Archiv der Kategorie: Theatertreffen der Jugend

Puzzlespieler

Theatertreffen der Jugend 2017 – TWAILAIT, EchtEinstein – Theater AG der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mal mit einem Schrei nach Mitleid: Als Theaterrezensent hat man es ja nicht immer leicht. Nicht nur muss man beim Schlussapplaus darauf achten, möchlicst neutral und objektiv zu erscheinen, man sollte sich auch während der Aufführung zurückhalten mit emotionalen Bekundungen jeglicher Art. Das ist schwer genug, doch gibt es dann immer wieder Abende, die den Kritiker an die Grenze seiner Belastbarkeit bringen. Das sind jene, in denen die schizophrene Ebene des Rezensentenwesens zum Tragen kommt, sich der Zuschauer und der Kritiker in besagtem Rezensentenwesen (dieses entschuldigt sich schon einmal für das grauenvolle Wortspiel) in herzlicher Feindseligkeit gegenüberstehen, ein Konflikt, der sich mitunter nur lösen lässt, in dem die eine Seite der anderen den Mund verbietet. TWAILAIT, eine Schultheaterproduktion aus dem hessischen Groß-Bieberau, ist so ein Fall, in dem kritischer Blick und Zuschauerreaktion nicht zusammenpassen. Und in dem – zumindest im Fall des hier Schreibenden – der innere Zuschauer dem nörgelnden Kritiker irgendwann sagt: Gib Ruhe! Und letzter, zähneknirschend einknickt. Aus diesem Grunde ist dies hier vielleicht auch keine Rezension und selbiges womöglich auch nicht wichtig. Und so folgt jetzt ein Satz, den dieser Rezensent so wohl noch nie in einer Besprechung geschrieben hat: Ich hatte Spaß!

Bild: Olaf Mönch

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Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

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Hitlergruß und Zeigefinger

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Peter Weiß, „Die Ermittlung“: Das bin ich nicht, Theater-AG der 12. Klasse der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld

Von Sascha Krieger

Die stärkste Szene des Abends findet sich an seinem Anfang, noch während das Publikum seine Plätze sucht. Drei kleine Kinder und ein größeres Mädchen tollen über die Bühne, schaukeln ausgelassen oder spielen Verstecken, klein leichtes Unterfangen auf der fast leeren Bühne. Im Hintergrund spielt ein weiteres Mädchen sanft auf der Gitarre. Eine Idylle, vor allem aber ein echtes, unmittelbares Stück Leben, spontan, lustvoll, unbeschwert, alltäglich. Welch ein Kontrast zu dem, was folgen wird in diesen für eine Schultheateraufführung nahezu epischen fast zwei Stunden. Denn Das bin ich nicht basiert auf einem der wegweisendsten deutschsprachigen Theatertexte des vergangenen Jahrhunderts, Die Ermittlung von Peter Weiss. Damit setzte der Schriftsteller nicht nur das Dokumentartheater  auf the theatrale Landkarte, sondern zwang dem Theater eine politische Relevanz auf, die es zuvor vor allem versucht war zu vermeiden. Basierend auf dem ersten Auschwitz-Prozess von  1963 bis 1965 führt das Stück Zeugenberichte und Täterausflüchte zusammen, wuchtet die Shoah auf die Theaterbühne, stellt, erzwingt die Frage nach Schuld und Verantwortung. Starker Tobak für eine Schul-Theater-AG.

Bild: Elena Stenzel

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In die Fresse

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Mutlu Ergün-Hamaz: Sesperado – Revolution of Color,  akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße, Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn die akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße beim Theatertreffen der Jugend zu Gast sind, geht es offenbar nicht ohne Reibung. 2016 entspann sich ein handfester Skandal aus der Präsentation einer Aachener Schülergruppe bei der Festivaleröffnung, durch die sich die anwesenenden Vertreter des postmigrantischen Berliner Ensemblen rassistisch angegriffen fühlten – nicht zu unrecht. Wer darauf hoffte, dass die Anwesenheit der aktiv auf den grassierenden Alltagsrassismus in Deutschland hinweisenden Gruppe ein Jahr später ohne Zwischenfälle bleiben würde, sah sich am Ende des Schlussapplauses ihres Auftritts getäusch. Da erhob sich eine junge Zuschauer und behauptete, Tränen in den Augen, sich lange nicht mehr als Weiße so beleidigt gefühlt zu haben. Die Fassungslosigkeit ist den Gesichtern nicht nur der Spieler*innen, sondern auch großen Teilen des Publikums (von ein paar irregeleiteten Klatschern abgesehen) sprach Bände. Und – ebenso wie der meist begeisterte Applaus – von Hoffnung, dass der um sich zu greifen scheinende Reflex, jedes Einklagen von Minderheitenrechten als Angriff auf die vermeintliche Mehrheit missverstehen zu wollen, nicht unwidersprochen bleiben wird.

