Archiv der Kategorie: William Shakespeare

Under Watchful Eyes

William Shakespeare: Hamlet, Almeida Theatre / Harold Pinter Theatre, London (Director: Robert Icke)

By Sascha Krieger

Oh, yes, there surely is something wrong in the state of Denmark. When Robert Icke’s celebrated production of Hamlet opens, we see: screens. TV footage from the late king’s funeral, later the new king smiling into the cameras, a multitude of CCTV images. Whether security or media: surveillance is everwhere in this production – as it is in the play. For, isn’t Hamlet a long succession of people spying on each other, hasn’t the royal court at Elsinore always been a surveillance state? So, transporting the story of the grieving prince, trying but failing to revenge his slain father, into an age in which the camera eye is always present, in which fear and attention are the twin driving forces leading to a society in which everyone is transparent as glass, feels rather logical. And Angus Wright’s nonchalantly plain Claudius is a perfect present-day ruler: agreeable enough, not a sore sight when smiling into the cameras, he’s an accomplished politician, slick, charming, an astute user of the media, a fine political instinct, a ruthless opportunist who knows how to play the fear card. He hardly ever gets loud, he doesn’t have to. He has the power to pull the strings and he does so in a chillingly efficient way.

The Harold Pinter Theatre (Image: Sascha Krieger)

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„Cordelia muss weg!“

Nach William Shakespeare: Lear, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Silvia Rieger)

Von Sascha Krieger

Am Ende, die angekündigten zwei Stunden sind längst überschritten, gibt es, natürlich, Beifall. Und ein paar vereinzelte Buhs. Als Silvia Rieger sie hört, huscht ein sanftes Lächeln über ihre Lippen. Ja, die alte Volksbühnen-Tradition, das Publikum bis über den Rand seiner Belastbarkeit hinaus anzustrengen, es bewusst zu provozieren und jeden Versuch der Annäherung, jede wohlwollende Offenheit dem Sperrigen gegenüber zu unterlaufen, indem so lange an der Schraube gedreht wird, bis auch der toleranteste Zuschauer die weiße Fahne schwenkt –  sie ist nicht vergessen. Silvia Rieger, ein zerbrechlicher aber umso trotzigerer Lear in Umhängebart und goldenem Glitzerfummel, hält das Banner aufrecht. Frank Castorf, der der Premiere beiwohnt, wird es mit Freude gesehen haben. Was auch immer man über den Abend sagen will: Er lässt nicht kalt. Vielleicht ist das Spannendste an ihm, den Blick von Zeit zu Zeit durch das Publikum schweifen zu lassen – die fassungslosen Blicke zu registrieren, die immer häufigeren verstohlenen Ausflüge zu Armbanduhr oder Handy, die vielfältigen Versuche, sich wach zu halten, die Reaktionen auf die zahlreichen plötzlichen Eruptionen des Geräuschpegels, die kreativen Methoden, das Sitzen auf dem Asphalt – den so Geschlagenen sei versichert: die vier oder fünf Stuhlreihen sind nicht wesentlich bequemer – irgendwie auszuhalten. In Castorfs Volksbühne ging es immer auch und nie zuletzt um die Zuschauer*innen und ihre Reaktionen, und darum, sie an Orte zu führen, zu denen sie freiwillig nicht gehen würden. Insofern ist Lear ein exemplarischer Abend dieses Theaters auf Abschiedstour.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Something’s Wrong in the State of England

London theatre trip (6): William Shakespeare: King Lear, Royal Shakespeare Company / Barbican Centre, London (Director: Gregory Doran)

By Sascha Krieger

What contrast: when the audience enters, the stage is filled with cowering beggars, wrapped in ragged, greying blankets. When the lights go out, they quickly disappear, making way for a different show: a magnificent court towered over by a king richly clad in gold and fur, being carried in by his servants. The difference between those on top and the forgotten downtrodden could not be more striking and it sets the tone for the Royal Shakespeare Company’s latest production of King Lear. The poor, the starving have no voices in this play but they have a presence on this stage, re-appearing repeatedly during the night’s more than three hours. They serve as a constant reminder about what the foundation for the ruling who we see scheming and plotting and murdering is. And how unstable that foundation is. Niki Turner’s set is dominated by towering brick walls but they cannot keep reality outside. and so they diminish over time, giving way to white spaces, worlds still to be conceived. RSC Artistic Director Gregory Doran’s production of King Lear is the portrait of a crumbling society, one falling because it does not acknowledge those it does not want to see. In this sense, Lear’s disintegration is a symptom, but even more so a metaphor of this disintegration.

