Archiv der Kategorie: Uta Plate

Voneinander lernen

Junges DT – 30.nach.89. Talking About Your Generation, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

30 -jährige Jubiläen geschichtsträchtiger Ereignisse sind etwas Besonderes: Das Erinnerte ist weit genug weg, um es aus der Distanz betrachten und reflektieren, die Folgen ebenso abschätzen zu können wie die Ursachen – und gleichzeitig noch nahe genug, um lebendige Erinnerungen griffbereit zu haben, eigene oder die der Eltern, vielleicht auch schon der Großelterngeneration. Das dritte trinationale Projekt des Jungen DT hat gegenüber seinen Vorgängern diesen Vorteil der distanzierten Nähe: Befasste sich das erste mit dem zweiten Weltkrieg und bewegte sich damit bestenfalls noch am Rand lebendiger Zeitzeugenschaft, spannte das zweite einen weiten Bogen von Martin Luther zu gegenwärtigem Widerstand, ein Rahmen, der allein schon für ein gewisses Maß an Abstand und Abstraktion sorgt. Nun, bei der dritten Ausgabe, wird es konkret. Es geht um das Jahr 1989, in allen drei beteiligten Ländern ein Schlüsseldatum der jüngeren Geschichte: In Deutschland fiel die Mauer, in Polen ein ganzes System und im heutigen Russland zersetzte sich ein Weltreich. 1989 steht in allen drei Nationen für massive Umbrüche, für Geschichtswenden, für Eingriffe ins nationale wie individuelle Selbstverständnis, die bis heute nachwirken.

Bild: Arno Declair

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Oase des guten Gewissens

Junges DT – Hier.Stehe.Ich, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

„Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Es sind Martin Luthers berühmteste Worte und sie sind womöglich nie gefallen. Zumindest scheint diese Möglichkeit heute so wahrscheinlich wie die, dass der Reformator seine 95 Thesen an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Basiert einer der bekanntesten – und folgenschwersten – Akte der Rebellion im vergangenen Jahrtausend also auf Mythen? Eine spannende Frage, der dieser Abend nicht nachgeht. Luther ist nur der Anlass, zynisch könnte man auch sagen: der Geldgeber, schließlich lebt das Projekt auch von Geldern, die anlässlich des Reformations-Jubiläums bereitgestellt wurden. Diesem Abend geht es um anderes: um den Akt des Widerstands als solchen, seine Quellen, seine Schwierigkeit, seine Notwendigkeit. Wer rebelliert wann, warum, wogegen? Wogegen lohnt es sich aufzustehen, wogegen muss man es tun? Und wofür sind wir bereit aufzustehen? All das soll verhandelt werden in diesem „Laboratorium des Widerstands“, das für gerade drei Tage in der Box des Deutschen Theaters geöffnet hat. Dabei sind diese wenig mehr als ein Epilog, hat die eigentliche und wesentliche Arbeit zuvor stattgefunden.

Bild: Charlotte Grief

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Krieg der Flaschen

Jugend.Erinnerung 1945/2015, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

Bei Jugend.Erinnerung 2015 ist der Weg das Ziel. 18 Jugendliche – je sechs aus Deutschland, Polen und Russland – haben sich gemeinsam auf die Suche gemacht nach ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Wie haben Gleichaltrige den vor 70 Jahren zu Ende gegangenen Krieg erlebt und was bedeutet das für uns heute? Mit diesen Ausgangsfragen hat man in der eigenen Familie recherchiert, Zeitzeugen befragt und ist gereist: nach Wolgograd, nach Krakau, nach Berlin. Man hat Orte der Geschichte besucht. Das Stalingrad-Denkmal. Die Bunker von Berlin. Auschwitz. Man hat sich ausgetauscht über den Umgang mit der Geschichte. In Russland, Polen, Deutschland. Und hat Unterschiede gefunden, etwa zwischen Polen und Russen, wenn es um die Einschätzung der russischen Rolle im Krieg und danach geht. Oder zwischen Deutschen und Russen, die mit Stalingrad ganz unterschiedliche Narrative verbinden. Und weil das Ganze als Theaterprojekt startete, musste dann auch noch etwas für die Bühne entwickelt werden. Dem Abend, der jetzt in Berlin Premiere hatte, merkt man die Schwierigkeit an, aus dem Erfahrenen und Erlebten etwas zu machen, was sich im Bühnenraum jenen vermitteln lässt, die diese Erfahrungen nicht teilen.

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