Archiv der Kategorie: Thomas Ostermeier

Kaltes Herz

Nach Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist kein besonders angenehm zu lesendes Buch. Wie auch? In Im Herzen der Gewalt, Édouard Louis‘ zweitem Roman, geht es um einen Akt brutalster Gewalt: Ein junger Mann trifft nachts einen anderen auf der Straße, nimmt in mit nach Hause. Sie haben Sex, mehrfach. Dann entdeckt er, dass der andere Tablet und Smartphone eingesteckt hat. Die Lage eskaliert, es kommt erst zum Mordversuch und dann zur Vergewaltigung. Louis erzählt hier seine eigene Geschichte. Ihm ist das passiert, zu Weihnachten. Minutiös, obsessiv erzählt er die Versuche des Umgangs mit dem Geschehenen: das Sich-Verschließen wie das zwan- und krampfhafte Sich-Öffnen, die Suche nach Erklärungen, das Verdrängen, den Umgang mit den mal gleichgültigen, mal feindseligen, oft entwürdigenden Reaktionen von Polizei, Ärzten, Familie, den Aufbau einer Lüge, die das Weiterleben ermöglicht. Primär geht es um die Zurückgewinnung der Kontrolle über sich selbst und die eigene Geschichte. Ein schmerzhafter Prozess, auch für den Leser. Louis gelingt er, indem er die Geschichte zunächst outsourcet, die Schwester sie ihrem Mann erzählen lässt, was ihm die Möglichkeit gibt, sich ihr aus der Distanz zu nähern, sie quasi von außen zu betrachten, Fehler zu finden, zu korrigieren, die eigene Sicht, die eigene Stimme zu finden.

Bild: Arno Declair

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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In der eigenen Falle

Nach Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Manchester International Festival MIF (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist das kein Zufall. Am Tag, als – und das war seit Monaten vorhersehbar – zum ersten Mal nach dem Ende der NS-Diktatur eine Partei der extremen Rechten in Fraktionsstärke in den Deutschen Bundestag einzieht und gar drittstärkste Kraft wird, bringt die Schaubühne ein Buch auf die Bühne, das sich – unter anderem – damit befasst, wie ein ehemals eng der radikalen Linken verbundener Teil der französischen Arbeiterschicht zu dem werden konnte, was er heute ist: der Nährboden und das Fundament einer der erfolgreichsten und radikalsten rechtsextremen Parteien Europas, des Front National. Rückkehr nach Reims des selbst besagter Schicht entstammenden Soziologen Didier Eribon ist eine persönliche Beschreibung einer Heimkehr, einer Selbstvergewisserung über die Akzeptanz der eigenen Herkunft. Eribon will anhand seiner eigenen Familie und seines individuellen Emanzipationsprozesses aufzeigen, wie auch das Wahlverhalten der gern so genannten „Unterschicht“ beeinflusst wird, ob und auf welche Weise sie sich in gesellschaftlichen Diskursen gespiegelt sieht, wie das (französische) Gesellschaftssystemen beispielsweise im Bildungsbereich darauf ausgelegt sei, den Status Quo der „Klassenunterschiede“ (Eribon ist nach wie vor stark marxistischem Denken verpflichtet) zu verfestigen.

Bild: Arno Declair

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Das falsche Leben im richtigen

Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Am Ende, da ist alles gewonnen, verloren, vorbei, noch nicht begonnen, sitzt er einsam auf der Bühne, den Blick ins Weite gerichtet. Und plötzlich passiert da etwas in diesem Gesicht, das über fast drei pausenlose Stunden hinweg so kontrolliert, so überlegen, so wissend war. Die Augen weiten , die Züge verkrampfen sich. Es wird zum Fragezeichen. All die Gewissheiten, das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben, verflüchtigen sich. Was bleibt ist Ratlosigkeit, Verwirrung, Zweifel, Einsamkeit. Es war Ministerialrat Winkler, gespielt von Christoph Gawenda, einem Meister des hintergründigen Plaudertons, der den Aufrechten, dem Wahrheitsverfechter so aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Der ihm als Advocatus Diaboli auf die Spur lockte, dass all sein Anstand, all seine Standhaftigkeit vielleicht nichts wert seien, weil er, weil sie beide „uns innerlich noch nicht bereit fühlen, bis in die letzten Konsequenzen zu gehen – und eventuell selbst unser Leben einzusetzen für unsere Überzeugungen.“ Womöglich, so sagt uns dieses sich verziehende Gesicht im Zwielicht, hat er das Gegenteil erreicht von dem, was er wollte, dem Hass, der Dämagogie, der Macht um jeden Preis in die Hände gespielt. Weil er sich dem offenen Widerstand verweigerte, sich nicht „instrumentalisieren lassen“ wollte, sich nicht einzureihen bereit war in die Front derer, die sich dem so genannten Populismus, den Intoleranten, Anti-Pluralisten, Vielfaltsgegnern entgegenstellen. Das reine Gewissen kann ein Makel sein, wenn man den Mund hält, nicht handelt, sich unpolitisch gibt. Dieser Professor Bernhardi ist der Prototyp des „Unpolitischen“, des Nichtwählers, der seine Hände in Unschuld wäscht und sich wundert, dass sie rot sind.

