Archiv der Kategorie: Theatre

Feminismus als Freak-Show

Nach dem SCUM-Manifesto von Valerie Solanas: Feminista, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Keine Frage: der Text hat sich einiges von seiner Kraft bewahrt, er trifft in seinen besseren Momenten noch immer mitten in die Fresse. Die männliche versteht sich. Wenn ihn Bernd Moss mit performativer Verve ins Publikum feuert, just, nachdem er sich mit seinen Mitstreitern Jörg Pose und Markwart Müller-Elmau auf offener Bühne „entmännlicht hat“, die labbrige Alltagskleidung eingetauscht hat gegen ein schneeweißes Marilyn-Monroe-Kleid samt passender Perücke, sich also in eine Ikone der weiblichen Objektifizierung durch den Mann verwandelt hat, sich damit mehrfach um die Ironieachse des Sexismus gedreht hat, dann trifft er ungebremst aus so manches Klischee unserer postmodernen Aufgeklärtheit – und haut es in Stücke. Der Text, das ist Valerie Solanas‘ SCUM Manifesto, ein satirischer wie radikalfeministischer Text, der bekannt wurde, kurz nachdem seine Verfasserin auf Andy Warhol geschossen hatte. Darin fordert sie die Vernichtung des Männlichen, wirft dem Mann Vagina-Neid vor und dass er die eigenen minderwertigen Eigenschaften auf das eigentlich starke weibliche Geschlecht projiziert und dessen höherwertige Qualitäten sich selbst zugeschrieben habe. Dabei sei er schwach, minderwertig, eine Fehlbildung, sein X-Chromosom ein verstümmeltes Y-Chromosom, der Mann damit „eine unvollständige Frau“. Hinzu kommt eine sozialkritische Perspektive: Das Männliche ist bei Solanas auch das Kapitalistische und so fordert sie die Abschaffung des Geldes, die vollständige automation, das Ende der Arbeit.

Bild: Arno Declair

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Ein Untergang

Milo Rau & Ensemble: Lenin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Das Thema liegt ja auf der Hand. In wenigen Wochen jährt sich mit der russischen Oktoberrevolution eine der einschneidensten Zeitenwenden der jüngeren Menschheitsgeschichte zum hundertsten Mal. Dass ein so hochpolitischer Theatermacher wie Milo Rau, der als Sohn eines Trotzkisten zudem eigenen einschlägiges Gepäck mit sich herumschleppt, sich dieses Jubiläum nicht entgehen lassen würde, war erwartbar. Dass daraus gleich ein theatral aktionistisches Triptychon werden würde vielleicht weniger. Rau ist einer, der mit seiner Arbeit direkt in politische Debatten hineinwirken will und so lädt er am ersten November-Wochenende zur „General Assembly“ in die Berliner Schaubühne, einem alternativen Weltparlament, das den nicht Gehörten eine Stimme verleihen sollt, dem neuen „globalen dritten Stand“, der durchs Roster der Demokratie gefallen sei. Eine Anknüpfung also an eine der Triebfedern für die revolutionären Bewegungen vor hundert Jahren. Und weil Rau noch immer auch für seine Reenactments bekannt ist, spielt er in der Folge den Sturm aufs Winterpalais am Berliner Reichstag nach. Nun ist die Schaubühne aber in erster Linie ein (Repertoire-)Theater und benötigt Futter für den Spielplan. Womit wir bei Punkt eins von Raus Oktoberrevolutions-Dreigestirn sind. Ein Theaterabend namens Lenin über den lange ikonischen und längst ausrangierten Revolutions- und Staatsführer. Die Pflicht steht eben auch für einen Theatermacher vor der Kür.

