Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Die unerträgliche Länge des Moments

Susanne Kennedy und Markus Selg: ULTRAWORLD, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Irgendwo zwischen Kacheln und antiker Ornamentik sind die elemente angesiedelt, die das Portal bilden, auf das der Zuschauer zunächst starrt. Darin fließt und bewegt es sich wie in einem Ozean, einer Ursuppe, rot und lila und blau, bereit, daraus eine Welt entstehen zu lassen. Zuletzt musste man als Zuschauer*in ein solches Portal noch durchschreiten, um zur „Coming Society“, einer reichlich esoterisch angehauchten Gesellschaftsvision zu gelangen, nun darf man mehr oder minder bequem und zumindest gefühlt reichlich lang in den Volksbühnen-Sitzen verbleiben und passiver Zeuge einer Welterschaffung werden. Außer Kay Voges beschäftigt sich derzeit wohl keine andere deutschsprachige Theatermacherin so sehr mit der Frage, wie die digitalen Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden, nicht nur unsere Leben verändern sondern auch unser Menschsein. Kennedy hatte schon in früheren Arbeiten das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und produziert sind wie die Vorstellung eines Selbst. Dass das ins Esoterische zu kippen vermag, zeigte sie in Coming Society, einer Arbeit mit dem Künstler Markus Selg, mit dem sie auch jetzt wieder arbeitet.

Bild: Julian Röder

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Kreisen ohne Mitte

Nach Allen Ginsberg: HOWL, Volksbühne Berlin (Regie: David Marton)

Von Sascha Krieger

Howl, Allen Ginsbergs Langgedicht, gilt als Sternstunde, Höhepunkt, Essenz der Beat Poetry, jener wilden sprachlichen Befreiungsbewegung aus der Enge des Nachkriegs-Amerikas der 1950er-Jahre, der McCarthy-Zeit, der bleiernen Schwere des wohlstandseligen Stillstands. Drogengeschwängert, sexuell rebellisch, Regeln in den Wind blasend, den Bob Dylan, ohne die Beat Poets ohnehin nicht denkbar, nur wenige Jahre am Beginn des Jahrzehnts, das als das revolutionäre, gesellschaftsverändernde bekannt werden würde, beschwören sollte – Howl ist und enthält alles, das die Beat Generation ausmachte, alle Grenzüberschreitungen in einem einzigen langen, nicht zu unterbrechenden Sprachrausch kondensiert. Zu Beginn von David Martons Bearbeitung an der Volksbühne ist davon nichts übrig geblieben. Ruinen und Baustellenfragmente bevölkern Christian Friedländers Bühne, eine bonbonpastelliger Brunnen steht verloren herum, Sir Henry betritt in Fünfziger-Anzug-mit-Hut-Kluft die Bühne und verliest die „Holy“-Tirade Ginsbergs mit der Verve einer Tagesordnungsverlautbarung einer Behördensitzung. Hier ist kein Rausch mehr, nur noch trockene Worte auf vergilbtem Papier, die keine Welt mehr haben, keine Wirklichkeit mehr kennen, denen jeder Bezug abhanden gekommen ist.

Bild: David Baltzer

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Deutschland, eine Geisterbahn

Nach Heiner Müller: Germania, Volksbühne Berlin (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

„Der Mund entsteht mit dem Schrei“. Heiner Müllers Exkurs, der Edvard Munchs berühmtes Gemälde mit den Schrecken des diesem folgenden Jahrhunderts, bezogen auf und ausgehend auf des autors Heimatland Deutschland, assoziiert, steht, wie er sollte, am Ende dieses dreistündigen Abends, an dem Claudia Bauer nahezu Unmögliches versucht. Nicht nur will sie seine beiden monströsen Germania-Stücke, jenes frühere sich am Stalismus abarbeitende, und das aus der Nachwendezeit, das nochmal den Bogen ganz weit zurückschlägt in die in die Gegenwart wirkende deutsch-preußische Geschichte, zusammenbringen. Nein, ihr schwebt auch vor, das Müllersche Geschichtsverständnis, seine Ansichten zur Menschheit und ihrer vermeintlichen Entwicklung, die in diesen Arbeiten besonders am Werk sind und auch thematisiert werden, in Theater zu übersetzen. Das kann nur scheitern, die Frage ist nur, auf welchem Niveau. Der Aufwand den Bauer in ihrer ersten Volksbühnen-Regie betreibt, ist beträchtlich: Neben dem achtköpfigen Ensemble stehen ein Orchester, drei Sängerinnen, ein Chor und eine Hand voll Puppenspieler*innen auf der Bühne. Totaltheater nennt man das wohl, spartenübergreifend, allumfassend.

