Archiv der Kategorie: William Shakespeare

Blutsauger im Nebel

Heiner Müller nach William Shakespeare: Macbeth, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Die Macht ist ein blutiges Geschäft. William Shakespeare wusste das und Heiner Müller mit dem Wissen um das tödlichste aller Jahrhunderte erst recht. Auch Regisseur Michael Thalheimer ist diese Erkenntnis nicht unbekannt. In seiner Inszenierung von Müllers Übertragung des Macbeth ist Blut die magische Zutat, die Quelle allen Übels, der Saft, der alles am Laufen hält. Wenn zu Beginn Ingo Hülsmann als amtierender König Duncan auftritt, wird er von einer ganz in Blut gewandeten Gestalt begrüßt, geküsst, begrapscht, die wir sogleich als eine der drei Hexen wiedertreffen werden. Seine Inititation in die Macht, ist die (Selbst-)Befleckung mit dem roten Lebenssaft. Und wenn am Ende der vampirblasse Malcolm (Kathrin Wehlisch) die Krone übernimmt, entfließt ihrem Mund sofort ein nicht siegender Blutstrom. Macht heißt Tod, heißt Krieg, heißt Gewalt. Macbeth hätte das unterschrieben, Heiner Müller ebenso. Dass Thalheimer gern mit Kunstblut arbeitet, ist ebenfalls nichts Neues, dass es zu seinem wichtigsten Charakter, gar zu seiner Hauptfigur wird, vielleicht schon. So kippt die Lichtregie auf der leeren Bühneimmer wieder ins rötliche – kein Sonnenaufgang, sondern ein Menschheitsuntergang. Diese verbleibt im Dämmerlichlicht, zwischen Leben und Tod, Sklaven des Blutes.

Bild: Matthias Horn

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Machtspieler

John von Düffel nach CoriolanJulius Cäsar und Antonius und
Cleopatra von William Shakespeare: Rom, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

„Democracy Dies in Darkness“: Seit die derzeitige US-Regierung ihren Feldzug gegen die Pressefreiheit begonnen hat, prangen diese Woche im Kopf der „Washington Post“. dass das „Ende der Geschichte“, ausgerufen nach Ende des so genannten Kalten Krieges, eine Illusion ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Demokratien nicht unsterblich sind, wissen wir aus der Geschichte. Der deutschen, zum Beispiel. Weil wir aber am Theater sind und wir im Zweifelsfall immer zuerst William Shakespeare zitieren, der aus verständlichen Gründen kein Chronist der Weimarer Republik war, gehen John von Düffel und Karin Henkel ein bisschen weiter zurück: nach Rom, dem uns bekannten zweiten Demokratieexperiment der Geschichte, einem, das blutig begann und ebenso endete. Also hat von Düffel sich drei Shakespeare-Dramen vorgenommen und aus ihnen einen Diskurs über Geburt und Tod der Demokratie gebastelt: Beginnend mit Coriolan, wo sich das Volk gegen einen Autokraten durchzusetzen scheint, über Julius Cäsar und den Versuch, die Demokratie zu retten, der diese jedoch in tödliche Gefahr bring bis zu Antonius und Cleopatra und den vernunftbeschwerten Triumph der Diktatur.

Bild: Arno Declair

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Fünf Figuren suchen (k)einen Ausweg

Dead Centre nach „Der Sturm“ von William Shakespeare: Shakespeare’s Last Play, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

„All the world’s a stage“? Ist es nicht eher andersherum? Versuchen wir es doch mal so: Klappen wir die halbrunde Spielfläche in angenehmem Blau einmal hoch und schauen, was sich darunter verbirgt: Aha, eine Insel! Zwei Berge hat sie nicht, aber zwei Felsbrocken die vor dem Sandstrand im Wasser liegen. „I’m nearly finished“, hat die leicht traurig klingende Stimme aus dem Off gerade gesagt. Wir befinden uns in den letzten Zügen eines Autors. Einmal noch muss er Geschichten erfinden, Figuren, einen Anfang und ein Ende. Warum? Weil er nicht anders kann? Also probiert er es mit besagter Insel. Wie wäre es mit einem Schiffsunglück? Gute Idee, meint die Stimme. Ein schiffsbrüchiger Prinz, der auf ein auf der Insel lebendes Mädchen trifft? Ja, das könnte klappen. In ihrer ersten Schaubühnen-Arbeit schreibt die irische Theatergruppe Dead Centre die Entstehung von William Shakespeares letztem Stück The Tempest (Der Sturm) nach. Erstmal eine Liebesgeschichte. Bessere habe er geschrieben, so der müde Autor im Off, aber die Liebe habe sich ja auch nicht verbessert. Das reicht nicht. Also wie wäre es mit einem Mord? Sex? Tod? Probieren wir aus.

