Archiv der Kategorie: Théâtre de Vidy

Der Duft der Erinnerung

FIND #18 – Amir Nazir Zuabi nach einer Idee Corinne Jaber: Oh My Sweet Land, Youn Vic, London / Théâtre de Vidy, Lausanne (Regie: Amir Nazir Zuabi)

Von Sascha Krieger

Das Theater ist, das ist jetzt keine Neuigkeit, eine Kunstform der Präsenz. Publikum und Darsteller*innen befinden sich zur gleichen Zeit im gleichen Raum, die Kopräsenz von Darstellung und Rezeption macht es nicht nur einzigartig, sie ermöglicht auch die Ansprache aller menschlichen Sinne. Eine Möglichkeit, die eher selten wahrgenommen wird. Amir Nazir Zuabi und Corinne Jaber wollen sie nutzen. Auch wenn Geschmacks- und Tastsinn erneut außen vorbleiben, tritt in Oh My Sweet Land zumindest die olfaktorische Ebene hinzu. Und übernimmt gleich eine Hauptrolle. Es ist der Duft der karamelisierten Zwiebeln, der die Erinnerung hervorruft, eine Heimat aufruft, die verloren scheint und doch als zentraler Bestandteil der eigenen Individualität festzuhalten ist, zu suchen, in dem, was von ihr übrig ist. Zum Beispiel Kibbeh, ein zwiebelreiches syrisches Gericht, das die namenlose Figur, die Jaber spielt und mit der sie ihre deutsch-syrische Herkunft teilt, fast obsessiv immer und immer wieder zubereitet. Um „das Loch in ihrer Seele zu schließen“, wie sie am Anfang sagt. Wenn der süßlich scharfe Duft durch den Raum weht, kommt mit ihm die Heimat, ersteht vor dem Zuschauer das verlorene Land, wächst in ihr die Erinnerung.

Bild: Maria Del Curto

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Was bleibt

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kegi / Dominic Huber): Nachlass – Piéces sans personnes, Théâtre de Vidy, Lausanne / Staatsschauspiel Dresden / Berliner Festspiele

Von Sascha Krieger

„Who wants to live forever?“, sangen Queen vor gut 30 Jahren im ersten Highlander-Film. Eine Frage, die sich umkehren ließe: Wer will das nicht? Zu den Folgen des menschlichen Wissens um die eigene Sterblichkeit gehört seit je der Versuch, diese zumindest ein wenig auszutricksen, etwas, wie es heißt, zu hinterlassen, sei dies materieller, geistiger oder sonst irgendwie nachhaltiger Natur. Wie gehen wir dem sicheren Tod entgegen, was lassen wir zurück, wem und warum? Rimini Protokoll, genauer gesagt der Schweizer Stefan Kaegi, unterstützt von Dominic Huber, haben sich diesen Fragen gewidmet. Nachlass ist ein Rimini-typischer Erlebnisraum geworden, mit unterschiedlichen Stationen, welche die Besucher*innen durchlaufen und in denen sie sich mit dem vielleicht Einzigen auseinandersetzen sollen, das tatsächlich alle mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde verbindet: dem Tod. Acht Räume gilt es zu erkunden, Erinnerungs-, Vermächtnisräume, geprägt von jenen Menschen, deren Geschichten wir dort hören. Da sind: ein Basejumper, ein Familienvater, der an einer Erbkrankheit leidet, eine alte Frau, die per Sterbehilfe aus dem leben scheiden will, eine ehemalige EU-Botschafterin, die mit einer Stiftung afrikanische Kultur fördert, ein schwäbisches Bankiersehepaar, eine Hobbyfotografin, ein seit 50 Jahren in der Schweiz lebender Türke, ein pensionierter Neurochirurg.

Bild: Samuel Rubio

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