Bild: Julian Röder

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Im rosa Nebel

Katja Brunner: Die Hand ist ein einsamer Jäger, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Pinar Karabulut)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Katja Brunners Die Hand ist ein einsamer Jäger ein wütendes Stück. In an Elfriede Jelinek gemahnendem an Kalauern reichen sprachlichen Furor, arbeitet es sich an den Zumutungen ab, die „wir“ als Gesellschaft lange – und vielleicht noch immer – als selbstverständlich erachte(te)n, wenn es um den weiblichen Teil unserer Bevölkerung ging. Die Reduktion auf „weibliche“ Rollenmuster, die Sexualisierung und Objektifizierung, das „Mitspielen“ beim patriarchal sexistischen „Spiel“. Bei Brunner treten sie auf: die Bulimikerinnen, die im Wortsinn auf Vaterland und Gesellschaft kotzen, die die „Göttin der Entleerung“ als Unabhängigkeit Bringende anbeten, während sie in Wirklichkeit nur die eigene Unterwerfung unter gesellschaftliche Normierungen verkörpert – Selbstentäußerung als Rebellion und Kapitulation zugleich; die Teenagerinnen, die sich ungebetene Hände in der Hose ebenso wie die Unterordnung unter Männerphantasien gefallen lassen müssen; die gerade Geborene, die im Schnelldurchlauf erwachsen geworden, sich bedankt dafür, gelernt zu haben, nicht Nein sagen zu können, und dass sie das Glück haben würde, sich durch ihre Potenz beweisen zu können.

Bild: Vincenzo Laera

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Ins Netz gegangen

Kay Voges & Ensemble: Don’t Be Evil, Volksbühne Berlin (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Kay Voges steht bekanntlich vor dem Abschied. In zehn Jahren Intendanz hat er das Schauspiel Dortmund zu einem Haus gemacht, über das nicht nur gesprochen wird, sondern das als Vorreiter gilt für die Beschäftigung des Theaters mit der digitalen und medialen Wirklichkeit unserer Zeit, das sich wie kein zweites damit befasst, was das Online-Sein, die Virtualisierung von Kommunikation und Information, die Multiplizierung der Erfahrungsräume und der ständige Overkill mit uns machen – im Negativen wie im Positiven. Nun steht das Dortmunder Projekt kurz vor dem Ende – nach dieser Spielzeit wechselt Voges ans Wiener Volkstheater – und beinahe scheint es, als stünde auch sein theatrales Experiment vor dem Abschied. Denn was er bei seiner ersten Arbeit an der Volksbühne vorlegt, lässt sich kaum als etwas anderes lesen als eine Abrechnung mit dem Internet, den sozialen Medien, der Tyrannei der Timelines. Gesperrt in einen zunächst golden glänzen Käfig sich – real und virtuell – immer weiter aufspaltender Quadrate (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch), einem Würfel nur noch virtueller Erfahrung, erscheint die Welt der weltweiten Verfügbarkeit unendlich klein, eng und hässlich.

