Archiv der Kategorie: Volker Braun

Achilles-Verse mit Troika

Volker Braun: Die Griechen, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Manfred Karge)

Von Sascha Krieger

Zunächst ist alles in schönster Ordnung: Fünfzehn Stühle stehen aufgereiht auf und vor dem makellosen Weiß von Beatrix von Pilgrims Bühne. Auf den Stühlen würdige, weißbehandschuhte Herren im Frack und Damen in Abendgarderobe. Alles sehr gediegen, edel, respektabel. Das bleibt nicht lange so, wenn Volker Braun und Manfred Karge von der fast vergessenen und doch noch längst nicht ausgestandenen Krise des Landes erzählen, das sich nicht nur selbst als Wiege der Demokratie und Geburtsort Europas sieht. Die Erzählung beginnt in der Spätphase der Regierung Papandreou, der letzten eines Systems, das sich über Jahrzehnte durchgewurschtelt hat. Jochen Nimtz versucht sich als Held, doch sieht sich bald gelähmt und aufgehalten – im Wortsinn – von den Monstern, die er schuf. Bald steht er da, entblößt und machtlos. Schon kommt ein nächster, mit Motorradhelm, offenem Hemd und Stinkefinger. Auch ihn hindert man am Fortschreiten, auch er endet abgerissen, ohne Hemd – nicht bevor er es noch mit der verhassten Krawatte versucht hat– ein Bettler, wie sein Land.

Bild: Thomas Eichhorn

Bild: Thomas Eichhorn

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Zuschauer im Museum

Volker Braun: Die Übergangsgesellschaft, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Lukas Langhoff)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist diese Premiere ein Zeichen: eines, das Signalisiert, dass bei allem Aufbruch und Neuanfang am Maxim Gorki Theater man sich der eigenen Geschichte bewusst bleibt. So ist wohl am besten zu erklären, dass jetzt Lukas Langhoff Volker Brauns DDR-Endzeitfantasie Die Übergangsgesellschaft inszeniert, jenes Stück also, mit dem das Gorki im Jahr 1988 einen unerhört neuen Blick auf die eigene Gesellschaft öffnete, das als erste DDR-Produktion in Mülheim und beim Theatertreffen aufgeführt wurde und dessen DDR-Erstaufführung (die Uraufführung fand 1987 in Bremen statt) Thomas Langhoff besorgte, Vater des jetzigen Regisseurs und Schwiegervater der heutigen Gorki-Intendantin. Damals schrieb das Gorki Geschichte, heute wickelt es sie ab. Denn die Neuinszenierung ist eben mehr als die Verneigung vor der eigenen Geschichte, sie ist vor allem ein Urteil über ihre Relevanz. Ein recht vernichtendes, muss man nach diesem Abend sagen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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