Archiv der Kategorie: Thomas Melle

Kippfiguren

Thomas Melle: Versetzung, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Brit Bartkowiak)

Von Sascha Krieger

Eigentlich läuft bei Ronald alles großartig: Der Lehrer ist beliebt, sein Schulleiter, der kurz vor der Pensionierung steht, eröffnet ihm, ihn zu seinem Nachf0lger machen zu wollen, seine Frau ist schwanger. Und doch steht er draußen. Brit Bartkowiaks Uraufführungsinszenierung beginnt er vor dem Eisernen Vorhang, seinen unsichtbaren – nicht anwesenden? – Schülern über die Benutzung des Wortes „Opfer“ als Schimpfwort dozierend, was in den Worten „Ich bin ein Opfer.“ kulminiert. Ein Monolog ins Leere hinein. Wenn der Eiserne hochgeht, eröffnet sich der Blick auf eine angehobene Spielfläche. Biederes Holz à la Gelsenkirchener Barock und dröger blauer Teppichboden. Die anderen Protagonist*innen, derer Schulapparat samt Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen versammelt sich darauf – Ronald bleibt draußen. Alles scheint gut, normal, und doch ist irgendetwas nicht ganz richtig. Klar, bekommt er gleich die Fischfutterdose fürs Aquarium überreicht, das Zepter eines spießigen Schulleiters, aber sein Besuch auf dem Podium des Dazugehörens scheint von Beginn an temporär angelegt. Hinzu kommt Daniel Hoevels‘ immer leicht verkrampfter, angespannter Duktus als Ronald. Nein, hier steht etwas im Raum. Nicht greifbar, vielleicht nur eine Illusion des überwachen Zuschauers.

Bild: Arno Declair

Weiterlesen

Advertisements

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

tt18_p_jury_c_iko_freese

Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

Weiterlesen

Das Leben – ein Unfall

Autorentheatertage Berlin 2016 – Thomas Melle: Bilder von uns, Theater Bonn (Regie: Alice Buddeberg)

Von Sascha Krieger

Einem erfolgreichen Manager wird ein Bild aufs Handy geschickt. Es zeigt einen nackten Jungen – ihn selbst im Alter von 11 oder 12 Jahren, aufgenommen während seiner Zeit an einem renommierten Jesuiten-Internat vom damaligen Schulleiter. Er sieht das Bild beim Autofahren und fährt fast in eine Gruppe Schulkinder hinein. So beginnt Thomas Melles Stück Bilder von uns. Vorbild waren die Enthüllungen um jahrzehntelangen Missbrauch am Bonner Alossiuskolleg, eine von zahlreichen Schulen, an denen in den vergangenen Jahren ähnliche Fälle ans Tageslicht gelangten. Melle interessiert die Opferperspektive: Was macht der Missbrauch, vor allem aber seine Aufdeckung mit denen, die wir meist nur Opfer nennen? Was passiert mit ihnen, wenn ihre Identität in Sekundenbruchteilen pulverisiert wird? Das Stück hebt an als Mischung aus Kriminalgeschichte und Psychothriller. Der erfolgreiche Verlagschef Jesko Drescher macht sich auf die Suche nach dem Absender der eins nach dem anderen eintrudelnden Bilder, während er zunehmend in einen Sumpf aus Erinnerung und Verdrängung, aus Selbstinszenierung und Identitätsverlust gerät.

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters, Spielort des Gastspiels im Rahmen der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters, Spielort des Gastspiels im Rahmen der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Advertisements