Archiv der Kategorie: Thom Luz

Alte Geister

Nach Thomas Bernhard: Alte Meister, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Herr Reger ist ein typischer Thomas-Bernhard-Charakter: ein grantelnder alter Mann, der alles hasst – die Menschheit, die Kunst, das Leben. Bruckner, Mahler, Stifter: alles Müll. Und selbst die alten Meister sind alles andere als fehlerfrei. Stundenlang sitzt er vor einem Tintoretto im Kunsthistorischen Museum Wien und kann sich mindestens ebenso lange darüber aufregen, welche Fehler der Meister alle gemacht hätte. Er verabscheut Spaziergänge und geht spazieren, er hasst Museen und verbringt sein Leben in einem. Er lehnt jegliches Bewundern ab und bewundert: die Unvollkommenheit, die Offenheit, das, was ihm und seinem Leben fehlt. Denn dieser Reger ist ein Verlorener und ein Verlierer, denn er ist verloren, weil er verloren hat. Seine Frau, die er einst auf dieser Museumsbank kennenlernte. Und die fehlt. Jede Sekunde. So kommt er immer wieder hierher, spricht mit dem Museumswächster Irrsigler, ein stets vergeblicher Kampf gegen die Einsamkeit, der selbige nur noch zementiert. Der sanfte Schweizer Thom Luz hat sich für seinen knapp 75-minütigen neuen Berliner Abend von dem Roman des garstigen Österreicher inspirieren lassen. Luz wird oft mit Christoph Marthaler verglichen ob seiner stillen, elegischen, hochmusikalischen und melancholischen Arbeiten, die meist meditativ daherkommen, wenig gesprächig, eine theatrale Wahrheit hinter Handlung und Dialog und Geschichte suchend. Es sind Reflexionen über das Verschwinden, Wiede3rauftauchen und erneut Verschwinden. Geisterspiele.

Bild: Arno Declair

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Träumend in die Nacht

Theatertreffen 2017 – Thom Luz: Traurige Zauberer, Staatstheater Mainz (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Sie ist längst Erinnerung, die letzte Performance, der letzte Trick, die letzte Illusion. Gähnend leer ist der Zuschauerraum, seltsam klein wirkt er aus der Distanz, die hier, wie so oft bei Thom Luz, auch eine zeitliche ist. Ein Mitarbeiter, Mitarbeiter langweilen sich am Regiepult, einer besteigt die Leitern, auf denen Tonbandgeräte befestigt sind. Publikumsgeräusche, blechern, verzerrt tönen aus ihnen, Beifall, Ausrufe des Erstaunens. Zeugnisse einer Welt der Fantasie, die längst vergangen ist. Eine Frau führt unsichtbare Besuchergruppen durch ein imaginiertes Theater, beschreibt unsichtbare Plakate. Später werden die berühmtesten Tricks großer Zauberkünstler genannt, nur mit ihren Namen, sie sich vorzustellen, obliegt dem Publikum. Es ist ein Abend der Imagination, der den Schweizer Regisseur zum zweiten Mal zum Theatertreffen geführt hat. Der Zuschauer ist Zaungast, auf der Hinterbühne sitzend ist er eingeladen, sich die große Illusionsmaschine vorzustellen, die einst die Welt in Atem gehalten hat. Die Bühne, auf der einst der Welt größte Magier standen – sie ist natürlich die des Theaters, jenem Ort der Erschaffung und Aufhebung von Illusion, der Erweiterung der Vorstellungskraft, der Einladung, die Möglichkeit, andere Welten, andere Varianten dieser Welt zu denken.