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The Power of Hope

London theatre trip (1): William Shakespeare: The Tempest, Donmar at King’s Cross, Lonson (Director: Phyllida Lloyd)

By Sascha Krieger

Six years ago, renowned theatre and film director Phyllida Lloyd (Mamma Mia!The Iron Lady) set out to counter the male dominated culture of British theatre – examplified by the works of William Shakespeare – by staging Shakespeare with an all-female cast. The result was her production of Julius Caesar, followed in 2014 by Henry IV, again assembling the very same cast. Now the trilogy is complete: With The Tempest, Shakespeare’s last play, Lloyd and the Donmar company bring the three plays to the King’s Cross Theatre, a tent structure created to revive one of London’s many run-down areas. As in the earlier productions, Lloyd chooses a prison setting. Before the show starts, the cast makes its way through the waiting crowd, dressed in grey and escorted by prison guards. Inside, a cage encapsules them and us, with the audience surrounding the stage in a rectangle. A prison basketball court in Prospero’s Island, the stranded are repeatedly commanded and led by prison staff, and Prospero (Harriet Walter in a finely accentuated and mostly reduced performance) him/herself is subject to outside control.

Bild: Sascha Krieger

Image: Sascha Krieger

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Der Machtspieler

William Shakespeare: Hamlet, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

In wenigen Wochen endet die siebenjährige Intendanz von Wilfried Schulz am Staatsschauspiel Dresden. Schon jetzt liegen dicke Bildbände im Kassenbüro aus, die Schulz‘ Amtszeit Revue passieren lassen sollen. Abschied liegt in der Luft und die Frage, was bleibt. Ein politisches Haus, das sich im Herzen der Pegida-Bewegung klar positioniert hat. Ein partizipatives Theater, das mit der Bürgerbühne Pionierarbeit geleistet und vielerorts Vorbildwirkung verzeichnet hat. Natürlich einige Regisseure, die zumindest Zeitlang als Speerspitze eines entschleunigten, sich zeit lassenden Theaters halten. Tilmann Köhler ist da zu nennen, in erster Linie aber sicherlich Roger Vontobel, dessen Don es bis zum Theatertreffen schaffte. Zu den Inszenierungen, an die man sich erinnern wird, gehört ohne Zweifel sein Hamlet von 2012. Eine Inszenierung, die vielleicht nicht so stimmig war wie sein Carlos, aber um einiges radikaler. Für alle, die Vontobel Konservatismus vorwerfen, sollte dieser Abend Pflichtprogramm sein.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

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Wenn Othello stolpert

Soeren Voima nach William Shakespeare: Othello, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Er ist ja schon so etwas wie ein Markenzeichen des Maxim Gorki Theaters geworden: der große monologische Rundumschlag, gern in Form einer Wutrede geführt, in dem es ums Grundsätzliche geht, sich eine Figur/ihr Darsteller/das Ensemble Luft macht und natürlich für die versammelte Gemeinde, Verzeihung, das Publikum spricht. Diesmal kommt er kurz vor der Pause, wenn sich Taner Şahintürk, der den Othello gibt, über das Thema Rassismus auslässt, über die Zuschreibungen, welche sich die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den als Minderheiten definierten anmaßt und die gern auch vordergründig wohlwollend daherkommen, nach dem Muster: Schwarze sind toll im Sport. Schwarze können gut tanzen. Stereotype, Vorurteile, die sich auch und gerade im liberalen Milieu finden und die doch kaum weniger schmerzen als die offen rassistischen Herabwürdigungen, die letztlich die gleiche Quelle haben, nämlich die Annahme, wer anders aussieht, müsse auch anders sein. Şahintürk legt das luzide und wohltuend unaufgeregt dar, wirklich Neues erzählt er nicht. Am spannendsten ist da noch die Diskrepanz zwischen der behaupteten oberflächlichen Andersartigkeit und der Tatsache, dass der Darsteller auf den ersten Blick vom weißen Mehrheitsdeutschen kaum unterscheidbar ist. Die Differenz erhöht die Willkür und Künstlichkeit der Identitätszuschreibungen nochmals.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Krieg der Dosen

