Archiv der Kategorie: Theater

Brumm! Brumm!

Kai Ivo Baulitz: Die Bewerber, UNI.T – Theater der UdK Berlin (Regie: Enrico Stolzenburg)

Von Sascha Krieger

Das groß angekündigte und aufwändig beworbene Ensembleprojekt des dritten Schauspiel-Jahrgangs der Berliner Universität der Künste (UdK) in einem Jobcenter spielen zu lassen, erscheint zunächst nicht als die schlechteste Idee. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass die berufliche Zukunft der elf angehenden Darsteller*innen den einen oder anderen von ihnen durch einen solchen Warte- und Demütigungsraum führen wird – über die prekäre berufliche Situation vieler vor allem jüngerer Schauspieler*innen muss an dieser Stelle kaum gesprochen werden. Doch wenn dieser Abend über ein fehlgeleitetes Bewerbungstraining als Reflexion über die eigene Positionierung im Spannungsfeld zwischen religiöser Überhöhung von Arbeit und gleichzeitigem Selbstverwirklichungswahn – zwei sich zuweilen widersprechende Grundpfeiler des gesellschaftlichen Narrativs unserer Zeit – sein soll, wäre dieser Versuch ebenso gründlich gescheitert wie der praktische Wert des Projekts als Teil des Präsentations- und Bewerbungsprozesses der jungen Protagonisten auf ihrem Weg in den Schauspielberuf.

Bild: Daniel Nartschick

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Die Heim-Kehrer

Albert Camus: Das Missverständnis, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Jürgen Kruse)

Von Sascha Krieger

Welch eine Albtraumhöhle! Düster ist es in der Herberge, die Mutter und Tochter an irgendeinem verwunschenen und versteckten Küstenort (am Anfang und am Ende kreischen die Möwen) betreiben. Wie weggeworfen die Mobiliarreste, vollgemüllt der verlebte Raum zwischen Uraltteppich und Flashenbatterien, Wäscheleinen voller Fragmente längst vergessener Existenzen, vom Gitarrenkorpus zum Babyoberteil, vom Topflappen bis zum Gold-Kruzifix – dass im Hintergrund drei größere Kreuze umgekehrt aufgehängt sind, ist in dieser Hölle natürlich auch kein Zufall (Bühne: Volker Hintermeier). Herrscherinnen dieser stets fahl beleuchteten Geisterwelt sind Barbara Schnitzler als staubtrockene Mutter von exquisiter Härte und Linda Pöppel als Tochter Martha – dauergrinsend, von infernalisch brutaler Freundlichkeit. Und doch nur blasse Projektionen. Denn Menschen verortet Regisseur Jürgen Kruse in Albert Camus‘ Familienhölle nicht. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der von Mutter und Schwester erkannt werden will, ohne zu ahnen, dass deren Hauptgeschäft mittlerweile das Töten männlicher Einzelreisender ist, und natürlich um die Ecke gebracht wird, bevor den Mordenden klar geworden ist, wen sie da vor sich hatten – bei Kruse wird sie zur fahl-grellen Geistermär längst zerfallener menschlicher Kommunikation.

Bild: Arno Declair

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Auf dem Recyclinghof

Jean Genet: Die Zofen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Es ist gut vier Jahre her, da starb Dimiter Gotscheff, der Reduzierer und Raumleerer, der meinster der stillen, existenzialistischen Clownerie. Das Zentrum auch einer einzigartigen Theaterfamilie, die sich mit ihm durch sein weites, nicht selten feindliches, ort- und zeitloses Universum begab. Sie hat überdauert. Ivan Panteleev, langjähriger Mitstreiter Gotscheffs, hat seinen Platz nicht eingenommen, aber agiert als so etwas wie sein Stellvertreter, Samuel Finzi und Wolfram Koch, diese postmodernen und zuweilen postdramatischen Valadimir und Estragon, lassen sich noch immer mit ihm treiben, mit Johannes Schütz ist jetzt sogar noch ein Bühnenbildner hinzu gekommen, der mit seinen minimalistisch assoziativen Arbeiten perfekt in den absurden Existentialismus Absurde der Gotscheff-Welt passt. Und so ist der Geist des Bulgarin stets spürbar an diesem Abend im Deutschen Theater, wo er so manchen seiner größten erfolge feierte. Insbesondere eine Arbeit ist in Erinnerung geblieben: seine Aischylos-Reduktion Die Perser mit der berühmt gewordenen gelben Wand, gegen die sich anrannten und mit der sie sich im Kreis drehten, die Spieler*innen, im ewigen Kreislauf aus Macht und Gewalt, die sich im Kampf stets aufs Neue zeugten.

