Archiv der Kategorie: Wojtek Klemm

Im Ausnahmezustand

Junges DT – Nach dem Roman von Stefanie de Velasco: Tigermilch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Wojtek Klemm)

Von Sascha Krieger

Es ist ein Balanceakt, dieses Erwachsenwerden. So wie sie da am Bühnenrand stehen und versuchen, das Gleichgewicht zu halten, die acht Spieler*innen zwischen 15 und 21 Jahren, so soll es sich angefühlt haben, damals, auf der Schwelle zwischen Kindein und Erwachsenenleben, was auch immer das bedeuten mag. Tidermilch heißt der 2013 erschienene Debütroman von Stefanie de Velasco, benannt nach dem Gebräu als Milch, Maracujasaft und Mariacron, mit dem sich die beiden 14-jährigen Protagonistinnen bevorzugt die Kante geben. Um zwei Mädchen geht es, Nini und Jameelah, und um einen Sommer, der mit der Mission Entjungferung beginnt und mit einem Mord noch lange nicht endet. Es geht um mehr oder minder zerrüttete Familienverhältnisse, das Leben als Außenseiter in irgendeiner Betonburg am Stadtrand, umgewollte Schwangerschaften, Abschiebungen, einen Ehrenmord, Prostitution, das volle Programm. Erwachsenwerden im Crashkurs.

Bild: Arno Declair

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„Vergib mir meine Perfektion!“

Tod. Sünde. 7, Eine Stückentwicklung des Jungen DT, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Wojtek Klemm)

Von Sascha Krieger

Professionell wirft sich der Junge im enganliegenden blauen Pulli und den knöchelfreien Hosen in Pose und wirft selbstbewusste Blicke in den Zuschauerraum. „Vergib mir meine Perfektion!“, sagt er und dreht seinen Körper in Position, als wäre er hier bei einem Cover-Shooting. Ohne Zweifel: Hier ist einer, der im täglichen Ringen um die Selbstoptimierung zu den Gewinnern zählt. Das Ich als attraktiv verpacktes Produkt, der Körper als frei formbares Baumaterial, das Leben als Wettstreit der bunten Hüllen im Supermarktregal der Schönen und Attraktiven: Das ist das Thema der 15 Jugendlichen, die sich hier auf den Trümmern dessen, was von den sieben Todsünden übrig blieb, rekeln und in Positur werfen. Auf der zweistöckigen Holzkonstruktion der Bühne prangt ganz oben ein Jesus-Graffiti, mehr als Dekoration ist es nicht. Wenn gleich zu Beginn ein Mädchen beichten will wird es an die Seite gedrängt: In Zeiten, in denen die schöne Hülle, das positive Image, das Ich als Marke zählen, ist für moralischen Humbug keinen Platz. Und so sind Neid und Zorn und Völlerei (oder besser ihr rauschhaftes Gegenteil) und Hochmut zentrale Markenbestandteile, USPs, mit denen sich das eigene Produkt von Wettbewerb abheben kann. Wer nicht mithält, ist raus und kann nur noch mit aufgesetzt schmerzhaftem Lächeln innere Werte proklamieren. Gehört wird das nicht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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