Foreign Affairs 2015 – Forced Entertainment: Complete Works: Table Top Shakespeare (Regie: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

Es ist ein Festival des Marathontheaters, das Matthias von Hartz mit der diesjährigen Ausgabe von Foreign affairs auf die Beine gestellt hat. Deutlichster Ausdruck war natürlich Jan Fabers 24-stündiger Antikendurchlauf Mount Olympus am Eröffnungswochenende. Was die Gesamtlänge betrifft, liegt das britische kollektiv Forced Entertainment aber wohl noch einen Tick drüber: Der ganze Shakespeare soll es sein, 36 Stücke an neun Tagen. Das ist natürlich eigentlich nicht zu machen, gäbe es nicht einen Trick: „Table-top Shakespeare“ nennt die Gruppe um Tim Etchells das, was sie hier unternehmen. Dazu brauchen sie: je einen Darsteller, einen Holztisch und zwei Regale vollgestopft mit Alltagsgegenständen. Zwischen 40 Minuten und einer guten Stunde dauern die Performances. Das einfache Grundprinzip: Der Darsteller erzählt die Geschichte und stellt sie nach mit allerlei Gegenständen, welche für die Figuren stehen. Da wird Othello zur – natürlich schwarzen – Getränkedose, Romeo zur Taschenlampe, Hamlet zur Flasche und der zukünftige Henry V. zum Kerzenständer, wird aus dem Krieg der Rosen einer der Dosen. Sie sind alle da, die Hamlets und Macbeths und Richard bis hin zu den kleinen Nebenfiguren, die in den meisten Inszenierungen entfallen, die vollständigen Geschichten mit allen Handlungsstrengen und jeder Szene. Was fehlt, ist die Sprache. Shakespeares Worte finden sich nur in winzigen Zitaten, in vielen Aufführungen sind sie gar nicht vorhanden. So sucht der Zuschauer etwa das „To be or not to be“ vergeblich.

Foto: Vlatka Horvat

Foto: Vlatka Horvat

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Der Sandkastenkönig

William Shakespeare: Richard III., Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist schon ein Kreuz mit diesem Richard: es gibt wohl bei Shakespeare – und vielleicht auch sonst in der dramatischen Literatur – keine Figur, die alles so überstrahlt wir er. Und die sogleich so fasziniert wie dieser Intrigen spinnende, mordende, vollkommen amoralische König. Schon im Text überstrahlt er alles: Wo Macbeth eine Mitschurkin auf Augenhöhe oder Hamlet veritable Gegenspieler hat, steht Richard allein in einem Meer schwacher, rückgratloser Mitläufer. Der einzigen Figur, die es in Sachen Machtbewusstsein wie Skrupellosigkeit mit ihm aufnehmen könnte, die ehemalige Königin Margaret, gönnt Shakespeare gerade einmal einen Auftritt (der allerdings auch an diesem Abend zu den Höhepunkten gehört, was vor allem an der schneidenden Kälte und dem ruhig verspritzten Gift liegt, mit denen Robert Beyer sie darstellt). Ansonsten gehört die Bühne Richard, was durch den extrem hohen Monologanteil, der ausschließlich der Titelfigur gebührt, noch verstärkt wird. Und so ist das Stück längst ein Star-Vehikel geworden, eine bloße Rolle, die jeder große Schauspieler gespielt haben muss. Daran kann auch eine Chance liegen, schließlich steht und fällt das Stück mit der Art und Weise, wie man diese Figur interpretiert, wo man das Böse, das sie symbolisiert, verortet. Die Gefahr jedoch ist, dass sie zum Show-Act des Hauptdarstellers wird und jenseits von dessen Fähigkeiten wenig sichtbar macht – wie es zum Beispiel bei Kevin Spacey am Londoner Old Vic der Fall war.

