Archiv der Kategorie: Theater unterm Dach

Die zappelnde Hoffnung

Lukas T. Sperber: Penthesilea ist mager, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Lukas T. Sperber)

Von Sascha Krieger

Tiresias hat seine besten Tage lang hinter sich. Der große Seher antiker Tragödien wurde zur Reinigungskraft degradiert. Im Bühnenarbeiter-Outfit fegt er ihn hinweg, den Dreck der Vergangenheit. Über die Kanten, in die Ritzen der Welt bedeutenden Bretter. Dass er nicht verschwindet, dass er nur in seinen Löchern wartet, bis er Verstärkung findet, weiß er. Das ist egal, denn er wird es nicht mehr sehen. Der graue Star hat ihn im Griff, bald wird er ganz blind sein, das soziale Netz fängt ihn nicht auf. Egal, die Zeit für Seher ist lange vorbei, jene, in der wichtig schien, was die Zukunft bringen würde. Jetzt herrscht allein die Vergangenheit. Und so bleibt er, der abgeranzte alte Zyniker, gespielt von Tom Gramenz, spätestens seit Das schweigende Klassenzimmer, ein Hoffnungsträger der jüngeren Schauspielergeneration, Fußnote, wie die Gegenwart, die er repräsentiert, ein albernes Stückchen Zeit im Wartezustand, das nichts mehr zu bieten hat als ein bisschen Mitleid und die Hoffnung aufs Ende.

Das Theater unterm Dach (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Advertisements

Das Kippen der Welt

Frei nach Motiven von Christa Wolf: Kein Ort.Finsternis, LICHTHOF Theater, Hamburg / Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Anne Schneider)

Von Sascha Krieger

Hut ab zunächst einmal für den Service-Gedanken. Gerade für Berliner Theatergänger wird es zunehmend schwer, sich bei aller Fülle des theatralen Angebots überhaupt noch auf einen Abend vorzubereiten. Mehr als die kurze – und oft genug eher irreführende – Inhaltsangabe auf der Theaterwebsite ist da selten drin. Bei Kein Ort.Finsternis ist nicht einmal die nätig. Wenn der Besucher den Raum – beim Theater unterm Dach von Saal zu sprechen verbietet sich – betritt, ertönen aus dem Off Dialog- und Textfetzen aus Tobi Katzes Buch Morgen ist leider auch noch ein Tag, in denen es um Depression geht, um die Unfähigkeit, über sie zu kommunizieren und den Unwillen der Umgebung, sie als real zu akzeptieren. Der Zuschauer tut gut daran, diese Eingangssequenz im Kopf zu behalten, während Regisseurin Anne Schneider versucht, aus Christa Wolfs fiktiver Begegnung zweier suizidaler Dichter*innen Kein Ort. Nirgends ein Lehrstück über die „Volkskrankeit“ (welch seltsam unangebracht klingendes Wort) Depression herauszulesen. In Wolfs Buch begegnen sich die verkannten Dichter*innen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, Außenseiter, Zweifler, nicht zugehörig zum glanzvoll polierten Literaturbetrieb unserer Zeit. Was bei Wolf vor allem eine politische Ebene hatte – es ging nicht zuletzt um die Rolle allgemein des Individuums und speziell des Künstlers in klaustrophobisch engen gesellschaftlichen Zwängen – wird hier zum Porträt zweier Menschen, die ihren Weltbezug verloren haben, die nicht hineinpassen in den lebensbejahenden Konsens, die sich nach dem Tod sehen und Wahrhaftigkeit meinen.

Bild: Anne Schneider

Bild: Anne Schneider

Weiterlesen

„Fahrt Bus!“

PortFolio Inc.: Die Männerspielerin. Motive einer Selbstverewigung, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Marc Lippuner und Michael F. Stoerzer)

Von Sascha Krieger

Früher führte man Tagebuch, heute postet man Selfies. Selbstinszenierung ist nichts Neues, aber in unserer Digitalen Gegenwart um Etliches leichter, zugänglicher, sichtbarer. Doch die Konkurrenz ist groß, buhlen doch Unzählige auf Instagram, Facebook oder Twitter um die Gunst des virtuellen Publikums. Da kann es schnell mal zur Lebenskrise führen, wenn die Likes ausbleiben und nimmt die Frage, wie man sich den YouTube-Abonnenten am erfolgreichsten präsentiert schnell eine Bedeutung ein, die alles andere dominiert. In Die Männerspielerin lassen PortFolio Inc. etwa eine australische YouTube-Aussteigerin zu Wort kommen, die irgendwann feststellte, dass ihr komplettes Leben nur noch dazu da war, Material für ihre Videos zu produzieren. Um die Sehnsucht nach Anerkennung geht es, die letztlich Ausdruck eines Bedürfnisses nach Kontakt ist. Kontakt zu einer Außenwelt, zu welcher der Zugang immer schwieriger erscheint. Und so sucht man ihn über die Distanz, die Anonymität des World Wide Web. Ein Paradoxon, das wir, digitalisiert wie wir sind, kaum noch als solches wahrnehmen.

Bild: Michael F. Stoerzer

Bild: Michael F. Stoerzer

Weiterlesen

30 Jahre Neugier

PortFolio Inc.: Gestern, Heute, Morgen (#ETP30). Ein Rückblick, ein Einblick, ein Ausblick, Theater unterm Dach, Berlin (Leitun: Marc Lippuner)

Von Sascha Krieger

Am 1. April 1986 wurde das Kulturareal im Ernst-Thälmann-Park eröffnet, 15 Tage später der Park als Ganzes, ein Prestigeprojekt der DDR-Führung (zur Einweihung kam neben SED-Generalsekretär Erich Honecker auch der sowjetische Staatsschef Michael Gorbatschow), ein innerstädtisches Vorzeigewohnmodell mit mehr als 1300 modernen Wohnungen, Parkanlagen mit Naturambiente, Gaststätten, Einkaufseinrichtungen, einer Schule, einem Schwimmbad – und eben einem eigenen Ort für die Kultur. Im Zentrum stand ein Kulturhaus, der auch ein Theater beherbergte, das Theater unterm Dach, das es auch 30 Jahre später noch gibt. Grund genug, für ein Wochenende einzutauchen in die Geschichte des Ortes, der modernes, grünes innerstädtisches Wohnen symbolisieren sollte und auch 30 Jahre später noch fasziniert. Doch auch einer, der dunkle Seiten hat: So musste für ihn ein Stück Industriegeschichte weichen, das alte Gaswerk mit seinen imposanten Gasometern. Sozialistische Stadtplanung als geschichtsvergessene Tabula-Rasa-Politik. Zumal es hier natürlich auch nie nur darum ging, lebenswertes Wohnen mitten in der Stadt zu schaffen. Der Park war ein Mittel im Propagandakrieg rund um die 750-Jahr-Feier Berlins. Und er hatte Nebenwirkungen: Nicht nur verschleierte er die desaströse Vernachlässigung großer Teile der DDR-Wohnsubstanz, er verschlimmerte sie sogar noch, weil er einen Großteil der Wohnungsbauressourcen über Jahre hinweg band, die dann woanders fehlten.

Das Theater unterm Dach (Bild: Sascha Krieger)

Das Theater unterm Dach (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Advertisements