Archiv der Kategorie: Wiener Philharmoniker

Im Raum der Klänge

360 Grad Wiener Philharmoniker: ein immersiver Konzertabend mit Werken von Staud, Cage und Schönberg

Von Sascha Krieger

Zu den zahlreichen Dingen, die man gemeinhin den Wiener Philharmonikern nachsagt, gehört gesteigerte Innovationsfreude eigentlich nicht. Die Wiener, Großmeister des Schönklangs, gelten als vergleichsweise konservatives und überaus traditionsbewusstes Orchester. Eines, das erst dann mit der zeit geht, wenn es nicht mehr anders möglich ist. Eigenwillig ist der Klangkörper, der es als einziges Spitzenorchester konsequent ohne Chefdirigenten aushält, ohnehin. Da erscheint es schon als ein bewusst gesetztes Zeichen, wenn er zum Auftakt einer Hommage (selbst ja ein eher rückwärtsgewandtes Format) im Berliner Konzerthaus mit einem überaus ungewöhnlichen Abend aufwarten. Das angehimmelte Großorchester war seinen Zuhörer*innen wohl noch nie so nah: Die Musiker*innen sitzen verteilt inmitten des eigentlichen Zuschauerraums, das Publikum um sie herum, neben ihnen, einige mittendrin. „360 Graf“ nennen es die Macher*innen, es erinnert an das „Mittendrin!“-Format des ehemaligen Konzerthausorchester-Chefs Iván Fischer. Auf Augenhöhe begegnen sich Musiker*innen und Publikum, dazu passt auch, dass es keinen Dirigenten gibt. Konzertmeister Reiner Honeck, selbst ein Taktstock-Veteran, ist der Primus inter pares.

Die Wiener Philharmoniker beim 360-Grad-Konzert im Konzerthaus Berlin (Bild: Markus Werner)

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Musikalisches Wimmelbild

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2018 der Staatsoper Unter den Linden

Von Sascha Krieger

So langsam kann man die Uhr danach stellen: Sind die Wiener Philharmoniker in der Stadt, ist bald Ostern und die Festtage der Berliner Staatsoper beginnen. Dass die Wiener einem ihrer Lieblingsdirigenten, dem musikalischen Leiter der Staatsoper Daniel Barenboim, den Wunsch erfüllen, „seine“ Festtage zu eröffnen, ist mittlerweile Tradition. Dass sie dabei Gewichtiges dabei haben, auch. Vor zwei Jahren stand Gustav Mahlers neunte Symphonie auf dem Programm, in diesem Jahr ist es seine lange übersehene Siebte. Dabei scheint es Barenboims Ziel, die vielen Jahre der Vernachlässigung, die mit der Mahler-Renaissance in den 1960er-Jahren noch lange nicht vorbei war, an einem Abend wieder gut zu machen. Was für ein Ereignis ist dieser Kopfsatz, so, wie die Wiener ihn spielen! Ein musikalisches, klangliches, rhythmisches Universum, eine funkelnde Galerie aus Millionen Sternen. Mit nervöser Energie preschen sie aus den Startlöchern, die Hornrufe beinahe aggressiv, der Klang rasiermesserscharf, vor allem Holzbläser und Streicher tendieren immer wieder ins Schrille, Schneidende. Hier ist von Beginn an Kampf, ein Ringen um Dominanz, darum gehört zu werden. Tausend Farben erfüllen den Raum, ebenso viele Stimmen, jede gleichwertig. Ein Durcheinander, musikalisches Chaos, ein Urgrund, aus dem Welten entstehen können.