Lars Eidinger als Richard III. (Fotoi: Arno Declair)

Lars Eidinger als Richard III. (Fotoi: Arno Declair)

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Die Liebe ist ein Kinderspiel

William Shakespeare: Romeo und Julia, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

„Die größte Liebesgeschichte der Welt“: Wer diese Worte hört, weiß sofort, wer gemeint ist. Romeo und Julia, jene Urbilder bedingungslos Liebender, die den Satz „Für dich würde ich sterben“ nie aussprechen, sondern es einfach tun. Ihre Geschichte musste schon für so vieles herhalten: für die romantische Idee allumfassender und nie endender Liebe schlechthin, für Metaphern und geflügelte Worte, mehr oder weniger gute Pop-Songs und natürlich unzählige politische, soziale und sonstig gesellschaftsrelevante Neuauflagen. Dabei schweben die Titelfiguren meist irgendwo zwischen Ikone und Symbol auf der einen oder Opfer auf der anderen Seite. Regisseur Christopher Rüping, das macht er schon im Programmheft klar, sieht das anders. Für ihn sind sie Handelnde, die sich der Folgen dessen, was sie tun bewusst sind, Aktive statt passiv in den Tod getriebene. Und sie sind noch mehr: Rüping gibt ihnen ihre Jugend zurück. Die Figuren sind gerade erst ins teenager-Alter gekommen, was die Inszenierung auf sehr charmante Weise steigt. Vor allem bei Romeo: Wenn er mit seinen Freunden um die Gust der schönen Rosalinde wirbt, tut er das mit der Verbissenheit und Verspieltheit eines Kindes, wenn er sich seinem Liebeskummer hingibt, ist er der schmollende Jugendliche, der er in seinem Alter auch sein darf. Ihre Liebe ist sprunghaft: Kein großes Buhlen – ein kurzer Blick, ein inniger Kuss, und schon wird geheiratet. Ansatzlos der Übergang vom Liebeskummer zur großen Liebe und auch erstaunlich nüchtern. Da fehlen die großen Ausbrüche, trotzen die beiden dem überdrehten Umfeld stille Momente der Innigkeit ab, werden sie durch die plötzlich hereinbrechende Liebe gleichsam über Nacht zu Erwachsenen, ohne wirklich zu wissen, was da mit ihnen passiert. Die Ambivalenz dieser Zwischenzeit, den kurzen weg zwischen Kind und erwachsenem, der zugleich doch so lange dauert, zeichnen Benjamin Lillie und Wiebke Mollenhauer mit viel Lust, reichlich Übertreibung und dann wieder so berührend stillen Momenten von einer Ehrlichkeit und Direktheit, wie man sie selten findet.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Auf dem Holzweg

William Shakespeare: Macbeth, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Man reibt sich so manches Mal verwundert die Augen in diesen zweieinhalb Stunden: Da spielen zwei der besten Schauspieler des deutschsprachigen Theaters – Ulrich Matthes und Maren Eggert – Rollen, die zum Begehrtesten und Renommiertesten gehören, was die Dramatik zu bieten hat; Shakespeares Mörder-Ehepaar Macbeth. Und was passiert? Immer wieder muss der Rezensent des sich zunehmend verstärkten Drangs erwehren, den Blick abzuwenden, sich die Erinnerung an große Theaterabende mit beiden nicht durch zu langes Hinschauen zerstören zu lassen. Denn kaum zu glauben ist, was sich da entfaltet: Matthes, der große Wortbildhauer, der Sachlichkeit und Musikalität zu paaren weiß wie kein anderer, verliert sich zwischen Schnoddrigkeit, Klarheit und großem Tragödenton im Nichts und Eggert spielt die Lady Macbeth so hölzern, so jäh zwischen Ausdruckslosigkeit und oberflächlichstem Pathos umschlagen, dass man zuweilen meint, ihrer eigenen Parodie beizuwohnen. Und doch scheinen beide es ernst zu meinen an diesem Abend, der in der Lage sein sollte, so manches Bewunderung für dieses skrupel- und rücksichtsloseste aller Stücke nachhaltig zu erschüttern.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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