Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

„Liebe ist hardcore!“

Zelal Yesilyurt nach William Shakespeares Romeo und Julia: Benvolio + Mercutio. Du bist mein Lieblingsort auf der ganzen Welt, Babe!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Damit kann er gar nicht umgehen: Wenn Romeo, der Inbegriff bedingungsloser jugendlicher Liebe mal nicht im Mittelpunkt steht. So wie in den ersten Minuten von Zelal Yesilyurts Shakespeare-Überschreibung im dritten Stock der Volksbühne. Gerade versuchten seine besetzten Freunde Benvolio und Mercutio im noch Ratschläge in Sachen Liebe zu geben, da bemerken sie, wir und mit einiger Verzögerung auch der eben noch Angesprochene, dass es plötzlich gar nicht mehr um ihn geht: Im Appell, an einer einmal errungenen Liebe festzuhalten, komme was wolle, und nicht ständig Ausschau zu halten, ob es nicht noch etwas „Besseres“ gäbe, treffen sich nicht nur die Blicke, sondern auch die Herzen der beiden Ratgeber. „Ich glaube, dass es hier nicht mehr um mich geht“, erkennt der Namensgeber eines universellen Typus des Liebenden erstaunt – und hat Recht. Die Sprunghaftigkeit seiner Person spinnt Yesilyurt konsequent zum Klischeebild eines allem, was atmet (eine Aussage, die später auch fällt), hinterher laufendem „Fuckboy“ (auch ein Zitat) weiter, der sich durch die Betten Veronas schläft und für den auch die „größte aller Lieben“ nur Episode bleibt.

Foto: Kakhi Mrelashvili

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„Noch ein wenig braune Soße?“

Nach Henrik Ibsen: Volksverräter!!, Schauspielhaus Bochum / Volksbühne Berlin (Regie: Hermann Schmidt-Rahmer)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Entschuldigung: Eva Hüster, in züchtig uniformen Grautöne gekleidet, tritt vor den Vorhang und wendet sich an AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider. Der hatte unter anderem im Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen Landespartei gefordert, Theater müsse zur Identifikation mit dem Land beitragen und solle nur Stücke spielen, die das auch täten. Hüster erklärt nun mit zerknirschter Miene, man habe lange ein solches Stück gesucht, aber nicht finden können. Also gibt man Ibsen, den Volksfeind natürlich, der in den letzten Jahren ohnehin landauf landab gespielt wird, weil er ganz gut in eine Zeit passt, in der „denen da oben“ immer unverhohlenere Verachtung entgegenschlägt und der Volkszorn sich in ganz unterschiedliche Richtungen zu bewegen vermag. Die Ambivalenz massenhafter Empörung ist ja im Stück angelegt, wo Badearzt Thomas Stockmanns Versuch, das Vertuschen einer unangenehmen Wahrheit zu verhindern, in totalitäre Demokratiefeindlichkeit umschlägt. Für Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer der ideale Ausgangspunkt, um sich dem schwierigen Verhältnis von Politik und Bevölkerung, Wahrheit und Demagogie, Demokratie und Populismus zu widmen. Bei dem Ibsen – der Titel deutet es schon an – bestenfalls Startpunkt, Folie und Steinbruch ist.

Bild: Karl-Bernd Karwasz

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„Was ist der Wal?“

Nach Herman Melville: Moby Dick, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Anita Vulesica)

Von Sascha Krieger

„Was ist der Wal?“ Eine Schlüsselfrage in Herman Melvilles nicht tot zu kriegendem (aber warum sollte man auch?) Weltliteratur-Wälzer Moby Dick. In der Bearbeitung von Ex-DT-Schauspielerin Anita Vulesica wird sie mehrfach gestellt und jeweils mit mehrminütigen detailreichen Auslassungen behandelt, in denen sich Gier und Bewunderung, totalitäre Gewaltfantasien und wissenschaftliche Neugier, Kontrollzwang und Unsicherheit mischen. Das Verhältnis des Menschen zum Tier war immer ein ambivalentes und ist es geblieben. Vor allem aber ist es stets einer anderen Frage untergeordnet, steht nicht selten stellvertretend für dieses: Was ist der Mensch? Das ist auch an diesem Abend so, der sich für die gut 800 Buchseiten gerade 80 Minuten zeit nimmt, sich dabei aber mindestens doppelt so lang anfühlt. Fünf Studentinnen der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch pflügen und waten und schwimmen und rudern sich durch die action- und gewaltreiche Meditation über die menschliche Natur. Sie wechseln dabei immer wieder zwischen Ahab, dem besessenen Waljäger und diktatorischen Anführer und seiner mal skeptischeren, mal ergebenen Besatzung. Ist anfangs noch relativ klar erkennbar, wer gerade spricht, verschwimmen die Grenzen mit zunehmender Dauer.