Bild: Julian Röder

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Menschen, Ratten, Götter

Nach Homer, neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason: Eine Odyssee, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, seit dieser Spielzeit für die kommenden zwei Jahre Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne, haben es die Mythen, die großen Ursprungserzählungen unserer Welt angetan. Am Schauspiel Hannover hat er die seiner Heimat, Die Edda, zu einer vielschichtigen theatralen Reglexions-, Bilder- und Zeitmaschine transformiert, große Bögen über noch größere Menschheitsfragen geschlagen. An der Volksbühne ist es nun eine Erzählung, die zu den Kernnarrativen (auch mittel)europäischer Kultur gehört: jene von den Irrfahrten des Heerführers, der im Alleingang und mittels einer List den trojanischen Krieg gewann, jenen, der alle Kriege beenden sollte – ein an diesem Abend mehrfach fallender Satz, der bekanntlich einst auch den Weltkrieg beschreiben sollte, den wir heute den ersten nennen. Und der, wie wir heute wissen, nur der Anfang war. Auch bei Homer: Denn wo der Krieg endete, mit der Ilias, begann die Irrfahrt, das Verlaufen der Menschheit, die bis heute den Weg zurück in ihr friedliches Zuhause finden konnte.

Bild: Vincenzo Laera

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Kein weites Feld

René Pollesch stellt sich als künftiger Intendant der Berliner Volksbühne vor

Von Sascha Krieger

Update: Das im Artiel zitierte und bei der Pressekonferenz in Teilen verlesene programmatische Bewerbungsschreiben René Polleschs ist hier dokumentiert und vollständig nachzulesen.

„Es ist nicht mein Lebenstraum gewesen, Intendant zu werden.“ Ungewöhnliche Worte für einen, der in den Augen mancher, wohl auch des neben ihm sitzenden Berliner Kultursenators Klaus Lederer,  nicht weniger sein soll als der Retter jenes ins Schlingern geratenen Theaterdampfers Volksbühne. Und nein, wie ein solcher, sieht der Mittfünfziger, der da auf dem Podium im Roten Salon sitzt, nicht aus. Sichtlich unwohl ob der ungeliebten Aufmerksamkeit hält er sich an den zuvor an die Journalist*innen ausgeteilten fünf Schreibmaschinenseiten fest, die er als sein Bewerbungsschreiben für den Posten bezeichnet und aus denen er Auszüge vorliest. Es ist ihm wichtig sich zu erklären, auch weil mit seinem Namen naturgemäß so manches verbunden ist, was für die einen Versprechen ist und für die anderen Last, immer jedoch eines: ein Rückgriff auf die Ära Frank Castorf, die vermeintlich so goldene jüngere Vergangenheit des Hauses. Mit der bleibt René Pollesch, Castorfs designierter Nach-Nach-Nachfolger verbunden. Fast zwanzig Jahre hat er hier gearbeitet, er gilt als eine der prägenden Gestalten dieser Zeit. Eine Entscheidung für ihn ist eine für die „alte Volksbühne“, ein logischer Schritt für einen Kultursenator, der im Wahlkampf aus seiner Ablehnung des Museumsfachmanns Chris Dercon, den der ob seiner Vergangenheit als Popmusik-Label-Manager ehemalige Kulturstaatssekretär in der Stadt stets verachtete Tim Renner als neuen Intendanten geholt hatte, nie einen Hehl machte. Auch in der Folge verweigerte Leder dem unglücklich agierenden und einer regelrechten Hasskampagne ausgesetzten Dercon die Rückendeckung.

René Pollesch bei der Vorstellung im Roten Salon (Bild: Christian Rakow / nachtkritik.de)

