Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Aus der Versenkung

Leander Haußmann: Haußmanns Staatssicherheitstheater, Volksbühne Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Auferstanden aus Ruinen: Als die DDR-Nationalhymne noch einen Text hatte (die Textzeile „Deutschland einig Vaterland“ erschien spätestens nach dem Mauerbau nicht mehr opportun), begann sie mit diesen Worten. Ruiniert findet so mancher auch die Volksbühne, die Wunden der kurzen Ära Chris Dercon sind noch nicht verheilt, die Tränen über das Ende der Castorf-Intendanz noch nicht getrocknet. Dieser Abend, die erste eigene Schauspielpremiere der Interimsintendanz von Klaus Dörr, erscheint manchem als Neuanfang, einer, der – auch das überrascht nicht – ein multipler Blick zurück ist. Regisseur Leander Haußmann hat in der Castorf-Zeit hier mehrfach inszeniert, er feierte an diesem Ort 2011 sein (reichlich deaströses) Theater-Comeback und er widmet sich nun einer der Kernthemen der Castorf-Ära: der ostdeutschen Vergangenheit und dem spezifischen Selbstverständnis und der Identität dieses keineswegs homogenen Teils Deutschlands. Dass der Premierenabend Anlass für Castorf selbst ist, „sein Haus“ erstmals wieder zu betreten, überrascht nicht. Nostalgie breitet sich aus, die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, deren Verklärung schon Jahre vor ihrem ende eingesetzt hatte.

Bild: Harald Hauswald

Weiterlesen

Advertisements

Tanke schön

Luis Krummenacher, David Thibaut, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber: Tankstelle, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Luis Krummenacher, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber)

Von Sascha Krieger

Der Traum von der unbegrenzten Mobilität des Einzelnen gehört zu den Urmythen kapitalistischer Fortschrittsideologie. Das Auto ist bis heute dessen wirkmächtigstes Symbol, die Tankstelle einen mythenumränkter Ort unendlicher Möglichkeiten. Zu Beginn des gleichnamigen neuen Abends von P14, dem Jugendtheater der Volksbühne, ist selbige Mobilität längst zum bedeutungsleeren Selbstzweck geworden: Drei junge Frauen in angedeuteten Mechanikerinnen-Outfits bewegen sich liegend auf wie Rucksäcke angeschnallten Rollbrettern ziellos durch den Raum und kreieren gemeinsam mit den sich ähnlich gerierenden Kulissenteilen ein Ballett sinnfreier Bewegung. Überhaupt ist hier wenig Mobil zwischen Tresen, Holzlamellen-behangener Fensterfront und einer Zapfsäule, die eher nach Schrankwand-Element aussieht. Der Traum von der grenzenlosen Freiheit ist ausgeträumt. Wer hier landet, kommt nicht mehr weg. Draußen – und auf Wänden und Fernsehbildschirm – peitscht unaufhörlich der Regen, eine Art Sintflut, die am Ende das Meer bis an die Tankstelle bringen wird. Die Geister, die der Traum rücksichtsloser Mobilität rief, kommen als entfesselte Natur zurück. Das aufgeheizte Klima nimmt sich, was es kriegen kann.

Bild: Charlotte Helwig

Weiterlesen

Wenn Elektra Gollum trifft

Elias Geißler, Josefin Fischer: Core of Crisis!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Leonie Volke)

Von Sascha Krieger

Ja, wo ist er denn, der Kern der Krise? Und welcher Krise eigentlich, wie Churchill fragen würde oder von wem auch immer das Zitat tatsächlich nicht stammt. An diesem Abend, dem neuesten Streich der Überlebenskünstler von P14, dem Jugendtheater der Castorfschen-Volksbühne, das unter dessen Nach-Nachfolger irgendwie immer noch da ist, ist alles Krise. Wiße Plastikplanen hängen von der Decke machen die Bühne (Lais Castro Reis) zu einer art Albtraum Labyrinth innerer Welten, die krampfhaft versuchen sich nach außen zu kehren, Realität zu werden, die sie da drinnen längst sind. Eingeführt von Luzie Scheuritzel als der am wenigsten vertrauenswürdigen aller Erzählerinnen sehen wir eine Familie, optisch angesiedelt irgendwo zwischen Dreißigjährigem Krieg und Biedermeier (Kostüme: Lea Knippenberg und Pauline Wedler), deren Mutter (grandios: Mariann Yar) unter wahnhaften Vorstellungen zu leiden scheint, während der Vater (Lennart Webs) sich als manipulativer Patriarch entpuppt. Hinzu kommen die Zwillingen Ophelia und Amor (gespielt mit brachial-nuancierter Körperlichkeit von den Wandelbarkeits-Virtuos*innen Marie Tragousti und Sammy Scheuritzel), die sich gerade in einer irrwitzig schönen Szene dabei beobachten ließen, wie sie ihren Weg aus der ersten (dem Mutterleib) in die zweite Welt – die Familienhölle – fanden.

