Archiv der Kategorie: Wiener Festwochen

Ausgekipptes Leben

Kornél Mundruczó / Proton Theatre: Látszatélet / Imitation of Life, Proton Theatre, Budapest / Wiener Festwochen / Hebbel am Ufer, Berlin / Theater Oberhausen (Regie: Kornél Mundruczó)

Von Sascha Krieger

Immer näher kommt das Gesicht der Kamera – oder ist es umgekehrt? Es ist kein junges Gesicht, eines, das viel erlebt hat, erlitten auch und erduldet. Zunächst ist es widerspenstig, widerständig, angriffslustig. Minutenlang streitet sich die Frau, der das Gesicht gehört, mit einigem Witz mit dem unsichtbaren, zunehmen ungeduldigen und aggressiven Mann, dem die Kamera zuzuordnen ist. Er lenkt den Blick, er hat die Kontrolle, er ist die Macht. Es geht zunächst darum, ob sie ihm persönliche Daten geben muss, ohne die er, wie er behauptet, ihr nicht sagen kann, worum es geht. Wie ein Ping-Pong-Match geht es hin und her, sie wirkt schlagfertiger, gewitzter und hat natürlich keine Chance. Denn, so erfahren wir wie nebenbei, sie ist eine angehörige der Roma-Minderheit in Ungarn, er Vertreter eines Inkasso-Unternehmens, beauftragt, sie aus ihrer Wohnung zu bekommen, „umzusiedeln“, wie sie es treffender nennt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Provokatiönchen am Fließband

Oliver Frljić: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt, Wiener Festwochen / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

In Die Ästhetik des Widerstands setzt sich Peter Weiss, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auseinander, ihrem Scheitern im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, die Rolle der Arbeiterklasse bei dessen Triumph, die in seinen Augen untrennbare Verknüpfung von faschistischer Ideologie und kapitalistischem System. Das dreibändige Werk war und ist ein Schlüsselwerk linken Denkens, dem das Berliner Hebbel am Ufer nun ein Festival widmet, zu dem der kroatische Theatermacher Oliver Frljić eine Arbeit beitragen darf. Das Ergebnis heißt Unsere Gewalt und eure Gewalt und schert sich ansonsten wenig um Peter Weiss und sein Werk. Das wäre auch nur störend, denn im Gegensatz zu Weiss hat Frljić eine angenehm übersichtliche Weltsicht. Die lautet in Kürze: Kapitalismus gleich Faschismus gleich Krieg gleich schuld an allem Übel in der Welt. Wenn also, nachdem gerade ein in Guantanamo-Orange gekleideter Gefesselter Gegenstand einer Hinrichtungsszene geworden ist, dessen Henker eine Schweigeminute für die Opfer islamistischer Terroranschläge ankündigt, folgt dieser eine zweite auf dem Fuße. Diese ist für die vier Millionen (die Zahl wir den ganzen Abend mantraartig wiederholt) Todesopfer in Syrien, dem Irak und Afghanistan, die natürlich einzig und allein „der Westen“ auf dem Gewissen hat.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Durch die Dunkelheit

Foreign Affairs 2016 – Franz Schubert/ William Kentridge: Winterreise, Festival d’Aix-en-Provence / Wiener Festwochen (Regie: William Kentridge)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit dem vielleicht wesentlichsten: Matthias Goerne ist der vielleicht beste Liedsänger unserer Zeit. Die Kombination von stimmlicher Kraft, klanglicher Wärme und variabelster Ausdrucksfähigkeit erlaubt ihm, auch (vermeintlich viel zu) oft gehörtes immer neu erscheinen zu lassen, so als entstünde es just im Moment des Vortrags. Franz Schuberts „Winterreise“ hat er oft gesungen und schon zweimal aufgenommen – mit dem großen Alfred Brendel und dem nicht minder talentierten Christoph Eschenbach. Und doch gibt es wohl keinen Sänger, der die Dunkelheit, die Schuberts Zyklus so erschütternd macht, so farbenreich zum Leben erweckt wie Goerne. wenn er die „Winterreise“ singt, lebt er jede Zeile – das Liebessehnen, die Verzweiflung, die Sehnsucht nach dem Tode. Seine Stimme formt den Schmerz, die Wut, die Resignation, die Verzweiflung – mal kraftvoll, fast dröhnend, dann wieder berührend zart, innig, an der Grenze zur Stille. Markus Hinterhäuser begleitet ihn schnörkellos, reduziert, schlicht. Das wirkt zuweilen etwas blutleer, vor allem zu Beginn ein wenig schleppend und gibt Goerne doch ein solides Fundament für seine Wanderung durch das menschliche Dunkel.

