Archiv der Kategorie: Volksbühne Berlin

Because They Got High…

Bonn Park und Ben Roessler: Drei Milliarden Schwestern, Volksbühne Berlin (Regie: Bonn Park)

Von Sascha Krieger

Jetzt sind sie endlich hier: unten, im Parterre, auf der großen Bühne. Seit 25 Jahren gibt es sie jetzt, die, die jetzt auf der Bühne stehen, waren damals noch gar nicht geboren. Wer über den „Geist der Castorfschen Volksbühne“ spricht, wer ihn sucht, wer sich für seine Langlebigkleit und seine störrische Beharrlichkeit interessiert, der geht normalerweise in den 3. Stock des Hauses. Dort hat sich P14 eingenistet, der „Jugendklub“ des Hauses. Nein, viel mehr: eine autonome, anarchische, gern auch ein wenig sperrige Theatercommunity, bestehend aus jungen Bühnentieren, die auf eines keine Lust haben: sich vorschreiben zu lassen, wie das mit diesem Theatermachen zu gehen hat. Die es selber tun, die jeden Monat eine neue Produktion in den engen Bühnenraum bringen, der auch ein Rückzugsort ist, das Gallische Dorf der Castorf-Bühne. Wo Pollesch und Castorf und vielleicht auch Herbert Fritsch nach wie vor die Fixsterne sind. Ein Ort, der sich gehalten hat, unantastbar blieb, ein Platz des Bewahrens wie der ständigen Erneuerung. Castorf ist weg, Dercon ist weg, Dörr auf Abruf. P14, da muss man kein Prophet sein, wird bleiben. Jetzt also sind die jungen Rebell*innen auf der ganz großen Bühne gelandet. Kurzzeit-Intendant Chris Dercon soll das Projekt noch beauftragt haben – dass ausgerechnet dieses Widerstandsnest Teil seines Erbes würde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Bild: Thomas Aurin

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Maskierte Wahrheit

Mohammad Al Attar: The Factory, Ruhrtriennale / Volksbühne Berlin (Regie: Omar Abusaada)

Von Sascha Krieger

„Die ganze Weltsoll erfahren, was sie uns angetan haben. Die Welt soll erfahren, dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was dort geschieht.“ So steht es in einer Email, die Ahmad, Arbeiter in der riesigen Zementfabrik des französischen Konzerns Lafarge im Norden Syriens, schickt und die bei der französischen Journalistin Maryam landet, wahrscheinlich, weil sie als Tochter eines Algeriers des arabischen mächtig ist. The Factory, nach Iphigenie  die zweite gemeinsame Arbeit von Autor Mohammad al Attar und Regisseur Omar Abusaada an der Volksbühne, will die Geschichte dieser Fabriuk und in ihr von diesem Syrien erzählen, dass wir als Diktatur und Bürgerkriegsland aus den Nachrichten kennen – und von der Verstrickung auch der westlichen Welt in diesem Konflikt. Denn als die westliche Gemeinschaft das Assad-Regime verurteilte, als sich fast alle westlichen Unternehmen, die zuvor mit der Gewaltherrschaft des jungen wie des älteren Assad kaum Probleme hatten, blieb der französische Baustoffkonzern Lafarge. Wie er sich zuvor – und weiterhin – mit den Assads arrangiert hatte,  tut er es nun auch mit allen anderen bei denen es nötig erscheint. So erhält selbst der IS Millionen an Schutzgeldern aus Frankreich.

Bild: David Baltzer

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Gefangen in der Endlosschleife

Ich steh schon derbe lang auf dich! Ein Stück der Provinz, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Leonie Jenning)

Von Sascha Krieger

Ach, ist das langweilig hier. Regungslos stehen sie da, die pubertierenden Landeier vor dem leeren Kiosk, an dem es sowieso nichts gibt, der Dorf-Konsum ist und -Disko und die Bushaltestelle, zu der man zum Nachdenken geht, weil sie ein Ort der Hoffnung ist, der Hoffnung mal herauszukommen, von der man aber weiß, dass sie trügt, denn ein Bus kommt hier nie. „Ein Stück der Provinz“ soll das sein, sagt der Untertitel. Wier befinden uns – ja, wo eigentlich? Irgendwo in der ostdeutschen Provinz in einer Zwischenvornachwendezeit, die in ihrer hier vorgestellten Stagnation – der Abend stammt von Nachgeborenen – mit der damaligen Realität herzlich wenig gemein hat und eher auf ein Land-vs.-Stadt-Motiv zielt und sich ästhetisch wie musikalisch eher in einer tatsächlich erstarrten Zeit, der späten Altbundesrepublik kurz vor dem „Mauerfall“ anzusiedeln schein. Allerdings tragen die „Figuren“ zumeist russische Namen und sprechen zunächst gar in selbiger Sprache. Tschechow, der Meisterporträtist einer erstarrten Gesellschaft, lässt grüßen. Und natürlich sind wir auch im Theater: Der erste Dialog geschieht Kasperletheater-haft vor schwarzen Vorhang durch die Tresenöffnung des Kiosks, über dem „Statttheateressen“ steht und das mit allerlei improvisierten Poster, darunter auch der Veranstaltung, der wie hier beiwohnen, beklebt ist.

