Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Wider die Eindeutigkeit

Nach „Franziska“ von Frank Wedekind: Betrunken am Highway, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Charlotte Brandhorst)

Von Sascha Krieger

Willkommen in der Zeitkapsel. P14, die Jugendtheatergruppe der Volksbühne, ist ja so etwas wie das Gallische Dorf des Hauses. Ganz Volksbühnenland ist von den „Neoliberalen“ besetzt? Nein, eine Enklave harrt aus, lässt die Fahne der viel beweinten und vermissten guten alten Castorf-Zeit flattern, wenn auch ein wenig versteckt im 3. Stock („Wir wussten gar nicht, dass das hier existiert“ ist ein Satz, der vor gefühlt jeder Vorstellung zu hören ist). Und Caesar alias Chris Dercon? Der hat gar keine Absicht, auch diesen letzten Winkel zu erobern, lässt P14 die gleiche Autonomie wie Castorf. Gut fürs Feindbild ist das nicht. Dafür umso besser fürs Spiel, ohne das Theater ja bekanntlich nicht kann. Wo an anderen Häusern Jugendliche eingeladen werden zum Theatermachen, laden sie sich hier selbst ein, schreiben ihre Stücke, führen Regie, machen Bühne, Kostüme und Licht. Unterstützung gibt es, wenn sie sie wünschen. Sie haben das Sagen und das macht diesen Ort so besonders. Mitunter auch besonders anstrengend.

Weiterlesen

Advertisements

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

tt18_p_jury_c_iko_freese

Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

Weiterlesen

Killing us softly

Jérôme Bel: The show must go on, Volksbühne Berlin (Regie: Jérôme Bel)

Von Sascha Krieger

Wie geht es eigentlich Berlins neuer Eventbude am Rosa-Luxemburg-Platz (der im Übrigen dringend einen gentrifizierten neuen Namen bräuchte)? Zuweilen scheint es so, als betrachte Neu-Intendant Chris Dercon die ihm entgegengeschleuderte Litanei der immer gleichen Ausverkaufsvorwürfe als eine Checkliste, die es abzuarbeiten gilt. Da passt die aktuellste, nun ja, Premiere wunderbar ins Bild. The show must go on ist eine 16 Jahre alte (Check!) Arbeit des Regisseurs und Tanztheatermachers (Check!) Jérôme Bel (internationaler Künstler – Check!), die seitdem durch alle Ecken der Welt tourt (Check!). Mehr Eventbude geht nicht! Oder vielleicht doch? Dazu müsste man jedoch genauer hinschauen, was gerade im Berliner Kulturk(r)ampf nicht so angesagt ist. Tut man es trotzdem, findet man schnell heraus, dass das mit der Recycling-Kunst doch etwas schwieriger ist. Denn die Produktion „tourt“ eigentlich nicht – sie wird nur an unterschiedlichen Orten immer neu aufgelegt. In der Regel mit lokalen Ensembles. Oft gemischt, mal nur Laien, auch Produktionen mit behinderten Menschen gab es. In Berlin sind es jetzt Mitarbeiter*innen und Freund*innen der Volksbühne. Ein Theaterarzt, eine Bühnenbildnerin, eine Kassenmitarbeiterin. Professionelle wie Amateur-Tänzer*innen sind dabei, ein Abiturient, die Schauspielerin Anne Tismer, Freund*innen von Mitarbeiter*innen des Abenddiensts. Kommerzialisierung? Gesichtslose Eventkunst?

Bild: David Baltzer

Weiterlesen

Jenseits von Holywood

Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler: Prolls auf Pferden *there will be noise complaints, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler)

Von Sascha Krieger

Die Volksbühne unter Frank Castorf war ein Theater der Selbstüberschätzung, der Überforderung – für Künstler wie Publikum – des Zuviel. Eines, das überfloss vor Assoziationen, losen Ende, Metaebenen und allem anderen, was die Theatermaschinerie zu bieten hatte. Ein Theater der dauernden Grenzüberschreitung, aber auch der Lust am Scheitern. Man kann trefflich darüber diskutieren, welche dieser Punkte sich in welcher Reinkarnation an Chris Dercons „neuer“ Volksbühne wiederfinden – an einem Ort ist die Castorf-Bühne noch nicht Geschichte. Ein gallisches Dorf ist im Reich des Cäsaren Dercon geblieben (man entschuldige diese überaus schiefen Asterix-Vergleiche) und leistet, nun ja, Widerstand: das P14 Jugendtheater mit seiner Spielstätte im 3. Stock, nach wie vor autonom, unabhängig und mit einem Rest Anarchie gesegnet. Und einem gehörigen Schuss Castorfscher Selbtsüberschätzung. Der neue Abend, der zweite nach dem Intendanzwechsel, ist dafür ein Paradebeispiel. Unverschämt schon der Anspruch: 50 Jahre Filmgeschichte in einem vierstündigen Theaterabend“ wolle man darstellen, ein Versprechen, das man dann nicht ganz einhält – der Abend endet nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden. Ansonsten wird geklotzt: Ein dreiköpfioges Autor*innen- und Regisseur*innen-Team packt nicht weniger als 19 (!) Darsteller*innen auf die eigentlich viel zu kleine Bühnen, nicht gerechnet die dreiköpfige Band in ihrem Verschlag, halb verdeckt von einem Lamättavorhang.