Bild: Arno Declair

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„Die Wahrheit der Kloaken“

Nach Victor Hugo: Les Misérables, Berliner Ensemble (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Das Erstaunlichste daran, dass Frank Castorf Victor Hugos Roman Le Misérables auf die Bühne bringt, ist, dass er es noch nicht längst getan hat. Das Riesenwerk ist ein Gesellschaftsbild, Weltentwurf, Menschheitspanorama, das in die dunkelsten Ecken, die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz führt, dorthin, wo der Mensch des Menschen Wolf ist und doch der eine oder andere stets versucht, Engel zu sein. Was eher selten klappt. Es ist ein Stoff wie gemacht für einen, der in die Untergründe will, sich dort verläuft, nur um an einer zuvor nicht geahnten Stelle wieder herauszukommen. Nun hat er sich diesen Stoff aufgehoben für einen besonderen Moment, den Beginn einer neuen Phase seines Regisseurslebens. Nach 25 Jahren Volksbühnenintendanz ist Castorf jetzt wieder ganz freier Regisseur, hat ein Plätzchen gefunden an einem Ort, der ihm nicht ganz fremd ist: dem Berliner Ensemble. 21 Jahre ist es her, da inszenierte er hier zuletzt. Martin Wuttke, einer seiner Lieblingsspieler, war damals Interimintendanz. Er ist nicht dabei an diesem Abend, denn Castorf ist kein Nostalgiker. Und so gehört er nicht zu denen, die ihre Lieblingsdarsteller*innen (mit Ausnahmen natürlich) von Spielstätte zu Spielstätte mitschleppen. Er arbeitet mit denen, die da sind. Und jenen, die da waren.

Bild: Matthias Horn

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Ein Traum vom Nichts

Susanne Kennedy: Women in Trouble, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Zeit der Anfänge im Theater-Berlin. Während das Berliner Ensemble mit seinen ersten Malen schon ins Detail geht (der erste Castorf, der erste Mondtag), geht es an der Volksbühne noch um die Basics. Hier stand jetzt im Großen Haus die erste wirkliche Schauspiel-Premiere (alles andere war bereits zuvor einmal woanders zu sehen oder fand in Tempelhof statt) und gleichzeitig die erste Schauspiel-Uraufführung statt. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Apropos Klappe. Ach nein, dem widmen wir uns später. Zur Sache: Susanne Kennedy gab (endlich, mag so mancher Theater-Kenner hinzufügen) ihr Berlin-Debüt (noch so ein erstes Mal) und das auch noch mit einem Abend, der ganz allein von ihr konzipiert ist, ohne eine Vorlage zum Sich-Abarbeiten. Der Druck war groß: Würde Intendant Chris Dercon nach der von vielen als desaströs empfundenen Erföffnung das sprichwörtliche Ruder herumreißen? Nicht weniger als die Zukunft der Derconschen Volksbühne, so raunte es im Vorfeld, stand auf dem Spiel. Susanne Kennedy, die Retterin. Das kann nicht funktionieren und tut es auch nicht.