Bild: Jakob Fliedner

Weiterlesen

Angst vor Virginia Woolf

Nach dem Roman von Virginia Woolf: Die Fahrt zum Leuchtturm, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Völlige Stille. Hin und wieder ein leises Plätschern und Tropfen. Dann ist wieder einer der Container umgekippt worden, die oben auf den orangefarbenen Wände angebracht sind. Dann ergießt sich grüße Farbe über die, die Anne Tismer, noch in orange gekleidet, aufnimmt und verstreicht. Lange, sehr lange passiert nichts anderes, ist nicht mehr zu hören als als das leise Kratzen der Malerbürste und nichts zu sehen außer einer Frau, die Wände streicht. Mit einer Ausnahme: Auf einer Übertitel-Tafel erscheinen Daten – Meilensteine im langen Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter, große und kleine, bedeutende und kaum bemerkte. Da ist auch der* letzten Zuschauer*in klar: Das Umstreichen der Wände in die Farbe der Hoffnung ist ein politisches Symbol, ein Zeichen der Zeitenwende, vielleicht auch ein Aufruf zu selbiger. Damit symbolisiert Tismer die Umkehr der Ordnung, die zu Beginn von Virginia Woolfs bahnbrechendem Roman To the Lighthose noch intakt scheint und die Ernst-Busch-Absolventin Marie Schleef zuvor in ihrer Diplominszenierung knapp eine Stunde in all ihrer Erstarrung vorgeführt hat. Nichts ist wie vorher, aber was tritt an die Stelle des Alten?

Bild: Jo Jankowski

Weiterlesen

Because They Got High…

Bonn Park und Ben Roessler: Drei Milliarden Schwestern, Volksbühne Berlin (Regie: Bonn Park)

Von Sascha Krieger

Jetzt sind sie endlich hier: unten, im Parterre, auf der großen Bühne. Seit 25 Jahren gibt es sie jetzt, die, die jetzt auf der Bühne stehen, waren damals noch gar nicht geboren. Wer über den „Geist der Castorfschen Volksbühne“ spricht, wer ihn sucht, wer sich für seine Langlebigkleit und seine störrische Beharrlichkeit interessiert, der geht normalerweise in den 3. Stock des Hauses. Dort hat sich P14 eingenistet, der „Jugendklub“ des Hauses. Nein, viel mehr: eine autonome, anarchische, gern auch ein wenig sperrige Theatercommunity, bestehend aus jungen Bühnentieren, die auf eines keine Lust haben: sich vorschreiben zu lassen, wie das mit diesem Theatermachen zu gehen hat. Die es selber tun, die jeden Monat eine neue Produktion in den engen Bühnenraum bringen, der auch ein Rückzugsort ist, das Gallische Dorf der Castorf-Bühne. Wo Pollesch und Castorf und vielleicht auch Herbert Fritsch nach wie vor die Fixsterne sind. Ein Ort, der sich gehalten hat, unantastbar blieb, ein Platz des Bewahrens wie der ständigen Erneuerung. Castorf ist weg, Dercon ist weg, Dörr auf Abruf. P14, da muss man kein Prophet sein, wird bleiben. Jetzt also sind die jungen Rebell*innen auf der ganz großen Bühne gelandet. Kurzzeit-Intendant Chris Dercon soll das Projekt noch beauftragt haben – dass ausgerechnet dieses Widerstandsnest Teil seines Erbes würde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Bild: Thomas Aurin