Bild: Thomas Aurin

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Das papierne Ich

Nach Ágota Kristof: Hundesöhne, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

In Unterhemd und kurzer Hose schlendern sie über die Bühne, machen Dehnübungen, wärmen sich auf. Sechs Spieler+innen, denen ein fast vierstündiger Abend (das könnte ein Rekord der derzeitigen Gorki-Intendanz sein) bevorsteht. Sie machen sich bereit für die Geschichte – ihre Geschichte? Darum geht es zunächst. Einer nach dem anderen kommen sie zum Bühnenrand, bringen sich ein in die Erzählung, versuchen ihre Stimme über die der anderen zu setzen. Ein vielstimmiger Narrationsversuch, der wiederholt, abbricht, neu ansetzt. Und aus dem sich langsam eine Geschichte herauszuschälen beginnt. Die eines Zwilligspaars, herumgewirbelt in einer Welt des Kriegs. Mögliche Paare gruppieren und trennen sich, am Ende stehen Loris Kubang und Linda Vaher zusammen, hat sich das Protagonist*innenpaar (zunächst) gebildet. Eine Identitätsfindung auf offener Bühne und einer der stärksten Anfänge der jüngeren Gorki-Geschichte. Dann geht es los auf der leeren Bühne. Ein Requisitenwagen, der später auch als Ziege dient – samt funktionierendem Euter! – rollt herein, die „Zwillinge“ werden altersgerecht eingekleidet. Papierbahnen werden entrollt, auf welche die Spieler*innen mit Schlamm Kulissenandeutungen malen. Eine Welt aus Dreck und Papier, aus menschlichen Abgründen und Illusionen, Leid und Geschichten.

Bild: Esra Rotthoff

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„Leitmotiv: Chef“

Immersion – Jonathan Meese / Bernhard Lang / Simone Young: Mondparsifal Beta 9–23
(Von einem, der auszog den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren…), Haus der Berliner Festspiele / Wiener Festwochen (Regie: Jonathan Meese)

Von Sascha Krieger

Die Vorgeschichte dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein: Vor einigen Jahren luden die Bayreuther Festspiele Jonathan Meese ein, Regie bei einer Neuproduktion des Parsifal zu führen. 2016 sollte es so weit sein, doch schon zwei Jahre zuvor löste man den Vertrag schon wieder auf. Aus Kostengründen, wie es hieß. Meese – und so ziemlich jeder, der sich mit dem „Grünen Hügel“ auskennt – hält das für Blödsinn. Wohl eher wahr Meese nicht so recht Klüngel-kompatibel, kontrollierbar, vor allem auch kommunikativ begrenzbar. Meese scheint das noch lange nicht verwunden zu haben: Beim knapp zweistündigen mittäglichen Presserundgang (der eigentlich ein Monolog ist) wettert er gefühlt fünf Stunden über die Gestrigen in Bayreuth. Kultur sei das, Politik auch, beide zu verorten in der Vergangenheit. Die Zukunft dagegen sei Kunst. Man kennt das von ihm. In jedem Fall hat Meese die Ablehnung als das genommen, was jeder Aspekt der von ihm verachteten Realität ist oder sein kann: Material für seine Kunst. Jetzt macht er seinen eigenen Parsifal, zunächst in einer „Alpha-Fassung“ im Sommer bei den Wiener Festwochen, jetzt in Berlin. Evolution ist ein zentraler Teil seines Kunstbegriffs. Also entwickelt er weiter. Kunst ist schließlich Veränderung. Oder, wie er es ausdrücken würde, „Chef“.

Bild: Jan Bauer, Courtesy of Jonathan Meese

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Freier Fall

Heinrich von Kleist: Penthesilea, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Michael Thalheimer ist kein Fan falscher Illusionen. Wie zum Beispiel jener, alles würde gut. Wird es natürlich nicht. Zumindest nicht dort, wo Macht und Selbstaufgabe eine tödliche Allianz eingehen. Man  nennt das, glaube ich, Liebe. Dass es den großen Tragödienessenzauspresser, den Auf-den-Kern-Reduzierer Thalheimer einmal zu Heinrich von Kleists Penthesilea bringen würde, war erwartbar. Schließlich interessiert den neuen Hausregisseur am Berliner Ensemble das schmutzige Fundament der menschlichen Existenz, den Grund, wo die Zivilisation abfällt, das Ich als Alleinherrscher regiert, die Firnis des Miteinanders abgeschabt ist. Deshalb kehrt er ja auch immer wieder zu jenen antiken Stoffen zurück, die uns daran erinnern, von wo die „Zivilisation“ einst seinen Ausgang nahm. Der Kreislauf aus Macht, Rache, Gewalt, der das Ich erhöhen soll und doch nur in den Dreck zieht, ist dort noch ohne zivilisatorisches Beiwerk (in den folgenden Jahrhunderten ist das vielleicht nur bei Shakespeare wieder der Fall), der Blick unverstellt und doch so unerträglich. Das ist die Antike, bei der Kleist ansetzt, die das harmonisierende Gleichgewichtsgeschwurbel etwa der Weimarer.