Bild: Arno Declair

Bild: Arno Declair

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Wie Motten ums Licht…

Yasmina Reza: Bella Figura, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Thomnas Ostermeier, das ist bekannt, ist einer, der den Blick über den Tellerrand zu seinem Markenzeichen gemacht hat. DevTheater machen – und zeigen – will, das außerhalb seines Entstehungskontexts verstanden werden kann. Die Berliner Schaubühne hat er zu einem Exportschlager gemachte – Inszenierungen wie Hamlet  und Ein Volksfeind touren seit Jahren um den Globus, mit dem Festival F.I.N.D. lässt er Jahr für Jahr im Frühjahr internationale Theatersprachen ins Land, Ostermeier selbst inszeniert weniger in München und Hamburg als in Paris oder Moskau. Da ist des doch nur folgerichtig, dass er es ist, der es schafft, die Uraufführung eines Stücks der derzeit wohl bekanntesten Dramatikerin der Welt an sein Haus zu holen: Yasmina Reza. Bella Figura hat die Französin eigens für die Schaubühne geschrieben – der Stolz ist dem Intendanten, der natürlich auch die Inszenierung besorgt, schon vor der Premiere ins Geschichte geschrieben. Die Erwartungshaltung ist es auch. Gut, dass das parallel stattfindende Theatertreffen an diesem Abend keine Premiere hat – es hätte dort leer werden können.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

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Der Sandkastenkönig

William Shakespeare: Richard III., Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist schon ein Kreuz mit diesem Richard: es gibt wohl bei Shakespeare – und vielleicht auch sonst in der dramatischen Literatur – keine Figur, die alles so überstrahlt wir er. Und die sogleich so fasziniert wie dieser Intrigen spinnende, mordende, vollkommen amoralische König. Schon im Text überstrahlt er alles: Wo Macbeth eine Mitschurkin auf Augenhöhe oder Hamlet veritable Gegenspieler hat, steht Richard allein in einem Meer schwacher, rückgratloser Mitläufer. Der einzigen Figur, die es in Sachen Machtbewusstsein wie Skrupellosigkeit mit ihm aufnehmen könnte, die ehemalige Königin Margaret, gönnt Shakespeare gerade einmal einen Auftritt (der allerdings auch an diesem Abend zu den Höhepunkten gehört, was vor allem an der schneidenden Kälte und dem ruhig verspritzten Gift liegt, mit denen Robert Beyer sie darstellt). Ansonsten gehört die Bühne Richard, was durch den extrem hohen Monologanteil, der ausschließlich der Titelfigur gebührt, noch verstärkt wird. Und so ist das Stück längst ein Star-Vehikel geworden, eine bloße Rolle, die jeder große Schauspieler gespielt haben muss. Daran kann auch eine Chance liegen, schließlich steht und fällt das Stück mit der Art und Weise, wie man diese Figur interpretiert, wo man das Böse, das sie symbolisiert, verortet. Die Gefahr jedoch ist, dass sie zum Show-Act des Hauptdarstellers wird und jenseits von dessen Fähigkeiten wenig sichtbar macht – wie es zum Beispiel bei Kevin Spacey am Londoner Old Vic der Fall war.

Lars Eidinger als Richard III. (Fotoi: Arno Declair)

Lars Eidinger als Richard III. (Fotoi: Arno Declair)

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Hochglanz-Monopoly

Lillian Hellman: Die kleinen Füchse – The Little Foxes, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier

Von Sascha Krieger

Fast scheint es für Thomas Ostermeier wie eine Rückkehr: Nachdem er Ende der 1990er Jahre an der Baracke des deutschen Theaters mit direktem, kompromisslosen und ungeschönt rauem Gegenwartstheater für Furore gesorgt hatte, überzeugte er in seiner Anfangszeit als Schaubühnen-Intendant mit detailscharfen, atmosphärisch dichten und kühlen Gesellschaftsportraits, in denen zumeist Frauenfiguren im Mittelpunkt standen, die sich aus beengt empfundenen Strukturen zu befreien versuchten. Vor allem Ostermeiers Ibsen-Abende – etwa die Nora mit Anne Tismer oder die Hedda Gabler mit Katharina Schüttler – sind ebenso in Erinnerung geblieben wie die modernistischen, elegant-eisigen Bühnenräume von Jan Pappelbaum. Da wirkt Die kleinen Füchse fast wie ein Déja Vu. Übersichtlich modern und von frösteln machender Kälte der Bühnenraum, dominiert von einer offenen Treppe mit Chromgeländer und einer edlen Ledergarnitur. Im Hintergrund, hinter einer Schiebetür, ein Esszimmer.