Weiterlesen

Maskierte Wahrheit

Mohammad Al Attar: The Factory, Ruhrtriennale / Volksbühne Berlin (Regie: Omar Abusaada)

Von Sascha Krieger

„Die ganze Weltsoll erfahren, was sie uns angetan haben. Die Welt soll erfahren, dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was dort geschieht.“ So steht es in einer Email, die Ahmad, Arbeiter in der riesigen Zementfabrik des französischen Konzerns Lafarge im Norden Syriens, schickt und die bei der französischen Journalistin Maryam landet, wahrscheinlich, weil sie als Tochter eines Algeriers des arabischen mächtig ist. The Factory, nach Iphigenie  die zweite gemeinsame Arbeit von Autor Mohammad al Attar und Regisseur Omar Abusaada an der Volksbühne, will die Geschichte dieser Fabriuk und in ihr von diesem Syrien erzählen, dass wir als Diktatur und Bürgerkriegsland aus den Nachrichten kennen – und von der Verstrickung auch der westlichen Welt in diesem Konflikt. Denn als die westliche Gemeinschaft das Assad-Regime verurteilte, als sich fast alle westlichen Unternehmen, die zuvor mit der Gewaltherrschaft des jungen wie des älteren Assad kaum Probleme hatten, blieb der französische Baustoffkonzern Lafarge. Wie er sich zuvor – und weiterhin – mit den Assads arrangiert hatte,  tut er es nun auch mit allen anderen bei denen es nötig erscheint. So erhält selbst der IS Millionen an Schutzgeldern aus Frankreich.

Bild: David Baltzer

Weiterlesen

Gefangen in der Endlosschleife

Ich steh schon derbe lang auf dich! Ein Stück der Provinz, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Leonie Jenning)

Von Sascha Krieger

Ach, ist das langweilig hier. Regungslos stehen sie da, die pubertierenden Landeier vor dem leeren Kiosk, an dem es sowieso nichts gibt, der Dorf-Konsum ist und -Disko und die Bushaltestelle, zu der man zum Nachdenken geht, weil sie ein Ort der Hoffnung ist, der Hoffnung mal herauszukommen, von der man aber weiß, dass sie trügt, denn ein Bus kommt hier nie. „Ein Stück der Provinz“ soll das sein, sagt der Untertitel. Wier befinden uns – ja, wo eigentlich? Irgendwo in der ostdeutschen Provinz in einer Zwischenvornachwendezeit, die in ihrer hier vorgestellten Stagnation – der Abend stammt von Nachgeborenen – mit der damaligen Realität herzlich wenig gemein hat und eher auf ein Land-vs.-Stadt-Motiv zielt und sich ästhetisch wie musikalisch eher in einer tatsächlich erstarrten Zeit, der späten Altbundesrepublik kurz vor dem „Mauerfall“ anzusiedeln schein. Allerdings tragen die „Figuren“ zumeist russische Namen und sprechen zunächst gar in selbiger Sprache. Tschechow, der Meisterporträtist einer erstarrten Gesellschaft, lässt grüßen. Und natürlich sind wir auch im Theater: Der erste Dialog geschieht Kasperletheater-haft vor schwarzen Vorhang durch die Tresenöffnung des Kiosks, über dem „Statttheateressen“ steht und das mit allerlei improvisierten Poster, darunter auch der Veranstaltung, der wie hier beiwohnen, beklebt ist.

Ich_steh_schon_derbe_lang_auf_dich_Jakob_Fliedner_4

Bild: Jakob Fliedner

Weiterlesen

Ein Königreich für eine Dramaturgie!

Yael Bartana: What if Women Ruled the World?, Volksbühne Berlin (Regie: Yael Bartana)