Weiterlesen

Ein Traum vom Nichts

Susanne Kennedy: Women in Trouble, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Zeit der Anfänge im Theater-Berlin. Während das Berliner Ensemble mit seinen ersten Malen schon ins Detail geht (der erste Castorf, der erste Mondtag), geht es an der Volksbühne noch um die Basics. Hier stand jetzt im Großen Haus die erste wirkliche Schauspiel-Premiere (alles andere war bereits zuvor einmal woanders zu sehen oder fand in Tempelhof statt) und gleichzeitig die erste Schauspiel-Uraufführung statt. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Apropos Klappe. Ach nein, dem widmen wir uns später. Zur Sache: Susanne Kennedy gab (endlich, mag so mancher Theater-Kenner hinzufügen) ihr Berlin-Debüt (noch so ein erstes Mal) und das auch noch mit einem Abend, der ganz allein von ihr konzipiert ist, ohne eine Vorlage zum Sich-Abarbeiten. Der Druck war groß: Würde Intendant Chris Dercon nach der von vielen als desaströs empfundenen Erföffnung das sprichwörtliche Ruder herumreißen? Nicht weniger als die Zukunft der Derconschen Volksbühne, so raunte es im Vorfeld, stand auf dem Spiel. Susanne Kennedy, die Retterin. Das kann nicht funktionieren und tut es auch nicht.

Bild: Julian Röder

Weiterlesen

Die sich ins Leben singt

Wolfgang Herrndorf (Bühnenfassung von Robert Koall): Bilder deiner großen Liebe, Theater Neumarkt, Zürich (Regie: Tom Schneider) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin (Roter Salon)

Von Sascha Krieger

Da ist sie nun: Isabelle, „Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles andere“. Einer ganzen Leser*innen-Generation ist sie bekannt als episodische, doch hängen bleibende Figur aus Wolfgang Herrndorfs Roman-Äquivalent eines viel zu oft gehörten Songs, Tschick. Das mit dem Hängenbleiben galt auch für den Autor, den sie nicht losließ. Und so besuchte er sie noch einmal, gab ihrer Stimme in Bilder deiner großen Liebe eine literarische Bühne, ein die Zeit vergessendes Mäandern durch das, was einmal ein Leben hätte sein sollen, die Welt und das Universum „und alles andere“ umfassend. Unvollendet ist der Roman geblieben und das passt zu ihm wie zu den anderen großen unvollendet gebliebenen Werken der Kunstgeschichte. Schuberts Sinfonie gleichen Namens etwa oder Kafkas „Amerika“-Roman. Werke, die nicht enden können, weil sie keinen Anfang haben. Oder besser, weil Anfang und Ende hier identisch sind, weil die Zeit nicht linear, der Raum nicht dreidimensional fassbar ist. Doch der Rezensent schweift ab. So wie Isa, die in Tom Schneiders Zürcher Bühnenadaption aussieht wie Sandra Hüller. Die da steht in einer bestenfalls skizzierten Andeutung von Welt. Eine Konzertbühne, darauf ein Drumset auf Fellteppich, musikalische Equipment, eine Topfplanze, ein schwarzer Ledersessel in der Ecke. Zu wenig zum Leben, genug zum Erzählen.

Bild: Niklaus Stauss

Weiterlesen

Leichenschmaus in Pink

Lolita will nicht sterben, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einer Warnung: Auf an die Türen geklebten Zetteln im knallogen Rot der neuen Volksbühne wird das Publikum darauf hingewiesen, dass es  in der folgenden Aufführung um Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und den „Tod der Eltern“ ginge (den Mord verschweigt man geflissentlich). Nicht dass sich jemand gestört fühlt. Theater als Wohlfühloase und Servicebetrieb? Es ist spannend zu beobachten, wie die neue Intendanz immer wieder die an sie gerichteten Vorurteile erfüllt. Dabei ist das, was anschließend zu sehen ist, so bedrohlich nicht. Und auch nicht neu. Denn bei allem Gerede vom radikalen Bruch, einer vermeintlichen Auslöschung der jüngeren Volksbühnengeschichte gibt es sie, die Enklaven, in denen man einfach weitermacht, weitermachen darf. Wie bei P14: Die Jugendtheaterabteilung der Volksbühne besteht nicht nur fort, sie macht auch genauso autonom und mit vielen der Beteiligten weiter, die schon unter Castorf dabei waren. Kontinuität statt Neuanfang. Auch das geht also unter Chris Dercon.

