Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Sprühsahne statt Suizid

Leiden ohne Liebe (aua aua, OHWEH OHWEH), P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marlene Knobloch)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dies ja der Tag der Rache. Acht junge Menschen zahlen es dem Peiniger all der jungen Generationen der vergangenen Jahrzehnte heim, der sie quälte, ihnen die Lust an Literatur und ihrem bekanntesten Vertreter deutscher Zunge verleidete, Konzepte von der Liebe und dem Leiden an ihr, durch sie vermittelte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Der Werther ist’s, der schmachtende, suizidale Künstler, der an einer unerfüllten Liebe zu zerbrechen glaubte und sich selbst zerbrach. Ihm können sie es jetzt zeigen, ihm die Leviten lesen, ihn einem Exorzismus unterziehen, der sich gewaschen hat. Und wenn Menschen, die gerade die Tür zur Pubertät zu geschlagen haben oder vielleicht sogar noch im Türrahmen stehen, eines wissen, dann, dass Lächerlichkeit eine der schärften Waffen ist, die ein Mensch in seinem Arsenal haben kann. Also ziehen die angepissten Acht alles durch den Kakao, was sie mit dem Werther! und dem Kult um das Leiden, das zum Lieben gehöre, verbinden, durch den Kakao. Oder in diesem Fall die reichlich eingesetzte Sprühsahne.

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Sänfte, ruh!

Albert Serra: Liberté, Volksbühne Berlin (Regie: Albert Serra)

Von Sascha Krieger

Zu den wenigen Linien, die sich in Chris Dercons, formulieren wir es freundlich, schwierigem ersten Jahr als Intendant der Volksbühne, erkennen lassen, gehört der Versuch, Korrespondenzen, Dialoge, Interaktionen zwischen Theater und Bildender Kunst zu inspirieren. Vorläufiger Höhe- – für nicht wenige vor allem in der Berliner Theaterkritik – Tiefpunkt dieses Versuchs ist Liberté, die Arbeit eines Künstlers, der als Filmemacher in beiden Disziplinen Außenseiter ist. Serra, Spezialist für meditative Historienfilme, hypergenaue Portraits geschichtlicher Figuren, handlungsarm, atmospphärisch dicht und hochkünstlich, malt. Eine bevölkerte Landschaft im Rokostil, der Name Watteau findet sich in fast jeder Rezension des Abends wieder. Eine Wegkreuzung, ein paar kleine Erhöhungen, ein Teich, viel Grün, im Hintergrund eine bewaldete Landschaft: Das riesige Bühnenhalbrund öffnet sich zu einem brandenburgischen Idyll irgendwann im 18. Jahrhundert (Bühne: Sebastian Vogler). Ein Idyll in ewiger Dämmerung.   Licht fällt dorthin, wo es natürlich wäre: hier ein Mondstrahl, dort der Kerzenschein einer der vielen Sänftern, die bei Serra so etwas wie die Hauptfigur sind. Alles andere, oft auch die Darsteller*innen, liegt im Dunkeln. Zuweilen ein Sonnenaufgang, nicht mehr. Ein opulentes Illusionsbild, in dem man sich verlieren kann.

Bild: Román Yñan

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Schrein oder Nichtsein

Nach Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern, Volksbühne Berlin / Münchner Kammerspiele (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Der Tod ist schwarz und trist. Stirbt jemand, wird getrauert, geweint, gelitten. In ehrfurchtsvoller Stille. Der Umgang mit dem Tod gehört zu den ältesten und am festesten gefügten Säulen des gesellschaftlichen Kompromisses, den wir Kultur zu nennen pflegen. Die abendländische, um genau zu sein. Doch da fängt es schon an: Auch in diesem so genannten Okzident ist diese Art, sich dem Letzten, Unvermeidlichen zu stellen – oder eben auch nicht – alles andere als konsensfähig. Und wie anders sieht es aus, wenn wir uns einmal eingestehen – in Zeiten, in denen Heimatminister ernannt werden, keine ganz einfache Aufgabe – dass die Welt nicht an der so genannten „europäischen Außengrenze“ endet. Tut man das, erkennt man schnell, wie anders der Tod in vielen Teilen der Erde wahrgenommen wird. Als neue Etappe, als Begleiter, als Freund. Zumal der pietätvolle Umgang mit dem Sterben auch hierzulande oft nur Heuchelei ist. Die westliche Massenkultur ist eine einzige Feier des Todes, oder eher seine Ausbeutung und auch in Kunst und Literatur ist seine Verherrlichung und Verkitschung kein neues Phänomen. Auch Theaterregisseurin Susanne Kennedy hat sich in den vergangenen Jahren des öfteren mit dem Lebensende befasst. In Die Selbstmord-Schwestern stellt sie sich dem Gevatter so frontal und direkt, wie es in ihrem antitheatralen Theater, das davon träumt, einmal ganz ohne den Menschen auszukommen, möglich ist.

