Archiv der Kategorie: Theodor Fontane

Die zertrümmerte Effi

Nach Theodor Fontane (Fassung von Kay Wuschek und Oliver Schmaering): Effi, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Effi also. Ja, genau die. Geborene Briest, verheiratete von Innstetten. Die mit der Affäre und dem Major und dem Duell. Man kennt das. Deutsch-Unterricht, Oberstufe. Kanon halt. Der Begriff war ja gerade mal wieder in aller Munde, nachdem Die Zeit eine Liste von Autoren und werken veröffentlichte, die „man“ gelesen haben sollte. Effi Briest war vermutlich drauf. Es hätte zumindest gepasst, schießlich umfasste der Kanon fast nur Männer. Die Frau in der zweiten Reihe, als Objekt, hübscher Hintergrund. Das kennt auch Effi zur Genüge. Die Naive, Unabhängige, die ihre Rolle nicht findet und nicht akzeptiert und dafür abgestraft wird. Für die es am Ende nur noch eine Funktion gibt: Opfer. Was anderes ist nicht vorgesehen. Keine heutige Figur, schließlich haben wir Jahrzehnte Emanzipation, Feminismus, Gleichstellung hinter uns. Was also anfangen mit dieser aus der Zeit Gefallenen? Die Antwort von Parkaue-Intendant Kay Wuschek heißt – wie immer bei ihm: Theater. Der Ort, wo mit fremden Rollen experimentiert wird, man versuchen kann, sich in selbige hineinzutasten, man Welten kreiert, die Illusion sind, Vorstellung und doch auf den Bühnenbrettern seltsam real werden.

Bild: Christian Brachwitz

Weiterlesen

Advertisements

Eine weite Spielwiese

Theatertreffen 2016 – Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Theodor Fontane: Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk)

Von Sascha Krieger

Angenehm ist sie ja, diese warme, tiefe Stimme, die uns an die Hand nimmt und uns führt, hinein nach Großen-Cremmen, den Sitz der Familie von Briest, ins hinterpommersche Kessin, wo die Tochter des Hauses mit ihrem älteren Gatten lebt, und nach Berlin, zweites und letztes Heim des Paares, bevor es zur Katastrophe kommt, die am Ende zwei Menschen das Leben kosten wird. Man kennt die Geschichte der viel zu jung verheirateten Effi, der eine schon lange vergangene Liebe zum Verhängnis wird, vor allem aber natürlich die verknöcherten Moralkonventionen der wilhelminischen Zeit. Theodor Fontanes Effi Briest hat Schüler*innen-Generationen jahrzehntelang gequält und die Frage abverlangt: Was hat das alles mit uns zu tun. Bei den langjährigen Marthaler-Mitstreitern Barbara Bürk und Clemens Sienknecht ist die Antwort ebenso eindeutig wie unbefriedigend: erst einmal nicht viel. Und so muss die so angenehm klingende Stimme – es ist die Gert Westphals auf einer alten Aufnahme des Romans – einiges erleiden. Immer wieder wird die Nadel des Plattenspielers über die LP gejagt, Westphal von einem Satz in einen weit entfernten gezerrt, die Geschichte zu Soundbites reduziert, kurze Schnipsel, Remix-Material.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

Weiterlesen

Das Glück ein Traum

Theodor Fonatane: Effi Briest, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Jorinde Dröse)

Von Sascha Krieger

Am Anfang stehen sie da, sie in ihrem strahlend weißen Hochzeitskleid, er im festlichen dunklen Anzug, und sprechen von ihren Sehnsüchten, ihren Wünschen, die sie hoffen, gemeinsam erfüllen zu können. Und doch ist da schon alles zu spät, denn dieses Wir, das sie sein wollen und sollen, das gibt es nicht und gab es nie. Sie sehen sich nicht an, diese Effi und dieser Innstetten, sie blicken unabhängig voneinander in die Weite, in welcher sie ihre Zukunft vermuten. Effi, die Lebenslustige und Lebenshungrige, Innstetten, der besonnene Karrierist, der nicht mehr oder weniger will als Ruhe. Ihre Sehnsüchte passen nicht zu einander, die naiven Glücksfantasien der gerade 17-Jährigen und der vernünftige und immer ein wenig melancholische Pragmatismus des mehr als doppelt so alten. Jorinde Dröse inszeniert diesen Beginn mit viel Bühnennebel als Traumspiel. Diese Ehe, dieses Glück ist nie mehr als ein schöner Traum und kann es auch nicht sein. Effis Vater, der in Dröses kluger und behutsamer Dramaturgie immer wieder als Kommentator und Überleiter fungiert, erkennt dies schon zu Beginn. Diese beiden passen nicht zusammen und so ganz geheuer ist ihm das mit der Liebe ohnehin nicht. Diese zumindest ist schon gescheitert, bevor sie begonnen hat und so stehen sie am Ende wieder nebeneinander, das Leuchten in den Augen erloschen, die Gesichter versteinert. Die nochmals rezitierten Sehnsüchte und Träume werden zu Hohn und sprechen das Urteil über die beiden.

Der kurze Traum vom Glück: Wilhelm Eilers, Anja Schneider und Robert Kuchenbuch (© Bettina Stöß)

Weiterlesen

Advertisements