Bild: Marco Bresadola

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For Whom the Clock Ticks

William Shakespeare: Macbeth, Royal Shakespeare Company / Royal Shakespeare Theatre, Stratford-upon-Avon (Director: Polly Findlay)

By Sascha Krieger

Time is a leitmotif in William Shakespeare’s Macbeth. The future is rushed, folded into the present and lost, time is compressed and then halted, seconds feel like hours, hours like seconds. When the order is disturbed, when logic is turned upside down and humanity discarded, time goes out of joint. Macbeth himself is obsessed with time. He wants to force the future and loses the present. He waits, he acts but there is never such a thing as a „normal“ sense of time for him. Which takes us to another key topic of the play: children. Macbeth has none, therefore he has no future. In order to save his present, he kills other’s children but fails to finish his job. There is no time for him, a childless ruler. He must fail. Both elements play heavily in Polly Findlay’s production. In one of her most ingenious moves, she reinterprets the three witches, the „weirs sisters“ as children, relatives of the Shining twins, speaking as one, clad in pink onesies and holding baby dolls in her arms. In this world, children are dead or demonic. Time is out of joint. Yet it runs quite stoically. When Duncan is killed, a large clock begins a countdown. At its end, Macbeth is dead, his time up. He was, as we’ve seen doomed from the start. But all is not over. As Macduff is crowned, Banquo’s son, who the witches prophesied shall be king one day, stands before him, sword in hand. The clock resets, the next murder will follow.

The Royal Shakespeare Theatre (Image: Sascha Krieger)

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Under Watchful Eyes

William Shakespeare: Hamlet, Almeida Theatre / Harold Pinter Theatre, London (Director: Robert Icke)

By Sascha Krieger

Oh, yes, there surely is something wrong in the state of Denmark. When Robert Icke’s celebrated production of Hamlet opens, we see: screens. TV footage from the late king’s funeral, later the new king smiling into the cameras, a multitude of CCTV images. Whether security or media: surveillance is everwhere in this production – as it is in the play. For, isn’t Hamlet a long succession of people spying on each other, hasn’t the royal court at Elsinore always been a surveillance state? So, transporting the story of the grieving prince, trying but failing to revenge his slain father, into an age in which the camera eye is always present, in which fear and attention are the twin driving forces leading to a society in which everyone is transparent as glass, feels rather logical. And Angus Wright’s nonchalantly plain Claudius is a perfect present-day ruler: agreeable enough, not a sore sight when smiling into the cameras, he’s an accomplished politician, slick, charming, an astute user of the media, a fine political instinct, a ruthless opportunist who knows how to play the fear card. He hardly ever gets loud, he doesn’t have to. He has the power to pull the strings and he does so in a chillingly efficient way.

The Harold Pinter Theatre (Image: Sascha Krieger)

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„Cordelia muss weg!“

Nach William Shakespeare: Lear, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Silvia Rieger)

Von Sascha Krieger

Am Ende, die angekündigten zwei Stunden sind längst überschritten, gibt es, natürlich, Beifall. Und ein paar vereinzelte Buhs. Als Silvia Rieger sie hört, huscht ein sanftes Lächeln über ihre Lippen. Ja, die alte Volksbühnen-Tradition, das Publikum bis über den Rand seiner Belastbarkeit hinaus anzustrengen, es bewusst zu provozieren und jeden Versuch der Annäherung, jede wohlwollende Offenheit dem Sperrigen gegenüber zu unterlaufen, indem so lange an der Schraube gedreht wird, bis auch der toleranteste Zuschauer die weiße Fahne schwenkt –  sie ist nicht vergessen. Silvia Rieger, ein zerbrechlicher aber umso trotzigerer Lear in Umhängebart und goldenem Glitzerfummel, hält das Banner aufrecht. Frank Castorf, der der Premiere beiwohnt, wird es mit Freude gesehen haben. Was auch immer man über den Abend sagen will: Er lässt nicht kalt. Vielleicht ist das Spannendste an ihm, den Blick von Zeit zu Zeit durch das Publikum schweifen zu lassen – die fassungslosen Blicke zu registrieren, die immer häufigeren verstohlenen Ausflüge zu Armbanduhr oder Handy, die vielfältigen Versuche, sich wach zu halten, die Reaktionen auf die zahlreichen plötzlichen Eruptionen des Geräuschpegels, die kreativen Methoden, das Sitzen auf dem Asphalt – den so Geschlagenen sei versichert: die vier oder fünf Stuhlreihen sind nicht wesentlich bequemer – irgendwie auszuhalten. In Castorfs Volksbühne ging es immer auch und nie zuletzt um die Zuschauer*innen und ihre Reaktionen, und darum, sie an Orte zu führen, zu denen sie freiwillig nicht gehen würden. Insofern ist Lear ein exemplarischer Abend dieses Theaters auf Abschiedstour.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Something’s Wrong in the State of England

London theatre trip (6): William Shakespeare: King Lear, Royal Shakespeare Company / Barbican Centre, London (Director: Gregory Doran)

