Archiv der Kategorie: Theater/Theatre

„Die Bretter, die den Wald bedeuten“

Junges DT – Nach Friedrich Schiller in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach: Die Räuber, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Joanna Praml)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht das Erschrecken: Sind die echt? Sind die wirklich da? Sind wir nicht allein? 15 junge Spieler*innen haben gerade die Bühne betreten, die Bretter, die später den Wald bedeuten werden (das Wortspiel fällt tatsächlich), um die Proben zu Friedrich Schillers Die Räuber zu beginnen. Allein, eigenverantwortlich, ohne den Blick der Eltern, der Lehrer, der Gesellschaft. Und dann sitzen wir da, das Publikum, beobachten, zweifeln, werten. In Die Räuber geht es um vieles: Freiheit, Rebellion, Generationenkonflikte, Familiäres, die Emanzipation von Erwartungen und Druck der Eltern, der Gesellschaft. Themen, die nicht wirklich an Aktualität verloren haben, gerade für Menschen, die soeben in das zu starten scheinen, was ihnen die Älteren als Leben vormachen. Klar sollen sie ihren Weg finden, aber welche zur Verfügung stehen, nach welchen Regeln zu spielen ist und welche Rollen zur Auswahl stehen, entscheiden gefälligst wir die Gesellschaft. Und da sitzen wir jetzt, menschengewordener Druck, Be- und Abwertung, Einengung. Klar könnt ihr euer Ding machen – solange wir es uns erlauben.

Bild: Arno Declair

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Aus dem Glashaus

Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufe (HAU 2), Berlin, Kampnagel, Hamburg / Mousonturm, Frankfurt am Main (Inszenierung: Anta Helena Recke) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Vielleicht befindet sich die westliche Gesellschaft gerade in einer kollektiven Depression. Wie anders wäre es zu erklären, dass Siegmund Freud, der „Vater“ der Psychoanalyse, der „Entdecker“ des Unbewussten, der Hervorkramer des Verdrängten, gerade mal wieder Hochkonjunktur zu haben scheint. Theater inszenieren seine Traumdeutung, in Zeiten von Debatten darüber, wie sehr toxische Männlichkeit einen, wenn nicht den Kern der Sinnkrise der westlichen Zivilisation bildet, interessieren Freunds stark männlich fokussierte Verunsicherungsszenarien besonders. Auch Anta Helena Recke, eine Künstlerin, die weiße ethnozentrische Weltbilder hinterfragt – die immer auch männlich patriarchal geprägt sind – nimmt Freud in ihrer neuen Arbeit als Ausgangspunkt. Drei Kränkungen haben die Menschheit in der Moderne in die Krise gestürzt, war er überzeugt: die Erkenntnis, dass die Erde und damit der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums seien, die Abstammung des Menschen vom Affen und eben die Entdeckung des Unbewussten durch ihn selbst. Drei Ereignisse, die den Glauben an die Allmacht des Menschen erschütterten. Die immer eine Allmacht des weißen männlichen Menschen bedeutete. Weshalb Recke nun eine vierte Kränkung hinzufügt: die Erkenntnis des weißen Mannes, dass die Menschheit nicht nur aus ihm besteht, es die von Freud postulierte „Menschheit“ als Einheit gar nicht gibt.

Bild: Gabriela Neeb

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Liebe als Ware

Ester Roth und Luise Thiele: Grillade Grande 666, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Ester Roth und Luise Thiele)

Von Sascha Krieger

In einer Art Sommercamp sollen wir uns wohl befinden, zumindest behauptet das der Andigungstext auf der Volksbühnen-Website. Unterschiedliche Gruppen bevölkern es: Schwarzgekleidete ständig deprimierte Goths, die „Sea Roses“, bunt gekleidete dauerlächelnde Romantiker*innen und weißgewandete 90er-Jahre-Überbleibsel zwischen Love Parade und Gaming. Alles fein säuberlich getrennt und kategorisiert, denn schließlich befinden wir uns – wie die per Video in tristem Ambiente erzählten Unternehmerstories am Anfang und am Ende klar machen – im Herzen des Kapitalismus. Das Sommercamp ist Produkt und Marketinginstrument von „White Pillow“, irgendwas zwischen Konzern und Kult, weswegen Daunenkissen und ihre Inhalte an diesem Abend auch eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Apropos Rollen: Natürlich sind alle in den vorgegebenen ihrer jeweiligen „Gruppe“ gefangen – und fühlen sich zunehmend unwohl. Die Feier der Schwarzträger*innen anlässlich des Geburtstags von Cure-Frontmann Robert Smith endet abrupt, als sie feststellen, dass „der depressivste Mensch der Welt“ sich eben nicht umgebracht hat. Es sei Zeit, sich von romantischen Fantasien zu befreien. Sagen sie und umranden sich die Augen mit schwarzem Make-up.