Bild: Julian Röder

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In der Komfortzone

Turbo Pascal: Böse Häuser, Sophiensaele, Berlin / Theater Rampe, Stuttgart

Von Sascha Krieger

Böse Häuser. So so. Wo mögen die wohl stehen und was an ihnen ist böse? Eine Frage, die schnell beantwortet ist: „Böse Häuser“, so raunt uns Hegel in der Stückankündigung zu, seien die Orte, an die man gelangt, „wenn das Denken über den gewöhnlichen Kreis der Vorstellungen hinausgehe“. Gedankengebäude also – so zumindest drückt es ein Performer von Turbo Pascal an diesem Abend aus. Sie stehen nicht irgendwo in der Landschaft, sondern in uns, unserem Denken, unserer Vorstellung. Dort wohnen die Ängste, der Hass, vielleicht aber auch die Hoffnung und die Fähigkeit, auf andere zuzugehen. Es ist der Ort des „Anderen“ in uns, der anderen Vor- und Einstellungen, der fremden, den eigenen womöglich diametral entgegen stehenden Gedanken. Hierhin wollen Turbo Pascal ihr Publikum (ent)führen, es einladen, sich hineinzuversetzen in andere, fremd erscheinende Gedankengänge, weniger liberale vielleicht, als man sie sich selbst – wir Aufgeklärten, Toleranten sind ja unter uns – zugestehen mag. Mal austesten, wie es sich anfühlt, sich „feindlichen“ Argumentationen anzuvertrauen. Mehr noch: Herauszufinden, wie leicht man vom eigenen Weg auf einen ganz und gar gegensätzlichen geraten könnte.

Bild: Janina Janke

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Die Unscharfen

Simon Stephens: Heisenberg, Renaissance Theater, Berlin (Regie: Antoine Uitdehaag)

Von Sascha Krieger

Ein älterer Mann, eine deutlich jüngere Frau, eine zufällige Begegnung auf einem U-Bahnsteig. So beginnt normalerweise leichte Fernsehunterhaltung oder seichter Boulevard. Oder eben ein Stück von Erfolgsautor Simon Stephens. Dass der Anspruch ein anderer ist, zeigt schon der Titel: Heisenberg  verweist auf den berühmtesten Träger dieses Namens, Werner, Physiker, Nobelpreisträger. Und seine berühmteste Theorie, die von der Unschärfe. Georgie Burns, Stephens‘ Protagonistin, beschreibt sie einmal anhand der gescheiterten Beziehung zu ihrem erwachsenen Sohn: Sie habe ihn so sehr beobachtet, dass sie keine Ahnung hatte, wohin er sich bewegte. Denn beides, sagt uns Heisenberg, ginge nicht.Auf dem Gebiet der Teilchenphysik. Oder eben der Ebene des Zwischenmenschlichen. Sagt Simon Stephens. Dem es genau um diese Unschärfen geht. Wie viel können wir vom anderen wissen und wie sicher können wir uns sein, dass das, was wir zu erkennen glauben, auch das ganze Bild ist? Oder zumindest aufschlussreich genug, um dem anderen näherzukommen. Oder verlieren wir ihn eher aus den Augen, je genauer wir hinschauen?

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Bild: Renaissance Theater

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Mal eben kurz die Welt retten

