Archiv der Kategorie: Theatertreffen

Hundewelpen im Paradies

Theatertreffen 2017 – Olga Bach: Die Vernichtung, Konzert Theater Bern (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das Paradies ist verloren, schon bevor wir den ersten Blick darauf werfen konnten. Dunkel bleibt die Bühne, nur zaghaft kämpft sich fahles Licht durch den Neben, während Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem ertönt. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. So erschütternd klar hat wohl kaum einer die Erkenntnis der menschlichen Vergänglichkeit jemals in Töne gesetzt. Bei Ersan Mondtag werden diese nun zum Soundtrack des Zuendegehens. Noch bewegt sich die Schaukel in Erinnerung an gerade noch präsentes – oder imaginiertes? – Leben, doch ansonsten bleibt es leer, das Paradies, mit seinem schilfumrandeten Teich, den antiken Statuen – darunter eine Büste des Regisseurs, der gern mit seiner Eitelkeit kokettiert – den Bäumen und Blumen und der schwingenden Schaukel ist leer. Und künstlich. Der aufgemalte Himmel entpuppt sich als abstrakte Farbflächen, alles ist ein wenig zu perfekt, zu bunt, zu schön zu lebendig. Nein, Leben ist hier keines, auch nicht nachdem wie in einem Schöpfungsakt ein kuppelartiges Eingangstor vier nackte Menschenwesen in den Garten spuckt. Nackt? Ja und nein. Denn die Haut, die baumelnden Genitalien sind hauchdünne Anzüge, grell bemalt wie die Gesichter. Expressionistische Zerrbilder unschuldiger Menschenwesen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Träumend in die Nacht

Theatertreffen 2017 – Thom Luz: Traurige Zauberer, Staatstheater Mainz (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Sie ist längst Erinnerung, die letzte Performance, der letzte Trick, die letzte Illusion. Gähnend leer ist der Zuschauerraum, seltsam klein wirkt er aus der Distanz, die hier, wie so oft bei Thom Luz, auch eine zeitliche ist. Ein Mitarbeiter, Mitarbeiter langweilen sich am Regiepult, einer besteigt die Leitern, auf denen Tonbandgeräte befestigt sind. Publikumsgeräusche, blechern, verzerrt tönen aus ihnen, Beifall, Ausrufe des Erstaunens. Zeugnisse einer Welt der Fantasie, die längst vergangen ist. Eine Frau führt unsichtbare Besuchergruppen durch ein imaginiertes Theater, beschreibt unsichtbare Plakate. Später werden die berühmtesten Tricks großer Zauberkünstler genannt, nur mit ihren Namen, sie sich vorzustellen, obliegt dem Publikum. Es ist ein Abend der Imagination, der den Schweizer Regisseur zum zweiten Mal zum Theatertreffen geführt hat. Der Zuschauer ist Zaungast, auf der Hinterbühne sitzend ist er eingeladen, sich die große Illusionsmaschine vorzustellen, die einst die Welt in Atem gehalten hat. Die Bühne, auf der einst der Welt größte Magier standen – sie ist natürlich die des Theaters, jenem Ort der Erschaffung und Aufhebung von Illusion, der Erweiterung der Vorstellungskraft, der Einladung, die Möglichkeit, andere Welten, andere Varianten dieser Welt zu denken.

Bild: Andreas Etter

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Hexensabbat in Hochglanz

Theatertreffen 2017 – Simon Stone nach Anton Tschechow: Drei Schwestern, Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Nein, nach Moskau will hier niemand. Mascha zieht es nach New York, Irina erst nach Berlin, später nach Nepal oder einfach nur weg, Andrej nach San Francisco. Nur Olga will nirgendwo hin, sondern einfach nur glücklich sein – natürlich in einer lesbischen Beziehung. Wenn Simon Stone Tschechow „inszeniert“, ist vor allem eines drin: Simon Stone. Er hat die Drei Schwestern in das, was er für das Heute hält, geholt und den Text vollständig überschrieben. Den Geschwistern hat er immerhin den Namen gelassen, ansonsten könnte die Szenerie nicht weiter weg sein von der kleinen russischen Garnisonssiedlung um die vorletzte Jahrhundertwende. Das beginnt schon damit, dass den Geschwistern gar kein Heim mehr zu nehmen ist. Das Haus, um das es (auch geht), ist ein Feriendomizil, das Werk eines Berühmten Architekten, Paradebeispiel „für seine frühen Hüttenarbeiten“, wie es an einer Stelle heißt. Die Bewohner sind Gäste, Vorbeikommende. Familie, Heim, Beziehung: Bindung ist out bei dieser Hipster-Generation, die Stone hier in die Schweizer Berge verfrachtet hat. So glatt und kalt wir Lizzie Clachans zweieinhalbstöckiges modernistisches Bühnen-Haus ist auch die Lebenswirklichkeit, derer, die hier ein- und – viel wichtiger – ausgehen.

