Archiv der Kategorie: Theater

Reise ins Nichts

Post Theater / SubHuman Theatre (Sofia): Satellites, Ballhaus Ost, Berlin (Künstlerische Leitung: Max Schumacher / Venelin Shurelov)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist das nett gedacht: In Zeiten eines Europas, das an allen Ecken und enden droht auseinanderzufallen, das von viel zu vielen längst als überflüssig abgetan wurde, tun sich der Westen und der Osten in Form des Berliner Post Theater und des SubHuman Theatre Sofia ein (letztes?) Mal zusammen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wo die einzigen Gegner im so genannten „kalten Krieg“ heute stehen, welche Welt dem „Gleichgewicht der Kräfte“ folgte und ob es noch irgendetwas gibt, das diese – ob „im Innersten“ oder auch nur an der Oberfläche – zusammenhält? Und weil das Weltall seit jeher Utopieraum, Science-Fiction Experimentierfeld für menschliche Möglichkeiten wie Limitierungen war, stellen Max Schumacher und Venelin Shurelov, die Köpfe der beiden Gruppen, eine semitransparente Halbkugel auf die Bühne, ein Raumschiff, seit 30 Jahren im Orbit um die Erde, einst in geheimer Mission in die Umlaufbahn befördert, um einen Atomkrieg zu verhindern. An Bord: ein (West-)Deutscher und eine Bulgarin (Alexander Schröder und Juliana Saiska), Ost und West vereint in einer kleinen Miniatur-Utopie, die jetzt, 30 Jahre später vergessen scheint. Niemand weiß mehr um die Mission, natürlich auch das ein Sinnbild für die Geschichtsvergessenheit unserer Zeit.

Bild: Hiroko Tanahashi

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Erinnerung als Geistertanz

Nach Peter Richter: 89/90, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

„Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?“ Oder wer Karriere machen würde und wer an seiner Drogensucht krepieren? Ein verkramtes Hinterzimmer ist in Claudia Bauers Adaption von Peter Richters Wenderoman 89/90 Schauplatz dieser Fragen. Inmitten von alten Fotos und Erinnerungsstücke wühlen sich zwei heutige Mittvierziger hinein in diese Zeit, in der alles zusammenbrach und neu entstand, in der für einen kurzen historischen Moment alles möglich schien – auch und gerade das Unmöglich. Die üblichen DDR-Utensilien, sie liegen verstreut herum, ein paar Karo-Zigaretten, eine Flasche Altenburger Korn. Aber um sie geht es hier nicht, sie spielen keine Rolle. FDJ-Hemden sucht man vergeblich, kein Trabi rattert. Nein, die Bebilderung mit dem Altbekannten, dem klischeehaft Erwarteten, die Bedienung des (n)ostalgischen Wiedererkennungseffekts, sie findet hier nicht statt. Die realistische Darstellung der DDR-Vergangenheit – oder zumindest unserer (verklärten?) kollektive Erinnerung daran – ist oft genug versucht worden, Claudia Bauer interessiert sie nicht. Nein, ihr geht es um den Erinnerungsprozess selbst und um die Annäherung an eine Zeit – erinnert, real, irgendetwas dazwischen? – die denen, die nicht dabei waren, zuweilen so fremd wie ein Science-Fiction film erscheint.

Bild: Rolf Arnold

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Ich ist (k)ein anderer

Zachary Oberzan: The Great Pretender, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin

Von Sascha Krieger

Der Mensch und der Künstler – wie passen die eigentlich zusammen? Wahres Gesicht und Maske, Kunst und Leben, wer saugt hier wen aus, bedingt das eine das andere und wenn ja, warum? Gibt es den Menschen hinter der Maske oder nur ein Matrjoschka-artiges Ineinanderstülpen immer neuer Alter Egos? Und wo in diesem ganzen Durcheinander – falscher, wahrer? – Identitäten ist Wahrheit? Oder gibt es die nur im Spiel der Zusammenfälschungen? Zachary Oberzan, einst Gründungsmitglied des Nature Theater of Oklahoma, sucht in seinem Werk nach der Beziehung zwischen Leben und Kunst, sucht sich darin, fragt nach Natur und Möglichkeit menschlicher wie künstlerischer Identität. Mal beginnt er dabei beim (eigenen) Leben wie in Tell Me Love Is Real, in dem er einen eigenen Selbstmordversuch thematisiert, mal startet er mit der Kunst. Letzteres ist in seiner neuen Arbeit The Great Pretender der Fall, wie meist bei Oberzan ein Theater-Film-Hybrid, das diesmal sehr stark in die Film-Richtung ausschlägt.

