Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Im Zentrum

Alexander Eisenach nach Sophokles: Anthropos, Tyrann (Ödipus), Volksbühne Berlin – Livestream-Premiere (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Mittendrin statt nur dabei“: Mit diesem Werbeslogan eines ehemaligen deutschen Sportsenders ließe sich auch die Grundidee dieses Abends beschreiben: Weil das Publikum ja derzeit nicht persönlich im Theater sein kann, stellt Alexander Eisenach es kurzerhand in den Mittelpunkt. Zentriert auf der Bühne befindet sich eine 360-Grad-Kamera, die Augen und Ohren des Zuschauers darstellt, durch die er mittendrin ist im Bühnengeschehen, sich seine Perspektive durch Tastenbetätigung an Keyboard oder Fernbedienung frei wählen kann. Soo ist man mehr „mittendrin“ als säße man im Zuschauerraum, auch wenn man physisch abwesend bleibt. Doch dieser Blickwinkel ist mehr als nur ein Versuch, die Zusehenden zu involvieren oder ihnen gar ihre zentrale Rolle zuzuerkennen. Er ist auch Kern der narrativen Intention Eisenachs, der sich längst einen Namen als recht aufgeregter Verhandler zeitgenössischer Brennpunktthemen und Krisen gemacht hat. Das Kameraauge ist Ödipus, der sich schuldlos unwissen – oder auch nicht – schuldig gemacht hat. Und er ist Anthropos, der Mensch, die Menschheit, also auch wir die Zusehenden, die Schuldigen am Zustand unserer Welt, an Klimakrise, Demokratiedämmerung, Pandemie.

Bild: Thomas Aurin

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Im (Un)Möglichkeitsraum

Nach Ovid & Kompliz*innen: Metamorphosen [overcoming mankind], Volksbühne Berlin – Digital-Premiere (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wie macht man im Lockdown Theater? Für wen? Und mit welcher Form der Rezeption im Blick? Fragen, die sich seit zehn Monaten immer und immer wieder stellen, ein ständiger Slalom zwischen künstlerischer Entscheidung, pragmatischem Kompromiss und dem Prinzip Hoffnung. Setzt man auf rein digitale Formen? Inszeniert man für das Publikum, das irgendwann hoffentlich wieder da sein wird? Oder sucht man hybride Formen, wie Sebastian Hartmann, der am DT seinen Zauberberg als Digitalpremiere zwar auf die – leere – Bühne brachte, aber mittels Live-Videoperformance in mehr als einen Theater-Stream transformierte. Claudia Bauer entscheidet sich bei ihrer Ovid-Adaption für Option 2. Ihre „Digital-Premiere“ ist wenig mehr als eine abgefilmte Aufzeichnung (anders als bei Hartmann findet sie nicht live statt). Ist das überhaupt Theater? Basiert dieses nicht im Kern auf der Ko-Präsenz von Performance und Zuschauenden – wenn schon nicht räumlich, dann zumindest zeitlich? Es ist vielleicht die Hoffnung auf Theater, seine Ankündigung, sein Teaser. Ein Abend geschaffen für ein anwesendes Publikum, was man so mancher Pointe, so manchem Moment, der für die Reaktion einen Live-Publikums konzipiert ist, anmerkt. Da ist eine Leerstelle, die aber nicht zum Thema wird, die ignoriert bleibt in diesem Theater-Trailer.

