Archiv der Kategorie: Theodor Storm

Unter totem Schimmel

Theodor Storm: Der Schimmelreiter, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Johan Simons) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Die Glocke läutet, obwohl sie still steht. Das Geläut weht von fern heran, von wo auch schwarz gekleidete Gestalten herantreten, stehen bleiben oben auf dem Kamm der Schräge (Bühne: Bettina Pommer), der Deichkrone, in sanftem Wind und dem Schatten vorbeiziehender Wolken (oder ist es die Spiegelung des Wellenspiels einer ewig ruhenden See?). Hölzern ist der Deich, so hälzern wie der Boden der Geschichte, die hier erzählt wird. In seiner unverwechselbar schneidend dauerleidenden Stimme berichtet Jens Harzer vom Jahr 1756, von der großen Sturmflut, die dem Deichgrafen Hauke Haien und seiner Familie das Leben kosten wird. Siebenmal geschieht das im Lauf dieser knapp drei Stunden, siebenmal die gleiche Erzählung, immer ein wenig anders im Tonfall, die Figurenaufstellung stets etwas abgewandelt. Textteile kommen hinzu, die Erzählung mündet direkt in Spielandeutungen, die ähnlich statisch sind wie die erzählerische Aufreihung der pietistisch streng in Schwarz gekleideten Unbeweglichen. Irgendwann, gar nicht merklich, biegt die Geschichte ab. Tiefer in die Vergangenheit, in die Vorgeschichten(n) der Katastrophe: die Kindheit Haukes, das Kennenlernen seiner späteren Frau, die Karriere als Deichgraf, die Anfeindungen der Dorfgemeinschaft. Erst ganz am Ende, beim siebten Versuch, wird die Geschichte zu Ende erzählt. Und findet ein Ende doch nicht.

Bild: Krafft Angerer

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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