Archiv der Kategorie: Theatre

Im Anfang war der Marsch

Marta Górnicka: Hymne an die Liebe, Teatr Polski w Poznaniu, Poznan / Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht der Marschbefehl. Stakkatohaft beginnt Hymne an die Liebe, die neueste Arbeit der polnischen Theatermacherin Marta Górnicka, mit nur einem Wort: „Noch“. Immer und immer wieder wiederholt kommen bald weitere hinzu, setzt sich aus ihnen, langsam, bruchstückhaft, der Beginn der polnischen Nationalhymne zusammen: „Noch ist Polen nicht verloren“. Es ist logisch, mit dem vielleicht verzweifeltsten Beginn einer Nationalhymne überhaupt anzufangen, wenn man sich in 50 Minuten dem heutigen Polen und seiner zunehmenden Einmauerung in einem erschreckend rückwärts gewandten Nationalismus annähern will. Polen, der Spielball innereuropäischer Machtkämpfe, der seine Nationalstaatlichkeit immer wieder verlor und sich erst seit gut 25 Jahren an der Findung einer souveränen Identität innerhalb eines komplexen und fluiden Kontinents versuchen darf. Der Selbstzweifel, der resignative Pessimismus gepaart mit trotziger Selbstbehauptung, die aus den Anfangszeilen spricht: In ihnen liegt vielleicht der Schlüssel zu der seltsamen Mischung aus Modernisierung und Konservatismus, die das Land zu einem der erfolgreichsten Länder des ehemaligen Ostblocks gemacht hat und es zugleich zunehmend isoliert.

Das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Wessen Geschichte?

Autorentheatertage 2017 – Sivan Ben Yishai: Your Very Own Double Crisis Club, Deutsches Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Das Theater – ein „Haus der Geschichten“. Die Definition steht im Zentrum von Your Very Own Double Crisis Club der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai. Und wird schnell präzisiert: Es sei ein „Haus eurer Geschichten“, schleudert dem „Ihr“ des Publikums das „Wir“ der sechs in EU-Fahnen-Strampelanzügen gewandeten jungen Spieler*innen, Schauspielstudierende der Berliner Universität der Künste, entgegen. Ohne Bitterkeit oder Vorwurf, einfach als Tatsache. Dazu verwandeln Lichtregie und Geräuschkulisse die leere Bühne vor dem Eisernen Vorgang in eine Mischung als Geisterbahn und Horror-B-Movie. Schließlich muss die Geschichte, die sie uns erzählen, nur einem schmecken: nämlich dem kollektiven „Wir“, das sich von ihrem „Ihr“ nicht vereinnahmen lässt, schließlich ist das „unser Haus“. In das „wir“ „sie“ lassen oder auch nicht. Denn „sie“ sind anders, haben andere Geschichten als „wir“. Die handeln von Flucht, von ihrer Stadt, aus der sie herauskullerten wie Bonbons aus einem zerbrochenen Bonbonglas, nachdem ihre Stadt „gegangbangt“ wurde. Und die nun hierher gekullert sind. Zu uns. Die Europafarben tragen, weil sie dazu gehören wollen. Was sie aber nicht tun. Denn „sie“ sind ja nicht „wir“.