By Sascha Krieger

What contrast: when the audience enters, the stage is filled with cowering beggars, wrapped in ragged, greying blankets. When the lights go out, they quickly disappear, making way for a different show: a magnificent court towered over by a king richly clad in gold and fur, being carried in by his servants. The difference between those on top and the forgotten downtrodden could not be more striking and it sets the tone for the Royal Shakespeare Company’s latest production of King Lear. The poor, the starving have no voices in this play but they have a presence on this stage, re-appearing repeatedly during the night’s more than three hours. They serve as a constant reminder about what the foundation for the ruling who we see scheming and plotting and murdering is. And how unstable that foundation is. Niki Turner’s set is dominated by towering brick walls but they cannot keep reality outside. and so they diminish over time, giving way to white spaces, worlds still to be conceived. RSC Artistic Director Gregory Doran’s production of King Lear is the portrait of a crumbling society, one falling because it does not acknowledge those it does not want to see. In this sense, Lear’s disintegration is a symptom, but even more so a metaphor of this disintegration.

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The Power of Hope

London theatre trip (1): William Shakespeare: The Tempest, Donmar at King’s Cross, Lonson (Director: Phyllida Lloyd)

By Sascha Krieger

Six years ago, renowned theatre and film director Phyllida Lloyd (Mamma Mia!The Iron Lady) set out to counter the male dominated culture of British theatre – examplified by the works of William Shakespeare – by staging Shakespeare with an all-female cast. The result was her production of Julius Caesar, followed in 2014 by Henry IV, again assembling the very same cast. Now the trilogy is complete: With The Tempest, Shakespeare’s last play, Lloyd and the Donmar company bring the three plays to the King’s Cross Theatre, a tent structure created to revive one of London’s many run-down areas. As in the earlier productions, Lloyd chooses a prison setting. Before the show starts, the cast makes its way through the waiting crowd, dressed in grey and escorted by prison guards. Inside, a cage encapsules them and us, with the audience surrounding the stage in a rectangle. A prison basketball court in Prospero’s Island, the stranded are repeatedly commanded and led by prison staff, and Prospero (Harriet Walter in a finely accentuated and mostly reduced performance) him/herself is subject to outside control.

Bild: Sascha Krieger

Image: Sascha Krieger

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Der Machtspieler

William Shakespeare: Hamlet, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

In wenigen Wochen endet die siebenjährige Intendanz von Wilfried Schulz am Staatsschauspiel Dresden. Schon jetzt liegen dicke Bildbände im Kassenbüro aus, die Schulz‘ Amtszeit Revue passieren lassen sollen. Abschied liegt in der Luft und die Frage, was bleibt. Ein politisches Haus, das sich im Herzen der Pegida-Bewegung klar positioniert hat. Ein partizipatives Theater, das mit der Bürgerbühne Pionierarbeit geleistet und vielerorts Vorbildwirkung verzeichnet hat. Natürlich einige Regisseure, die zumindest Zeitlang als Speerspitze eines entschleunigten, sich zeit lassenden Theaters halten. Tilmann Köhler ist da zu nennen, in erster Linie aber sicherlich Roger Vontobel, dessen Don es bis zum Theatertreffen schaffte. Zu den Inszenierungen, an die man sich erinnern wird, gehört ohne Zweifel sein Hamlet von 2012. Eine Inszenierung, die vielleicht nicht so stimmig war wie sein Carlos, aber um einiges radikaler. Für alle, die Vontobel Konservatismus vorwerfen, sollte dieser Abend Pflichtprogramm sein.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

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Wenn Othello stolpert

Soeren Voima nach William Shakespeare: Othello, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Er ist ja schon so etwas wie ein Markenzeichen des Maxim Gorki Theaters geworden: der große monologische Rundumschlag, gern in Form einer Wutrede geführt, in dem es ums Grundsätzliche geht, sich eine Figur/ihr Darsteller/das Ensemble Luft macht und natürlich für die versammelte Gemeinde, Verzeihung, das Publikum spricht. Diesmal kommt er kurz vor der Pause, wenn sich Taner Şahintürk, der den Othello gibt, über das Thema Rassismus auslässt, über die Zuschreibungen, welche sich die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den als Minderheiten definierten anmaßt und die gern auch vordergründig wohlwollend daherkommen, nach dem Muster: Schwarze sind toll im Sport. Schwarze können gut tanzen. Stereotype, Vorurteile, die sich auch und gerade im liberalen Milieu finden und die doch kaum weniger schmerzen als die offen rassistischen Herabwürdigungen, die letztlich die gleiche Quelle haben, nämlich die Annahme, wer anders aussieht, müsse auch anders sein. Şahintürk legt das luzide und wohltuend unaufgeregt dar, wirklich Neues erzählt er nicht. Am spannendsten ist da noch die Diskrepanz zwischen der behaupteten oberflächlichen Andersartigkeit und der Tatsache, dass der Darsteller auf den ersten Blick vom weißen Mehrheitsdeutschen kaum unterscheidbar ist. Die Differenz erhöht die Willkür und Künstlichkeit der Identitätszuschreibungen nochmals.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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