Bild: Vincenzo Laera

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Die Stunde der Zauberer

Heiner Müller: Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution, Ruhrfestspiele / Schauspiel Hannover (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Zirkus. „Liberté – Egalité – Fraternité – steht über dem glänzenden roten Vorhang, der Eintritt gewähren wird zur Manege, zur Show der Kuriositäten und Tricks aus einer kaum mehr real erscheinenden Vergangenheit. Gescheitert ist die Revolution schon bei Heiner Müller: Sein Dauerbrenner Der Auftrag beginnt mit ihrem Post Mortem und arbeitet sich bruchstückhaft, unsicher, unzuverlässig zurück zu den Wurzeln der Katastrophe oder mindestens ihren Symptomen. Unter den Händen Tom Kühneln und Jürgen Kuttners wird diese Betrachtung Jahrzehnte später selbst zum Ausstellungsstück, zum Unterhaltungsgegenstand. Wenn die Revolution schon tot ist, taugt sie zumindest zur Unterhaltung. The Show Must Go On und Time Is Money. Also packen die Regisseure allerlei Zaubertricks aus: Da verkleidet sich der einstige Auftraggeber Antoine, der drei Revolutionäre nach Jamaika schickte, um dort einen Sklavenaufstand zu initiieren, als Teekanne, als Biedermann, gut getarnt in der neuen Welt der post-revolutionären Zeit, jetzt, da Napoleon mal eben die Demokratie abgeschafft hat und die Weltrevolution nicht mehr auf der Agenda steht. Die Übermittlung der Nachricht vom Scheitern der Unternehmung erfolgt als surrealistische Choreografie, der Bote, rotbefahnt, gekleidet als revolutionärer russischer Matrose. Geschichte wiederholt sich, sagt Marx, und beim zweiten Mal kommt sie als Farce daher.

Bild: Katrin Ribbe

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Wer eintritt, bleibt draußen

Susanne Kennedy und Markus Selg: Coming Society, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

„You are the player.“ Theater hat ja auch etwas mit Erwartungshaltungen zu tun. Sie zu erfüllen, zu übertreffen gar oder ihnen auch zuwider zu laufen. Susanne Kennedys neue, gemeinsam mit dem bildenden Künstler Markus Selg entstandene Arbeit Coming Society spielt das Erwartungsspiel von Beginn an. Das beginnt damit, dass der Zuschauer zum Spieler, zum Mitspieler wird. Nach ein paar Minuten im Zuschauerraum wird er gebeten, die Bühne zu betreten, durch ein buntes, mit geometrischen Formen und verzerrten menschlichen Körperteilen bemaltes Tor, hinein in eine andere, virtuelle und zugleich plastisch und physisch reale Realität. Um ein Spiel geht es, erfahren wir schnell. Nicht irgendeines natürlich, sondern ein unendliches, eines, dessen einziges Ziel ist, weiterzugehen. „Welcome to the human game being played by nature“, raunt eine Stimme. Und will uns hineinholen in einen psychedelischen Parkours mit mehreren Stationen. In der Mitte die „Mother Station“, ein kreisrunder Raum, der statisch bleibt, während sich die Bühne erdengleich ohne Unterlass dreht. Darin die Weltachse, die „Axis Mundi“, irgendwann Ausgangspunkt eines rätselhaften schamanischen Rituals. Darum weitere Stationen: eine Pyramide, kuppelartige Räume, ein Tor, Mini-Bühnen. Ausgestaltet mit Motiven menschlicher Entwicklung, archaischen Zeichen, Naturszenen, kosmischen Motiven und allerlei Biologismen wie Skelettcollagen.