Nature Theater of Oklahoma / EnKnapGroup: Pursuit of Happiness, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin / Steirischer Herbst, Graz (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Der Golf, der sich gemeinhin auftut zwischen Kunst und Leben, ist seit jeher das Spielfeld für die New Yorker Performance-Truppe Nature Theater of Oklahoma. Das war/ist wohl am eindringlichsten zu betrachten an ihrem, wenn dieser Rezensent nicht falsch gerechnet hat, noch auf die Schlussepisode wartenden Langzeit-Epos The Life and Times, in dem die transkribierten Lebenserinnerungen einer Darstellerin in immer wieder neue künstlerische Korsette geschnürt werden, Form und Inhalt sich wundersamste Scharmützel liefern. Doch mit persönlichen Geschichten halten sich Kelly Copper und Pavol Liska nicht auf. In ihrer neuesten Arbeit geht es vielmehr um große, politische Fragen: auf der einen das amerikanische Selbstverständnis als „the greatest country in the world“ und was das bedeutet für ihre Rolle in der Welt, und zum anderen um die gesellschaftliche, politische Bedeutung von Kunst, ihren Anspruch, die Welt zu einer besseren zu machen. Man verrät nicht zu viel, wenn man andeutet, dass beide nicht besonders gut wegkommen. Statt mit ihrem Kernensemble arbeiten die beiden diesmal mit der EnKnapGroup, Sloweniens einziger fester Kompagnie für zeitgenössischen Tanz. Eine erste Brechung: Die Klischee-Couwboys, die sich im Klischee-Saloon langweilen und breiteste Südstaaten-Akzente imitieren, sind Europäer.

Bild: Sascha Krieger

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Die sich ins Leben singt

Wolfgang Herrndorf (Bühnenfassung von Robert Koall): Bilder deiner großen Liebe, Theater Neumarkt, Zürich (Regie: Tom Schneider) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin (Roter Salon)

Von Sascha Krieger

Da ist sie nun: Isabelle, „Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles andere“. Einer ganzen Leser*innen-Generation ist sie bekannt als episodische, doch hängen bleibende Figur aus Wolfgang Herrndorfs Roman-Äquivalent eines viel zu oft gehörten Songs, Tschick. Das mit dem Hängenbleiben galt auch für den Autor, den sie nicht losließ. Und so besuchte er sie noch einmal, gab ihrer Stimme in Bilder deiner großen Liebe eine literarische Bühne, ein die Zeit vergessendes Mäandern durch das, was einmal ein Leben hätte sein sollen, die Welt und das Universum „und alles andere“ umfassend. Unvollendet ist der Roman geblieben und das passt zu ihm wie zu den anderen großen unvollendet gebliebenen Werken der Kunstgeschichte. Schuberts Sinfonie gleichen Namens etwa oder Kafkas „Amerika“-Roman. Werke, die nicht enden können, weil sie keinen Anfang haben. Oder besser, weil Anfang und Ende hier identisch sind, weil die Zeit nicht linear, der Raum nicht dreidimensional fassbar ist. Doch der Rezensent schweift ab. So wie Isa, die in Tom Schneiders Zürcher Bühnenadaption aussieht wie Sandra Hüller. Die da steht in einer bestenfalls skizzierten Andeutung von Welt. Eine Konzertbühne, darauf ein Drumset auf Fellteppich, musikalische Equipment, eine Topfplanze, ein schwarzer Ledersessel in der Ecke. Zu wenig zum Leben, genug zum Erzählen.

Bild: Niklaus Stauss

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Leichenschmaus in Pink

Lolita will nicht sterben, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einer Warnung: Auf an die Türen geklebten Zetteln im knallogen Rot der neuen Volksbühne wird das Publikum darauf hingewiesen, dass es  in der folgenden Aufführung um Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und den „Tod der Eltern“ ginge (den Mord verschweigt man geflissentlich). Nicht dass sich jemand gestört fühlt. Theater als Wohlfühloase und Servicebetrieb? Es ist spannend zu beobachten, wie die neue Intendanz immer wieder die an sie gerichteten Vorurteile erfüllt. Dabei ist das, was anschließend zu sehen ist, so bedrohlich nicht. Und auch nicht neu. Denn bei allem Gerede vom radikalen Bruch, einer vermeintlichen Auslöschung der jüngeren Volksbühnengeschichte gibt es sie, die Enklaven, in denen man einfach weitermacht, weitermachen darf. Wie bei P14: Die Jugendtheaterabteilung der Volksbühne besteht nicht nur fort, sie macht auch genauso autonom und mit vielen der Beteiligten weiter, die schon unter Castorf dabei waren. Kontinuität statt Neuanfang. Auch das geht also unter Chris Dercon.

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