Archiv der Kategorie: Tom Kühnel

Gespenster im Koma

Heiner Müller: Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Mit der Frage, ob sich die Geschichte linear gen Fortschritt entwickelt oder eher im Kreis dreht, hatte schon Marx seine liebe Mühe. Für Heiner Müller wurde sie zur Lebensfrage. Die Macht und Ohnmacht der Geschichte waren sein Antrieb und die Mauer, gegen die er immer wieder rannte. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner lassen nun ihren Bühnenbildner Jo Schramm die Frage beantworten: Kreisrunde Flächen schwarz-weißer Ringe bilden seine Bühne. Mal flach, mal steil ergeben sie immer wieder neue Konstellationen, erinnern auch eine expressionistisch psychedelische Show-Bühne, aber kommen naturgemäß nicht vom Fleck. Ach das Schwarz und das Weiß offenbaren eine Eindeutigkeit, welche die Kulturfunktionäre, die die Uraufführung im Jahr 1961 zum Skandal machten, wohl gern gehabt hätten. Müller wäre im Januar 90 Jahre alt geworden. Ein guter Anlass, einen heutigen Blick auf sein erbarmungsloses kritisches Werk zu werfen, gerade in einer Zeit, in der Gewissheiten zunehmend zur Mangelware werden. Landauf landab werden seine Werke gerade auf die Bühnen gehievt. Das kann auch mal schiefgehen – die Berliner Volksbühne hat gerade eine geplante Inszenierung von Quartett gestrichen – Grund waren, so heißt es, „unüberbrückbare künstlerische Differenzen“.

Bild: Arno Declair

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Die Stunde der Zauberer

Heiner Müller: Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution, Ruhrfestspiele / Schauspiel Hannover (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Zirkus. „Liberté – Egalité – Fraternité – steht über dem glänzenden roten Vorhang, der Eintritt gewähren wird zur Manege, zur Show der Kuriositäten und Tricks aus einer kaum mehr real erscheinenden Vergangenheit. Gescheitert ist die Revolution schon bei Heiner Müller: Sein Dauerbrenner Der Auftrag beginnt mit ihrem Post Mortem und arbeitet sich bruchstückhaft, unsicher, unzuverlässig zurück zu den Wurzeln der Katastrophe oder mindestens ihren Symptomen. Unter den Händen Tom Kühneln und Jürgen Kuttners wird diese Betrachtung Jahrzehnte später selbst zum Ausstellungsstück, zum Unterhaltungsgegenstand. Wenn die Revolution schon tot ist, taugt sie zumindest zur Unterhaltung. The Show Must Go On und Time Is Money. Also packen die Regisseure allerlei Zaubertricks aus: Da verkleidet sich der einstige Auftraggeber Antoine, der drei Revolutionäre nach Jamaika schickte, um dort einen Sklavenaufstand zu initiieren, als Teekanne, als Biedermann, gut getarnt in der neuen Welt der post-revolutionären Zeit, jetzt, da Napoleon mal eben die Demokratie abgeschafft hat und die Weltrevolution nicht mehr auf der Agenda steht. Die Übermittlung der Nachricht vom Scheitern der Unternehmung erfolgt als surrealistische Choreografie, der Bote, rotbefahnt, gekleidet als revolutionärer russischer Matrose. Geschichte wiederholt sich, sagt Marx, und beim zweiten Mal kommt sie als Farce daher.

Bild: Katrin Ribbe

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Feminismus als Freak-Show

Nach dem SCUM-Manifesto von Valerie Solanas: Feminista, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Keine Frage: der Text hat sich einiges von seiner Kraft bewahrt, er trifft in seinen besseren Momenten noch immer mitten in die Fresse. Die männliche versteht sich. Wenn ihn Bernd Moss mit performativer Verve ins Publikum feuert, just, nachdem er sich mit seinen Mitstreitern Jörg Pose und Markwart Müller-Elmau auf offener Bühne „entmännlicht hat“, die labbrige Alltagskleidung eingetauscht hat gegen ein schneeweißes Marilyn-Monroe-Kleid samt passender Perücke, sich also in eine Ikone der weiblichen Objektifizierung durch den Mann verwandelt hat, sich damit mehrfach um die Ironieachse des Sexismus gedreht hat, dann trifft er ungebremst aus so manches Klischee unserer postmodernen Aufgeklärtheit – und haut es in Stücke. Der Text, das ist Valerie Solanas‘ SCUM Manifesto, ein satirischer wie radikalfeministischer Text, der bekannt wurde, kurz nachdem seine Verfasserin auf Andy Warhol geschossen hatte. Darin fordert sie die Vernichtung des Männlichen, wirft dem Mann Vagina-Neid vor und dass er die eigenen minderwertigen Eigenschaften auf das eigentlich starke weibliche Geschlecht projiziert und dessen höherwertige Qualitäten sich selbst zugeschrieben habe. Dabei sei er schwach, minderwertig, eine Fehlbildung, sein X-Chromosom ein verstümmeltes Y-Chromosom, der Mann damit „eine unvollständige Frau“. Hinzu kommt eine sozialkritische Perspektive: Das Männliche ist bei Solanas auch das Kapitalistische und so fordert sie die Abschaffung des Geldes, die vollständige automation, das Ende der Arbeit.

