Archiv der Kategorie: Theater/Theatre

Die Welt ist eine Frage

Die Edda. Neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason, Schauspiel Hannover (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Das Timing ist exzellent: Gerade wurde Thorleifur Örn Arnarsson als neuer Schauspieldirektor der Volksbühne vorgestellt, da kommt er schon mit seiner wohl am meisten gefeierten Arbeit aus Hannover zum Gastspiel vorbei. Zumal es in ihr schwerpunktmäßig ebenfalls um die Zeit geht. Zeitlos, überzeitlich – solches sagt man wohl über Sagenkomplexe wie den der Edda, die isländische  Nationalmythik, jenes Konvolut, in dem die nordischen Mythenwelt wohl am eindrucksvollsten ausgebreitet wurde und das – man denke nur an die Nibelungen – auch hierzulande mehr als nur Spuren hinterlassen hat. In der halbstündigen Pause erläutert denn auch ein „Experte“ das Konzept der Zeit, den Widerspruch zwischen zyklischer Zeit, wie sie sich in den alten Mythenwelten, aber auch bis heute etwas in der Agrarwirtschaft findet, und der linearen, die mit dem Christentum Einzug hielt. Er verortet die Edda an der Schnittstelle zwischen beiden, Ziel und Wiederkehr, alte Zeit und Neue, Wiederholung und Fortschritt. Ein Zwischenreich, wie es Arnarsson denn auch auf die Bühne stellt. Die ihm Wolfgang Menardi gebaut hat. Eine schneebedeckte Fläche, die dezidiert Theaterort ist. An den Wänden stehen allerlei Requisiten, kulturelle Artefakte auch, die römische Wölfin etwa oder der des Kreuzes verlustig gewordene Jesus. Ein Ort, der Werden und Vergehen sieht, Präsenz und Illusion. Ein Welttheater.

Spielort des Berliner Gastspiels: die Volksbühne Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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„Braver Junge!“

Maja Zade: status quo, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Marius von Mayenburg)

Von Sascha Krieger

Florian, nicht Flo. es ist sein Akt der Rebellion, einer der wenigen, die ihm offenstehen, dem schlaksigen, etwas unbeholfenen jungen Mann, der mal Auszubildender ist, mal angehender Schauspieler, mal unglücklich verheirateter Endzwanziger und Studienabbrecher. Viel mehr bleibt ihm auch nicht, denn: This is a woman’s world. Womit Prämisse, Clue und Inhalt von Maja Zades Stück bereits umrissen sind. Nach über einem Jahr #MeToo debattiert die das Thema systemischen Sexismus auf ebenso simple wie originelle Weise: Sie dreht den Spieß um. In ihrer Parallelwelt haben Frauen das Sagen. Sie besetzen alle Schlüsselpositionen, verdienen das Geld, während der Mann kocht, die Kinder erzieht und, nun ja, bastelt. Eine welt, in welcher der Mann sich ständig sexueller Belästigung ausgesetzt sieht, zum Sexobjekt degradiert wird, Opfer sexueller Gewalt ist. In der die Frau auch die Sprache beherrscht: Man tut etwas nicht, frau tut es. Telefone werden befraut, Kollegen „bocken“ sich an, weibliche Bezeichnungen sind Standard, der Mann darf sich „mitgemeint“ fühlen.

Bild: Arno Declair

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Farben der (Ohn)Macht

William Shakespeare: Othello, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Eigentlich müsste jedes deutschsprachige Theater momentan William Shakespeares Othello  auf dem Spielplan haben. Schließlich lassen sich die großen gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit daran andocken: Die Geschichte der als anders, als schwarz gelesenen Titelfigur, gefeiert und zugleich ausgegrenzt, stets seiner Nichtzugehörigkeit versichert, gehört in eine Zeit, in der Rassismus plötzlich wieder hoffähig, diskutabel und wählbar geworden, das Konzept des Fremden“ in den medialen Mainstream zurückgeschwappt ist. Und die Unterdrückung der Frau als männlicher Projektionsfläche, als Spielball maskuliner Eitelkeit und als Instrument männlicher Machtausübung passt perfekt zur #MeToo-Debatte um systemischen Sexismus und die privilegierte Hybris männlicher Machtelite. Michael Thalheimer, nicht gerade der große Vergegenwärtiger des deutschsprachigen Theaters, eher ein universeller Essenzschürfer, hat den Othello trotzdem gemacht. Er hat gerade Lust auf Shakespeare: Erst vor nicht einmal fünf Monaten kam hier sein Macbeth in Heiner Müllers Übersetzung heraus – ein krachend klamaukiges Scheitern an der Vorlage.