Bild: Julian Röder

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Aus der Versenkung

Leander Haußmann: Haußmanns Staatssicherheitstheater, Volksbühne Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Auferstanden aus Ruinen: Als die DDR-Nationalhymne noch einen Text hatte (die Textzeile „Deutschland einig Vaterland“ erschien spätestens nach dem Mauerbau nicht mehr opportun), begann sie mit diesen Worten. Ruiniert findet so mancher auch die Volksbühne, die Wunden der kurzen Ära Chris Dercon sind noch nicht verheilt, die Tränen über das Ende der Castorf-Intendanz noch nicht getrocknet. Dieser Abend, die erste eigene Schauspielpremiere der Interimsintendanz von Klaus Dörr, erscheint manchem als Neuanfang, einer, der – auch das überrascht nicht – ein multipler Blick zurück ist. Regisseur Leander Haußmann hat in der Castorf-Zeit hier mehrfach inszeniert, er feierte an diesem Ort 2011 sein (reichlich deaströses) Theater-Comeback und er widmet sich nun einer der Kernthemen der Castorf-Ära: der ostdeutschen Vergangenheit und dem spezifischen Selbstverständnis und der Identität dieses keineswegs homogenen Teils Deutschlands. Dass der Premierenabend Anlass für Castorf selbst ist, „sein Haus“ erstmals wieder zu betreten, überrascht nicht. Nostalgie breitet sich aus, die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, deren Verklärung schon Jahre vor ihrem ende eingesetzt hatte.

Bild: Harald Hauswald

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Tanke schön

Luis Krummenacher, David Thibaut, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber: Tankstelle, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Luis Krummenacher, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber)

Von Sascha Krieger

Der Traum von der unbegrenzten Mobilität des Einzelnen gehört zu den Urmythen kapitalistischer Fortschrittsideologie. Das Auto ist bis heute dessen wirkmächtigstes Symbol, die Tankstelle einen mythenumränkter Ort unendlicher Möglichkeiten. Zu Beginn des gleichnamigen neuen Abends von P14, dem Jugendtheater der Volksbühne, ist selbige Mobilität längst zum bedeutungsleeren Selbstzweck geworden: Drei junge Frauen in angedeuteten Mechanikerinnen-Outfits bewegen sich liegend auf wie Rucksäcke angeschnallten Rollbrettern ziellos durch den Raum und kreieren gemeinsam mit den sich ähnlich gerierenden Kulissenteilen ein Ballett sinnfreier Bewegung. Überhaupt ist hier wenig Mobil zwischen Tresen, Holzlamellen-behangener Fensterfront und einer Zapfsäule, die eher nach Schrankwand-Element aussieht. Der Traum von der grenzenlosen Freiheit ist ausgeträumt. Wer hier landet, kommt nicht mehr weg. Draußen – und auf Wänden und Fernsehbildschirm – peitscht unaufhörlich der Regen, eine Art Sintflut, die am Ende das Meer bis an die Tankstelle bringen wird. Die Geister, die der Traum rücksichtsloser Mobilität rief, kommen als entfesselte Natur zurück. Das aufgeheizte Klima nimmt sich, was es kriegen kann.

Bild: Charlotte Helwig

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Wenn Elektra Gollum trifft

Elias Geißler, Josefin Fischer: Core of Crisis!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Leonie Volke)