Bild: Julian Röder

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Ratlos

Thorleifur Örn Arnarsson nach Aischylos: Die Orestie, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Der Schlüsselsatz dieses gut zweistündigen Abends (Corona macht es möglich – sonst fasst sich der isländische Theatermacher Thorleifur Örn Arnarsson weniger kurz) fällt in seiner zweiten Hälfte. Da wuppt Sarah Franke das geschehen mal wieder allein am Bühnenrand und sagt: „Ich kann nicht handeln, wenn ich ratlos bin“. Es fasst diesen zweiten Teil von Arnarssons Antiken-Trilogie (nach der Odyssee) trefflich zusammen, der sicher nicht zufällig auch der zweite Abend von drei zu Beginn dieser Spielzeit ist, die sich mit griechischen Stoffen befassen (hier machte Lucia Bihlers Iphigenie-Adaption den Anfang). Mit Bihler hat Arnarsson den Versuch gemeinsam, eine Art Klammer zu mehr oder minder zeitgenössischen Stoffen zu finden. Sind es dort Stefanie Sargnagels bitterböse Einlassungen zur Rolle der Frau im durchkapitalisierten Jetzt, fällt dem Isländer allerdings nur der Geschlechterkrieg von Edward Albees Who’s Afraid of Virginia Woolf? ein, den Sebastian Grünewald und Sólveig Arnarsdóttir in einem auf- und abfahrenden naturalistischen Intérieur in einer surreal verfärbten Variante durchspielen und später, leicht abgewandelt und zu einem Mord eskalierend, nur per Monitor beobachtbar immer und immer wieder wiederholen.

Bild: Vincenzo Laera

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Iphigenie im Call Center

Nach Euripides und Stefanie Sargnagel: Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND, Volksbühne Berlin (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

„Ihr seid nichts, ich bin alles“. Und: „Ich bin Goethe.“ Die weißen Hochzeitskleider haben sie abgeworfen, die fünf Iphigenien. Trauer muss Elektra tragen, aber das schwarz steht auch der Schwestern. Emazipatorisch ist es, aufgereiht stehen sie da im Dämmerlicht, einige mit den Füßen im Wasser, abgeworfen die Insignien patriarchaler Frauenbilder. Jetzt reklamieren sie die Welt für sich, die Hauptrolle in ihr – und sich selbst. Nicht Goethe definiert, wer Iphigenie ist oder zu sein hat, sie selbst tut es. Widerstand ist zwecklos. Plakativ ist das Schlussbild dieses Abends, der eigentlich gerade nicht auf Goethes Bearbeitung basiert und sie, die die Rezeption der Figur im deutschsprachigen Raum so geprägt hat, natürlich stets mitdenkt. Es ist Euripides‘ Drama, das im ersten Teil des Abends die Grundlage bildet. Oder vielleicht eher einen Steinbruch, aus dem das Material zusammengesammelt wird, das dann eine neue Skulptur entstehen lässt, eine matriarchale, widerständige oder vielleicht einfach nur zerstörende.

Bild: Katrin Ribbe

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Liebe als Ware

Ester Roth und Luise Thiele: Grillade Grande 666, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Ester Roth und Luise Thiele)

Von Sascha Krieger

In einer Art Sommercamp sollen wir uns wohl befinden, zumindest behauptet das der Andigungstext auf der Volksbühnen-Website. Unterschiedliche Gruppen bevölkern es: Schwarzgekleidete ständig deprimierte Goths, die „Sea Roses“, bunt gekleidete dauerlächelnde Romantiker*innen und weißgewandete 90er-Jahre-Überbleibsel zwischen Love Parade und Gaming. Alles fein säuberlich getrennt und kategorisiert, denn schließlich befinden wir uns – wie die per Video in tristem Ambiente erzählten Unternehmerstories am Anfang und am Ende klar machen – im Herzen des Kapitalismus. Das Sommercamp ist Produkt und Marketinginstrument von „White Pillow“, irgendwas zwischen Konzern und Kult, weswegen Daunenkissen und ihre Inhalte an diesem Abend auch eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Apropos Rollen: Natürlich sind alle in den vorgegebenen ihrer jeweiligen „Gruppe“ gefangen – und fühlen sich zunehmend unwohl. Die Feier der Schwarzträger*innen anlässlich des Geburtstags von Cure-Frontmann Robert Smith endet abrupt, als sie feststellen, dass „der depressivste Mensch der Welt“ sich eben nicht umgebracht hat. Es sei Zeit, sich von romantischen Fantasien zu befreien. Sagen sie und umranden sich die Augen mit schwarzem Make-up.