Bild: Patrick Berger / Artcomat

Bild: Patrick Berger / Artcomat

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Keine Angst

Falk Richter und Nir de Volff: Cittá del Vaticano, Wiener Festwochen / Schauspielhaus Wien (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Was ist das hier? Eine Podiumsdiskussion? Ein paar Freunde, die sich unterhalten über Gott und die Welt? Ein Bibelkreis? Vielleicht von allem ein bisschen. Um den Vatikan soll es gehen, das kleinste Land der Welt, in dem keine Frauen leben und in dem noch nie ein Kind geboren wurde. Was die Einbindung von Frauen angeht, ist sogar der IS fortschrittlicher. all das erfahren wir in den ersten Minuten von Falk Richters neuem Abend, natürlich auch über Korruption und Kindesmissbrauch und Heuchelei. Das ganze Programm, unterhaltsam vorgetragen in einer Art informeller Gesprächsrunde, in der die Darsteller*innen, eine Mischung aus Schauspieler*innen und Tänzer*innen, schnell aufs Persönliche kommen. Was bedeutet der Vatikan für dein Leben, fragt eine von ihnen und die Antwort ist meist: nicht viel. Doch da ist auch Steffen Link, Schauspieler, aufgewachsen in einer freichristlichen Gemeinde, schwul. Sein Leben ist geprägt von sich absolut setzenden Glaubensauslegungen, von der Anmaßung institutioneller Religion, über Geist und Körper des Einzelnen zu bestimmen. Er hat sie noch im Kopf, all die frommen Lieder. Aber auch die Heuchelei derer, die von einem freien Leben sprechen und zugleich die Kinder mit den Sünden vollpumpen, gegen die sie dann vorgehen.

Bild: Matthias Heschl

Bild: Matthias Heschl

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Egomanen im Schnee

Theatertreffen 2016 – Simon Stone nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Hause Borkman. Die Heimstatt des einstigen Bankdirektors ist begraben unter eine dichten Schneeschicht, zu der sich unaufhörlich neue Flocken gesellen und aus der sich die hier abgelegten Gestalten nach und nach schälen (Bühne: Katrin Brack). Die alten Geschichten, der tiefe Fall des einst Mächtigen, dessen betrügerische Machenschaften auch seine Familie zerstört haben, sind, man verzeihe die naheliegende Phrase, Schnee von gestern. Und doch nicht vergangen. Denn wenn das Vergessen schon bei Henrik Ibsen so schlechte Arbeit leistete, wie sieht das dann erst heute aus? Das Internet, so heißt es, vergisst nie, wie uns Gattin Gunhild zu Beginn berichtet. Sich selbst zu googlen? Ein Albtraum! Also müssen sie immer wieder auferstehen, die Zombies, die sich eingegraben haben in Selbstmitleid und Selbstbetrug.

Bild: Reinhard Maximilian Werner

Bild: Reinhard Maximilian Werner

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Ein Sprachkurs für Europa

Nach Jaroslav Hašek: Kauza Schwejk / Der Fall Švejk, Wiener Festwochen / Theater Bremen / Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Josef Schwejk, der Held des Weltbestsellers des tschechischen Romanciers Jaroslav Hašek ist längst zum Synonym geworden: für den einfachen Mann, der ins große Weltgetriebe gerät und alles tut, um unbeschadet wieder herauszukommen, und der dabei mit Witz und Schläue die Lächerlichkeit der Kriegs- und Heldenrhetorik der Mächtigen entlarvt. Er ist der „kleine Mann“, der Überlebenskünstler, der Stachel im Fleisch der Narrative von Gut und Böse, ein Eulenspiegel des 20. Jahrhunderts. In  der Bearbeitung des tschechischen Regisseurs Dušan David Pařízek bleibt er abwesend. Hier spricht er nicht, hier wird über ihn gesprochen. Und vor allem gerichtet. Die Handlung? Ein General will den vermeintlich Fahnenflüchtigen hängen lassen, ein Kadett versucht, zumindest den schein des Rechtswegs zu wahren, drei Tchech*innen, eine Art Verteidigerin und zwei Zeugen, sowie ein ungarischer Zeuge der Anklage verkomplizieren die Sache. am Ende ist kein Schuld- oder Freispruch gefallen, die Lage aller Beteiligten im Schwebezustand.

Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Spiel es noch einmal, Frank!