Weiterlesen

Unter Geistern

Eröffnung der Volksbühne Berlin – Samuel Beckett: Nicht Ich / Tritte / He, Joe (Regie: Walter Asmus) / Tino Sehgal: Diverse Arbeiten, Volksbühne Berlin (Großes Haus)

Von Sascha Krieger

Es ist geschafft: Nach zwei Jahren unendlich erscheinender Diskussion und zunehmend hasserfüllter Frontenbildung, bei der man den Eindruck gewinnen konnte, es ginge hier nicht um die neue Intendanz eines Stadttheaters, sondern um den bevorstehenden Untergang der menschlichen Zivilisation, nach Hetze, Unterstellungen, Fäkalien von der Tür der Intendanz, einer Petition, einer Besetzung und zahllosen Querschüsse aus der Politik wird am Rosa-Luxemburg wieder Kunst gemacht, ja, auch Theater, ist das Haus wieder Ort der künstlerischen, friedlichen, ästhetischen Auseinandersetzung. Dabei kleckert Neu-Intendant Chris Dercon zur Eröffnung nicht, er klotzt. Zwei Ikonen stellt er nebeneinander: Samuel Beckett, den großen Zvilisationsentblätterer und Apokalyptiker des reichlich apokalyptischen 20. Jahrhunderts und den Berliner Tino Sehgal, den künstlerischen Weltenwanderer unserer Zeit, der – wie auch Beckett – disziplinäre Grenzen überschreitet, bildende Kunst zu Theater und Theater zu bildender Kunst macht, und sich wie der Ire Fragen nach der Lebensfähigkeit des Menschen im Zeitalter der Fremdbestimmung, der technischen Überforderung, der fortschreitenden Selbstabschaffung stellt. Der einsame, inselartige Wesen in den Strom einer kosmischen Leere stellt – die bei ihm nicht selten ein Kommunikationsraum, der Kommunikation oft verunmöglicht, ist – und sie so zu Brüdern, Schwestern, Stiefkindern der Figuren Becketts macht.

He, Joe (David Baltzer)

Weiterlesen

Der enttäuschte Blick

Mohammad Al Attar, Omar Abusaada: Iphigenie, Volksbühne Berlin (Flughafen Tempelhof, Hangar 5) (Regie: Omar Abusaada)

Von Sascha Krieger

Nun also Schauspiel. Sprechtheater. Endlich. Aber kein Ensemble. Nein, eine professionelle Schauspielerin und neun Laiendarstellerinnen. Nun gut, man kann nicht alles haben. Aber wenigstens wird gespielt im Volksbühnen-Universum. Das eigene Haus kann nach mehrtägiger Besetzung wieder für Proben genutzt werden, von der Interimsspielstätte am ehemaligen Flughafen Tempelhof heißt es erst einmal Abschied nehmen. Und von diesem Raum. Riesig, Geschichte atmend, leer. Eine Welt in sich dieser Hangar 5. Und darin, ganz winzig erscheinend, ein weißes Rechteck, mit seinen Längslinien ein wenig an einen Laufsteg erinnernd. Eine Insel inmitten des großen Nichts. Eine starke Setzung für diesen Abend, an dem es um Iphigenie gehen soll. Nein, nicht die Goethesche Überlebende, sondern die Geopferte des Euripides. Neun junge Frauen bewerben sich um die Rolle. Allesamt Syrerinnen, geflüchtet aus der (ehemaligen?) Heimat, und längst noch nicht angekommen in Deutschland, ihrem Heute, von dem sie nicht wissen, ob es auch ihr Morgen sein wird.

Bild: Gianmarco Bresadola

Weiterlesen

Durch Raum und Zeit

Boris Charmatz / Musée de la danse: A Dancer’s Day / 10000 Gesten, Volksbühne Berlin (Flughafen Tempelhof, Hangar 5) (Regie/Choreografie: Boris Charmatz)

Von Sascha Krieger

Die beste Nachricht zuerst: Es geht endlich los. Nach zwei Jahren der Diskussionen, Anschuldigungen, Vorwürfe bis hin zur Hetze, der offenen Briefe und Petitionen, der Wahlkampfreden und Ausschussanhörungen, ist sie angebrochen, die Ära Chris Dercon an der Volksbühne. Und das heißt: Es darf endlich um Kunst gehen, es wird gespielt und ja, zunächst viel getanzt, statt nur noch darüber zu reden, ob diese Kunst überhaupt gemacht werden darf. Natürlich ist diese Ebene der – meist verweigerten – Diskussion nach wie vor präsent, aber die zweite, die des konkreten künstlerischen Schaffens, dem begegnet und das natürlich auch kritisiert werden kann, ist endlich vorhanden. Viel spricht Boris Charmatz, französischer Choreograph und die vielleicht wichtigste Künstlerpersönlichkeit im Team Dercon bei dieser – nach dem großen einmaligen Eröffnungsfest Fous de danse – ersten Produktion der neuen Intendanz, von der Volksbühne, wagt es immer wieder, dieses Wort für sich und die „neue Zeit“ zu reklamieren. Und natürlich klingt das in vielen Ohren – auch in denen des Rezensenten – noch immer seltsam. Dieses Team muss diesen Begriff erst noch für sich gewinnen – und herausfinden, wer das Volk, dem diese Bühne gehören soll, sein könnte.

10000 Gesten (Bild: Ursula Kaufmann)

Weiterlesen

Advertisements