Bild: Sascha Krieger

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Lasst die Körper sprechen!

Sasha Marianna Salzmann: Zucken, Maxim Gorki Theater, Berlin / junges theater basel, Basel (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein junges Mädchen chattet. Der Kommunikationspartner scheint ein junger Mann zu sein. Nur langsam wird klar, dass er anderes im Sinn hat als einen harmlosen Flirt. Er schickt dem Mädchen Songs, arabische, in denen es um Allah geht, kritisiert ihre Smiley-Flut, lenkt die Konversation in ernsthaftere Bahnen. Sie kotzt sich aus über die Eltern, darüber, nicht wahr und ernst genommen zu werden, keine Perspektive zu sehen, kein Ich, das ihr zusagt. er, so glaubt sie, hat die Antwort. „Das gefällt mir, dass du klare Antworten gibst“, sagt sie. „Ja und nein.“ Sie legt ihr Standard-Teenahger-Outfit ab, kleidet sich in Schwarz. Und will zu ihm. In den Dschihad. Als sie gestoppt wird und der Whatsapp-Chat-Partner nicht mehr antwortet, nimmt sie sich ein Messer und geht zum Bahnhof. Eine Radikalisierungsstory im Zeitraffer. Nüchtern, schnörkellos, einfach. Und kaum will sich der Zuschauer ein ganz klein wenig über die Simplizität dieser Verknappung einer solchen ins Radikalste führenden Sinnsuche ärgern, interveniert einer der Darsteller. „Das ist doch unterkomplex!“, ruft er und fordert einen Neustart. Ein schöner Kniff, der jetzt Multiperspektivik erwarten lässt, vielleicht auch eine Hinterfragung, warum die Simplizität der gerade gesehenen Geschichte uns westlichen Augen so plausibel erscheint.

Bild: Esra Rotthoff

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Nicht alles Gold, was glänzt

Friedrich Schiller: Die Räuber, Theater an der Parkaue (Prater), Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Das Überraschendste an diesem Abend: es wird viel gelacht und das ist auch gewollt. Das klingt zunächst seltsam, schließlich sind Friedrich Schillers Die Räuber, das Duell zweier Brüder, das in erster Linie auch eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotie ist, nicht als Komödie angelegt. Bei Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder- und Jugendtheater, schon. Bereits Bühnenbild und Kostüme von Dorothee Curio haben eine dezidiert satirische Note. Gold dominiert: im Mobiliar, dem Kühlschrank, der Kleidung, dem eisernen Vorhang, sogar eine güldene Toilettenschüssel gibt es. Ein goldener Käfig, dessen Oberflächenglanz brüchig ist. Das herrschaftliche Haus der Moors ähnelt von der Einrichtung jenseits der Farbe eher einer abgeranzten Single-Wohnung, wobei die blätternde Farbe des alten Prater-Saals ein Übriges tut. Hier ist nicht nur alles, sondern nichts Gold, was glänzt. Keine Herrlichkeit, sondern Ego-Spiele. Da ist der intrigante Manipulator Franz, sein nicht minder narzisstischer, aus Kränkung zum Rebellen mutierender Bruder Karl, und der von Dennis Pöpping als egomanischer Choleriker gegebene Vater Moor. Ich-AGs in mehrfacher Potenz.

Bild: Christian Brachwitz

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Vorbei? Nicht solange das Dreirad quietscht

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Gerichtet?“ Eigentlich nicht. „Gerettet“? Schon gar nicht. Wenn die berühmten Worte erklingen, ist Marc Hosemanns Mephisto gerade dabei, Martin Wuttkes Faust zu vergewaltigen. Und wenn ganz am Schluss Valery Tscheplanowa als Margarethe Faust Erlösung ankündigt, quietscht dieser infantil auf einem Dreirad über die Bühne, währen Hosemann ihm hin und wieder eines mit einer Algerien-Fahne über. Gerade erst hatte Wuttke-Faust, blind und siech und halluzinierend, von der „Weisheit letztem Schluss“ gefaselt, während Hosemann-Mephisto um ihn herum Dreirad fuhr. Da bleibt eigentlich nur noch, sich, bewaffnet mit 200 Jahren Faust-Interpretation, irgendwo zwischen Pollesch und Sandkasten zu streiten, wer die Wette eigentlich gewonnen habe. Wichtig ist das nicht. Entscheidend ist, wer sie verliert und darum geht es in Frank Castorfs knapp siebenstündigem Volksbühnen-Abschied. Das Stück der Deutschen, das Nationaldrama schlechthin. Darunter geht es nicht.