Nach Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Wiener Festwochen / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Es ist geschafft: Mit Die Brüder Karamasow hat Frank Castorf seinen Dostojewski-Zyklus an der Volksbühne beendet, dessen letzten und vielleicht auch gewichtigsten Roman auf die Bühnenbretter am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt. Und noch etwas ist vollendet: die Entwicklung der Volksbühne zum Gesamtkunstwerk, in dem Zuschauer und Bühne eins werden, es kein Draußenbleiben mehr gibt, geben kann. Es war Bert Neumanns letzter Streich, der einheitliche Bühnenraum, der den gesamten großen Saal der Volksbühne einnimmt. Bühne und Zuschauerraum gehen in einander über, letzter ist asphaltiert, Neumanns berühmte Lametta-Vorhänge, diesmal in Schwarz, bedecken die gesamte Wand, es gibt Bretter-Zäune und -Verschläge, im hinteren Bereich eine mehrstöckige Containerwand mit zahlreichen Innenräumen, mit einem dauerblinkenden Zeichen, das freie Zimmer verspricht. Die Bühne als Welt oder zumindest deren Abbild, jetzt sitzen wir mitten drin. Und es ist eben nicht nur die Welt eines Abends, sondern jene dieses Hauses. Fast trotzig wirkt das, zwei Jahre vor dem Ende von Castorfs Intendanz, wie ein letztes Aufbäumen einer längst verdammten Utopie.

Foto: Sascha Krieger

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Die Geister, die wir riefen

Christoph Marthaler: Letzte Tage. Ein Vorabend, Wiener Festwochen / Staatsoper im Schiller Theater, Berlin (Regie: Christoph Marthaler)

Von Sascha Krieger

Stille. Irgendwo, weit weg in der Ferne, beginnt ein Klavier zu spielen. Es sind sperrige Klänge, die sich wiederholen, nicht so recht vorankommen wollen. Eine Frau betritt den Raum, setzt sich ans Klavier und beginnt zu spielen. Heitereres, dem ungeübten Ohr Angenehmeres. Kaum hebt es den Kopf, wird es von den nun selbstbewussteren Tönen aus dem Off überspült. Lange währt dieses musikalische Zwiegespräch, das kein Dialog ist, eher ein sanft verzweifelter Versuch, nicht zu verstummen, die Stille mit Bedeutung zu füllen. So beginnt Christoph Marthalers Letzte Tage. Ein Vorabend, der im Rahmen der Wiener Festwochen 2013 Premier hatte und dort im alten Saal des österreichischen Parlaments zur Aufführung kam. Dieser Ort wird auch bei der jetzigen Übernahme an die Berliner Staatsoper im Schiller Theater thematisiert: durch den Beamten, der die Putztruppe zu Beginn anweist und die Geschichte des Raumes anreißt, oder die chinesische Touristengruppe, die gegen Ende des Saal durchquert und krampfhaftversucht, ihn im Blitzlichtgewitter in die Gegenwart zu zerren.

Abstauben der Gespenster (Foto: Bernd Uhlig)

Abstauben der Gespenster (Foto: Bernd Uhlig)

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Utøya in Nimmerland

F.I.N.D. 2014 – Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy), Atra Bilis Teatro / Wiener Festwochen (Regie: Angélica Liddell)

Von Sascha Krieger

„Wo ist Wendy?“ Gebetsmühlenartig, zwanghaft, mit wachsender Panik wiederholt die Frau im weißen Kleid, diese Frage, immer schneller, immer hektischer, begleitet von Bewegungen, sie somnambul beginnen und zu einer Art krampfendem Tanz werden. Mit dieser verzweifelt getriebenen Suche nach dem Ich beginnt Angélica Liddells Version der Geschichte von Wendy, der Gefährtin Peter Pans, lange erwachsen und doch nicht versöhnt mit dem „Tod der Jugend“, wie sie es einmal nennt. Manisch kopuliert sie mit dem aufgeschütteten Erdhügel, bevor Peter, ein grotesker kleiner Mann mit lächerlich aufgesetzter Jungenhaftigkeit, erscheint, ein Terrorist des Jugendwahns, wie sie auch gern eine wäre. Im Off wird ein Lehrerin-Schülerin-Dialog eingespielt, immer und immer wieder, in der ein Wordsworth-Gedicht über den Verlust der Unschuld zum Tränenausbruch der Jüngeren führt, unzählige Male wir „House of the Rising Sun“ angespielt. Die verlorenen Söhne und Töchter, das sind sie. Nur sind sie längst nicht mehr Söhne und Töchter. Das Geplänkel zwischen – der zweiten – Wendy (Lola Jiménez) und Peter weht von fern heran und ist doch von jeher beschmutzt. Ihre Beziehung ist eine primär sexuelle und stets aggressive. „Von Geburt an ist unser Hauptziel sexuell“, heißt es an einer Stelle. Bald ist von Utøya die Rede, jener Insel, auf der 69 Jugendliche und junge Erwachsene ermordet wurden. Für Wendy kein Grund zum Mitleid, eher zum Bedauern. Für sie starb an jenem Tag die Jugend, reduziert auf sexuelle Kraft und Begierde, 69 sexuelle Objekte für immer ihrem Griff entzogen.

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Foto: Nurith Wagner-Strauss

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