Bild: Sandra Then

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Maschine Menschheit

Friedrich Schiller: Die Räuber, Residenztheater, München (Regie: Ulrich Rasche) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Leben, so sagt man, sei ein Kreislauf. Leben, Tod, Leben und immer so weiter. Doch was wenn zum natürlichen ein menschengemachter zweiter Kreislauf tritt. Einer einer der Macht und Gewalt? Einer, den Friedrich Schiller lange vor dem Zeitalter beschrieb, das wir heute das „industrielle“ nennen und vor das wir mittlerweile das eine oder andere „post“ setzen. Kreisläufe sind seit damals viele dazugekommen, solche der Effizienz und Nützlichkeit, andere der Vernichtung. Das vergangene Jahrhundert erfand dafür das Fließband, den Kreislauf als physisches Prinzip und Werkzeug, an dem es Autos produzierte und Tote. Zwei riesige Exemplare stehen nun auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Ulrich Rasche, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, hat sie dort hingestellt. Dort erscheint zunächst Katja Bürkle, die derzeit die erkrankte Valery Tscheplanowa ersetzt, die wiederum für Bibiana Beglau einsprang, die lange vor der Premiere wegen „künstlerischer Differenzen“ das Handtuch warf. Auch das eine Art Kreislauf. Mit harter Stimme und herausforderndem Gestus, den Körper gespannt, als würde er gleich giftige Pfeile verschießen, proklamiert sie ihr Programm der Selbstermächtigung. Das Programm einer Macht, die sich aus radikalem Individualismus speist, sich selbst einziger Maßstab ist. Macht als absolutes Prinzip.

Bild: Andreas Pohlmann

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Unter totem Schimmel

Theodor Storm: Der Schimmelreiter, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Johan Simons) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Die Glocke läutet, obwohl sie still steht. Das Geläut weht von fern heran, von wo auch schwarz gekleidete Gestalten herantreten, stehen bleiben oben auf dem Kamm der Schräge (Bühne: Bettina Pommer), der Deichkrone, in sanftem Wind und dem Schatten vorbeiziehender Wolken (oder ist es die Spiegelung des Wellenspiels einer ewig ruhenden See?). Hölzern ist der Deich, so hälzern wie der Boden der Geschichte, die hier erzählt wird. In seiner unverwechselbar schneidend dauerleidenden Stimme berichtet Jens Harzer vom Jahr 1756, von der großen Sturmflut, die dem Deichgrafen Hauke Haien und seiner Familie das Leben kosten wird. Siebenmal geschieht das im Lauf dieser knapp drei Stunden, siebenmal die gleiche Erzählung, immer ein wenig anders im Tonfall, die Figurenaufstellung stets etwas abgewandelt. Textteile kommen hinzu, die Erzählung mündet direkt in Spielandeutungen, die ähnlich statisch sind wie die erzählerische Aufreihung der pietistisch streng in Schwarz gekleideten Unbeweglichen. Irgendwann, gar nicht merklich, biegt die Geschichte ab. Tiefer in die Vergangenheit, in die Vorgeschichten(n) der Katastrophe: die Kindheit Haukes, das Kennenlernen seiner späteren Frau, die Karriere als Deichgraf, die Anfeindungen der Dorfgemeinschaft. Erst ganz am Ende, beim siebten Versuch, wird die Geschichte zu Ende erzählt. Und findet ein Ende doch nicht.

Bild: Krafft Angerer

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Erinnerung als Geistertanz

Nach Peter Richter: 89/90, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

„Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?“ Oder wer Karriere machen würde und wer an seiner Drogensucht krepieren? Ein verkramtes Hinterzimmer ist in Claudia Bauers Adaption von Peter Richters Wenderoman 89/90 Schauplatz dieser Fragen. Inmitten von alten Fotos und Erinnerungsstücke wühlen sich zwei heutige Mittvierziger hinein in diese Zeit, in der alles zusammenbrach und neu entstand, in der für einen kurzen historischen Moment alles möglich schien – auch und gerade das Unmöglich. Die üblichen DDR-Utensilien, sie liegen verstreut herum, ein paar Karo-Zigaretten, eine Flasche Altenburger Korn. Aber um sie geht es hier nicht, sie spielen keine Rolle. FDJ-Hemden sucht man vergeblich, kein Trabi rattert. Nein, die Bebilderung mit dem Altbekannten, dem klischeehaft Erwarteten, die Bedienung des (n)ostalgischen Wiedererkennungseffekts, sie findet hier nicht statt. Die realistische Darstellung der DDR-Vergangenheit – oder zumindest unserer (verklärten?) kollektive Erinnerung daran – ist oft genug versucht worden, Claudia Bauer interessiert sie nicht. Nein, ihr geht es um den Erinnerungsprozess selbst und um die Annäherung an eine Zeit – erinnert, real, irgendetwas dazwischen? – die denen, die nicht dabei waren, zuweilen so fremd wie ein Science-Fiction film erscheint.

