Archiv der Kategorie: Tracy Letts

Ein Nichts

Tracy Letts: Wheeler, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterabende, die verdienen es eigentlich nicht, über sie auch nur ein Wort zu verlieren. Die deutsche Erstaufführiung von Tracy Letts‘ Wheeler am Berliner Ensemble ist so einer. Letts hat sich zunächst einen Namen als Schauspieler gemacht, als verlässlicher Spezialist für Nebenrollen. Zuletzt war er etwa als Vater der Titelfigur um Kritiker- und Publikumsliebling Lady Bird zu sehen. Mittlerweile ist Letts längst als Dramatiker etabliert, sein Durchbruch August, Osage County hauchte zumindest ein wenig neues Leben in das bewährte Genre des Familiendramas in dessen auch boulevardtauglicher Variante als Tragikomödie ein. Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, ist bekennender Letts-Fan. Als er von Frankfurt nach Berlin wechselte, brachte er seine dortige Inszenierung des im Deutschen Eine Familie betitelten Erfolgsstücks mit, belegend, dass sich auch dessen mitreißende Eskalationsdramaturgie in äußerst dröges Behauptungstheater verwandeln lässt. Das Nachfolgestück Eine Frau – Mary Page Marlowe, ein schon an allen Ecken knirschendes Lebensporträt über mehrere Jahrzehnte hinweg, überließ Reese dem Kollegen David Bösch, der damit auch so seine Mühe hatte.

Bild: Matthias Horn

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Nur Mut!

Tracy Letts: Eine Frau – Mary Page Marlowe, Berliner Ensemble (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Eine Frau? Nein, vier! Oder eigentlich noch mehr, elf, wenn der Rezensent richtig gezählt hat. Um Identität geht es in Tracy Letts‘ Stück, weibliche Identität genau genommen. Wie entsteht sie, wie setzt sie sich zusammen, wie wird sie konstruiert und von wem? Denn wer das Ich über die Jahrzehnte, die ein Mensch (im Regelfall) lebt, beobachtet, erkennt schnell: Es gibt mehr als eines davon. Und wenn es eine Vielzahl von unterschiedlichen Ichs geben, wie kann dann das eine existieren, von dem wir immer hören, dass wir es finden und sein sollen? Ist es nicht unausweichlich, wie Letts‘ Titelfigur vom „Ich werde ich sein“ zum „Ich bin nicht die, die ich bin“ zu gelangen? Und wenn ja, was passiert auf dem Weg? Wo liegt die Verantwortung? Denn das ist das zweite Thema dieses Stücks: der Mythos der Verantwortlichkeit des/der Einzelnen für das eigene Schicksal. Und das trotz all der gesellschaftlichen Zwänge, Vorgaben, Rollen, die man zu erfüllen hat. „Du bist verantwortlich“, sagt die Freundin der 19-jährigen Mary, worauf diese antwortet: „Ach, du Scheiße!“ Später wird sie Sagen: „Ich habe nie Einfluss genommen“ und behaupten, immer nur Rollen gespielt zu haben. Ihr Leben sei ein Zufall gewesen. Was stimmt?

Bild: Julian Röder

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Ausverkauf im Familienkonflikt-Klischee-Katalog

Tracy Letts: Eine Familie, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es schon alt, Tracy Letts‘ Erfolgsstück August: Osage County, das im deutschsprachigen Raum eingeschränkt inspiriert Eine Familie heißt. Was natürlich nicht falsch ist, schließlich geht es darin um, nun ja, eine Familie – und natürlich auch „die“ Familie als solche, als gesellschaftlicher Prototyp, Keimzelle einer Idee namens Amerika. Um all die Überfrachtungen, Mythisisierungen, all den Ballast, den dieses Konzept tragen muss, um seiner Grundaufgabe nachkommen zu können, denen, die keinen Halt haben, solchen zumindest vorzugaukeln, einer Gesellschaft, deren Fundamente längst zerbröselt sind, den Schein zu geben, sie wäre noch fest im Boden verankert. Die Familie also Heimat des – individuellen wie kollektiven – Selbstbetrugs. Damit steht Letts natürlich in der Tradition der großen amerikanischen Dramatiker – O’Neill, Williams, Miller, Albee – die wiederum Teil einer noch längeren Tarditionslinie sind, die zurückreicht zu Tschechow, Strindberg, Ibsen.

Bild: Birgit Hupfeld

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