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Der Glanz des Authentischen

Zelal Yesilyurt: GO Baby GO, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte von Jeremiah „Terminator“, kurz JT, LeRoy ist eine so abenteuerliche, dass sie sich nur im literarischen Umfeld abspielen konnte. Ein Shooting Star der US-Literaturszene der 1990er-Jahre sorgte der autor für Aufsehen mit semibiografischen Romanen und Kurzgeschichten über eine Jugend und Kindheit zwischen Armut, Verlassenwerden, Prostitiution, Gealt und Missbrauch. Sohn einer Prostituierten folgte der Teenager seiner Mutter schon sehr jung in ihrem Beruf, bevor er „gerettet“ wurde, sein Leben aufschrieb und zum Star wurde, der – was seinen Ruhm und seine Faszination nur noch verstärkte – Phantom blieb, nicht greifbar, sich lange der Öffentlichkeit entzog, bevor er zuweilen auftauchte, verkleidet mit Perücke und Sonnenbrille, zumeist das Wort abtretend an seine Sprecherin „Speedie“. Eine Geschichte, die unmöglich wahr sein konnte – und es auch nicht nicht war. LeRoy war eine Erfindung der eigentlichen Autorin, Laura Albert, die hinter Speedie steckte und deren Schreiben Resultat telefonischer Therapiesitzungen war und die das Alter Ego brauchte, um das zu Sagende aussprechen oder eben aufschreiben zu können. Und JT wurde gespielt von Alberts Schwägerin. Am Ende gab es Enthüllungsstories und einen Prozess, den Albert verlor. Für die Geschichte hat sie noch nicht die Folmrechte erteilt. Schade eigentlich.

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Ideenlose Götter

Ronald M. Schernikau: Legende, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Ein Titel als Programm: Legende ist das opus magnum Ronald M. Schernikaus, des Grenzgängers zwischen Ost und West, des Kommunisten im Westen und des fremdelnden Westlers im Osten, des stets Widerständigen, des offen Schwulen, des zwischen alle Schubladen Gefallenen, der nie dazu gehörte und es vielleicht nicht wollte. Erscheinen durfte das 1100 Seiten starke Mammutwerk nur – und erst nach dem viel zu frühen Tod des Autors –, weil es zahlreiche prominente DDR-Kolleg*innen vorab subskribierten, schnell war es vergriffen, seit mittlerweile bald 30 Jahren. Jetzt scheint die zeit reif zu sein für eine Renaissance: Der Verbrecher Verlag besorgte eine kommentierte Neuauflage und die Volksbühne bringt den Wälzer in einer Dreieinhalbstunden-Adaption auf ihre große (Dreh-)Bühne. Mit Stefan Pucher kümmert sich auch gleich ein Regie-Schwergewicht um das sperrige Konglomerat – in besseren Hände könnte diese Neubelebung also kaum sein. Und doch drängt sich schnell der Gedanke auf, dass hier vor allem eines herrscht: tiefe Ratlosigkeit. Denn aus der Zeit gefallen ist dieses Werk ohne Zweifel: Der postulierte Streit zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf Augenhöhe, das Schwanken zwischen Verzweiflung an der Welt und fast naiver Rettungsvision – das alles wirkt anachronistisch und weit weg, die Schlachten längst geschlagen – und nun wieder aufgewärmt?

Bild: Thomas Aurin

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Verpeilte Aliens

Nach Salomé von Oscar Wilde: FINAL FANTASY, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