Bild: Ute Langkafel / Maifoto

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Im Land der roten Nasen

Theatertreffen der Jugend 2017 – Blick nach vorn, Theatergruppe Wunderbar, Stadttheater Minden*

Von Sascha Krieger

Barfüßige Jugendliche, ganz in schwarz, die meisten von ihnen Geflüchtete. An der Seite ein Musiker, der mit Instrumenten und Beatbox-Anleihen einen Klang- und Rhythmusteppich auslegt, über dem sich Gruppenchoreografien entfalten. Man steht einander gegenüber,. formiert sich zu wechselnden Gruppen, umarmt sich, stiebt auseinander, sucht seinen Platz. Aus dem Off Kurzvorstellungen: wie man heißt, woher man kommt. Dann ein kollektives Klatschen, eine Staubwolke, die bleibt, wenn die Spieler*innen die Bühne bereits verlassen haben. Würde man eine Mustervorlage für Theaterproduktionen mit Jugendliche im Jahr zwei nach der so genannten „Flüchtlingskrise“ erstellen, so sähe sich aus. Das scheinen auch die zehn meist aus Afghanistan kommenden Spieler*innen gedacht haben. Denn als das Licht wieder angeht, ist alles anders. Rote Clownsnasen tragen sie, weit aufgerissen sind Augen und Münder. Statt biografischen Fluchterlebnistheater mit kräftiger Betroffenheitsdosis, statt Stückentwicklungs-Einmaleins gibt es jetzt ein bisschen Varierté, einen Schuss Schelmenstück, etwas Kindertheater und viel Pantomime.

Bild: Paul Offermann

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„Einfach ein bisschen größer denken“

Suna Gürler und Ensemble: Stören, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Suna Gürler) – eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2017

Von Sascha Krieger

Jedem Anfang wohnt ein Scheitern inne. Hier zumindest ist es so. „Eine Frau betritt die Bühne“, lautet der Satz, mit dem dieser Abend starten soll. Und schon geht alles schief: Verschiedene Darsteller*innen betreten die Bühne oder scheitern schon am auftritt, doch keine genügt. Zu muslimisch, zu migrantisch, zu tollpatschig, zu androgyn. Also zerrt man die Blonde auf die Bühne, denn schließlich ist ein Bild, ein Frauenbild, zu erfüllen. Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Aber die so Auserwählte hat keine Lust auf ihre Rolle und geht ab. Nächster Versuch: Nun also als Kollektiv, die Frau als Gruppe, als Gesamtheit disparater Individuen. Man rennt gegen Mauern, reale und unsichtbare, prallt ab, kippt, rennt an. Stumm, wortlos, ohne weiterzukommen. Zurück auf Null. Bücher fallen auf die Bühne, Sprache, Gedanken infizieren die Spieler*innen. Und plötzlich formt sich etwas, eine Frage. Sexuelle Belästigung ist Alltag in diesem Land, dieser Welt, dieser Zeit. Ist sie das? Wie sich die Frage formt, die Gedanken finden, Indizien sich zusammenballen und die Gewissheit Raum greift, dass, ja, dies alltägliche Erfahrung fast jeder Frau ist – das ist atemberaubend gespielt, choreografiert, gesprochen. Die Verfertigung der Gedanken beim Spielen ließe sich das umschreiben. Am Ende steht ein großes, affirmative Ja und um dieses Ja dreht sich die folgende gute Stunde.

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Eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2017: Stören (Bild: Ute Langkafel)

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Einhorn mit Dildo

Theatertreffen der Jugend 2016 – LANDSCHAFT mit CHICKS. how to bleed one week a month, Chicks* freies Perfomancekollektiv, Bremen*

Von Sascha Krieger

Fast ist es wie ein Spießrutenlauf, den der Zuschauer zurücklegen muss, bevor er seinen Platz vor der Bühne erreicht. In glitzernde Rettungsdecken gehüllte Mädchen und junge Frauen konfrontieren ihn, Frauenbilder, Posen, von trotzig bis „verführerisch“. Sie kommen ihm nahe, die fleischgewordene Objektifizierung, die aus männlicher, aus mehrheitsgesellschaftlicher Sicht dem weiblichen Körper seit jeher zu Leibe rückt. Da stehen uns unsere Rollenbilder leibhaftig gegenüber, da wird der neugierige Blick durchs Fenster zu dem eines Voyeurs. Da verunsichert es kaum noch, dass ein rot-silbriges Zelt im Vagina-Design den Mittelpunkt der Bühne bildet, dass sich die Modelposen der riesenhaften Darsteller*innengesichter auf den Videowänden sich zunehmend ins Groteske verzerren. Willkommen zum Ritus der Religion des Chickismus. Das „Chick“, die Tussi, die Frau als Sexualobjekt – hier wird uns die männliche Projektion, die gesellschaftliche Rollenerwartung zurückgeschleudert, werden die Muster aufgebrochen, die Begriffe umgedeutet, indem sie bejaht, dem männlichen Griff entrissen werden. Das sexuell aufgeladene Frauenbild schlägt zurück und seine Rache ist bunt, (wahn-)witzig, selbstbewusst.