Daniel Barenboim (Bild: Monika Rittershaus)

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Mehr wollen dürfen

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2017 mit einem Wiener Programm

Von Sascha Krieger

Tradition und die Wiener Philharmoniker – das gehört zusammen. Kein Orchester der Welt fühlt sich seiner Vergangenheit so verpflichtet wie dieses, keines pflegt seinen überlieferten Klang so sorgfältig, kaum eines ist Neuerungen gegenüber so skeptisch. Traditionen sind ihnen wichtig, die verbinden das Gestern und das Heute und ermöglichen, so der Traditionalist, erst das Morgen. Auch in Berlin hat dieses Traditionsbewusstsein des Klangkörpers jetzt Wurzeln geschlagen: Zum vierten Mal in Folge eröffnet er jetzt die alljährlichen Festtage der Staatsoper. Zu verdanken haben wir diese neue Tradition Daniel Barenboim, musikalischer Leiter der Staatsoper und seit vielen Jahren einer der Lieblingsdirigenten der Wiener. Mit ihnen teilt er den Fokus auf klangliche Brillanz auf Einheit, auf die Gesamtwirkung des Werks. Er ist kein analytischer Dirigent, keiner, der das Werk erst auseinandernimmt, um es dann neu zusammenzusetzen. Er betont seine Einheit und will diese zum Leben erwecken – eine Einstellung, die ihn fest mit diesem Orchester verbindet.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

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Der steinige Weg zum Abschied

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker mit Mahlers neunter Symphonie bei den Festtagen 2016

Von Sascha Krieger

Es ist mittlerweile schon Tradition: Wenn die Berliner Staatsoper um Ostern herum ihre Festtage durchführt, sind die Wiener Philharmoniker mit dabei. Das Orchester und den musikalischen Leiter des Berliner Opernhauses, Daniel Barenboim, verbindet eine lange und intensive Beziehung, die den Klangkörper immer wieder nach Berlin zieht – auch für 2017 ist das Orchester wieder fest gebucht. In den vergangenen Jahren blieben die Wiener bei ihren Berliner Gastspielen meist in ihrem Kernrepertoire: viel Mozart, ein bisschen Schubert, kein Risiko. Das ist in diesem Jahr anders: Mit Gustav Mahlers neunter Symphonie steht ein Werk auf dem Programm, welches das Orchester aus seiner Komfortzone holt, eines, für das auch dieses Spitzenensemble hellwach sein muss und bei dem es nicht allein schon mit seinem einzigartigen Klang verzaubern kann. Mahlers Neunte ist harte Arbeit und das ist in jeder der rund 80 Minuten zu spüren.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Bild: T. Bartilla)

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Im Kosmos der Musik

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2015 der Berliner Staatsoper

Von Sascha Krieger

Die Tagesordnung muss warten. Auch an Daniel Barenboim und den Wiener Philharmonikern sind die Ereignisse der letzten Tage, der Absturz der Germanwings-Maschine mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen, nicht spurlos vorübergegangen. Und so erklingt zunächst das berühmte Air aus Johann Sebastian Bachs dritter Orchestersuite – schlicht, zart, klar und ohne jedes Pathos. Ein sachliches Statement in relativ schnellen Tempi. Kein Druck auf die Tränendrüse, sondern ein leiser, umso berührenderer Abschied. Dem ein harter Bruch folgt, der dann doch gar nicht so hart ausfällt. Die Festtage der Staatsoper, die das Konzert eröffnet, sind in diesem Jahr Pierre Boulez gewidmet, dem einstigen Musikrevolutionär und Traditionszertrümmerer, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Doch das Werk, mit dem Barenboim beginnt, das Livre pur Cordes für Streichorchester, scheint die Stimmung des Bach-Stücks aufzunehmen. Da liegt ein Hauch von Trauer in den zarten Streicherteppichen, welche die Philharmoniker knüpfen, im ambivalenten Flirren, das von Beginn an aufgeladen ist mit nervöser Spannung. Dirigent und Orchester arbeiten präzise den Farbenreichtum dieses vielschichtigen Klangapparats sowie die Bewegung heraus, die dem Werk zugrunde liegt, die keine linearer ist, sondern eher eine der Gleichzeitigkeit – und doch mit Dynamik und gar Andeutungen von Rhythmik spielt, Kernelementen der Spannungserzeugung früherer Musiktraditionen. Das flächig transparente Spiel lässt immer wieder Rückblicke zu, fast meint man Melodiefetzen zu hören, dann wieder tauchen atmosphärische Reminiszenzen an eine Musiktradition auf, an die Boulez in der Interpretation von Barenboim und den Wienern zwar Hand anlegt, die jedoch stets Teil seiner DNA bleibt.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus)