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An Schnüren in die Welt

William Shakespeare: Hamlet, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

„Es ist etwas faul im Staate Germany.“ Moment, Germany? Ja, bei Christian Weise spielt sich das Drama um den Dänenprinzen in einem expressionistisch abstrahierten Deutschland statt, das durchgängig in der nicht gerade akzentfrei verzerrten englischen Variante benannt wird. Das ist „unser“ Land und ist es nicht, sind wir und sind es natürlich nicht. Ein lustvolles Spiel der Ebenen, das die drei Stunden recht kurzweilig erscheinen lässt – bei einem so bekannten und durchgenudelten Stoff an sich schon eine bemerkenswerte Leistung. Julia Oschatz hat eine mehrzimmrige Bühne geschaffen in blaugrau verzerrter Mischung aus Realismus und Expressionismus, ein Cartoon-Land moderner Einrichtungshölle, ein Spielplatz für Fantasien und theatrales Ausprobieren. Svenja Liesau, die einmal damit kokettiert, eigentlich die geborene Nebendarstellerin zu sein, ist Hamlet. Oder ist, die Hamlet spielt. Oder die spielt, dass sie Hamlet spielt. Oder so. Und sie tut es in jedem ihr zur Verfügung stehenden Modus. Immer wieder weist sie Musiker Jens Dohle an, jetzt doch bitte das Genre zu wechseln. Dann wird Horrorfilm gegeben oder hohe Tragödie oder Musical.

Bild: Esra Rotthoff

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Der Glanz des Authentischen

Zelal Yesilyurt: GO Baby GO, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte von Jeremiah „Terminator“, kurz JT, LeRoy ist eine so abenteuerliche, dass sie sich nur im literarischen Umfeld abspielen konnte. Ein Shooting Star der US-Literaturszene der 1990er-Jahre sorgte der autor für Aufsehen mit semibiografischen Romanen und Kurzgeschichten über eine Jugend und Kindheit zwischen Armut, Verlassenwerden, Prostitiution, Gealt und Missbrauch. Sohn einer Prostituierten folgte der Teenager seiner Mutter schon sehr jung in ihrem Beruf, bevor er „gerettet“ wurde, sein Leben aufschrieb und zum Star wurde, der – was seinen Ruhm und seine Faszination nur noch verstärkte – Phantom blieb, nicht greifbar, sich lange der Öffentlichkeit entzog, bevor er zuweilen auftauchte, verkleidet mit Perücke und Sonnenbrille, zumeist das Wort abtretend an seine Sprecherin „Speedie“. Eine Geschichte, die unmöglich wahr sein konnte – und es auch nicht nicht war. LeRoy war eine Erfindung der eigentlichen Autorin, Laura Albert, die hinter Speedie steckte und deren Schreiben Resultat telefonischer Therapiesitzungen war und die das Alter Ego brauchte, um das zu Sagende aussprechen oder eben aufschreiben zu können. Und JT wurde gespielt von Alberts Schwägerin. Am Ende gab es Enthüllungsstories und einen Prozess, den Albert verlor. Für die Geschichte hat sie noch nicht die Folmrechte erteilt. Schade eigentlich.

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Aber bitte mit Sahne

Nach dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer: Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Clemens Maria Schönborn)

Von Sascha Krieger

Eine Frau findet sich in einer Berghütte wieder, durch eine Wand abgeschnitten vom Rest der Welt, der Familie, jeglicher Mitmenschen. Sie lernt, selbstbestimmt zu leben, autark, für sich, sich selbst – mit Hund und Kuh – die Welt zu sein. Zivilisationskritik unterstellte man Marlen Haushofers 1964 erschienenem Roman Die Wand sicher nicht zu unrecht – er ist aber, wie das schlanke Programmheftchen klar macht, auch eine Emanzoiationsgeschichte, die einer Frau, die zu sich, zu Frieden und Klarheit findet, weil und indem sie sich löst, von allem, was zuvor ihr Leben bestimmte, kontrollierte, einengte, Rollenerwartungen, gesellschaftlichen Zwängen, familiären Institutionen. Am Deutschen Theater ist Sophie Rois nun diese Namenlose – oder besser, sie liest und spielt und spricht sich hinein in sie. Zu Beginn steht das ein grauer Zweisitzer auf der Bühne, davor ein Kaffeetischchen mit zei Tassen. Rois kommt herein, setzt sich, trinkt, zündet sich eine Zigarette an und liest. Zunächst den Klappentext, dann Passagen aus dem Buch. Eine Annäherung, zunächst distanziert, etwas gelangweilt, wenig enthusiastisch.