Bild: Onkel Oxe

Bild: Onkel Oxe

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Hallo, Apokalypse!

Theatertreffen der Jugend 2016 – prima klima, rohestheater, Theatergruppe der Mies-van-der-Rohe Schule, Berufskolleg für Technik in der Städteregion Aachen

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Hier geht es bergab. Ganz neu ist die Bühnenschräge als Symbol für drohendes Unheil nicht, die Theatergruppe der Aachener Mies-van-der-Rohe Schule recycelt sie lediglich. Das passt gut, denn schließlich geht es um den Klimawandel, Nachhaltigkeit und darum, was der Mensch tun kann und soll, um die Zerstörung des eigenen Planeten, bei der er schon weit vorangekommen ist, zu stoppen. „Ich bin dagegen!“, rufen sie zu Beginn in ihren ausgebleichten postapokalyptischen Kriegerkostümen, den umgeschnürten Fahrradschläuchen und den Fischschuppenapplikationen. Aber wogegen eigentlich? Gegen den Klimawandel oder dagegen, das eigene Verhalten zu ändern. Zwei Gruppen bilden sich: links die Egoisten und Erdausbeuter, rechts die verantwortungsvollen Weltretter und Biojünger. Erstere Welt ist – per Videoprojektion – bereits zur Wüste geworden, während letztere noch in lebendigem Grün erstrahlt. Hier steht dann der westliche Verbraucher, der will, dass sich etwas ändert, aber nicht bereit ist, bei sich selbst anzufangen. Alles soll gut werden – mit einem Fingerschnippsen.

Bild: Wilfried Schumacher

Bild: Wilfried Schumacher

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Die Schwierigkeit, ein Mensch zu sein

Theatertreffen der Jugend 2016 – TrotzTdem!, Tanztheater Lysistrate am Goethe-Gymnasium, Schwerin*

Von Sascha Krieger

„Was für ein Mensch will ich sein?“ Ganz unbekannt ist die Frage wohl niemandem, der je den schweren und seltsamen und unsicheren Weg gegangen ist, den wir euphemistisch Erwachsenwerden zu nennen pflegen. Gerüchteweise ist zu hören, dass das für relativ viele von uns gilt. Auch die junge Münchner StudentinSophie Scholl stellte sich diese Frage, vor mehr als 70 Jahren. Für sie lautete die Antwort: eine, die Widerstand leistet gegen Tyrannei und Krieg, die sich entgegenstellt jenen, die vernichten, ausgrenzen, unterdrücken, eine, die bereit ist, ihr Leben einzusetzen für die Ideale, an die sie glaubt. Es ist auch ihr Vermächtnis, das wir, das, die heute in Sophies Alter sind, sich solche Fragen stellen können, offen und öffentlich, das sie ihre Frage zu stellen in der Lage sind und diskutieren dürfen über die richtige Antwort. Und es ist in Zeiten der wieder erstarkenden rechten Ränder in Europa, in Tagen, da öffentlich wieder gesagt wird, was wir vor nicht langer zeit glaubten, überwunden zu haben, da der rechte Mob die Straße beansprucht, Gewalt übt, Terror sät, eine Frage, die gestellt werden muss. Nicht nur, aber gerade von denen, die heute jung sind und in der Welt werden leben müssen, die sie heute zulassen.

Bild: Lena Sponholz

Bild: Lena Sponholz

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„Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“

Theatertreffen der Jugend 2016 – Frankfurt Babel, Junges Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main

Von Sascha Krieger

Im Alten Testament, genauer im Buch Genesis, findet sich die Geschichte des Turmbaus zu Babel. Die Menschen kamen zusammen, um gemeinsam einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reichen sollte. Gott wertete den Bau als Versuch der Menschen, sich ihm gleichzusetzen, und strafte sie, indem er ihre Sprache verwirrte, sodass sie sich nicht mehr verstanden. Frankfurt Babel, eine stückentwicklung von und mit Jugendlichen mit unterschiedlichstem Migrationshiontergrund und Geflüchteten, beginnt mit dieser Geschichte – und ihren Folgen. Sie erzählen vom Turmbau, aber ein jeder in seiner Sprache. Gestikulierend berichten sie, was wir nur selten verstehen und doch beginnt, je länger wir zusehen und zuhören, so etwas wie ein Verständnisprozess. Denn die, die dort stehen und oft vermeintlich ungehört sprechen, sind Widerständige. Sie widersetzen sich dem Diktat – das man heute nicht mehr einer unbedingt Gottheit andichten muss – uneins zu sein, vereinzelt, getrennt voneinander. Denn auch wenn sie einander nicht verstehen, nicht die gleiche Sprache sprechen: Sie erzählen die gleiche Geschichte, sie suchen die Verbindung zueinander.

Bild: Birgit Hupfeld

Bild: Birgit Hupfeld

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