Bild: Rolf Arnold

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Auf zehn Klavieren ins Blaue

Herbert Fritsch: Pfusch, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Was kann nach der Apokalypse eigentlich noch kommen? Eigentlich nichts mehr, nur noch ein Ewigkeit Glückseligkeit oder Leiden, je nachdem auf welcher Seite man steht. Stillstand. Langeweile. Bei Herbert Fritsch kommt danach: Pfusch. Eigentlich hatte schon in der vergangenen Spielzeit schon das Weltenende beschworen, aber das seiner theatralen Welt, mitunter auch Volksbühne genannt, verzögert sich noch ein wenig. Noch ein Jahr muss es weitergehen, also braucht es auch noch einen Abend von Herbert Fritsch. Das kann, wo alles gesagt ist, natürlich nichts werden. Oder eben: Pfusch. Herbert Fritsch ist der große Sinnzertrümmerer, -hinterfrager, -lächerlichmacher, -ad-absurdum-Führer des deutschsprachigen Theaters. Er hat Klassiker bis auf die Essenz ausgepresst, das Musiktheater in tausend Splitter zerschlagen und neu zusammengesetzt, er hat die Sinnbehauptung von Sprache mit einer Lust vorgeführt, dass allein der Gedanke an so manchen Fritsch-Abend ausreicht, um in lautes Gelächter auszubrechen, und er hat schließlich aus dem Urnarrativ menschlicher Angst und Unterwürfigkeit keine grellbunte Shownummer gemacht. Da bleibt nicht mehr viel übrig, nicht an diesem Haus. Ein Abschied vielleicht, von diesem seltsamen Alchimisten-Labor, diesem Schutz- und Schmutzraum, dieser Enklave des Irr- und Wahn- und Unsinns. Ein letztes „Tschüß!

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Was Theater kann – und was es darf

Milo Rau: Five Easy Pieces, IIPM – International Institute of Political Murder / CAMPO Gent / Sophiensaele, Berlin (Regie: Milo Rau) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Natürlich dürfe man das nicht machen – da waren sich belgische Medien und die deutsche Bild-Zeitung schnell einig, als Näheres zu Milo Raus erstem Projekt mit Kindern bekannt wurde. Eine Theaterarbeit zu Marc Dutroux, dem berüchtigten belgischen Kindermörder, der sechs Mädchen entführte, gefangen hielt, missbrauchte und vier von ihnen ermordete, bestritten von sieben Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren. Milo Rau, gefeierter Star des Dokumentartheaters, geht dahin, wo es weh tut: Er hat Abende über Bürgerkrieg gemacht, über Genozid, die dunkle Rolle der westlichen in der so genannten dritten Welt, über die Menschenrechte in Russland oder über den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Dass seine erste Arbeit mit Kindern, kein harmloses Stück über das Erwachsenwerden sein würde, werden die Verantwortlichen von CAMPO Gent, spezialisiert auf Theaterprojekte mit Kindern, gewusst haben, als sie Rau zur Zusammenarbeit einluden. Aber ausgerechnet Dutroux? Wie kann man Kindern ein solches Thema zumuten? Darf Theater das?

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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Das Bild, das wir uns machen

Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin: Die Borderline Prozession, Schauspiel Dortmund (Megastore) (Regie: Kay Voges) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Bild, das wir uns von der Welt machen, ist nie ein vollständiges. Wir sehen immer nur einen Ausschnitt, einen den wir vorgesetzt bekommen oder selbst auswählen. Einer, der andere Ausschnitte ausschließt, andere Blicke, andere Perspektiven. Die Undurchdringlichkeit der (post)modernen Welt gepaart mit einer unaufhörlichen Bilderproduktion, die mehr zudeckt als sie erschließt – Kay Voges, Intendant eines der derzeit zweifellos spannendsten deutschsprachigen Stadttheater, jenem in der Ruhrgebietsmetropole Dortmund, hat daraus einen Theaterabend gemacht. Nein, das trifft es nicht. Die Borderline Prozession ist, ja , was eigentlich? Versuchslabor, Erfahrungsraum, Tableau vivant, eine Übung im Sehen- und Hörenlernen? Das Wort vom Gesamtkunstwerk schleicht sich ein und wird doch gleich wieder vom Hof gejagt. Nein, der Abend ist tatsächlich Theater in vielleicht seiner reinsten Form, Live-Kunst im realen Raum, getragen von Gesichtern, Körpern, Stimmen, entstehend wie vergehend im Hier und Jetzt des kurzen Moments einer seltsamen Gemeinschaft von Zuschauern, Schauspielern, Künstlern. Manches von dem, was hier entsteht, hat man schon gesehen, oft drängen sich Vergleiche auf, Namen anderer Theatermacher, aber das führt nicht weit. Und es ist auch unerheblich. Wenn es nach hunderten Jahren Theatergeschichte tatsächlich noch etwas Originäres – ja, verwenden wir einfach das furchtbarste aller Schlagwörter: etwas Neues –geben kann, dann passiert das gerade in Dortmund. Ja, Dortmund. Im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund. Welch wunderbare Fügung.

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Eingeladen zum Theatertreffen 2017: Die Borderline-Prozession (Bild: Marcel Schaar)

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