Irgendwann in diesen kurzen knapp 80 Minuten wird von einem Zettel vorgelesen. Dabei geht es um die Frau als Verführerin, als dämonische Macht, die – natürlich männliche – Menschheit zu verderben, als die sie, wie wir erfahren oder längst wissen, in großen Teilen der Kultur- und Literaturgeschichte galt, schon lange vor der Bibel mit dem Sündenfall der Eva, etwa im Gilgamesch-Epos, und eben mindestens bis hin zu Oscar Wilds skandalumwitterter Neuinterpretation der biblischen Geschichte von der verschmähten Prinzessin Salomé, die aus Rache den Täufer Johannes töten ließ. Vorgelesen werden die Ausführungen von einem Alien in weißem Latexanzug (Kostüme: Leonie Falke). Falsche Betonungen und stockender Vortrag bezeugen, dass die Lesende vom Vorgetragenen so wenig versteht wie die hilflos Verständnis heuchelnden Zuhörer*innen, denen das schwüle Konglomerat aus männlich herbeifantasierter Lust und Misogynie fremd bleibt. Ja, es sind Außerirdische, die auf der schwarz-weißen, irgendwie an Jugendstilornamentik erinnernden Bühne von Laura Kirst unter Mitwirkung gespenstisch atmosphärischer, teils halb kitschig zitierender Klänge zwischen Horror- und Science-Fiction-Film-Ästhetik (Musik: Nicki Fehr), ein Drama nachspielen,, das nicht nur ihnen aus der Zeit gefallen scheint. FINAL FANTASY heißt es und ist die erste Arbeit Lucia Bihlers als Hausregisseurin der Volksbühne. Dass sie im 3. Stock, also auf der kleinen Nebenbühne, stattfindet, hat angesichts des feministischen Impetus der Arbeit, allerdings durch auch ein Geschmäckle.

Bild: Katrin Ribbe

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Die unerträgliche Länge des Moments

Susanne Kennedy und Markus Selg: ULTRAWORLD, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Irgendwo zwischen Kacheln und antiker Ornamentik sind die elemente angesiedelt, die das Portal bilden, auf das der Zuschauer zunächst starrt. Darin fließt und bewegt es sich wie in einem Ozean, einer Ursuppe, rot und lila und blau, bereit, daraus eine Welt entstehen zu lassen. Zuletzt musste man als Zuschauer*in ein solches Portal noch durchschreiten, um zur „Coming Society“, einer reichlich esoterisch angehauchten Gesellschaftsvision zu gelangen, nun darf man mehr oder minder bequem und zumindest gefühlt reichlich lang in den Volksbühnen-Sitzen verbleiben und passiver Zeuge einer Welterschaffung werden. Außer Kay Voges beschäftigt sich derzeit wohl keine andere deutschsprachige Theatermacherin so sehr mit der Frage, wie die digitalen Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden, nicht nur unsere Leben verändern sondern auch unser Menschsein. Kennedy hatte schon in früheren Arbeiten das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und produziert sind wie die Vorstellung eines Selbst. Dass das ins Esoterische zu kippen vermag, zeigte sie in Coming Society, einer Arbeit mit dem Künstler Markus Selg, mit dem sie auch jetzt wieder arbeitet.

Bild: Julian Röder

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Kreisen ohne Mitte

Nach Allen Ginsberg: HOWL, Volksbühne Berlin (Regie: David Marton)

Von Sascha Krieger

Howl, Allen Ginsbergs Langgedicht, gilt als Sternstunde, Höhepunkt, Essenz der Beat Poetry, jener wilden sprachlichen Befreiungsbewegung aus der Enge des Nachkriegs-Amerikas der 1950er-Jahre, der McCarthy-Zeit, der bleiernen Schwere des wohlstandseligen Stillstands. Drogengeschwängert, sexuell rebellisch, Regeln in den Wind blasend, den Bob Dylan, ohne die Beat Poets ohnehin nicht denkbar, nur wenige Jahre am Beginn des Jahrzehnts, das als das revolutionäre, gesellschaftsverändernde bekannt werden würde, beschwören sollte – Howl ist und enthält alles, das die Beat Generation ausmachte, alle Grenzüberschreitungen in einem einzigen langen, nicht zu unterbrechenden Sprachrausch kondensiert. Zu Beginn von David Martons Bearbeitung an der Volksbühne ist davon nichts übrig geblieben. Ruinen und Baustellenfragmente bevölkern Christian Friedländers Bühne, eine bonbonpastelliger Brunnen steht verloren herum, Sir Henry betritt in Fünfziger-Anzug-mit-Hut-Kluft die Bühne und verliest die „Holy“-Tirade Ginsbergs mit der Verve einer Tagesordnungsverlautbarung einer Behördensitzung. Hier ist kein Rausch mehr, nur noch trockene Worte auf vergilbtem Papier, die keine Welt mehr haben, keine Wirklichkeit mehr kennen, denen jeder Bezug abhanden gekommen ist.

Bild: David Baltzer

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