Archiv der Kategorie: Tilmann Köhler

Die Beharrende

Christa Wolf: Medea. Stimmen, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Am Ende steht nur noch Medea. Während alle anderen, all die Geschichtenumschreiber, die Deutungshoheitsbesitzer, die Patriarchatsbewahrer reglos im Wasser liegen, steht sie, die Verliererin, die Umgedeutete, Verfemte, Beschuldigte, aufrecht. „Ist eine Welt zu denken, in die ich passen könnte?“, fragt sie mit ruhiger Stimme. „Keiner da zu fragen. Das ist die Antwort“, fügt sie hinzu. Maren Eggert ist Medea, aber nicht die Kindsmörderin des Euripides, sondern die sich Auflehnende, die Wahrheitsstreiterin, die sich nicht einfügende der Christa Wolf. 1996 hat die Autorin sie umgedeutet oder, in ihren Augen, sich der Verleumdung des Euripides entgegengestellt. Dort ist eine der stärksten Frauen antiker Erzählungen ein Racheengel, einer, der zweifellos übel mitgespielt wurde und die darauf reagiert, dass sie sich allen moralischen Konsens entledigt und die eigenen Kinder schlachtet. Die frau als irrationales Wesen, der nicht zu trauen ist. Maren Eggert ist die Anti-Medea oder eben die wahre, je nach Blickrichtung. Ruhig, gefasst, mit klarem Blick am Schluss, zuvor herausfordernd, sich nicht mit dem Gegebenen abfindend, trocken mit einem Hauch Schnoddrigkeit. Keine, die sich herumschubsen lässt und die doch sehr genau um ihre Machtlosigkeit weiß.

Bild: Arno Declair

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Das Leben, ein Nichts

Fritz Kater: BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida), Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Es ist ein großer Bogen, den Fritz Kater, das Autoren-Alter-Ego des Regisseurs und Intendanten Armin Petras, in seinem neuesten Stück spannt. Von fünf „Zitaten“ des Lebens erzählt er: Utopie, Phantasie, Liebe und Tod, Instinkt und Sorge. So heißen die fünf Teile von BUCH. Berlin, in denen es um Desillusionierungen geht, das Ende von Träumen und Utopien, großen gesellschaftlichen wie ganz kleinen privaten. Es beginnt 1966 mit einer Konferenz über die Zukunft der Menschheit und endet 2013 in einem Krankenhauszimmer, wo die Krankheit eines Kindes dessen Eltern dazu nötigt zu hinterfragen, wer sie sind und wofür sie leben. Dazwischen warten zwei Kinder auf die vielleicht nicht mehr kommende Mutter, blickt ein Vater dem Tod – dem eigenen und dem seiner Hoffnungen und Überzeugungen – ins Auge, während der Sohn erste Liebe und ersten Liebeskummer durchlebt, und treten zwei Elefanten dem unaufhaltsamen Untergang ihrer Welt entgegen. Fünf Szenen, unabhängig voneinander und doch verschränkt. Kindersprache, harte Prosa, Parabel, Naturalismus – ein Stil- und Ausdrucksmix, der die Teile, Fragmente zuweilen, trennt, weil die Conditio Humana eben nicht (mit)teilbar ist. „We live as we die – alone“, schrieb Joseph Conrad einst. Das ist auch bei Fritz Kater so.

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Bild: Arno Declair

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Humanismus als Schattenbild

ZinA Choi, Tilmann Köhler, Kyungsung Lee, Mario Salazar, Jungung Yang, Kon Yi und Ensemble: Walls – Iphigenia in Exile, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: ZinA Choi, Tilmann Köhler, Kyungsung Lee, Jungung Yang, Kon Yi)

Von Sascha Krieger

Man kennt die Idee aus dem Film: eine Verknüpfung verschiedener Episoden zu einem Thema, gedreht von unterschiedlichen Regisseuren, am Ende zusammengefügt zu einem multiperspektivischen Reigen, der die einzelnen Elemente zu einem Bild zusammenfügt, das mehr sein will als die Summe seiner Teile. Das funktioniert zuweilen und geht doch meistens ziemlich schief. Die aktuelle Premiere des Deutschen Theaters verfolgt das gleiche Prinzip: Walls – Iphigenia in Exile  ist eine deutsch-koreanische Koproduktion, die von der vermeintlichen Parallelität deutscher und koreanischer Geschichte – das eine Land war geteilt, das andere ist es noch – ausgehend und Fragen stellt nach dem Dazugehörenwollen und Ausgegrenztwerden, nach dem Konstrukt des so genannten Fremden und dem Fremdsein in der Welt, letztlich nach den Mauern, den Sichtbaren, wie uns sichtbaren, nach dem, was Menschen trennt und wie es vielleicht überwunden werden kann. Sechs Episoden von fünf Regisseuren – deutschen und koreanischen – widmen sich dem Thema, ein wenig mühsam zusammengefügt und letztlich sehr für sich selbst stehend.