Bild: Andreas Etter

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Der Schatten, der bleibt

Nach Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän, Deutsches Theater, Berlin / Theater Basel (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Spielzeit der Abschiede in Berlin: Sowohl an der Volksbühne als auch am Berliner Ensemble geht zu Ende, was das Feuilleton gemeinhin eine Ära nennt. Auch wenn beide dereinst – oder auch schon jetzt – sehr unterschiedlich bewertet werden mögen, klar scheint: Hier endet etwas, das nicht ohne Spuren geblieben ist, das das Theater verändert hat, vielleicht auch ein wenig sein Publikum und seinen, unseren Blick auf und in die Welt. Im Guten und womöglich auch im Schlechten. Am Deutschen Theater dagegen bleibt alles beim alten. Intendant Ulrich Khuon schein nicht daran zu denken weiterzuziehen und die Berliner Kulturpolitik macht keine Anzeichen, diese Baustelle auch noch zu öffnen. Und doch beginnt die neue Spielzeit hier wie dort mit einem Abschiedsabend. Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän bildet die Vorlage, ein Kleinod, das vom Verschwinden erzählt, des Lebens, des Menschen, der Welt, und vom Versuch des Bewahrens, von Wissen, Weisheit, Einsichten. Thom Luz hat sie in Szene gesetzt, Schweizer, Theaterpoet, Schattenmaler. Ein Spielzeit beginn so flüchtig, so still, so geisterhaft wie das Leben. Und so groß.

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Bild: Arno Declair

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Magier der Bastelstube

Autorentheatertage Berlin 2016 – LSD – Mein Sorgenkind. Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz, Theater Basel (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wer hat’s erfunden? Die Schweizer!“ Wer an die Popkultur der 1960er-Jahre, an Psychedelik und bewusstseinserweiternde Drogen denkt, dem fällt vermutlich nicht als erstes die oft als betulich empfundene Neutralitätsinsel in den Alpen ein, deren Außenwahrnehmung zwischen (böser) Finanzwelt und (guter) Qualitätsware von Schokolade bis Uhren schwankt. Enthemmung und das Einreißen von Grenzen assoziiert man mit dem Land eher selten. Und doch kommt eine zentrale Zutat der Popkultur der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts genau dorther: LSD. Es war ein Schweizer Chemiker namens Albert Hofmann, der die Substanz 1938 erstmals herstellte und seine Wirkung auf das menschliche Bewusstsein fünf Jahre später durch Zufall entdeckte-. Ein paar Tage später testete er die seltsame Wirkung absichtlich – bei einer Fahrradfahrt von Basel in den beschaulichen Vorort Bottmingen. Thom Luz hat aus dieser Fahrt – und Hofmanns Erinnerungen daran – einen Theaterabend gemacht, der sich der Droge mit den Augen derer nähert, die sie einst entwickelten.

Bild: Theater Basel

Bild: Theater Basel

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Wir Gestrandeten

Theatertreffen 2015 – Atlas der abgelegenen Inseln. Mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker von Judith Schalansky, Schauspiel Hannover (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Somewehere…“: Weiter kommen die Sänger trotz mehrfacher Versuche nicht, das Land hinter dem Regenbogen ist nicht nur nicht erregbar, es lässt sich nicht einmal mehr vorstellen. Ersetzt worden ist es durch ein „Nowhere“, eine Zwischenwelt: ein dreistöckiges Treppenhaus – in Hannover jenes der Cumberlandschen Galerie, beim Theatertreffengastspiel dient das Pankower Carl-von-Ossietzky-Gymnasium als Spielort – durch das Nebel wabert und Klangfragmente irren. Bruchstücke von Musik, Konversationsfetzen, Klopfen, Glockenklang, Schritte. Aus der Zeit gefallene Gestalten in Schwarz-Weiß, gekleidet in Smoking oder Kleid, hasten hindurch, mit gehetztem Blick, den Kompass in der Hand. Sie spielen eine Note oder setzen an zu einer Erzählung, nur um weiterzueilen, meist mit dem Versprechen „Ich bin gleich wieder da“ auf den Lippen. Ein leeres Versprechen, denn um wiederzukommen, müssten sie zuerst dagewesen sein. Doch diese blassen Schattenwesen sind nirgends. Sie entsteigen den Seiten von Judith Schalanskys Buch Atlas der abgelegenen Inseln als gespensterhafte Verkörperungen der Unorte, die Schalansky beschreibt, deren Geschichten sie zu erzählen versucht. Enklaven stets bedrohten Lebens an den Enden der Welt – Sehnsuchtsorte romantischer Fantasie, die schnell zu Schreckensorten werden, sieht man einmal genauer hin.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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