Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Liebe als Ware

Ester Roth und Luise Thiele: Grillade Grande 666, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Ester Roth und Luise Thiele)

Von Sascha Krieger

In einer Art Sommercamp sollen wir uns wohl befinden, zumindest behauptet das der Andigungstext auf der Volksbühnen-Website. Unterschiedliche Gruppen bevölkern es: Schwarzgekleidete ständig deprimierte Goths, die „Sea Roses“, bunt gekleidete dauerlächelnde Romantiker*innen und weißgewandete 90er-Jahre-Überbleibsel zwischen Love Parade und Gaming. Alles fein säuberlich getrennt und kategorisiert, denn schließlich befinden wir uns – wie die per Video in tristem Ambiente erzählten Unternehmerstories am Anfang und am Ende klar machen – im Herzen des Kapitalismus. Das Sommercamp ist Produkt und Marketinginstrument von „White Pillow“, irgendwas zwischen Konzern und Kult, weswegen Daunenkissen und ihre Inhalte an diesem Abend auch eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Apropos Rollen: Natürlich sind alle in den vorgegebenen ihrer jeweiligen „Gruppe“ gefangen – und fühlen sich zunehmend unwohl. Die Feier der Schwarzträger*innen anlässlich des Geburtstags von Cure-Frontmann Robert Smith endet abrupt, als sie feststellen, dass „der depressivste Mensch der Welt“ sich eben nicht umgebracht hat. Es sei Zeit, sich von romantischen Fantasien zu befreien. Sagen sie und umranden sich die Augen mit schwarzem Make-up.

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Der Glanz des Authentischen

Zelal Yesilyurt: GO Baby GO, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte von Jeremiah „Terminator“, kurz JT, LeRoy ist eine so abenteuerliche, dass sie sich nur im literarischen Umfeld abspielen konnte. Ein Shooting Star der US-Literaturszene der 1990er-Jahre sorgte der autor für Aufsehen mit semibiografischen Romanen und Kurzgeschichten über eine Jugend und Kindheit zwischen Armut, Verlassenwerden, Prostitiution, Gealt und Missbrauch. Sohn einer Prostituierten folgte der Teenager seiner Mutter schon sehr jung in ihrem Beruf, bevor er „gerettet“ wurde, sein Leben aufschrieb und zum Star wurde, der – was seinen Ruhm und seine Faszination nur noch verstärkte – Phantom blieb, nicht greifbar, sich lange der Öffentlichkeit entzog, bevor er zuweilen auftauchte, verkleidet mit Perücke und Sonnenbrille, zumeist das Wort abtretend an seine Sprecherin „Speedie“. Eine Geschichte, die unmöglich wahr sein konnte – und es auch nicht nicht war. LeRoy war eine Erfindung der eigentlichen Autorin, Laura Albert, die hinter Speedie steckte und deren Schreiben Resultat telefonischer Therapiesitzungen war und die das Alter Ego brauchte, um das zu Sagende aussprechen oder eben aufschreiben zu können. Und JT wurde gespielt von Alberts Schwägerin. Am Ende gab es Enthüllungsstories und einen Prozess, den Albert verlor. Für die Geschichte hat sie noch nicht die Folmrechte erteilt. Schade eigentlich.