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Bild: Arno Declair

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Welt aus Sperrholz

Autorentheatertage 2015 – Thomas Freyer: mein deutsches deutsches Land, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist die Gegenüberstellung, welche die Autorentheatertagen dem Zuschauer aufdrängen, unfair: Zwei aufeinander folgende Theaterabende zum NSU-Skandal – hier Elfriede Jelineks assoziationsstarke Wahrheitssuche per nicht versiegendem Wortfluss, dort Thomas Freyers fiktionale, formal eher konservative Rekonstruktion einer Wirklichkeitsmöglichkeit. Da hätte es jeder Text schwer, vor allem ein solcher, der, ganz altmodisch, auf dialogisches Theater setzt, Realismus andeutet in Spielsituation wie Sprache, auch wenn die Parallelführung dreier Zeitebenen – „gestern“ steht für die Entstehung des Mord-Trios, „heute“ für die Ermittlung der Morde, „morgen“ für die hier verhinderte Aufarbeitung – ein wenig Komplexität hineinbringt. 27 Figuren versammelt Freier, die Szenen sind kurz und folgen schnell aufeinander, die Zeitebenen nicht getrennt, so dass der Eindruck eines Mosaiks entsteht, das sich langsam zusammensetzt. Ist das Bild endlich erkennbar, wird schnell klar, wie unbefriedigend es ist. Denn wo sich bei Jelinek die Fragen gegenseitig über den Haufen rannten, Gewissheiten in sich zusammenstürzten und am Ende eine existenzielle Verunsicherung bliebt, hat Freyer auf alles  Antworten.

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

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Auf dem Holzweg

William Shakespeare: Macbeth, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Man reibt sich so manches Mal verwundert die Augen in diesen zweieinhalb Stunden: Da spielen zwei der besten Schauspieler des deutschsprachigen Theaters – Ulrich Matthes und Maren Eggert – Rollen, die zum Begehrtesten und Renommiertesten gehören, was die Dramatik zu bieten hat; Shakespeares Mörder-Ehepaar Macbeth. Und was passiert? Immer wieder muss der Rezensent des sich zunehmend verstärkten Drangs erwehren, den Blick abzuwenden, sich die Erinnerung an große Theaterabende mit beiden nicht durch zu langes Hinschauen zerstören zu lassen. Denn kaum zu glauben ist, was sich da entfaltet: Matthes, der große Wortbildhauer, der Sachlichkeit und Musikalität zu paaren weiß wie kein anderer, verliert sich zwischen Schnoddrigkeit, Klarheit und großem Tragödenton im Nichts und Eggert spielt die Lady Macbeth so hölzern, so jäh zwischen Ausdruckslosigkeit und oberflächlichstem Pathos umschlagen, dass man zuweilen meint, ihrer eigenen Parodie beizuwohnen. Und doch scheinen beide es ernst zu meinen an diesem Abend, der in der Lage sein sollte, so manches Bewunderung für dieses skrupel- und rücksichtsloseste aller Stücke nachhaltig zu erschüttern.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Zwischen den Tischen

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Ödön von Horváths 1937 erschienener Roman Jugend ohne Gott ist ein eindringliches Sittengemälde einer von faschistischen Macht- und Werteordnungen bestimmten Welt – und ein schonungsloses Porträt einer Jugend, die in einer solchen Umgebung aufwächst. Er zeigt auf erschreckende Weise, wie totalitäre Strukturen, Denk- und Verhaltensmuster vom Ganzen eines Menschen und daraus resultierender gesellschaftlicher Gruppierungen – Familie, Schule, Gesellschaft – Besitz ergreifen. Eigentlich hat die Geschichte um den idealistischen Lehrer, der zwischen Feigheit und widerständiger Ehrlichkeit schwankt, auch heute nichts an Relevanz verloren, schließlich ist Totalitarismus auch in unserer Welt nicht Vergangenheit. Das reicht Tilmann Köhler für seine Inszenierung von Jugend ohne Gott jedoch nicht. Und so eröffnet er den Abend mit einem programmatischen, auf die schwarze Rückwand projizierten Text Harald Welzers, in der jener eine Linie zieht von der Aufhebung sozialen Zusammenhalts in totalitären Gesellschaften und von ihm diagnostizierten ähnlichen Auflösungserscheinungen unserer freien, grenzenlosen, nach dem Prinzip des Alles-Haben-Können organisierten Welt. Vor der Wand sitzen vier Kinder, Mitglieder des Knabenchors Berlin, die zuvor mit einem „Lacrimosa“ über die Welt geklagt haben.

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Verstummtes Schweigen

Wajdi Mouawad: Verbrennungen, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Unschuldig schuldig zu werden in einer Welt, welche die Schuld immer weiter vererbt, von einer Generation zur nächsten, eine Spirale von Schmerz, Leid und Gewalt, die sich immer wieder selbst antreibt. Gerade hat Stephan Kimmig mit seinem Tragödienkonzentrat Ödipus Stadt  die Unentrinnbarkeit dieses vermeintlich ewigen Kreislaufs vorgeführt und gleichzeitig das Türchen der Hoffnung einen Spalt breit offen gelassen, da verortet ihn der gebürtige Libanese Wajdi Mouawad ganz in der Gegenwart. Verbrennungen erzählt die Geschichte einer Familie, die den Fesseln des Bürgerkriegs zu entkommen sucht und dafür zunächst das Schweigen überwinden muss, ein Schweigen, das jegliches Entrinnen unmöglich machen würde. Er erzählt die Geschichte Nawals, die nach ihrem Tod ihren Kindern aufträgt, die gesprengten Brücken dert eigenen Geschichte wiederaufzubauen und tief Verborgenes auszugraben. Ihren totgeglaubten Vater sollen sie finden und einen Bruder, von dem sie nichts wussten. Was sie entdecken, ist weit jenseits dessen, was wir gemeinhin für erträglich halten und doch öffnet es erst die Möglichkeit, den Kreis zu durchbrechen. Mouawads Stück ist bei aller Grausamkeit erfüllt von einem kaum fassbaren Optimismus, es ist im besten Sinne Aufklärungsdrama aber auch Emanzipationsstück, denn es sind allesamt Frauen, die selbstbestimmte Entscheidungen treffen und den Deckel herunterreißen von dem, was da unter der Oberfläche modert.

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