Bild: Katrin Ribbe

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Anatomie einer Katastrophe

FIND 2019 – The Town Hall Affair, The Wooster Group, New York (Regie: Elizabeth LeCompte)

Von Sascha Krieger

1971 fand in der New Yorker Town Hall ein denkwürdiger Abend statt. Der berühmte Schriftsteller Norman Mailer hatte gerade eine gesamte Ausgabe des Magazins Harper’s Bazaar mit einem Angriff auf den zeitgenössischen Feminismus vollgeschrieben, was, wie von ihm intendiert, reichlich wellen schlug. Irgendjemand hielt es dann für eine gute Idee, eine Podiumsdiskussion mit ihm und Feministinnen unterschiedlicher Couleur zu initiieren, die auch noch – „male privilege“ auf seinem Höhepunkt – von Mailer selbst moderiert werden sollte. Jill Johnston, Autorin der Village Voice und eine der Frauen, die sich, nach vielen Absagen, bereit erklärten mitzuwirken, zog später ein bitteres Fazit: „Dass die Veranstaltung überhaupt stattfand, war eine Katastrophe für Frauen“. Eine, die festgehalten wurde: Gegen den Willen der Veranstalter aber auf Einladung Mailers filmte D.A. Pennebaker den Abend, Aufnahmen, die erst 1979 auf Anregung und unter Mitwirkung seiner späteren Ehefrau, ihren wirkungsmächtigen Weg auf die Leinwand schafften. Town Bloody Hall heißt der Film, das Dokument einer Debatte, die in ihrer Intensität, Aggressivität, ihrem Witz, aber auch ihrer Brutalität bis heute fasziniert.

Bild: Steve Gunther

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Helden der Grauzone

FIND 2019 – Didier Ruiz: TRANS (més enllà), La compagnie des Hommes, Paris / Teatre Lliure, Barcelona (Regie: Didier Ruiz)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist die Theaterkritik an diesem Abend fehl am Platz. Theatral ist an der aktuellen Arbeit von Didier Ruiz wenig. Setzt er Theatermittel ein, stören sie eher: die unmotivierten psychedelischen Farbprojektionen mit bunten Blumenmotiven, die er gelegentlich zwischenschaltet, oder die schwebenden Klangflächen, die so subtil im Hintergrund bleiben, dass sie der Zuschauer oft gar nicht wahrnimmt. Das ließe sich alles weglassen, ohne dem Abend irgendetwas von seiner Kraft zu nehmen. Entscheidend sind die sieben Menschen, die hier auf der in neutralem, jede Bedeutung annehmen und zugleich verwischen könnenden Grau, im Wortsinn in einer Grauzone (das einzig wirksame Theatermittel der Inszenierung) gehaltenen Bühne, ja, stehen. Und erzählen. Mit ruhiger Stimme, mitunter der Andeutung eines freundlichen Lächelns, nie aggressiv, stets zurückhaltend und gleichzeitig brutal offen. Es sind ihre Geschichten, von Menschen, die der binär biologistischen Identitäts-und Geschlechterzuweisung, von der sich unsere Gesellschaft nicht recht trennen will, nicht entsprechen. Menschen, die sich heute als „trans“ bezeichnen, die einst Namen trugen, die gemeinhin nicht dem Geschlecht entsprechen, in dem sie sich zu Hause fühlen.