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Ideenlose Götter

Ronald M. Schernikau: Legende, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Ein Titel als Programm: Legende ist das opus magnum Ronald M. Schernikaus, des Grenzgängers zwischen Ost und West, des Kommunisten im Westen und des fremdelnden Westlers im Osten, des stets Widerständigen, des offen Schwulen, des zwischen alle Schubladen Gefallenen, der nie dazu gehörte und es vielleicht nicht wollte. Erscheinen durfte das 1100 Seiten starke Mammutwerk nur – und erst nach dem viel zu frühen Tod des Autors –, weil es zahlreiche prominente DDR-Kolleg*innen vorab subskribierten, schnell war es vergriffen, seit mittlerweile bald 30 Jahren. Jetzt scheint die zeit reif zu sein für eine Renaissance: Der Verbrecher Verlag besorgte eine kommentierte Neuauflage und die Volksbühne bringt den Wälzer in einer Dreieinhalbstunden-Adaption auf ihre große (Dreh-)Bühne. Mit Stefan Pucher kümmert sich auch gleich ein Regie-Schwergewicht um das sperrige Konglomerat – in besseren Hände könnte diese Neubelebung also kaum sein. Und doch drängt sich schnell der Gedanke auf, dass hier vor allem eines herrscht: tiefe Ratlosigkeit. Denn aus der Zeit gefallen ist dieses Werk ohne Zweifel: Der postulierte Streit zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf Augenhöhe, das Schwanken zwischen Verzweiflung an der Welt und fast naiver Rettungsvision – das alles wirkt anachronistisch und weit weg, die Schlachten längst geschlagen – und nun wieder aufgewärmt?

Bild: Thomas Aurin

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Verpeilte Aliens

Nach Salomé von Oscar Wilde: FINAL FANTASY, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

Irgendwann in diesen kurzen knapp 80 Minuten wird von einem Zettel vorgelesen. Dabei geht es um die Frau als Verführerin, als dämonische Macht, die – natürlich männliche – Menschheit zu verderben, als die sie, wie wir erfahren oder längst wissen, in großen Teilen der Kultur- und Literaturgeschichte galt, schon lange vor der Bibel mit dem Sündenfall der Eva, etwa im Gilgamesch-Epos, und eben mindestens bis hin zu Oscar Wilds skandalumwitterter Neuinterpretation der biblischen Geschichte von der verschmähten Prinzessin Salomé, die aus Rache den Täufer Johannes töten ließ. Vorgelesen werden die Ausführungen von einem Alien in weißem Latexanzug (Kostüme: Leonie Falke). Falsche Betonungen und stockender Vortrag bezeugen, dass die Lesende vom Vorgetragenen so wenig versteht wie die hilflos Verständnis heuchelnden Zuhörer*innen, denen das schwüle Konglomerat aus männlich herbeifantasierter Lust und Misogynie fremd bleibt. Ja, es sind Außerirdische, die auf der schwarz-weißen, irgendwie an Jugendstilornamentik erinnernden Bühne von Laura Kirst unter Mitwirkung gespenstisch atmosphärischer, teils halb kitschig zitierender Klänge zwischen Horror- und Science-Fiction-Film-Ästhetik (Musik: Nicki Fehr), ein Drama nachspielen,, das nicht nur ihnen aus der Zeit gefallen scheint. FINAL FANTASY heißt es und ist die erste Arbeit Lucia Bihlers als Hausregisseurin der Volksbühne. Dass sie im 3. Stock, also auf der kleinen Nebenbühne, stattfindet, hat angesichts des feministischen Impetus der Arbeit, allerdings durch auch ein Geschmäckle.

Bild: Katrin Ribbe

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Die unerträgliche Länge des Moments

Susanne Kennedy und Markus Selg: ULTRAWORLD, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Irgendwo zwischen Kacheln und antiker Ornamentik sind die elemente angesiedelt, die das Portal bilden, auf das der Zuschauer zunächst starrt. Darin fließt und bewegt es sich wie in einem Ozean, einer Ursuppe, rot und lila und blau, bereit, daraus eine Welt entstehen zu lassen. Zuletzt musste man als Zuschauer*in ein solches Portal noch durchschreiten, um zur „Coming Society“, einer reichlich esoterisch angehauchten Gesellschaftsvision zu gelangen, nun darf man mehr oder minder bequem und zumindest gefühlt reichlich lang in den Volksbühnen-Sitzen verbleiben und passiver Zeuge einer Welterschaffung werden. Außer Kay Voges beschäftigt sich derzeit wohl keine andere deutschsprachige Theatermacherin so sehr mit der Frage, wie die digitalen Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden, nicht nur unsere Leben verändern sondern auch unser Menschsein. Kennedy hatte schon in früheren Arbeiten das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und produziert sind wie die Vorstellung eines Selbst. Dass das ins Esoterische zu kippen vermag, zeigte sie in Coming Society, einer Arbeit mit dem Künstler Markus Selg, mit dem sie auch jetzt wieder arbeitet.

