstler, Schauspieler*innen aus Syrien, Afghanistan, den palästinensischen Gebieten. Sogar ein palästinensischer Syrer – oder ist er syrischer Palästinenser? – der schon im „eigenen“ Land nicht verständlich machen kann, wer er ist. Überhaupt: verstehen. Einfach ist das nicht, wenn so vieles auf den ersten Sinn keinen Sinn zu ergeben scheint. Wie dieser Deutsche, auch Schauspieler, Niels heißt er. Deutsch, sich ängstlich an Regeln haltend, aber immer zu spät kommend. Seltsam. Winterreise ist die erste Arbeit des Exil Ensembles. Zu diesem hat das Maxim Gorki Theater professionelle, nach Deutschland geflüchtete Schauspieler*innen verpflichtet, die gemeinsam als Gruppe und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Künstlern in den kommenden mindestens zwei Jahren  Theater machen werden. Das erste feste Ensemble aus Geflüchteten an einem deutschsprachigen Stadttheater – allein dafür gebührt dem Gorki und den unterschiedlichen Förderern, denen Intendantin Shermin Langhoff am Ende der Premiere dankt, Bewunderung und Anerkennung.

Bild: Esra Rotthoff

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Das zerschnittene Ich

Yael Ronen & Ensemble: Denial, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“. So lautet das erste Kapitel von Yael Ronens neuem Abend am Maxim Gorki Theater. Wir sehen: Fünf Darstellerinnen, die in lächerlichen Pseudo-Kinderklamotten zu „Billie Jean“ tanzen und dann versuchen, das Statement mit Geschichten aus den eigenen Kindertagen zu unterfüttern. Und kläglich scheitern: Denn egal wie sehr sie versuchen, das Erinnerte schönzureden und ins Positive zu verkehren – die Geschichten von Vernachlässigung und Gewalt lassen sich eben nie ganz in Narrative von Freiheit und Liebe umdeuten. Spielerisch beginnt Denial, eine knapp zweistündige auseinandersetzung mit dem Verdrängten und dem Verdrängen, heruntergebrochen auf die ganz persönliche, private Ebene. Der Beginn ist eine schöne, satirische Comedynummer, die nicht verhehlen kann, dass es schon bald düsterer wird, ja, werden muss. Ronen verzichtet diesmal auf eine Rahmenhandlung, welche die Wahrheits- und Identitätssuche der Figuren und Spieler*innen motivieren könnte. Das ist keine schlechte Wahl, erhöht die Unmittelbarkeit des Erzählten, reißt ein paar Barrieren zwischen Bühne und Publikum ein. Zu behaupten, das ginge uns nicht an, ist an diesem Abend nicht so leicht.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Im Zwielicht der Toten

Isaac Bashevis Singer: Feinde – die Geschichte einer Liebe, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Ein Mann schält sich durch eine falltür im Bühnenbode. Frauenhände klammern sich an ihn, versuchen ihn herunterzuziehen. Sie umarmen sich, klammern sich aneinander, versuchen sich loszulösen. Die Bühne ist im Zwielicht, auf einer Rückwand erscheint ein schwarzer Schatten. Yael Ronens Inszenierung von Feinde – die Geschichte einer Liebe beginnt mit einem Albtraum und sie wird in nie verlassen. Der Träumende heißt Herman Broder, Shoah-Überlebender mit einer vermeintlich toten Frau, definitiv ermordeten Kindern, einer neuen Frau, die einst seine Retterin war und einer Geliebten. Aleksandar Radenković spielten diesen Herman als weißes Blatt, als Schatten, getrieben, entscheidungsunfähig, ein Spielball der Hilflosigkeit. Je mehr er die Vergangenheit abzuschütteln versucht, desto mehr ergreift sie von ihm Besitz. Wird er mit einer seiner drei Frauen intim, greifen weiße Geisterhände nach ihnen. Hinter ihm spielen seine Geisterkinder auf einer Geisterschaukel.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Hoch auf der gelben Treppe

Yael Ronen & Ensemble: The Situation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Deutschland in 90 Minuten“ heißt das Versprechen gleich zu Beginn und es fällt schwer zu behalten, der neue Abend von Yael Ronen löste es nicht ein. Irgendwie. Eine quietschgelbe Doppeltreppe (Bühne: Tal Shacham) ist dieses Deutschland, bevölkert von jenen, bei denen wir uns so gern so schwer tun, sie einzuordnen in dieses seltsame Konstrukt namens Deutschland. Immigranten, Exilaten, „Expats“ – wie für alles andere haben wir auch für jene, die in dieses Land kommen, Hierarchien, steht das palästinensische Flüchtlingskind in  unseren Augen nicht auf einer ebene mit dem hier lebenden Israeli. Aber wenigstens sitzen sie auf der gleichen Treppe: eine jüdisch-israelische Frau mit ihrem arabisch-israelischen Mann, eine schwarze Palästinenserin und ein palästinensischer Rapper und Parcours-Läufer, ein syrischer Kriegsflüchtling. Und dann ist da noch Stefan, Prototyp des toleranten Deutschen, dessen Hilfsbereitschaft zwischen bevormundend und übergriffig schwankt und der seine eigene Migrationsgeschichte mit im Gepäck hat.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

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Spiel mir das Lied vom Klischee

Frei nach Heinrich von Kleist: Das Kohlhaas-Prinzip, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Michael Kohlhaas, wer was das noch mal? Ach ja: Held einer Novelle Heinrich von Kleists, Pferdehändler, schikaniert von einem Adligen, im Stich gelassen von der Obrigkeit, nimmt er die Gerechtigkeit selbst in die Hand, geht auf einen Rachefeldzug, wird am Ende hingerichtet. Einer „der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ sei er gewesen, schreibt Kleist. So beschreibt ihn auch Thomas Wodianka, der den Kohlhaas gibt, in Kostüm und mit Holzpferd. Ach nein, das geht ja nicht, wie sind schließlich nicht im 16. Jahrhundert. Also weg mit den Insignien der Vergangenheit, machen wir Kohlhaas zum „E-Bike-Entrepreneur“, umweltbewusst, vegan, nur Bio-Produkte kaufend, mülltrennend. Ein Spuperreicher im gepanzerten Auto behindert ihn, Kohlhaas stellt ihn zur Rede, attackiert ihn mit Kaffee, worauf dieser ihn samt Kleinkind über den Haufen fährt. Doch nein, Justiz und Polizei helfen nicht, ist der Täter doch gut vernetzt, stattdessen wird Kohlhaas verklagt. Was soll man da anderes machen, als Terrorist zu werden? Eine Frage, die Regisseurin Yael Ronen sogar beantwortet, denn es gibt noch einen Michail: Dieser ist Palästinenser, wird von israelischen Grenzbeamten schikaniert, verhaftet, als er auf sein Recht pocht, und landet als illegaler Flüchtling in der Berlin, wo er Zeuge des „Unfalls“ des ersten Michaels wird. Und nicht Terrorist, sondern einer, der versucht sich durchzuschlagen, nicht aufzufallen, unterzugehen in der Menge.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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