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Bild: Jakob Fliedner

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Ein Königreich für eine Dramaturgie!

Yael Bartana: What if Women Ruled the World?, Volksbühne Berlin (Regie: Yael Bartana)

Von Sascha Krieger

Politik wird von Männern gemacht. Kriege sowieso. Und dass überhaupt jemand auf die Idee kommen musste, eine „Doomsday Clock“ zu erfinden, die anzeigt, wie weit die Welt von ihrer eigenen Vernichtung entfernt ist, lässt sich vom Vorhandensein eines Geschlechts mit erhöhtem Tesstosteronanteil auch nicht trennen. Ausnahmen gibt es, sie bestätigen aber zumeist die Regel. D liegt der Gedanke durchaus nahe – und das nicht erst seit #MeToo – darüber nachzudenken, wie die Welt aussehen könnte, wenn weibliche Hände und Hirne ihre Geschicke lenkten. Genau das will Yael Bartana, von Haus aus bildende Künstlerin und Filmemacherin mit sehr eingeschränkter Theatererfahrung, in ihrer Arbeit an der Volksbühne (zuvor schon in Manchester und Aarhus aufgeführt) herausfinden. Also setzt sie eine reine Frauenrunde in einen Nachbau des „War Rooms“ aus Stanley Kubricks hinreißend bitterer Kalter-Kriegs-Satire Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb, in der die versammelten Testosteronträger mal eben so einen nuklearen Weltkrieg auslösen, aus Narzissmus, Infantilität, Spieltrieb und Dominanzgehabe. Hier geht es ruhiger zu, vernünftiger, denn wir befinden uns in einem „Peace Room“ (Bühne: Saygel & Schreiber).

Bild: Birgit Kaulfuss

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Suizid und Sprühsahne

Leiden ohne Liebe (aua aua, OHWEH OHWEH), P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marlene Knobloch)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dies ja der Tag der Rache. Acht junge Menschen zahlen es dem Peiniger all der jungen Generationen der vergangenen Jahrzehnte heim, der sie quälte, ihnen die Lust an Literatur und ihrem bekanntesten Vertreter deutscher Zunge verleidete, Konzepte von der Liebe und dem Leiden an ihr, durch sie vermittelte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Der Werther ist’s, der schmachtende, suizidale Künstler, der an einer unerfüllten Liebe zu zerbrechen glaubte und sich selbst zerbrach. Ihm können sie es jetzt zeigen, ihm die Leviten lesen, ihn einem Exorzismus unterziehen, der sich gewaschen hat. Und wenn Menschen, die gerade die Tür zur Pubertät zu geschlagen haben oder vielleicht sogar noch im Türrahmen stehen, eines wissen, dann, dass Lächerlichkeit eine der schärften Waffen ist, die ein Mensch in seinem Arsenal haben kann. Also ziehen die angepissten Acht alles durch den Kakao, was sie mit dem Werther! und dem Kult um das Leiden, das zum Lieben gehöre, verbinden, durch den Kakao. Oder in diesem Fall die reichlich eingesetzte Sprühsahne.

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Bild: Jakob Fliedner

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Sänfte, ruh!

Albert Serra: Liberté, Volksbühne Berlin (Regie: Albert Serra)

Von Sascha Krieger

Zu den wenigen Linien, die sich in Chris Dercons, formulieren wir es freundlich, schwierigem ersten Jahr als Intendant der Volksbühne, erkennen lassen, gehört der Versuch, Korrespondenzen, Dialoge, Interaktionen zwischen Theater und Bildender Kunst zu inspirieren. Vorläufiger Höhe- – für nicht wenige vor allem in der Berliner Theaterkritik – Tiefpunkt dieses Versuchs ist Liberté, die Arbeit eines Künstlers, der als Filmemacher in beiden Disziplinen Außenseiter ist. Serra, Spezialist für meditative Historienfilme, hypergenaue Portraits geschichtlicher Figuren, handlungsarm, atmospphärisch dicht und hochkünstlich, malt. Eine bevölkerte Landschaft im Rokostil, der Name Watteau findet sich in fast jeder Rezension des Abends wieder. Eine Wegkreuzung, ein paar kleine Erhöhungen, ein Teich, viel Grün, im Hintergrund eine bewaldete Landschaft: Das riesige Bühnenhalbrund öffnet sich zu einem brandenburgischen Idyll irgendwann im 18. Jahrhundert (Bühne: Sebastian Vogler). Ein Idyll in ewiger Dämmerung.   Licht fällt dorthin, wo es natürlich wäre: hier ein Mondstrahl, dort der Kerzenschein einer der vielen Sänftern, die bei Serra so etwas wie die Hauptfigur sind. Alles andere, oft auch die Darsteller*innen, liegt im Dunkeln. Zuweilen ein Sonnenaufgang, nicht mehr. Ein opulentes Illusionsbild, in dem man sich verlieren kann.