Bild: Julian Röder

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Kreisen ohne Mitte

Nach Allen Ginsberg: HOWL, Volksbühne Berlin (Regie: David Marton)

Von Sascha Krieger

Howl, Allen Ginsbergs Langgedicht, gilt als Sternstunde, Höhepunkt, Essenz der Beat Poetry, jener wilden sprachlichen Befreiungsbewegung aus der Enge des Nachkriegs-Amerikas der 1950er-Jahre, der McCarthy-Zeit, der bleiernen Schwere des wohlstandseligen Stillstands. Drogengeschwängert, sexuell rebellisch, Regeln in den Wind blasend, den Bob Dylan, ohne die Beat Poets ohnehin nicht denkbar, nur wenige Jahre am Beginn des Jahrzehnts, das als das revolutionäre, gesellschaftsverändernde bekannt werden würde, beschwören sollte – Howl ist und enthält alles, das die Beat Generation ausmachte, alle Grenzüberschreitungen in einem einzigen langen, nicht zu unterbrechenden Sprachrausch kondensiert. Zu Beginn von David Martons Bearbeitung an der Volksbühne ist davon nichts übrig geblieben. Ruinen und Baustellenfragmente bevölkern Christian Friedländers Bühne, eine bonbonpastelliger Brunnen steht verloren herum, Sir Henry betritt in Fünfziger-Anzug-mit-Hut-Kluft die Bühne und verliest die „Holy“-Tirade Ginsbergs mit der Verve einer Tagesordnungsverlautbarung einer Behördensitzung. Hier ist kein Rausch mehr, nur noch trockene Worte auf vergilbtem Papier, die keine Welt mehr haben, keine Wirklichkeit mehr kennen, denen jeder Bezug abhanden gekommen ist.

Bild: David Baltzer

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Deutschland, eine Geisterbahn

Nach Heiner Müller: Germania, Volksbühne Berlin (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

„Der Mund entsteht mit dem Schrei“. Heiner Müllers Exkurs, der Edvard Munchs berühmtes Gemälde mit den Schrecken des diesem folgenden Jahrhunderts, bezogen auf und ausgehend auf des autors Heimatland Deutschland, assoziiert, steht, wie er sollte, am Ende dieses dreistündigen Abends, an dem Claudia Bauer nahezu Unmögliches versucht. Nicht nur will sie seine beiden monströsen Germania-Stücke, jenes frühere sich am Stalismus abarbeitende, und das aus der Nachwendezeit, das nochmal den Bogen ganz weit zurückschlägt in die in die Gegenwart wirkende deutsch-preußische Geschichte, zusammenbringen. Nein, ihr schwebt auch vor, das Müllersche Geschichtsverständnis, seine Ansichten zur Menschheit und ihrer vermeintlichen Entwicklung, die in diesen Arbeiten besonders am Werk sind und auch thematisiert werden, in Theater zu übersetzen. Das kann nur scheitern, die Frage ist nur, auf welchem Niveau. Der Aufwand den Bauer in ihrer ersten Volksbühnen-Regie betreibt, ist beträchtlich: Neben dem achtköpfigen Ensemble stehen ein Orchester, drei Sängerinnen, ein Chor und eine Hand voll Puppenspieler*innen auf der Bühne. Totaltheater nennt man das wohl, spartenübergreifend, allumfassend.