Bild: David Baltzer

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Wider die Eindeutigkeit

Nach „Franziska“ von Frank Wedekind: Betrunken am Highway, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Charlotte Brandhorst)

Von Sascha Krieger

Willkommen in der Zeitkapsel. P14, die Jugendtheatergruppe der Volksbühne, ist ja so etwas wie das Gallische Dorf des Hauses. Ganz Volksbühnenland ist von den „Neoliberalen“ besetzt? Nein, eine Enklave harrt aus, lässt die Fahne der viel beweinten und vermissten guten alten Castorf-Zeit flattern, wenn auch ein wenig versteckt im 3. Stock („Wir wussten gar nicht, dass das hier existiert“ ist ein Satz, der vor gefühlt jeder Vorstellung zu hören ist). Und Caesar alias Chris Dercon? Der hat gar keine Absicht, auch diesen letzten Winkel zu erobern, lässt P14 die gleiche Autonomie wie Castorf. Gut fürs Feindbild ist das nicht. Dafür umso besser fürs Spiel, ohne das Theater ja bekanntlich nicht kann. Wo an anderen Häusern Jugendliche eingeladen werden zum Theatermachen, laden sie sich hier selbst ein, schreiben ihre Stücke, führen Regie, machen Bühne, Kostüme und Licht. Unterstützung gibt es, wenn sie sie wünschen. Sie haben das Sagen und das macht diesen Ort so besonders. Mitunter auch besonders anstrengend.

Betrunken am Highway - P14

Bild: Jakob Fliedner

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Killing us softly

Jérôme Bel: The show must go on, Volksbühne Berlin (Regie: Jérôme Bel)

Von Sascha Krieger

Wie geht es eigentlich Berlins neuer Eventbude am Rosa-Luxemburg-Platz (der im Übrigen dringend einen gentrifizierten neuen Namen bräuchte)? Zuweilen scheint es so, als betrachte Neu-Intendant Chris Dercon die ihm entgegengeschleuderte Litanei der immer gleichen Ausverkaufsvorwürfe als eine Checkliste, die es abzuarbeiten gilt. Da passt die aktuellste, nun ja, Premiere wunderbar ins Bild. The show must go on ist eine 16 Jahre alte (Check!) Arbeit des Regisseurs und Tanztheatermachers (Check!) Jérôme Bel (internationaler Künstler – Check!), die seitdem durch alle Ecken der Welt tourt (Check!). Mehr Eventbude geht nicht! Oder vielleicht doch? Dazu müsste man jedoch genauer hinschauen, was gerade im Berliner Kulturk(r)ampf nicht so angesagt ist. Tut man es trotzdem, findet man schnell heraus, dass das mit der Recycling-Kunst doch etwas schwieriger ist. Denn die Produktion „tourt“ eigentlich nicht – sie wird nur an unterschiedlichen Orten immer neu aufgelegt. In der Regel mit lokalen Ensembles. Oft gemischt, mal nur Laien, auch Produktionen mit behinderten Menschen gab es. In Berlin sind es jetzt Mitarbeiter*innen und Freund*innen der Volksbühne. Ein Theaterarzt, eine Bühnenbildnerin, eine Kassenmitarbeiterin. Professionelle wie Amateur-Tänzer*innen sind dabei, ein Abiturient, die Schauspielerin Anne Tismer, Freund*innen von Mitarbeiter*innen des Abenddiensts. Kommerzialisierung? Gesichtslose Eventkunst?

Bild: David Baltzer

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Jenseits von Holywood

Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler: Prolls auf Pferden *there will be noise complaints, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler)

Von Sascha Krieger

Die Volksbühne unter Frank Castorf war ein Theater der Selbstüberschätzung, der Überforderung – für Künstler wie Publikum – des Zuviel. Eines, das überfloss vor Assoziationen, losen Ende, Metaebenen und allem anderen, was die Theatermaschinerie zu bieten hatte. Ein Theater der dauernden Grenzüberschreitung, aber auch der Lust am Scheitern. Man kann trefflich darüber diskutieren, welche dieser Punkte sich in welcher Reinkarnation an Chris Dercons „neuer“ Volksbühne wiederfinden – an einem Ort ist die Castorf-Bühne noch nicht Geschichte. Ein gallisches Dorf ist im Reich des Cäsaren Dercon geblieben (man entschuldige diese überaus schiefen Asterix-Vergleiche) und leistet, nun ja, Widerstand: das P14 Jugendtheater mit seiner Spielstätte im 3. Stock, nach wie vor autonom, unabhängig und mit einem Rest Anarchie gesegnet. Und einem gehörigen Schuss Castorfscher Selbtsüberschätzung. Der neue Abend, der zweite nach dem Intendanzwechsel, ist dafür ein Paradebeispiel. Unverschämt schon der Anspruch: 50 Jahre Filmgeschichte in einem vierstündigen Theaterabend“ wolle man darstellen, ein Versprechen, das man dann nicht ganz einhält – der Abend endet nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden. Ansonsten wird geklotzt: Ein dreiköpfioges Autor*innen- und Regisseur*innen-Team packt nicht weniger als 19 (!) Darsteller*innen auf die eigentlich viel zu kleine Bühnen, nicht gerechnet die dreiköpfige Band in ihrem Verschlag, halb verdeckt von einem Lamättavorhang.

