Archiv der Kategorie: Thomas Mann

Im ewigen Schneesturm

Nach Thomas Mann: Der Zauberberg, Deutsches Theater, Berlin – Livestream (Regie: Sebastian Hartmann) – eingeladen zum Theatertreffen 2021

Von Sascha Krieger

Stapfen sie durch den (imaginären) Schnee von Thomas Manns dystopischer Alpenlandschaft oder durch die Leere von Raum uns Zeit, die Linda Pöppel zu Beginn mit reichlich Rast- und Ratlosigkeit reflektiert? Eine geisterhafte Seilschaft hat Sebastian Hartmann da unsichtbar zusammengebunden auf fast leerer weißumwandeter Bühne. Hier ist alles Weiß: Die Wände, die Bodysuits (Kostüme: Adriana Braga Peretzki), die Gesichter, die Haare. Nur eine Art Gerüst ragt heraus – ein Ankerpunkt? Ein Galgen? Ein Kran? (Bühne: Hartmann) Es ist eine Art Danach, in dem die Spieler*innen, die Figurenfragmente agieren, aber eines, bei dem es kein Davor gibt. „Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich?“, fragt Pöppel dann auch zu Beginn. Lässt sich die Zeit erzählen, will sie wissen, wenn sie denn nicht enden solle. Gleiches gelte für den Raum. Und so gibt es beide hier nicht und natürlich sind sie zugleich vorhanden. Denn dieser Abend spielt in der messbaren Zeit (er dauert genau zwei stunden) und er findet in einem Raum statt, der Bühne des Deutschen Theaters. Die aber eben auch ein Nichtraum ist, geschlossen, von den Zuschauenden nicht physisch betretbar, nur noch virtuell zu erahnen, in der Rezeption individuell zu erschaffen.

Bild: Arno Declair

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So ein Theater!

Nach Thomas Mann: Felix Krull. Stunde der Hochstapler, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

Dass wir uns in Alexander Eisenachs Spielzeit-Eröffnungspremiere ausschließlich im Theater aufhalten, erzählt uns schon Daniel Wollenzins Bühnenbild. Die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, sind zwar eher notdürftig verlegt, neben dem schweren roten Theatervorhang aber für zumindest die Hälfte der 90 Minuten des Abends einziges Bühnenbild. Hier wird performt, gespielt, gefaket, was das Zeug hält. Marc Oliver Schulze eröffnet den Reigen mit einer virtuosen Geigennummer. Vivaldi natürlich, mit vollstem Einsatz vorgetragen – doch kommt die Musik vom Band. Publikum und Martin Rentzsch als Theaterdirektor ficht das nicht an, guter Slapstick ist unterhaltsamer als „echte“ Kunst, eine schöne Illusion mehr wert als dröge Wahrheit. Hier findet der Hochstapler Felix Krull seine Bestimmung, beim Anderen-etwas-Vormachen, Vorspielen, Vorführen, Sich-Erfinden. Und so ist an diesem Abend alles Theater: Es beginnt mit Slapstick, driftet ins Boulevardesk-Farcenhafte, macht Halt bei Castorf, verliert sich in Pollesch und wirft gegen Ende die große Schauer-Nebel-Maschinerie an, irgendwo wie zwischen Zirkus, Geistertanz und Sebastian Hartmann.

Bild: JR Berliner Ensemble

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Die reine Leere

Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder nach Thomas Mann/Gustav Mahler, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig und Gustav Mahler – nun ja, besonders originell ist der Gedanke, beide miteinander zu verschränken, erst einmal nicht. Mahler war sicherlich eines der Vorbilder oder zumindest eine Inspirationsquelle für Manns Hauptfigur Gustav Aschenbach, eine Tatsache, aus der Lucchino Visconti für seine grandiose Verfilmung einiges Kapital schlug. So machte er aus dem Schriftsteller Aschenbach einen Komponisten und bediente sich für seinen Soundtrack ausgiebig bei Mahler. Das Adagietto aus Mahlers 5.Symphonie verdankt dem Film nicht nur ein gutes Stück seiner Bekannt- und Beliebtheit sondern auch die gängige Fehlinterpretation als trauervolle Todesmusik, wo Mahler tatsächlich eine zarte Liebeserklärung geschrieben hat. Nun gut, mag sich Thomas Ostermeier gedacht haben, was Visconti kann, kann ich schon lange. Den Abend nennt er dann Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder, damit sind Mann und Mahler genannt, der Rahmen abgesteckt, kann das Spiel beginnen.

Foto: Arno Declair

Schöner sterben (Foto: Arno Declair)

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Hinter dem Mythos

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einem weißen Tuch. Die Seite, auf der diese Geschichte erscheinen wird, ist unbeschrieben. Peter Moltzen tritt heran und beginnt, das Tuch zu beschreiben. Mühsam erscheint dort die Familiengeschichte derer,von denen hier erzählt werden soll, der Stammbaum von Adam und Eva bis hin zu Joseph und seinen Brüdern. John von Düffel hat Thomas Manns auf dem Buch Genesis basierende Romantetralogie fürs Theater bearbeitet und Alize Zandwijk das bei der Uraufführung noch sechs Stunden dauernde Stück auf gut die Hälfte der Zeit reduziert und auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Herausgekommen ist ein abwechslungsreicher, bildgewaltiger und streckenweise sehr poetischer Abend, einer der zahlreichen (Zwischen-)Töne, der sich nicht auf eine Bedeutungsebene beschränken will, sondern sich auf verschiedene Weise lesen lässt, der nicht eine definitive sondern viele mögliche Geschichten erzählt – und davon, wie Geschichten entstehen.

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