Bild: Birgit Hupfeld

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Friede, Freude, Michael Jackson

Du kannst nicht mehr warten?, Theaterjugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Leitung: Theresa Henning)

Von Sascha Krieger

„The waiting is the hardest part.“ Das wusste schon der kürzlich viel zu früh verstorbene Tom Petty. Und doch besteht ein Großteil unseres Lebens daraus zu warten. Auf die Liebe, die Freiheit zu tun und zu lassen, was man selbst will, eine Zeit, in der Geschlechterrollen tot sind und die Hautfarbe oder „Herkunft“ keine Rolle spielen. Und während man wartet, geht das, was das eigenen Leben hätte sein sollen, einfach weiter. Ziemlich gemein das. Damit wäre der inhaltliche Rahmen der aktuellen Arbeit des Gorki-Jugendclubs „Die Aktionist*innen“ schon weitgehend umrissen. Es geht um das Leiden am Warten, das ein Leiden an der Welt und an sich selbst, vor allem der internalisierten wie externen Erwartungen an dieses mythische Ich, das wir irgendwie werden sollen, ist. Zunächst sitzt ein junger Mann auf einem Hocker, den Rücken zum Publikum. Still. Irgendwann fängt er an zu zucken, daraus wird ein Wutanfall, ein Anrennen gegen den Wartemodus, körpergewordene Verzweiflung über ein Leben, das endlich anfangen soll. Das Zucken bleibt, es wird immer und immer wieder exerziert, mit jeder weiteren Darsteller*in, die auf die Bühne kommen. Mal physisch, mal verbal, mal in stiller Verzweiflung, mal in wütendem Brüllen von einer Überzogenheit, dass selbst Frank Castorf die Schamesröte ins Gesicht stiege.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Auslauf für Sysiphos

Maria Milisavljevic: Beben, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Volker Metzler)

Von Sascha Krieger

Die Welt ist eine Gummizelle. Nur ohne Gummi. Hart sind die Wände, abweisend weiß. Ein Pfäd führt an ihnen entlang. Eine Aneinanderreihung von Schrägen. Auslauf für Sysiphos. Die Insassen: ebenso weiß. Fingernägel und Gesichter „verziert“ mit fluoreszierenden Farben. Dazu passend: Ein (weißes) DJ-Pult in der Mitte des Raums. Der Untergang der Menschheit ist eine Techno-Party. Regisseur Volker Metzler, der mit dieser Inszenierung sein Debüt als Schauspieldirektor des Theaters an der Parkaue gibt, und seine Bühnenbildnerin Claudia Charlotte Burchard haben sich eines der derzeit meistdiskutierten und -gefeierten Stücke des deutschsprachigen Theaters angenommen: Maria Milisavljevics Beben, Gewinner des Heidelberger Stückepreises. Eine Endzeitvision, vielschichtig, sperrig, eine kaum bezwingbar erscheinende Textfläche. Metaphysisches steht neben Konkretem, Dystopie neben Realismus. Ein gottgleiches Wesen ergötzt sich an der Selbstvernichtung der Menschheit; ein Kind wird erschossen und die Mutter will dem Soldaten, der abdrückte, die Hand reichen; ein Dröhnen erfüllt die Welt und lässt sie im Krieg versinken; irgendwo muss jemand immer noch schnell sein Level zu Ende spielen. Ein faszinierender Text, hochkomplex, verwirren, immer wieder auf falsche Fährte lockend, abbrechend und neu ansetzend, wild zwischen den Ebenen springend. Ein Weltpanorama in Fragmenten. Perfektes Material also für das Jugendtheater?