Bild: Sascha Krieger

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Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

Dickicht_(c)Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Das Dach unter den Füßen

Junges DT – Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Jessica Glause)

Von Sascha Krieger

„Echt jetzt?“ steht mit Kreide geschrieben auf dem Stück Backsteinmauer am Bühnenrand. Darüber türmt sich eine Dachlandschaft mit schrägen Flächen und Schornsteinen (Bühne: Jil Bertermann) . Ein Ganz Oben, das auch ein Ganz Unten sein könnte und eigentlich ein Nirgendwo ist, ein Reich der Unsichtbarkeit, Heimat der Überflüssigen und sich überflüssig Machenden, der Liegengebliebenen und Nichtgebrauchten. In Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher wartet und vögelt und beleidigt sich eine Gruppe Jugendlicher durch den Lebensrest, der übrigbleibt, wenn Ziel und Sinn längst weggebrochen sind. Ein brüchiger Anflug von Gemeinschaft entsteht erst, wenn Jorgos auftaucht, ein griechischer „Gastarbeiter“, so nannte man Migrant*innen damals gern, welcher der Gruppe durch sein Gegenbild ihren Selbstbetrug vor Augen hält und ihnen wiederum als Projektionsfläche für ihren Selbsthass dient und als Ventil für ihre diffuse Wut. Klingt bekannt?

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Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Die Welt ist ein Horrorhaus

Nach Sophokles: Antigone und Ödipus, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Familie als Schoß allen Übels. Am Deutschen Theater spürt Sebastian Hartmann in seiner Ibsen-Strindberg-Heine-Collage Gespenster gerade den dunklen Abgründen dieser essenziellsten aller sozialen Einheiten nach, (fast) nebenan am Gorki tut Ersan Mondtag in seiner ersten Regiearbeit in seiner Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und Machtverhältnisse heraus. Da ist der Schritt zur vielleicht dysfunktionalsten aller Familien der Literaturgeschichte, den Labdakiden (ja, der Atriden-Clan um Agamemnon und Co. ist ein würdiger Rivale) nicht weit. Ödipus, der als Säugling verstoßene Königssohn, der alles richtig machen will und gerade dadurch zum Vatermörder und Mutterschänder wird, seine Söhne, die sich im Machtkampf gegenseitig töten, die Schwester, die um der Brüder und der Tradition willen das Gesetz des Onkels missachtet: Sie alle presst der Regisseur in gut 90 Minuten, legt sie unter ein Mikroskop, das das Kleinste, Lächerlichste vergrößert und plötzlich zum bitter-fatalisten Gesellschaftsbild aufpumpt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Ins Netz gegangen

Gilliéron / Koch / Wey: Homo Digitalis, Kaserne Basel / Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Zino Wey)

Von Sascha Krieger

Steve klickt. Steve preist an. Steve verkauft. Was? Sich. Er ist ein „Homo Digitalis“, er lebt im, mit dem, durch das und vom Internet. Bekommt er fünf Sterne, geht es ihm gut, gehen die Bewertungen runter, gähnt der Abgrund. So lange er ein „Top Seller“ bleibt, hat er eine Existenzberechtigung, verliert er den Status, verschwindet er. „Ich löse mich auf“, sagt er einmal. Ohne seine Netzidentität ist er nichts. Beim Basler Kollektiv Gilliéron / Koch / Wey gibt es ihn gleich vierfach: Klone eines scheinbaren Individuums, gekleidet in Jeans und Rollkragenpullover, verwechselbar, verzichtbar. Um die Lebenswirklichkeit in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft soll es in diesen 70 Minuten gehen und darum, was die Anonymität, Verfügbarkeit und Schnelligkeit der(post)modernen Arbeitswelt mit dem auf Individuum trainierten Menschen machen. Eine enge Box bevölkern die vier Steves, ein Stuhl, ein Tisch, eine Matratze – und vier Laptops. Sie leben online, arbeiten online, denken online und existieren online. Ihren Körper, ihre Hände brauchen sie nicht mehr. Sie sind Pixel und Likes und Klicks. In radebrechendem Denglish preisen sie sich an, bieten ihre Dienste feil und sich selbst, werden gepriesen und verstoßen, verlieren jegliche Kontrolle über das, was sie Leben nennen, weil ihnen ein passender Begriff dafür fehlt.

Bild: Brigitte Fässler

Bild: Brigitte Fässler

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