Bild: Arno Declair

Weiterlesen

In der Marillen-Hölle

Autorentheatertage 2017 – Yade Yasemin Önder: Kartonage, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Es wird ja immer wieder gern über die Wirkmächtigkeit von Theater, von Kunst im Allgemeinen, debattiert, meist mit einem erwartbaren Ergebnis: Der gesellschaftliche Effekt von Theater ist eingeschränkt bis gar nicht vorhanden, seine soziale Funktion längst abhanden gekommen, man predigt ohnehin nur noch zu den Bekehrten und schließt sich ein im wohligen Kokon des Bildungsbürgertums. Das ist alles nicht falsch und auch Kartonage, uraufgeführt im Rahmen der Autorentheatertage 2017, wird die Welt nicht verändern. Vielleicht aber das Verhalten derer, die das Stück sehen durften: Unter ihnen wird der Konsum von Aprikosen-, Verzeihung, Marillenmarmelade voraussichtlich eher abnehmen. Und sollten sich Daten-Kenner unter den Zuschauer*innen befinden, ist es zumindest nicht undenkbar, dass sie noch einmal genauer in die Exegese der Divina Commedia gehen, um zu erforschen, ob sie nicht einen Höllenkreis übersehen haben, der ganz und gar aus dem süßig-klebrigen Brotaufstrich besteht. Denn in Yade Yasemin Önders Theaterdebüt  ist das Grauen, ist der Abgrund, ist das Jüngste Gericht eindeutig zu verorten: in einem dampfenden Topf gefüllt mit dem in seiner Färbung verdächtig an die Hautfarbe eines aktuellen amerikanischen Spitzenpolitikers erinnernden Brei.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Ein letzter Tee

Nach Fjodor Dostojewski: Ein schwaches Herz, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Sie sind längst alle gesungen, die Lobenshymnen auf die großen Künstler, die in den letzten 25 Jahren an der Volksbühne verkehrten, die deutschsprachige Theaterlandschaft immer wieder vor sich hertrieben, ihr und ihrem Publikum auch gern einen Tritt in den Allerwertesten verpassten, die uns auf die Nerven gingen, uns bis in den Schlaf hinein langweilten und das Theater auf eine Weise entgrenzten, die man zuvor für nicht möglich hielt. Da waren die Regisseure, Vastorf, Marthaler, Pollesch, Fritsch, Schlingensief natürlich, und die Schauspieler*innen: Hübchen, Angerer, Peschel, Rois, Scheer, Wuttke und so viele, viele andere. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe besonderer Menschen, die selten besungen wurden und sich doch für dieses Haus, für den Wahnsinn, der das Theaterspielen hier immer war, als so entscheiden, erwiesen: die Soufflerinnen. Elisabeth Zumpe ist zu nennen, die so manche Castorf-Inszenierung mit ihrer nie in Panik verfallenden Präzision möglich machte. Oder Tina Pfurr, ebenso wenig aus der Ruhe zu bringen, längst nicht wegzudenkender Bestandteil der Berliner Pollesch-Familie. Castorfs Theater war und ist eine Überforderungsmaschine, ein Kosmos des Scheiterns, ständig gegen die Wand fahrend und immer weitermachend. Hier ist das reich der Soufflage, des Weitergehens, wo die Sackgasse längst zu Ende ist, des Gelingens, wo längst alles verloren scheint. Vielleicht sind sie, mehr noch oder zumindest gleichwertig, mit den Stars dieser Ära, das Kraftzentrum dieses Theaterexperiments, das nie Revolution sein wollte und doch alles aus den Angeln hob.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

„God only knows…“

René Pollesch: Dark Star, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Man will ja nicht, dass das zu Ende geht, und eigentlich ist ein Ende auch gar nicht vorgesehen in diesem 25 Jahre anhaltenden Experiment namens Frank Castorfs Volksbühne, in diesem Theater, das Anfang und Ende auf den Müllhaufen geworfen hat, vom Immer-Weiter lebt, den (Theater-)Raum aufgefächsert, erweitert, zersplittert hat und der linearen Zeit sein 1992 den Kampf ansagt. Da gibt es natürlich keinen Schlusspunkt, wie er Castorfs Faust-Abend sein sollte. Nein, nicht nur hat der Hausherr selbst noch eine Art Zugabe nachgelegt, sondern er lässt den wirklich letzten Auftritt dem langjährigen Mitstreiter René Pollesch, der mit Dark Star den dritten Teil seines „Volksbühnen-Diskurses“ vorlegt, der zunächst gar nicht kommen sollte, dann doch und nun sich nicht als Teil der Serie bekennt, die er, und das macht die einleitende Diskussion über die Serie, entnommen den ersten beiden Teilen, klar, genau dies ist. Und eben auch nicht. Das Lineare, das Serielle, das Erwartbare – sie hatten an diesem Haus nie etwas zu suchen. Apropos erwartbar. Das überraschendste an diesem allerletzten Premierenabend ist: Er hat so etwas wie eine Geschichte. Eine Geschichte! Bei Pollesch!