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Unterkühlte Gespenster

Frank Wedekind: Lulu, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Die Aufgabe, die sich Stefan Pucher gestellt hat, ist nicht gerade trivial: Frank Wedekinds Lulu, diese düster morbide Feier befreiter Sexualität mit der Frau als einer Art personifiziertem Lustprinzip bietet sich nicht unbedingt für eine emanzipatorische, gar feministische Lesart an. Zumal, wie das Programmheft zugibt, das Kernteam – inklusive längst totem Autor – vollständig männlich ist. Was also tun, um das Objekt Frau, das auch Wedekinds Lulu immer bleibt, aus ihrer Rolle, ihren Rollen zu befreien, oder diese zumindest als durchdring- und damit überwindbar deutlich zu machen? Puchers Antwort: Lulu muss sterben, um neu anfangen zu können. Also zwängt er sie zu Beginn in ein enges Rechteck in dem fünf Männer aufgereiht sind. Einer erwählt sie, das Objekt, und bringt sie um.Sie rutscht die gerade entstandene Treppe herunter, leblos, ausgenutzt, weggeworfen. Barabara Ehnes‘ Bühne besteht aus in einander geschobenen und verschiebbaren Rechtecken, eine Art Matrjoschka zunehmend engerer Einhegungen, die mal eine wand bilden, mal eine Treppe, mal bedrohlich gen Rampe drücken. Befreit werden kann die Frau aus diesem Gefängnis nur durch den Tod, wiederauferstehen als Gespenst, als Spuk, als Heimsuchung.

Bild: Julian Röder

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„Liebe ist hardcore!“

Zelal Yesilyurt nach William Shakespeares Romeo und Julia: Benvolio + Mercutio. Du bist mein Lieblingsort auf der ganzen Welt, Babe!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Damit kann er gar nicht umgehen: Wenn Romeo, der Inbegriff bedingungsloser jugendlicher Liebe mal nicht im Mittelpunkt steht. So wie in den ersten Minuten von Zelal Yesilyurts Shakespeare-Überschreibung im dritten Stock der Volksbühne. Gerade versuchten seine besetzten Freunde Benvolio und Mercutio im noch Ratschläge in Sachen Liebe zu geben, da bemerken sie, wir und mit einiger Verzögerung auch der eben noch Angesprochene, dass es plötzlich gar nicht mehr um ihn geht: Im Appell, an einer einmal errungenen Liebe festzuhalten, komme was wolle, und nicht ständig Ausschau zu halten, ob es nicht noch etwas „Besseres“ gäbe, treffen sich nicht nur die Blicke, sondern auch die Herzen der beiden Ratgeber. „Ich glaube, dass es hier nicht mehr um mich geht“, erkennt der Namensgeber eines universellen Typus des Liebenden erstaunt – und hat Recht. Die Sprunghaftigkeit seiner Person spinnt Yesilyurt konsequent zum Klischeebild eines allem, was atmet (eine Aussage, die später auch fällt), hinterher laufendem „Fuckboy“ (auch ein Zitat) weiter, der sich durch die Betten Veronas schläft und für den auch die „größte aller Lieben“ nur Episode bleibt.

Foto: Kakhi Mrelashvili

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„Noch ein wenig braune Soße?“

Nach Henrik Ibsen: Volksverräter!!, Schauspielhaus Bochum / Volksbühne Berlin (Regie: Hermann Schmidt-Rahmer)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Entschuldigung: Eva Hüster, in züchtig uniformen Grautöne gekleidet, tritt vor den Vorhang und wendet sich an AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider. Der hatte unter anderem im Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen Landespartei gefordert, Theater müsse zur Identifikation mit dem Land beitragen und solle nur Stücke spielen, die das auch täten. Hüster erklärt nun mit zerknirschter Miene, man habe lange ein solches Stück gesucht, aber nicht finden können. Also gibt man Ibsen, den Volksfeind natürlich, der in den letzten Jahren ohnehin landauf landab gespielt wird, weil er ganz gut in eine Zeit passt, in der „denen da oben“ immer unverhohlenere Verachtung entgegenschlägt und der Volkszorn sich in ganz unterschiedliche Richtungen zu bewegen vermag. Die Ambivalenz massenhafter Empörung ist ja im Stück angelegt, wo Badearzt Thomas Stockmanns Versuch, das Vertuschen einer unangenehmen Wahrheit zu verhindern, in totalitäre Demokratiefeindlichkeit umschlägt. Für Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer der ideale Ausgangspunkt, um sich dem schwierigen Verhältnis von Politik und Bevölkerung, Wahrheit und Demagogie, Demokratie und Populismus zu widmen. Bei dem Ibsen – der Titel deutet es schon an – bestenfalls Startpunkt, Folie und Steinbruch ist.

Bild: Karl-Bernd Karwasz

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