Von Sascha Krieger

Politik wird von Männern gemacht. Kriege sowieso. Und dass überhaupt jemand auf die Idee kommen musste, eine „Doomsday Clock“ zu erfinden, die anzeigt, wie weit die Welt von ihrer eigenen Vernichtung entfernt ist, lässt sich vom Vorhandensein eines Geschlechts mit erhöhtem Tesstosteronanteil auch nicht trennen. Ausnahmen gibt es, sie bestätigen aber zumeist die Regel. D liegt der Gedanke durchaus nahe – und das nicht erst seit #MeToo – darüber nachzudenken, wie die Welt aussehen könnte, wenn weibliche Hände und Hirne ihre Geschicke lenkten. Genau das will Yael Bartana, von Haus aus bildende Künstlerin und Filmemacherin mit sehr eingeschränkter Theatererfahrung, in ihrer Arbeit an der Volksbühne (zuvor schon in Manchester und Aarhus aufgeführt) herausfinden. Also setzt sie eine reine Frauenrunde in einen Nachbau des „War Rooms“ aus Stanley Kubricks hinreißend bitterer Kalter-Kriegs-Satire Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb, in der die versammelten Testosteronträger mal eben so einen nuklearen Weltkrieg auslösen, aus Narzissmus, Infantilität, Spieltrieb und Dominanzgehabe. Hier geht es ruhiger zu, vernünftiger, denn wir befinden uns in einem „Peace Room“ (Bühne: Saygel & Schreiber).

Bild: Birgit Kaulfuss

Weiterlesen

Suizid und Sprühsahne

Leiden ohne Liebe (aua aua, OHWEH OHWEH), P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marlene Knobloch)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dies ja der Tag der Rache. Acht junge Menschen zahlen es dem Peiniger all der jungen Generationen der vergangenen Jahrzehnte heim, der sie quälte, ihnen die Lust an Literatur und ihrem bekanntesten Vertreter deutscher Zunge verleidete, Konzepte von der Liebe und dem Leiden an ihr, durch sie vermittelte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Der Werther ist’s, der schmachtende, suizidale Künstler, der an einer unerfüllten Liebe zu zerbrechen glaubte und sich selbst zerbrach. Ihm können sie es jetzt zeigen, ihm die Leviten lesen, ihn einem Exorzismus unterziehen, der sich gewaschen hat. Und wenn Menschen, die gerade die Tür zur Pubertät zu geschlagen haben oder vielleicht sogar noch im Türrahmen stehen, eines wissen, dann, dass Lächerlichkeit eine der schärften Waffen ist, die ein Mensch in seinem Arsenal haben kann. Also ziehen die angepissten Acht alles durch den Kakao, was sie mit dem Werther! und dem Kult um das Leiden, das zum Lieben gehöre, verbinden, durch den Kakao. Oder in diesem Fall die reichlich eingesetzte Sprühsahne.

Leiden_ohne_Liebe_Jakob_Fliedner_3

Bild: Jakob Fliedner

Weiterlesen

Sänfte, ruh!

Albert Serra: Liberté, Volksbühne Berlin (Regie: Albert Serra)

Von Sascha Krieger

Zu den wenigen Linien, die sich in Chris Dercons, formulieren wir es freundlich, schwierigem ersten Jahr als Intendant der Volksbühne, erkennen lassen, gehört der Versuch, Korrespondenzen, Dialoge, Interaktionen zwischen Theater und Bildender Kunst zu inspirieren. Vorläufiger Höhe- – für nicht wenige vor allem in der Berliner Theaterkritik – Tiefpunkt dieses Versuchs ist Liberté, die Arbeit eines Künstlers, der als Filmemacher in beiden Disziplinen Außenseiter ist. Serra, Spezialist für meditative Historienfilme, hypergenaue Portraits geschichtlicher Figuren, handlungsarm, atmospphärisch dicht und hochkünstlich, malt. Eine bevölkerte Landschaft im Rokostil, der Name Watteau findet sich in fast jeder Rezension des Abends wieder. Eine Wegkreuzung, ein paar kleine Erhöhungen, ein Teich, viel Grün, im Hintergrund eine bewaldete Landschaft: Das riesige Bühnenhalbrund öffnet sich zu einem brandenburgischen Idyll irgendwann im 18. Jahrhundert (Bühne: Sebastian Vogler). Ein Idyll in ewiger Dämmerung.   Licht fällt dorthin, wo es natürlich wäre: hier ein Mondstrahl, dort der Kerzenschein einer der vielen Sänftern, die bei Serra so etwas wie die Hauptfigur sind. Alles andere, oft auch die Darsteller*innen, liegt im Dunkeln. Zuweilen ein Sonnenaufgang, nicht mehr. Ein opulentes Illusionsbild, in dem man sich verlieren kann.

Bild: Román Yñan

Weiterlesen

Advertisements