Bild: Emilia Stéfani-Law

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Die furchtlosen Neun

FIND 2019 – Paisajes para no colorear, Centre Gabriela Mistral (GAM) / Teatro La Re-Sentida, Santiago de Chile (Regie: Marco Layera)

Von Sascha Krieger

Nein, subtil ist dieser Abend nicht. Dass es um die systemische – nicht zuletzt sexuelle und missbräuchliche – Unterdrückung von Mädchen und Frauen geht, lässt sich schon dem Eingangsbild entnehmen. An der Seite der Bühne steht ein rosafarbenes Häuschen, die vermeintlich sichere Geborgenheit weiblicher Jugendlicher und zugleich ihr Gefangensein in vorgegebenen Rollenmustern symbolisierend, während in der Mitte eine nackte Sexpuppe – von der wir später erfahren, dass sie in Größe und Proportionen in etwa einer 12-Jährigen entspricht – auf einem kreisrunden Podest ausgestellt ist. Ein eingeblendeter Text berichtet vom Gespräch mit einem Ministeriumsvertreter über das Projekt, in dem dieser sagte, mit weiblichen Teenagern zu arbeiten, wäre sinnlos, schließlich seien sie alle hysterisch und am Ende würde sich eh eine in ein Mitglied des Teams verlieben. Wie gesagt: Subtil ist das, was der chilenische Regisseur Marco Layera und die neun 13- bis 17-jährigen Mädchen auf der Bühne veranstalten nicht. Eher ein selbstbewusster bis aggressiver, oft durchaus komischer, mitunter tieftrauriger und schmerzhafter, immer beißend scharfer Emanzipationsversuch in hochtourigen 90 Minuten.

Bild: Nicolás Calderón

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Gespenster im Koma

Heiner Müller: Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Mit der Frage, ob sich die Geschichte linear gen Fortschritt entwickelt oder eher im Kreis dreht, hatte schon Marx seine liebe Mühe. Für Heiner Müller wurde sie zur Lebensfrage. Die Macht und Ohnmacht der Geschichte waren sein Antrieb und die Mauer, gegen die er immer wieder rannte. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner lassen nun ihren Bühnenbildner Jo Schramm die Frage beantworten: Kreisrunde Flächen schwarz-weißer Ringe bilden seine Bühne. Mal flach, mal steil ergeben sie immer wieder neue Konstellationen, erinnern auch eine expressionistisch psychedelische Show-Bühne, aber kommen naturgemäß nicht vom Fleck. Ach das Schwarz und das Weiß offenbaren eine Eindeutigkeit, welche die Kulturfunktionäre, die die Uraufführung im Jahr 1961 zum Skandal machten, wohl gern gehabt hätten. Müller wäre im Januar 90 Jahre alt geworden. Ein guter Anlass, einen heutigen Blick auf sein erbarmungsloses kritisches Werk zu werfen, gerade in einer Zeit, in der Gewissheiten zunehmend zur Mangelware werden. Landauf landab werden seine Werke gerade auf die Bühnen gehievt. Das kann auch mal schiefgehen – die Berliner Volksbühne hat gerade eine geplante Inszenierung von Quartett gestrichen – Grund waren, so heißt es, „unüberbrückbare künstlerische Differenzen“.

Bild: Arno Declair

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„We love global warming“

FIND 2019 – Anne-Cécile Vandalem: ARCTIQUE, Das Fräulein (Kompanie) / Studio Théâtre National Wallonie-Bruxelles, Brüssel (Regie: Anne-Cécile Vandalem)