Bild: Julian Röder

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Im rosa Nebel

Katja Brunner: Die Hand ist ein einsamer Jäger, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Pinar Karabulut)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Katja Brunners Die Hand ist ein einsamer Jäger ein wütendes Stück. In an Elfriede Jelinek gemahnendem an Kalauern reichen sprachlichen Furor, arbeitet es sich an den Zumutungen ab, die „wir“ als Gesellschaft lange – und vielleicht noch immer – als selbstverständlich erachte(te)n, wenn es um den weiblichen Teil unserer Bevölkerung ging. Die Reduktion auf „weibliche“ Rollenmuster, die Sexualisierung und Objektifizierung, das „Mitspielen“ beim patriarchal sexistischen „Spiel“. Bei Brunner treten sie auf: die Bulimikerinnen, die im Wortsinn auf Vaterland und Gesellschaft kotzen, die die „Göttin der Entleerung“ als Unabhängigkeit Bringende anbeten, während sie in Wirklichkeit nur die eigene Unterwerfung unter gesellschaftliche Normierungen verkörpert – Selbstentäußerung als Rebellion und Kapitulation zugleich; die Teenagerinnen, die sich ungebetene Hände in der Hose ebenso wie die Unterordnung unter Männerphantasien gefallen lassen müssen; die gerade Geborene, die im Schnelldurchlauf erwachsen geworden, sich bedankt dafür, gelernt zu haben, nicht Nein sagen zu können, und dass sie das Glück haben würde, sich durch ihre Potenz beweisen zu können.

Bild: Vincenzo Laera

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Ins Netz gegangen

Kay Voges & Ensemble: Don’t Be Evil, Volksbühne Berlin (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Kay Voges steht bekanntlich vor dem Abschied. In zehn Jahren Intendanz hat er das Schauspiel Dortmund zu einem Haus gemacht, über das nicht nur gesprochen wird, sondern das als Vorreiter gilt für die Beschäftigung des Theaters mit der digitalen und medialen Wirklichkeit unserer Zeit, das sich wie kein zweites damit befasst, was das Online-Sein, die Virtualisierung von Kommunikation und Information, die Multiplizierung der Erfahrungsräume und der ständige Overkill mit uns machen – im Negativen wie im Positiven. Nun steht das Dortmunder Projekt kurz vor dem Ende – nach dieser Spielzeit wechselt Voges ans Wiener Volkstheater – und beinahe scheint es, als stünde auch sein theatrales Experiment vor dem Abschied. Denn was er bei seiner ersten Arbeit an der Volksbühne vorlegt, lässt sich kaum als etwas anderes lesen als eine Abrechnung mit dem Internet, den sozialen Medien, der Tyrannei der Timelines. Gesperrt in einen zunächst golden glänzen Käfig sich – real und virtuell – immer weiter aufspaltender Quadrate (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch), einem Würfel nur noch virtueller Erfahrung, erscheint die Welt der weltweiten Verfügbarkeit unendlich klein, eng und hässlich.

Bild: Julian Röder

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Menschen, Ratten, Götter

Nach Homer, neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason: Eine Odyssee, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, seit dieser Spielzeit für die kommenden zwei Jahre Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne, haben es die Mythen, die großen Ursprungserzählungen unserer Welt angetan. Am Schauspiel Hannover hat er die seiner Heimat, Die Edda, zu einer vielschichtigen theatralen Reglexions-, Bilder- und Zeitmaschine transformiert, große Bögen über noch größere Menschheitsfragen geschlagen. An der Volksbühne ist es nun eine Erzählung, die zu den Kernnarrativen (auch mittel)europäischer Kultur gehört: jene von den Irrfahrten des Heerführers, der im Alleingang und mittels einer List den trojanischen Krieg gewann, jenen, der alle Kriege beenden sollte – ein an diesem Abend mehrfach fallender Satz, der bekanntlich einst auch den Weltkrieg beschreiben sollte, den wir heute den ersten nennen. Und der, wie wir heute wissen, nur der Anfang war. Auch bei Homer: Denn wo der Krieg endete, mit der Ilias, begann die Irrfahrt, das Verlaufen der Menschheit, die bis heute den Weg zurück in ihr friedliches Zuhause finden konnte.

Bild: Vincenzo Laera

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