Bild: Arno Declair

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Leerstück mit Untoten

Bertolt Brecht: Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Fatzer unaufführbar. Das wusste schon sein Autor, weshalb Bertolt Brecht, den Plan, aus der 400-seitigen Materialsammlung ein Theaterstück zu machen, irgendwann aufgab. So bleiben unzählige Seiten Papier und nur einige wenige ausgearbeitete Szenen. Und natürlich wurde der Versuch, den Stoff theatertauglich zu machen, trotzdem immer wieder unternommen, am einflussreichsten sicher durch Heiner Müller, bei dem die Gleichzeitigkeit von Theater und seiner Verweigerung zu so etwas wie seinem Markenzeichen wurde. Und natürlich kennen auch Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Dilemma, wenn sie den Fatzer jetzt auf die DT-Bühne hieven. Das ist durchaus logisch, schließlich sieht sich das Duo als Text- und Stoffhinterfrager, nimmt die Reflexion über das, was sie da tun stets einen wichtigen Platz in ihren Arbeiten ein. Beim Fatzer ist die Dekonstruktion des Materials als Untersuchungsobjekt zum Grundprinzip, die Bühne der Kammerspiele zum Labor, in dem der Textkörper seziert und auf Lebenszeichen hin abgeklopft wird.

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Bild: Arno Declair

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Gefangene des schönen Scheins

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Eisler on the Beach, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

„Wir, so gut es gelang, haben das Unsere getan.“ Hölderlin. Vertont von Hanns Eisler. Die deutsche Geschichte der letzten 250 Jahre in Kurzform. Immer uns immer wieder singt Ole Lagerpusch, in blassblauem Anzug und mit Eisler-Brille, diese Zeile, mal resigniert, mal mit ausgestellter Melancholie, am Ende immer verzweifelt aggressiver. Wie eine Selbstvergewisserung klingt das, seiner selbst, seiner Kunst, wie eine verzweifelt trotzige Sinnbehauptung. Und siehe da: Sie funktioniert. Es sind die letzten Minuten von Jürgen Kuttner und Tom Kühlen neuem Abend, in denen dieser zu sich findet. Wenn die Reden, die Anklagen und Rechtfertigungen verstummt sind und nur noch Eisler Lieder erklingen, intoniert von verlassenen Gestalten auf langsam rotierender Drehbühne, im Limbo ihrer eigenen kaum verstandenen Sünden gefangen und um sich kreisend, aus der durch lebenslanges Lügen und Anpassen und Taktieren hart erkauften Leere Lieder schälend, die nichts mehr mit der aggressiven Selbstgewissheit von Eismeers kommunistischen Kampfliedern zu tun hat. Stille Töne sind es, voller Sehnsucht und Selbstzweifel. Hilfeschreie, die keiner mehr hört und die vielleicht doch so etwas bringen wie Befreiung, wenn auch nur für einen sehr, sehr kurzen Moment.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Die Antwort weiß nicht einmal der Wind

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Agonie, Deutsches Theater/Kammerspiele (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterinszenierungen, bei denen es sich lohnen kann, die Premiere zu verpassen und die Aufführung einige Wochen später zu besuchen. Agonie, die neueste Arbeit von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am DT, könnte ein solcher Fall sein. Nicht, dass sich das Ensemble mittlerweile eingespielt hätte, die Inszenierung stimmiger sei oder die Textsicherheit zugenommen hätte – Texthänger gibt es auch zweieinhalb Wochen nach der Premiere noch. Nein, in diesem Fall gibt der späte Besuch einen Eindruck davon, ob die Inszenierung den Wegfall eines seiner offensichtlichsten und zentralen Gestaltungsmittel überstehen kann: Da hatten Kühnel und Kuttner ihre Nacherzählung des Falls der letzten russischen Zarenfamilie, ihr Porträt eines Herrscherpaars, das sich ins Private zurückzieht und damit das Land und sich selbst in den Abgrund treibt, mit Playback „gesungenen“ Liedern von Brecht/Eislers Gorki-Bearbeitung Die Mutter kontrastiert, einem Stück also, in dem eine Mutter den entgegengesetzten Weg wählt: aus dem privaten in den gesellschaftlichen Kampf. Nun haben – nicht zum ersten Mal, wie Kuttner süffisant in einer clever platzierten Unterbrechung betont – die Brecht-Erben einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Nutzung der Lieder verboten.

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Deutschland sucht den Superkanzler

Michael Frayn: Demokratie, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

„Macht Gewalt Demokratie“: Man kann nicht behaupten, am Deutschen Theater würde man das diesjährige Spielzeitmotto nicht ernst nehmen. Um Gewalt und Macht ging es ausgiebig in den ersten beiden Premieren der Spielzeit, Stephan Kimmigs Antiken-Kondensat Ödipus Stadt und Wajdi Mouawads Verbrennungen in der Regie von Tilmann Köhler. Bislang bildete die Demokratie so etwas wie die Leerstelle in diesem Triumvirat – da kommt Michael Frayns Stück gleichen Namens gerade recht. Diesmal soll sich alles um Demokratie drehen, genauer gesagt die parlamentarische Demokratie. Grundlage von Frayns Stück ist die Kanzlerschaft Will Brandts, geschildert aus der Perspektive Günter Guillaumes, des DDR-Spions, dessen Enttarnung zu Brandts Rücktritt führte. Frayn schildert die Ereignisse chronologisch, trocken, im Stil eines ARD-Dokudramas. Theatermacher Tom Kühnel und Radiomoderator Jürgen Kuttner ist das naturgemäß viel zu trocken und so wird Demokratie in ihren Händen zur unterhaltsamen Politrevue, die wenig Neues bringt, auch ein bisschen lang geraten ist und deren Botschaft, so sie eine hat, von einer bedenklichen Nostalgie geprägt ist, einem recht simpel gestrickten Pessimismus der Marke „Früher war alles besser“. Und doch macht das ungemein Spaß. Nur um Demokratie geht es eigentlich nicht.

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