Wie in Hollywood (Foto: Arno Declair)

Wie in Hollywood (Foto: Arno Declair)

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Ein Leben

F.I.N.D. 2013: Herbert Achternbusch: Susn, Münchner Kammerspiele (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Susn, Thomas Ostermeiers hochkonzentrierte Neuinszenierung von Herbert Achternbuschs Verfallsdrama aus dem Jahr 1980, ist vor allem der Abend einer Frau: Brigitte Hobmeier, diese Ausnahmedarstellerin, die Achternbuschs Titelfigur durch all ihre Lebensalter hinweg spielt. Wie sie da steht, am Bühnenrand, spärlich bekleidet, die Hände ums Mikrofon gepresst, als wolle sie es erwürgen, jede Faser ihres Körpers in höchster Anspannung, die rebellische Studentin, die ihre fordernden, aggressiven Fragen an die Welt in dieselbe hinausschleudert, das ist ein Ereignis. Das Stück ist eine Abfolge von vier Monologen, die zum Teil Dialoge mit weitgehend stummem Gegenüber sind, und zwischen denen jeweils zehn Jahre liegen. Zu Beginn ist Susn 17, am Ende 47. Dazwischen liegen Jahre, Jahrzehnte des Aufbegehrens, des Lebenwollens, des Nicht-Akzeptierens überkommener Rollen, vorgeschriebener Verhaltensweisen. Es ist die Geschichte einer Frau, die leben will, die Grenzen hinterfragt und an dieser Unerbittlichkeit letztlich scheitert. Oder ist es nicht eher die stumme, erstarrte, leblose Gesellschaft um die herum, die scheitert? Jeder Blick Hobmeiers, jede Geste, jedes Wort stellt solche Fragen und zwingt den Zuschauer, eine Antwort zu suchen.

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Die reine Leere

Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder nach Thomas Mann/Gustav Mahler, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig und Gustav Mahler – nun ja, besonders originell ist der Gedanke, beide miteinander zu verschränken, erst einmal nicht. Mahler war sicherlich eines der Vorbilder oder zumindest eine Inspirationsquelle für Manns Hauptfigur Gustav Aschenbach, eine Tatsache, aus der Lucchino Visconti für seine grandiose Verfilmung einiges Kapital schlug. So machte er aus dem Schriftsteller Aschenbach einen Komponisten und bediente sich für seinen Soundtrack ausgiebig bei Mahler. Das Adagietto aus Mahlers 5.Symphonie verdankt dem Film nicht nur ein gutes Stück seiner Bekannt- und Beliebtheit sondern auch die gängige Fehlinterpretation als trauervolle Todesmusik, wo Mahler tatsächlich eine zarte Liebeserklärung geschrieben hat. Nun gut, mag sich Thomas Ostermeier gedacht haben, was Visconti kann, kann ich schon lange. Den Abend nennt er dann Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder, damit sind Mann und Mahler genannt, der Rahmen abgesteckt, kann das Spiel beginnen.

Foto: Arno Declair

Schöner sterben (Foto: Arno Declair)

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Der ausbleibende Aufstand

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie das Stück der Stunde: Erst im Mai war Ibsens Ein Volksfeind in Lukas Langhoffs Bonner Inszenierung beim Theatertreffen zu sehen und jetzt, zu Beginn der neuen Spielzeit, haben gleich zwei Berliner Theater das Spiel um Macht und Ideale, um Wahrheit und Lüge, um Politik und  Populismus auf dem Premierenplan. Den Anfang macht Thomas Ostermeier an der Schaubühne, ein ausgewiesener Ibsen-Spezialist, einer, der die Mechanismen menschlicher Beziehungsgefläche offenlegen kann wie kaum ein anderer, der durch Oberflächen schaut, indem er gerade diese fein säuberlich vor uns ausbreitet. Das Mit-, Neben- und Durcheinander von Gewissen und Macht,von Privatem und Politischem, das Gegeneinander des Individuellen und des Gesellschaftlichen in Ein Volksfeind, es scheint wie geschaffen für Ostermeiers Ansatz. Und doch scheitert er letztlich genauso an dem Stoff wie Langhoff mit seiner plumpen Vergegenwärtigung, seinen grellen Karikaturen und der holzschnittartigen Typisierung. Vielleicht ist dieser Stoff in einer Zeit gesellschaftlicher wie politischer Krisen, einer Zeit allgemeinen Misstrauens gegen Politik und die demokratischen Prozesse einfach zu nah an der Gegenwart, um sich von dieser Nähe nicht vereinnahmen zu lassen. Es wird spannend sein zu sehen, ob Jorinde Dröse am Gorki in der Lage sein wird, die notwendige Distanz zu finden.

Ein Volksfeind Schaubuehne

Foto: Arno Declair

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