Archiv der Kategorie: Theater/Theatre

Eine Tüte Zweifel

Nach dem Roman von Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

„Irgendwo soll es doch bleiben. Wie es war. Wenigstens noch eine kleine Zeit.“ Es sind die letzten Worte, die Dimitrij Schaad an diesem Abend spricht. Und es könnten auch seine ersten sein. In Erich Maria Remarques Roman Die Nacht von Lissabon trifft ein mittelloser deutscher Emigrant in Lissabon, im Zweiten Weltkrieg für viele letzter Fluchtpunkt in Europa auf dem Weg nach Amerika, auf einen Österreicher, der ihm sein begehrtes Visum anbieten. Einzige Bedingung: Er muss sich eine ganze Nacht lang dessen Geschichte anhören. Die er so zumindest kurzzeitig bewahren will. Denn so wie das Vergessen irgendwann sein Leben tilgen wird, hat es die Emigration längst getan. Sein Leben ist ein Nichts, er ein Niemand. Ohne Heimat, ohne Namen, ohne Identität. Stets im Wartesaal, immer dazwischen. Nicht drinnen und nicht draußen, so wie die Parider Ringautobahn, auf der einst der Bataclan-Attentäter seinen Bus fuhr. Leere erfüllt auch die Bühne in Hakan Savaş Micans Bearbeitung im Berliner Gorki Theater. Ein Nirgends dieser Raum, dessen einziges Mobiliar – abgesehen von einem Aufbau für die vierköpfige Band – rechts vorn ein kleines Schreibtischchen mit Stuhl ist. Hier schreibt, erinnert, erfindet sich der Erzähler diese Leben im Zwielicht herbei, die verdrängten, nicht beleuchteten, an den Rand gedrängten.

Bild: Esra Rotthoff

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Narzissmus als Staatsform

Moritz Rinke: Westend, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Moritz Rinkes neues Stück ist kein Freund des Subtilen. Es stürzt sich mitten hinein in das, was der Autor für das gehobene (Bildungs?)Bürgertum der späten Bundesrepublik hält. Sinnentöleert, zynisch und dekadent geht es zu bei Schönheitschirurg (!) Eduard, seiner Frau Charlotte, einer eingeschränkt erfolgreichen Sängerin (Kunst!) und den Nachbarn Marek, ein erfolgreicher Filmregisseur (mehr Kunst!) und hauptberuflicher Möchtegern-Casanova, der aktuellen Freundin Eleonora, einer glücklosen Schauspielerin (noch mehr Kunst!) und der orientierungslosen Tochter Lilly, die aus lauter Rebellion Medizin (!) studiert. Und damit die ganze Wohlstandsverwahrlosung auch beim Publikum ankommt – und um die Balance zwischen Künstlertum und Medizin, der bürgerliche Berufsstand par excellence, herzustellen – bricht dann noch Michael, genannt Mick (ja, um die Rolling Stones geht es auch irgendwie) ein, ein Studienkollege und Freund Eduards, der gerade aus Afghanistan zurückkehrt, wo er für Ärzte ohne Grenzen arbeitete – also das idealistische Gegenstück des zynischen Eduard.

Bild: Arno Declair

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Welt. Leben. Mensch.

Christopher Rüping: Dionysos Stadt, Münchner Kammerspiele (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Das antike Theater war eine anstrengende Sache: In seiner Athener Blütezeit war es eingebettet und große, mehrtägige Feierlichkeiten, etwa die Großen Dionysien, gewidmet dem Gott des Weines, des Rausches, des Feierns, der eher körperlichen Freuden, bei denen sie einen wesentlichen Programmpunkt bildeten. Allein das Tragödienprogramm war umfangreich (und wurde selbst noch von dem der komödien übertroffen): Drei Dichter bestritten je einen Tag – mit jeweils drei tragischen Stücken und einem abschließenden Satyrspiel. Gut, dass der Verdienstausfall der Zuschauer*innen ausgeglichen wurde. Hieran will Christopher Rüping nun anschließen: „10 Stunden Antike“ verspricht er (am Ende sind es „nur“ neuneinhalb), drei Teile mit tragischen Stoffen gibt es, am Ende noch einen leichteren, ein „Satyrspiel“ neuerer Prägung. Dionysos Stadt nennt er sein Projekt, Bezug nehmend auf den dionysischen Ursprung des Theaters und seiner Einbettung in Feiern des ekstatischsten aller olympischen Götter – aber auch auf die wesentliche Funktion des Theaters in der athenischen Stadtgesellschaft, eines kommentierenden, die großen Fragen des Menschseins anreißenden, aber auch eines selbst gemeinschaftsbildenden.