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Puzzlespieler

Theatertreffen der Jugend 2017 – TWAILAIT, EchtEinstein – Theater AG der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mal mit einem Schrei nach Mitleid: Als Theaterrezensent hat man es ja nicht immer leicht. Nicht nur muss man beim Schlussapplaus darauf achten, möchlicst neutral und objektiv zu erscheinen, man sollte sich auch während der Aufführung zurückhalten mit emotionalen Bekundungen jeglicher Art. Das ist schwer genug, doch gibt es dann immer wieder Abende, die den Kritiker an die Grenze seiner Belastbarkeit bringen. Das sind jene, in denen die schizophrene Ebene des Rezensentenwesens zum Tragen kommt, sich der Zuschauer und der Kritiker in besagtem Rezensentenwesen (dieses entschuldigt sich schon einmal für das grauenvolle Wortspiel) in herzlicher Feindseligkeit gegenüberstehen, ein Konflikt, der sich mitunter nur lösen lässt, in dem die eine Seite der anderen den Mund verbietet. TWAILAIT, eine Schultheaterproduktion aus dem hessischen Groß-Bieberau, ist so ein Fall, in dem kritischer Blick und Zuschauerreaktion nicht zusammenpassen. Und in dem – zumindest im Fall des hier Schreibenden – der innere Zuschauer dem nörgelnden Kritiker irgendwann sagt: Gib Ruhe! Und letzter, zähneknirschend einknickt. Aus diesem Grunde ist dies hier vielleicht auch keine Rezension und selbiges womöglich auch nicht wichtig. Und so folgt jetzt ein Satz, den dieser Rezensent so wohl noch nie in einer Besprechung geschrieben hat: Ich hatte Spaß!

Bild: Olaf Mönch

Weiterlesen

Jenseits der Provokation

Nach Stanisław Wyspiański: Der Fluch, Teatr Powszechny, Warschau (Regie: Oliver Frljić) (Gastspiel am Maxim Gorki Theater, Berlin)

Von Sascha Krieger

Es passiert ja eher selten, dass Theateraufführungen außerhalb der Feuilleton-Nischen Schlagzeilen machen, Titelseiten belegen, zu hitzigen gesellschaftlichen Debatten herausfordern oder gar die Politik auf den Plan rufen. Wenn es in der europäischen Theaterwelt derzeit einen Regisseur gibt, der dazu in der Lage ist, ist es der Kroate Oliver Frljić. Und wenn Provokation und Herausforderung des gesellschaftlichen Konsens Kernelemente seiner Arbeit sind, dann ist Der Fluch so etwas wie sein Meisterstück. Denn der Sturm, den seine Warschauer Premiere im Februar dieses Jahres hervorrief, war mit Orkanstärke noch zu vorsichtig beschrieben. Die Rergierungspartei sah Polen beleidigt, die katholische Kirche sich selbst, der konservative Teil der Gesellschaft ging auf die Barrikaden. Zensuraufrufe machten die Runde, Priester hetzten von der Kanzel, Schauspieler*innen wurden geächtet, Proteste erschütterten das Theater, eine (weitere) Verschärfung der bereits jetzt äußerst nationalistisch ausgeprägten Kulturpolitik, eine Ausweitung der – ebenfalls bereits gängigen – Beschneidung von Meinungs- und Kunstfreiheit wurden gefordert.

Das Maxim Gorki Theater, Ort des Berliner Gastspiels (Foto: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

Weiterlesen