Bild: Román Yñan

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Schrein oder Nichtsein

Nach Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern, Volksbühne Berlin / Münchner Kammerspiele (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Der Tod ist schwarz und trist. Stirbt jemand, wird getrauert, geweint, gelitten. In ehrfurchtsvoller Stille. Der Umgang mit dem Tod gehört zu den ältesten und am festesten gefügten Säulen des gesellschaftlichen Kompromisses, den wir Kultur zu nennen pflegen. Die abendländische, um genau zu sein. Doch da fängt es schon an: Auch in diesem so genannten Okzident ist diese Art, sich dem Letzten, Unvermeidlichen zu stellen – oder eben auch nicht – alles andere als konsensfähig. Und wie anders sieht es aus, wenn wir uns einmal eingestehen – in Zeiten, in denen Heimatminister ernannt werden, keine ganz einfache Aufgabe – dass die Welt nicht an der so genannten „europäischen Außengrenze“ endet. Tut man das, erkennt man schnell, wie anders der Tod in vielen Teilen der Erde wahrgenommen wird. Als neue Etappe, als Begleiter, als Freund. Zumal der pietätvolle Umgang mit dem Sterben auch hierzulande oft nur Heuchelei ist. Die westliche Massenkultur ist eine einzige Feier des Todes, oder eher seine Ausbeutung und auch in Kunst und Literatur ist seine Verherrlichung und Verkitschung kein neues Phänomen. Auch Theaterregisseurin Susanne Kennedy hat sich in den vergangenen Jahren des öfteren mit dem Lebensende befasst. In Die Selbstmord-Schwestern stellt sie sich dem Gevatter so frontal und direkt, wie es in ihrem antitheatralen Theater, das davon träumt, einmal ganz ohne den Menschen auszukommen, möglich ist.

Bild: David Baltzer

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Wider die Eindeutigkeit

Nach „Franziska“ von Frank Wedekind: Betrunken am Highway, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Charlotte Brandhorst)

Von Sascha Krieger

Willkommen in der Zeitkapsel. P14, die Jugendtheatergruppe der Volksbühne, ist ja so etwas wie das Gallische Dorf des Hauses. Ganz Volksbühnenland ist von den „Neoliberalen“ besetzt? Nein, eine Enklave harrt aus, lässt die Fahne der viel beweinten und vermissten guten alten Castorf-Zeit flattern, wenn auch ein wenig versteckt im 3. Stock („Wir wussten gar nicht, dass das hier existiert“ ist ein Satz, der vor gefühlt jeder Vorstellung zu hören ist). Und Caesar alias Chris Dercon? Der hat gar keine Absicht, auch diesen letzten Winkel zu erobern, lässt P14 die gleiche Autonomie wie Castorf. Gut fürs Feindbild ist das nicht. Dafür umso besser fürs Spiel, ohne das Theater ja bekanntlich nicht kann. Wo an anderen Häusern Jugendliche eingeladen werden zum Theatermachen, laden sie sich hier selbst ein, schreiben ihre Stücke, führen Regie, machen Bühne, Kostüme und Licht. Unterstützung gibt es, wenn sie sie wünschen. Sie haben das Sagen und das macht diesen Ort so besonders. Mitunter auch besonders anstrengend.

Betrunken am Highway - P14

Bild: Jakob Fliedner

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Killing us softly

Jérôme Bel: The show must go on, Volksbühne Berlin (Regie: Jérôme Bel)

Von Sascha Krieger

Wie geht es eigentlich Berlins neuer Eventbude am Rosa-Luxemburg-Platz (der im Übrigen dringend einen gentrifizierten neuen Namen bräuchte)? Zuweilen scheint es so, als betrachte Neu-Intendant Chris Dercon die ihm entgegengeschleuderte Litanei der immer gleichen Ausverkaufsvorwürfe als eine Checkliste, die es abzuarbeiten gilt. Da passt die aktuellste, nun ja, Premiere wunderbar ins Bild. The show must go on ist eine 16 Jahre alte (Check!) Arbeit des Regisseurs und Tanztheatermachers (Check!) Jérôme Bel (internationaler Künstler – Check!), die seitdem durch alle Ecken der Welt tourt (Check!). Mehr Eventbude geht nicht! Oder vielleicht doch? Dazu müsste man jedoch genauer hinschauen, was gerade im Berliner Kulturk(r)ampf nicht so angesagt ist. Tut man es trotzdem, findet man schnell heraus, dass das mit der Recycling-Kunst doch etwas schwieriger ist. Denn die Produktion „tourt“ eigentlich nicht – sie wird nur an unterschiedlichen Orten immer neu aufgelegt. In der Regel mit lokalen Ensembles. Oft gemischt, mal nur Laien, auch Produktionen mit behinderten Menschen gab es. In Berlin sind es jetzt Mitarbeiter*innen und Freund*innen der Volksbühne. Ein Theaterarzt, eine Bühnenbildnerin, eine Kassenmitarbeiterin. Professionelle wie Amateur-Tänzer*innen sind dabei, ein Abiturient, die Schauspielerin Anne Tismer, Freund*innen von Mitarbeiter*innen des Abenddiensts. Kommerzialisierung? Gesichtslose Eventkunst?

Bild: David Baltzer

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