Bild: Julian Baumann

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In der eigenen Falle

Ödön von Horváth: Italienische Nacht, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Die deutsche Sozialdemokratie hat es gerade nicht leicht. In Wahlumfragen steht konsequent eine Eins vorn, in einigen Bundesländern kratzt man bereits an der Einstelligkeit. Von Volkspartei kann längst keine Rede mehr sein, seit der Schulzzug ausfiel, wenn an Regierungsbeteiligung derzeit zu denken ist, dann nur unter schwarzer oder – oh Schreck – gar grüner Führung. Und dann kommt auch noch Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier, gräbt ein nicht ganz zu Unrecht selten gespieltes Stück Ödön von Horváths über die Kapitulation einer erstarrten demokratischen Gesellschaft gegenüber dem aufkommenden Faschismus aus und verlegt es in einen SPD-Ortsverein, der sich in ideologischen Grabenkämpfen selbst zerfleischt, sich auf Ego-Pflege und das Prinzip der drei Affen fokussiert und am Ende dem Fascho-Ansturm hilflos ausgeliefert ist. SPD-Mitglieder sollten diesen Abend meiden – Theaterliebhaber allerdings womöglich auch.

Bild: Arno Declair

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Topfschlagen mit Oktopus

Philippe Quesne: Crash Park – Das Leben einer Insel, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin  (Regie: Philippe Quesne)

Von Sascha Krieger

Philippe Quesne ist so etwas wie der Endzeitpoet des europäischen Theaters. Er schickt namenlose Menschenskizzen in seltsame Weltminiaturen irgendwo zwischen Apokalypse und Utopie, zwischen Ende und Anfang und lässt sie machen, was Menschen so machen. Das ist auch in Crash Park nicht anders. Der dem Publikum zunächst einen steifen Halt verpasst. Denn das Geschehen spielt sich anfangs links und rechts der Bühne ab, auf Fernsehbilödschirmen, die das Innere eines Flugzeugs zeigen. Bevölkert von allerlei mehr oder minder stereotypen Karikaturen: Althippies, Businesstypen, coole Hip-Hop-Versteher. Dazu eine Crew, die bedient und sich in der Bordküche versammelt, um Shots zu kippen. Ein vollkommen realistisches Szenario, mit genügend Skurrilität aufgeladen, dass es sich selbst ausreichend untergräbt. Denn um Naturalismus geht es Quesne nun wirklich nicht, er ist ein Bildermaler und Märchenerzähler, ein augenzwinkernder Parabel-Erfinder, dessen „Moral“ gern ins ironisch Leere läuft. Das ist auch diesmal so.

Das HAU2 (Bild: Sascha Krieger)

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Wie ein Faustschlag

Junges DT – Nach dem Roman von Philipp Winkler: Hool, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Adrian Figueroa)

Von Sascha Krieger

Die Gegenwart ist schwarz-weiß. Schwarz sind die Kapuzen-Pullis, die T-Shirts, die Hosen, weiß der neutrale, bespiel-, beschreibbare, indifferente Raum, in dem die vier Schwarzgewandeten stehen und agieren. Schwarz-weiß ist auch ihr Leben: Hier der Alltag, dort die Ekstase, für die einzig sie leben. Dazwischen nichts.Zumindest nicht für Heiko, Erbe eines Hannoveraner Hooligan-Imperiums, das einst sein Onkel aufbaute. Die Beziehung zur Familie: zerrüttet. Die Beziehung: gescheitert. Heiko hat nur die Äcker, auf denen die Matches mit anderen Hooligan-Gruppen stattfinden, brutal, aber auch einem Kodex unterliegend (wer am Boden liegt, ist Tabu). Dort fühlt er den Adrenalinschub, den Rausch, aber auch Zufriedenheit, Glück und so etwas wie Ruhe. Heiko ist der Held von Philipp Winklers vielbeachtetem Roman Hool. Aus seiner Perspektive taucht er ein in eine fremde, abstoßende Welt, der er durchaus Neugier, vielleicht gar einen Rest Sympathie entgegenbringt. Eine Welt ganz eigener Werte und Regeln, eine seltsame Art der Suche nach Sinn, Erfüllung, Identität.

Bild: Arno Declair

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Aus der Versenkung

Leander Haußmann: Haußmanns Staatssicherheitstheater, Volksbühne Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Auferstanden aus Ruinen: Als die DDR-Nationalhymne noch einen Text hatte (die Textzeile „Deutschland einig Vaterland“ erschien spätestens nach dem Mauerbau nicht mehr opportun), begann sie mit diesen Worten. Ruiniert findet so mancher auch die Volksbühne, die Wunden der kurzen Ära Chris Dercon sind noch nicht verheilt, die Tränen über das Ende der Castorf-Intendanz noch nicht getrocknet. Dieser Abend, die erste eigene Schauspielpremiere der Interimsintendanz von Klaus Dörr, erscheint manchem als Neuanfang, einer, der – auch das überrascht nicht – ein multipler Blick zurück ist. Regisseur Leander Haußmann hat in der Castorf-Zeit hier mehrfach inszeniert, er feierte an diesem Ort 2011 sein (reichlich deaströses) Theater-Comeback und er widmet sich nun einer der Kernthemen der Castorf-Ära: der ostdeutschen Vergangenheit und dem spezifischen Selbstverständnis und der Identität dieses keineswegs homogenen Teils Deutschlands. Dass der Premierenabend Anlass für Castorf selbst ist, „sein Haus“ erstmals wieder zu betreten, überrascht nicht. Nostalgie breitet sich aus, die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, deren Verklärung schon Jahre vor ihrem ende eingesetzt hatte.