Von Sascha Krieger

Ja, wo ist er denn, der Kern der Krise? Und welcher Krise eigentlich, wie Churchill fragen würde oder von wem auch immer das Zitat tatsächlich nicht stammt. An diesem Abend, dem neuesten Streich der Überlebenskünstler von P14, dem Jugendtheater der Castorfschen-Volksbühne, das unter dessen Nach-Nachfolger irgendwie immer noch da ist, ist alles Krise. Wiße Plastikplanen hängen von der Decke machen die Bühne (Lais Castro Reis) zu einer art Albtraum Labyrinth innerer Welten, die krampfhaft versuchen sich nach außen zu kehren, Realität zu werden, die sie da drinnen längst sind. Eingeführt von Luzie Scheuritzel als der am wenigsten vertrauenswürdigen aller Erzählerinnen sehen wir eine Familie, optisch angesiedelt irgendwo zwischen Dreißigjährigem Krieg und Biedermeier (Kostüme: Lea Knippenberg und Pauline Wedler), deren Mutter (grandios: Mariann Yar) unter wahnhaften Vorstellungen zu leiden scheint, während der Vater (Lennart Webs) sich als manipulativer Patriarch entpuppt. Hinzu kommen die Zwillingen Ophelia und Amor (gespielt mit brachial-nuancierter Körperlichkeit von den Wandelbarkeits-Virtuos*innen Marie Tragousti und Sammy Scheuritzel), die sich gerade in einer irrwitzig schönen Szene dabei beobachten ließen, wie sie ihren Weg aus der ersten (dem Mutterleib) in die zweite Welt – die Familienhölle – fanden.

Bild: Jakob Fliedner

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Angst vor Virginia Woolf

Nach dem Roman von Virginia Woolf: Die Fahrt zum Leuchtturm, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Völlige Stille. Hin und wieder ein leises Plätschern und Tropfen. Dann ist wieder einer der Container umgekippt worden, die oben auf den orangefarbenen Wände angebracht sind. Dann ergießt sich grüße Farbe über die, die Anne Tismer, noch in orange gekleidet, aufnimmt und verstreicht. Lange, sehr lange passiert nichts anderes, ist nicht mehr zu hören als als das leise Kratzen der Malerbürste und nichts zu sehen außer einer Frau, die Wände streicht. Mit einer Ausnahme: Auf einer Übertitel-Tafel erscheinen Daten – Meilensteine im langen Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter, große und kleine, bedeutende und kaum bemerkte. Da ist auch der* letzten Zuschauer*in klar: Das Umstreichen der Wände in die Farbe der Hoffnung ist ein politisches Symbol, ein Zeichen der Zeitenwende, vielleicht auch ein Aufruf zu selbiger. Damit symbolisiert Tismer die Umkehr der Ordnung, die zu Beginn von Virginia Woolfs bahnbrechendem Roman To the Lighthose noch intakt scheint und die Ernst-Busch-Absolventin Marie Schleef zuvor in ihrer Diplominszenierung knapp eine Stunde in all ihrer Erstarrung vorgeführt hat. Nichts ist wie vorher, aber was tritt an die Stelle des Alten?

Bild: Jo Jankowski

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Because They Got High…

Bonn Park und Ben Roessler: Drei Milliarden Schwestern, Volksbühne Berlin (Regie: Bonn Park)

Von Sascha Krieger

Jetzt sind sie endlich hier: unten, im Parterre, auf der großen Bühne. Seit 25 Jahren gibt es sie jetzt, die, die jetzt auf der Bühne stehen, waren damals noch gar nicht geboren. Wer über den „Geist der Castorfschen Volksbühne“ spricht, wer ihn sucht, wer sich für seine Langlebigkleit und seine störrische Beharrlichkeit interessiert, der geht normalerweise in den 3. Stock des Hauses. Dort hat sich P14 eingenistet, der „Jugendklub“ des Hauses. Nein, viel mehr: eine autonome, anarchische, gern auch ein wenig sperrige Theatercommunity, bestehend aus jungen Bühnentieren, die auf eines keine Lust haben: sich vorschreiben zu lassen, wie das mit diesem Theatermachen zu gehen hat. Die es selber tun, die jeden Monat eine neue Produktion in den engen Bühnenraum bringen, der auch ein Rückzugsort ist, das Gallische Dorf der Castorf-Bühne. Wo Pollesch und Castorf und vielleicht auch Herbert Fritsch nach wie vor die Fixsterne sind. Ein Ort, der sich gehalten hat, unantastbar blieb, ein Platz des Bewahrens wie der ständigen Erneuerung. Castorf ist weg, Dercon ist weg, Dörr auf Abruf. P14, da muss man kein Prophet sein, wird bleiben. Jetzt also sind die jungen Rebell*innen auf der ganz großen Bühne gelandet. Kurzzeit-Intendant Chris Dercon soll das Projekt noch beauftragt haben – dass ausgerechnet dieses Widerstandsnest Teil seines Erbes würde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Bild: Thomas Aurin

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