Von Sascha Krieger

Angelockt von anonymen Einladungsbriefen versammeln sich im Jahr 2025 vier blinde Passagiere auf dem Wrack der Arctic Serenity, die zehn Jahre zuvor auf ihrer Jungfernfahrt eine Ölbohrinsel rammte. Ein Terroranschlag, kein Unfall, wie man seitdem glaubte. Alle, die nun an Bord sind, um die vielleicht letzte Reise des Schiffs, das als Geschenk nach Grönland geschleppt werden soll, mitzumachen, waren in irgendeiner Form am damaligen Event beteiligt. Und landen nun in einer Art Saal, eher nostalgisch eingerichtet, ein bisschen Art Deco, ein wenig Gemeindesaal. Am Bühnenende die Bühne für die Band, das Banner „We love global warming“ hängt noch. Das ist kein Scherz: Die Klimakrise, so die Vision, war eine Chance für Grönland. Als das Ein sich zurückzog, kam der Boom. Riesige Vorkommen an Bodenschätzen waren plötzlich zugänglich – und ermöglichten dem Land die Unabhängigkeit. Dass dort, wo die Chinesen bohren wollten, Inuit lebten, ließ sich lösen. Und sei es durch einen fingierten Terroranschlag durch Umweltschützer.

Bild: Christoph Engels

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„Liebe ist hardcore!“

Zelal Yesilyurt nach William Shakespeares Romeo und Julia: Benvolio + Mercutio. Du bist mein Lieblingsort auf der ganzen Welt, Babe!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Damit kann er gar nicht umgehen: Wenn Romeo, der Inbegriff bedingungsloser jugendlicher Liebe mal nicht im Mittelpunkt steht. So wie in den ersten Minuten von Zelal Yesilyurts Shakespeare-Überschreibung im dritten Stock der Volksbühne. Gerade versuchten seine besetzten Freunde Benvolio und Mercutio im noch Ratschläge in Sachen Liebe zu geben, da bemerken sie, wir und mit einiger Verzögerung auch der eben noch Angesprochene, dass es plötzlich gar nicht mehr um ihn geht: Im Appell, an einer einmal errungenen Liebe festzuhalten, komme was wolle, und nicht ständig Ausschau zu halten, ob es nicht noch etwas „Besseres“ gäbe, treffen sich nicht nur die Blicke, sondern auch die Herzen der beiden Ratgeber. „Ich glaube, dass es hier nicht mehr um mich geht“, erkennt der Namensgeber eines universellen Typus des Liebenden erstaunt – und hat Recht. Die Sprunghaftigkeit seiner Person spinnt Yesilyurt konsequent zum Klischeebild eines allem, was atmet (eine Aussage, die später auch fällt), hinterher laufendem „Fuckboy“ (auch ein Zitat) weiter, der sich durch die Betten Veronas schläft und für den auch die „größte aller Lieben“ nur Episode bleibt.

Foto: Kakhi Mrelashvili

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„Wo ist da der Abgrund?“

Maja Zade: abgrund, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Zwanzig Jahre dauert sie bereits an, die Ära Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne. Ihre, seine ganz großen, legendenbildenden Momente sind lange Vorbei, die Zeiten, in denen seine eisig eleganten Bürgerlichkeits-Vivisektionen, vor allem seine Ibsen-Abende, Furore machten – seine Hedda Gabler von 2005 steht bis heute auf dem Spielplan. Die Abgründe des Bürgerlichen treiben ihn noch immer um, insbesondere die jener, die aufbrechen, die Erstarrungen bürgerlicher Konventionen zu durchbrechen und in ihren Fallstricken landen. Maja Zade ist seit Jahren Dramaturgin im Haus und hat dem „Chef“ jetzt ein Stück auf den Regisseursleib geschrieben. abgrund heißt es und sucht ganz unsubtil nach selbigem hinter der progressiven Oberfläche links-liberaler Bürgerlichkeit. Nina Wetzels Edelstahlküche hätte auch in die tödlich glatten Wohnwelten Jan Pappelbaums gepasst, nur fehlt ihr das Umfeld. Sie steht allein auf (gar nicht so) weiter Bühne, die heile Familienwelt um sie herum bleibt Illusion. Zade versammelt vier Freunde des die Küche besitzenden Paares zu einem Abendessen. Gutmenschen-Klischees und Prenzlauer-Berg-Ghetto-Stereotype. Alle irgendwie erfolgreich, alle sich eingerichtet habend im lebenslügenreichen Beziehungs- oder Singleleben, einander und sich ständig versichernd, das alles toll ist und man selbst so – wie sagt man heute? – „woke“?

Bild: Arno Declair

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