Bild: Harald Hauswald

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Tanke schön

Luis Krummenacher, David Thibaut, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber: Tankstelle, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Luis Krummenacher, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber)

Von Sascha Krieger

Der Traum von der unbegrenzten Mobilität des Einzelnen gehört zu den Urmythen kapitalistischer Fortschrittsideologie. Das Auto ist bis heute dessen wirkmächtigstes Symbol, die Tankstelle einen mythenumränkter Ort unendlicher Möglichkeiten. Zu Beginn des gleichnamigen neuen Abends von P14, dem Jugendtheater der Volksbühne, ist selbige Mobilität längst zum bedeutungsleeren Selbstzweck geworden: Drei junge Frauen in angedeuteten Mechanikerinnen-Outfits bewegen sich liegend auf wie Rucksäcke angeschnallten Rollbrettern ziellos durch den Raum und kreieren gemeinsam mit den sich ähnlich gerierenden Kulissenteilen ein Ballett sinnfreier Bewegung. Überhaupt ist hier wenig Mobil zwischen Tresen, Holzlamellen-behangener Fensterfront und einer Zapfsäule, die eher nach Schrankwand-Element aussieht. Der Traum von der grenzenlosen Freiheit ist ausgeträumt. Wer hier landet, kommt nicht mehr weg. Draußen – und auf Wänden und Fernsehbildschirm – peitscht unaufhörlich der Regen, eine Art Sintflut, die am Ende das Meer bis an die Tankstelle bringen wird. Die Geister, die der Traum rücksichtsloser Mobilität rief, kommen als entfesselte Natur zurück. Das aufgeheizte Klima nimmt sich, was es kriegen kann.

Bild: Charlotte Helwig

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Bonbons der Selbstabschaffung

Thomaspeter Goergen nach Oscar Wilde (mit Texten von Orit Nahmias): Salome, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

So genannte abendländische Kultur, wir müssen reden. dein Frauenbild, weißt du. Das geht ja schon da los, wo wir immer vermuten, dass du deinen Ausgang hättest, geschichtsvergessen, wie wir in die Welt, die du schufst, Hinterhergeworfenen sind. Dieses Werk ohne Autor, dieses Buch mit den zwei Testamenten. Adam und Eva und so. Die Frau als Ursünderin, als Instinkt und Irrationales und zu bezwingende Natur. Ja, deine konstituierenden Frauengestalten gehen nicht mehr so recht. Es wird höchste Zeit, dass du und dein großes schwarzes Buch mal ihren #MeToo-Moment bekommen. Nehmen wir Salome. Stieftochter des Herodes, Mörderin des Täufers. Die verschmähte Liebende, die irrational impulsive Rächerin, die Verführerin, destruktive „Natur“ durch und durch. Gut gehalten hat sie sich, auch wenn die Oscar Wildes und Richard Strauss‘ dieser Welt die Geschichte neu interpretieren – die Titelfigur blieb, was ihr von Beginn an unterstellt wurde. Dabei hätte sie ihre eigenen #MeToo-Geschichten zu erzählen, ist sie doch Spielball, Opfer, Sündenbock widerstreitender Mächte, männlicher ideengeschichtlicher Blöcke, Opfer sexuellen Missbrauchs und seelischer Demütigung, eine Benutzte und Weggeworfene, vom männlichen Blick Definierte und aller eigenen Wertigkeit Beraubte.

Bild: Esra Rotthoff

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Blutsauger im Nebel

Heiner Müller nach William Shakespeare: Macbeth, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Die Macht ist ein blutiges Geschäft. William Shakespeare wusste das und Heiner Müller mit dem Wissen um das tödlichste aller Jahrhunderte erst recht. Auch Regisseur Michael Thalheimer ist diese Erkenntnis nicht unbekannt. In seiner Inszenierung von Müllers Übertragung des Macbeth ist Blut die magische Zutat, die Quelle allen Übels, der Saft, der alles am Laufen hält. Wenn zu Beginn Ingo Hülsmann als amtierender König Duncan auftritt, wird er von einer ganz in Blut gewandeten Gestalt begrüßt, geküsst, begrapscht, die wir sogleich als eine der drei Hexen wiedertreffen werden. Seine Inititation in die Macht, ist die (Selbst-)Befleckung mit dem roten Lebenssaft. Und wenn am Ende der vampirblasse Malcolm (Kathrin Wehlisch) die Krone übernimmt, entfließt ihrem Mund sofort ein nicht siegender Blutstrom. Macht heißt Tod, heißt Krieg, heißt Gewalt. Macbeth hätte das unterschrieben, Heiner Müller ebenso. Dass Thalheimer gern mit Kunstblut arbeitet, ist ebenfalls nichts Neues, dass es zu seinem wichtigsten Charakter, gar zu seiner Hauptfigur wird, vielleicht schon. So kippt die Lichtregie auf der leeren Bühneimmer wieder ins rötliche – kein Sonnenaufgang, sondern ein Menschheitsuntergang. Diese verbleibt im Dämmerlichlicht, zwischen Leben und Tod, Sklaven des Blutes.

Bild: Matthias Horn

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