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„Alles vergessen“

Nikolaus Harnoncourt dirigiert die Wiener Philharmoniker im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Zu Beginn des Nachgesprächs im zum Bersten gefüllten Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses fragt Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm Nikolaus Harnoncourt, wie er das, was er tut, denn mache. Dessen Antwort: „Alles vergessen“. In diesen beiden Worten liegt das Prinzip von Harnoncourts Herangehensweise an Musik, mit dem er einst die historisch-informierte Aufführungspraxis begründete und seit fast sechs Jahrzehnten Musiker und Publikum lehrt, vermeintlich Altbekanntes so zu hören – und zu spielen – als begegnete man ihm zum ersten mal. „ich lerne es ganz neu“, sagt er zum Anfang einer jeden Beschäftigung mit einem aufzuführenden Werk. Schon zu Beginn des Abends hatte er dem Publikum gesagt: „Die glauben, die Stücke, die wir spielen, zu kennen. Wir haben das auch geglaubt.“ Woraus für ihn folgt: „Sie hören heute nur Uraufführungen.“ Und wer schon einmal einem Harnoncourt-Konzert beigewohnt hat, weiß, dass dies so weit weg von der Wahrheit nicht entfernt ist. Man hat Harnoncourt oft als Historisierer missverstanden, als einen, der bestrebt sei, ein Werk so klingen zu lassen, wie es zu seiner Entstehungszeit klang. Doch eigentlich steht Harnoncourt den Gardiners und Norringtons kaum näher als den Furtwänglers und Karajans: Sein Bestreben, ist jedes Werk so aufzuführen, als begegnete man ihm zum allerersten Mal. Das war bereits vor wenigen Wochen im Gastspiel mit dem von ihm gegründeten Concentus Musicus Wien und einem reinen Mozart-Programm zu hören und das gilt auch diesmal, wenn er zum Höhepunkt einer ihm gewidmeten Hommage mit den Wiener Philharmonikern mit einem Schubert-Abend gastiert. Eine eigentlich seltsame Zusammenkunft: hier der akribische Partiturarbeiter, der zum Kern der Musik vordringen und die gesamte Rezensionsgeschichte außen vorlassen will – dort der Statthalter romantischen Schönklangs. Doch es ist gerade dieser vermeintliche Widerspruch der eine atemberaubende Symbiose ermöglicht und beide zu Wort kommen lässt.

Nikolaus Harnoncourt beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Berlin (Regie: Werner Kmetitsch)

Nikolaus Harnoncourt beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Berlin (Foto: Werner Kmetitsch)

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Fehlende Fallhöhe

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2014

Von Sascha Krieger

Jubiläen sind dazu da, gefeiert zu werden. Daran halten sich Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker ausgiebig, wenn sie jetzt seit 25 als Dirigent und Orchester zusammenarbeiten (die Beziehung des Klangkörpers mit dem Pianisten Barenboim dauert nun schon bald 50 Jahre), ausgiebig: Zunächst durfte Barenboim das diesjährige Neujahrskonzert leiten, jetzt eröffnen sie gemeinsam die diesjährigen Festtage der Staatsoper Unter den Linden. Mitgebracht haben die Musiker aus der Geburtsstadt der Wiener Klassik einen österreichischen Nationalheiligen: Das Programm ist ganz Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet, dessen drei letzte Sinfonien in der Berliner Philharmonie erklingen. Die Kernkompetenz also dieses bis heute elegantesten der großen Orchester, dessen weltberühmter Streicherklang sich hier so richtig austoben kann. Doch wer gemeint hätte, hier würde vor allem angenehmer und geschliffener Wohlklang zelebriert, Mozart auf das Podest vollendeter Klangkultur gestellt, sieht sich schnell getäuscht. Vom ersten Takt an versuchen Barenboim und die Philharmoniker Mozart eine Substanz und Ernsthaftigkeit einzuhämmern, die dem Salzburger schon längst keiner mehr abspricht. Koste es, was es wolle.

Daniel Barenboim dirigiert die Wiener Philharmoniker (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim dirigiert die Wiener Philharmoniker (Foto: Thomas Bartilla)

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