Bild: Christian Brachwitz

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Wenn der Text zum Körper wird

Peter Handke: Selbstbezichtigung, Berliner Ensemble / Volkstheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

So ganz frisch ist der Text ja nicht mehr. Selbstbezichtigung stammt aus dem Jahr 1966 und gehört zu den „Sprachstücken“ des jungen Peter Handke, ist also ein Schwesterwerk der ungleich berühmteren Publikumsbeschimpfung. Wie dieses attackiert es die damals geltenden Grundprinzipien des Theaters frontal. Es wird nicht gespielt, sondern gesprochen, und es ist die Sprache selbst, um die es kreist, nicht Handlung oder (politische) Botschaft. Der frühe Handke ist von Ibsen genau so weit entfernt wie von Brecht. Sein Theater beschäftig sich mit sich selbst, seinen Mechanismen und Gewissheiten, seinen Illusionen und seiner Arroganz. Publikumsbeschimpfung mag in seiner Aggression gegen den passiven Teil des traditionellen Theatererlebnisses, den Zuschauer, seiner beinahe gewalttätigen Aufbrechung des Konsenses zwischen Theater und Publikum über deren jeweilige Rollen das radikalere Stück sein – Selbstbezichtigung ist womöglich das modernere. Hier ist das Publikum wieder passiv, schaut und hört zu, mag mal angesprochen werden, aber rezipiert vor allem auf fast schon klassische Weise.

Bild: Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien

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Schwarz ist Weiß und Weiß ist Schwarz

Robert Wilson: LUTHER dancing with the gods, Rundfunkchor Berlin / Pierre Boulez Saal, Berlin (Regie: Robert Wilson)

Von Sascha Krieger

Eigentlich schien das Kapital Robert Wilson in Berlin ja abgehakt. Mit Claus Peymanns Intendanz am Berliner Ensemble ging auch das Engagement der Regielegende am Haus zu Ende. Da braucht es schon den Reformator persönlich, um Wilson noch einmal in die Stadt zurückzuholen, die in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten zu seinen Tätigkeitsschwerpunkten gehörte. Anlässlich des Lutherjahrs 2017 lud der Rundfunkchor Berlin, eines der besten Vokalensembles der Welt, den gebürtigen Texaner zu einer gemeinsamen Arbeit ein. Leben, Tod, Religion und 500 Jahre Kunst- und Menschheitsgeschichte: Wenn es um so Großes geht, kann auch ein Robert Wilson schlecht nein sagen. Und Großes will der Abend. Er paart Luther, den Geschichtsveränderer, den Aufbrecher abendländischen Denkens mit einem, der nicht nur glühender Lutheraner war, sondern zumindest in der Musikgeschichte eine ähnliche Rolle spielte wie der ehemalige Augustiner-Münch: Johann Sebastian Bach. Da kann man dann auch gleich „all in“ gehen, wie man beim Poker sagen würde. Ein Schnelldurchlauf durch die Bibel – vom ersten Buch Mose bis zur Offenbarung des Johannes. Wir beginnen bei der Geburt und enden beim Tod noch lange nicht. Nein, Kleckern ist bei Wilson ohnehin nie angesagt.

Bild: Lovis Ostenrik / Rundfunkchor Berlin

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Ausverkauf im Familienkonflikt-Klischee-Katalog

Tracy Letts: Eine Familie, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es schon alt, Tracy Letts‘ Erfolgsstück August: Osage County, das im deutschsprachigen Raum eingeschränkt inspiriert Eine Familie heißt. Was natürlich nicht falsch ist, schließlich geht es darin um, nun ja, eine Familie – und natürlich auch „die“ Familie als solche, als gesellschaftlicher Prototyp, Keimzelle einer Idee namens Amerika. Um all die Überfrachtungen, Mythisisierungen, all den Ballast, den dieses Konzept tragen muss, um seiner Grundaufgabe nachkommen zu können, denen, die keinen Halt haben, solchen zumindest vorzugaukeln, einer Gesellschaft, deren Fundamente längst zerbröselt sind, den Schein zu geben, sie wäre noch fest im Boden verankert. Die Familie also Heimat des – individuellen wie kollektiven – Selbstbetrugs. Damit steht Letts natürlich in der Tradition der großen amerikanischen Dramatiker – O’Neill, Williams, Miller, Albee – die wiederum Teil einer noch längeren Tarditionslinie sind, die zurückreicht zu Tschechow, Strindberg, Ibsen.

Bild: Birgit Hupfeld

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