Archiv der Kategorie: Volkstheater Wien

„mein schön deutsch sprach“

Theatertreffen 2022 – Nach Ernst Jandl: humanistää! eine abschaffung der sparten, Volkstheater Wien (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Bevor das erste Wort gesprochen wird, ist, wenn nicht alles, so doch vieles bereits gesagt. In einem kleinen kalten wartezimmerartigen Raum inmitten einer grauen Wand ergeht sich ein Paar in einem Abendessen-Crescendo. Angetrieben von langsam anschwellender, rhythmusdurchpulster minimalistischer Musikbegleitung aus dem kleinen Orchestergraben steigert sich das Ballett des Brotschmierens und Anstoßens in immer groteskere Überzeichnungen, in zunehmend bizarrere ekstatische Bewegungsorgien bis zur totalen Eskalation und vollständigen Erschöpfung. Gespielt von wechselnden Darsteller*innen zeichnet die mehrminütige Sequenz die körpersprachliche Miniatur einer Beziehung am Abgrund, die as dem Ruder läuft, bis jede Fiktion eines alltäglichen Miteinanders vollständig ad absurdum geführt ist.  Ein atemlos absurdes Körpertheater, das kein Auge trocken und keine Eskalationsstufe ungesagt lässt.

Bild: Nikolaus Ostermann/Volkstheater

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Weiterspielen

Nach dem Roman von Horace McCoy: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss, Volkstheater Wien (Regie: Miloš Lolić)

Von Sascha Krieger

Man kann sie schon suchen, diese Linie von den berüchtigten Tanzmarathons der Zeit der „Großen Depression“, wie die dortige  Ausprägung der Weltwirtschaftskrise in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren in den USA heißt, und der Zurschaustellung nach Geld und ein bisschen Ruhm Dürstender im modernen TV-Castingshow-Betrieb. Auch wenn die Motiovationen – damals tanzte man für Wochen, um zu überleben – für die Zeit des Wettbewerbs gab es kostenlose Verpflegung, für das Siegerpaar gar ein Preisgeld, heute für ein wenig Aufmerksamkeit und eine Karriere am Rande des Showbusiness (auch damals allerdings schon ein intendierter Nebeneffekt, fanden sich doch immer auch Talentscouts ein), die Mechanismen, die dabei wirkten, sind ähnliche. Im Mittelpunkt steht das gaffende, voyeuristische Publikum, sich ergötzend am Leid, der Erniedrigung oder auch nur der Lächerlichmachung anderer, dies auch dienend der Illusion eigener Selbsterhebung. In Miloš Lolićs Adaption sind wir diese Zuschauer*innen, buhlen die Teilnehmer*innen um unsere Gunst.

Bild: http://www.lupispuma.com / Volkstheater)

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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Wenn der Text zum Körper wird

Peter Handke: Selbstbezichtigung, Berliner Ensemble / Volkstheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

So ganz frisch ist der Text ja nicht mehr. Selbstbezichtigung stammt aus dem Jahr 1966 und gehört zu den „Sprachstücken“ des jungen Peter Handke, ist also ein Schwesterwerk der ungleich berühmteren Publikumsbeschimpfung. Wie dieses attackiert es die damals geltenden Grundprinzipien des Theaters frontal. Es wird nicht gespielt, sondern gesprochen, und es ist die Sprache selbst, um die es kreist, nicht Handlung oder (politische) Botschaft. Der frühe Handke ist von Ibsen genau so weit entfernt wie von Brecht. Sein Theater beschäftig sich mit sich selbst, seinen Mechanismen und Gewissheiten, seinen Illusionen und seiner Arroganz. Publikumsbeschimpfung mag in seiner Aggression gegen den passiven Teil des traditionellen Theatererlebnisses, den Zuschauer, seiner beinahe gewalttätigen Aufbrechung des Konsenses zwischen Theater und Publikum über deren jeweilige Rollen das radikalere Stück sein – Selbstbezichtigung ist womöglich das modernere. Hier ist das Publikum wieder passiv, schaut und hört zu, mag mal angesprochen werden, aber rezipiert vor allem auf fast schon klassische Weise.

Bild: Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien

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