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Ein Traum vom Nichts

Susanne Kennedy: Women in Trouble, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Zeit der Anfänge im Theater-Berlin. Während das Berliner Ensemble mit seinen ersten Malen schon ins Detail geht (der erste Castorf, der erste Mondtag), geht es an der Volksbühne noch um die Basics. Hier stand jetzt im Großen Haus die erste wirkliche Schauspiel-Premiere (alles andere war bereits zuvor einmal woanders zu sehen oder fand in Tempelhof statt) und gleichzeitig die erste Schauspiel-Uraufführung statt. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Apropos Klappe. Ach nein, dem widmen wir uns später. Zur Sache: Susanne Kennedy gab (endlich, mag so mancher Theater-Kenner hinzufügen) ihr Berlin-Debüt (noch so ein erstes Mal) und das auch noch mit einem Abend, der ganz allein von ihr konzipiert ist, ohne eine Vorlage zum Sich-Abarbeiten. Der Druck war groß: Würde Intendant Chris Dercon nach der von vielen als desaströs empfundenen Erföffnung das sprichwörtliche Ruder herumreißen? Nicht weniger als die Zukunft der Derconschen Volksbühne, so raunte es im Vorfeld, stand auf dem Spiel. Susanne Kennedy, die Retterin. Das kann nicht funktionieren und tut es auch nicht.

Bild: Julian Röder

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Die sich ins Leben singt

Wolfgang Herrndorf (Bühnenfassung von Robert Koall): Bilder deiner großen Liebe, Theater Neumarkt, Zürich (Regie: Tom Schneider) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin (Roter Salon)

Von Sascha Krieger

Da ist sie nun: Isabelle, „Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles andere“. Einer ganzen Leser*innen-Generation ist sie bekannt als episodische, doch hängen bleibende Figur aus Wolfgang Herrndorfs Roman-Äquivalent eines viel zu oft gehörten Songs, Tschick. Das mit dem Hängenbleiben galt auch für den Autor, den sie nicht losließ. Und so besuchte er sie noch einmal, gab ihrer Stimme in Bilder deiner großen Liebe eine literarische Bühne, ein die Zeit vergessendes Mäandern durch das, was einmal ein Leben hätte sein sollen, die Welt und das Universum „und alles andere“ umfassend. Unvollendet ist der Roman geblieben und das passt zu ihm wie zu den anderen großen unvollendet gebliebenen Werken der Kunstgeschichte. Schuberts Sinfonie gleichen Namens etwa oder Kafkas „Amerika“-Roman. Werke, die nicht enden können, weil sie keinen Anfang haben. Oder besser, weil Anfang und Ende hier identisch sind, weil die Zeit nicht linear, der Raum nicht dreidimensional fassbar ist. Doch der Rezensent schweift ab. So wie Isa, die in Tom Schneiders Zürcher Bühnenadaption aussieht wie Sandra Hüller. Die da steht in einer bestenfalls skizzierten Andeutung von Welt. Eine Konzertbühne, darauf ein Drumset auf Fellteppich, musikalische Equipment, eine Topfplanze, ein schwarzer Ledersessel in der Ecke. Zu wenig zum Leben, genug zum Erzählen.

Bild: Niklaus Stauss

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Leichenschmaus in Pink

Lolita will nicht sterben, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einer Warnung: Auf an die Türen geklebten Zetteln im knallogen Rot der neuen Volksbühne wird das Publikum darauf hingewiesen, dass es  in der folgenden Aufführung um Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und den „Tod der Eltern“ ginge (den Mord verschweigt man geflissentlich). Nicht dass sich jemand gestört fühlt. Theater als Wohlfühloase und Servicebetrieb? Es ist spannend zu beobachten, wie die neue Intendanz immer wieder die an sie gerichteten Vorurteile erfüllt. Dabei ist das, was anschließend zu sehen ist, so bedrohlich nicht. Und auch nicht neu. Denn bei allem Gerede vom radikalen Bruch, einer vermeintlichen Auslöschung der jüngeren Volksbühnengeschichte gibt es sie, die Enklaven, in denen man einfach weitermacht, weitermachen darf. Wie bei P14: Die Jugendtheaterabteilung der Volksbühne besteht nicht nur fort, sie macht auch genauso autonom und mit vielen der Beteiligten weiter, die schon unter Castorf dabei waren. Kontinuität statt Neuanfang. Auch das geht also unter Chris Dercon.

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