Bild: Arno Declair

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Flickwerk Mensch

Nach Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel, Berliner Ensemble (Regie: Robert: Borgmann)

Von Sascha Krieger

Antiseptisch ist sie, die Zukunft, die Robert Borgmann in Michel Houellebecqs Roman Die Möglichkeit einer Insel gefunden hat, antiseptisch und künstlich. wiße Wände, darunter gelegentlich auch eine physische vierte, definieren den Raum, fahren mitunter auf und ab und geben den Blick doch nur frei auf kitschig dilettantische Naturbilder, Erinnerungen aus fünfter, sechster Hand an eine einstige echte Welt. In Houellebecqs Buch ist die Menschheit längst ersetzt durch so genannte Neo-Menschen, Klone, die nach dem Tod durch den nächsten ersetzt werden. Den Komiker Daniel etwa, Hauptfigur des Romans, gibt es jetzt schon zum 25. Mal – und es tat ihm nicht gut. Wolfgang Michael spielt ihn zu Beginn als seltsames Hybrid-Wesen, halb Cyborg, halb Zombie, weniger perfektioniert als heruntergekommen in zerrissenem Hemd, eine „schöne neue Welt“ als amateurhaftes Flickwerk. Er etabliert den „neuen Menschen“ als liebesunfähiges, nicht fühlendes, nicht des Glücks fähiges Konstrukt, das seine Unsterblichkeit erkauft hat durch das Abstreifen des Menschlichen.

Bild: JR Berliner Ensemble

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Textprobe mit Fragezeichen

Elfriede Jelinek: Wolken.Heim., Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Martin Laberenz)

Von Sascha Krieger

Elfriede Jelinek zu inszenieren, ist bekanntlich keine einfache Aufgabe. Das theatrale Potenzial ist in ihren rollenlosen Textflächen bestenfalls tief verborgen, jede*r Regisseur*in muss es für sich suchen, finden, heben, umwandeln in Theaterrealität. Jelinek schreibt Assoziationsketten, inszeniert Sprache, lässt sie von der Leine und ihre eigene Wirklichkeit, vielleicht sogar Wahrheit suchen, scheinbar formlos, mäandernd, ergebnisoffen. Nicolas Stemann, einer der großen Protagonist*innen des postdramatischen Theaters und Jelinek-Experte, löst das oft durch performative Textarbeit, die den Suchprozess der Texte spiegelt und befragt, Falk Richter versucht es mit grellbunter Collagentechnik, anderen, am erfolgreichsten vielleicht Michael Thalheimer, gelingt es, die Textbefragung in ihre eigene Theatersprache zu übersetzen. Auch Martin Laberenz hat Jelinek schon inszeniert, hier am DT. Wut war ein einigermaßen hilfloses Ausprobieren und Zitieren theatraler Möglichkeiten, anderer Regiehandschriften, und landete im Nirgendwo der Belanglosigkeit.

Bild: Arno Declair

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Wenn sich der Mensch aufbäumt

Sarah Kane: 4.48 Psychose, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Auch in seiner ersten Arbeit am Deutschen Theater ist alles wie immer bei Ulrich Rasche: Menschen auf Laufbändern, in unablässiger Bewegung nicht von der Stelle kommend, sie sprechen rhythmisch, mechanisch, abgehackt, Sprache, Bedeutung hinterfragend im Prozess des Sprechens, ein nicht enden wollender Marsch ohne Anfang, ohne Ziel, hinter, unter den Text, hin zu vermuteten Wahrheiten oder zumindest den Fragen, die man gemeinhin die „großen“ Sennt, nach Sinn, Bedeutung, Existenz, Menschsein. Und doch ist alles anders: Der maschinelle aufwand ist stark reduziert, die Laufbänder vergleichsweise klein, die heben und sehnen sich nicht, verschieben sich nicht gegen einander, keine Materialschlacht, sondern das Mindestmaß, das nötig ist, um Rasches theater zu betreiben. Und noch etwas ist anders: Es ist kein Klassiker der dramatischen Literatur, den der Regisseur bearbeitet, keine Geschichte um Macht, Ohnmacht, das Geworfensein des Menschen in eine feindselige Welt, in der und mit der er umgehen, in der er sich positionieren muss, sondern ein Stück, das nach innen gewandter nicht sein könnte. Sarah Kanes letzte Arbeit vor ihrem Suizid mit 28 Jahren ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst, der Depression, in deren Fängen sie sich befand, den Auswirkungen selbiger auf ihre Sicht auf die Welt und sich selbst, die Dunkelheit, die nicht Ruhe geben würde, bevor sie alles verschlungen hätte.

Bild: Arno Declair

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Ideenlose Götter

Ronald M. Schernikau: Legende, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Ein Titel als Programm: Legende ist das opus magnum Ronald M. Schernikaus, des Grenzgängers zwischen Ost und West, des Kommunisten im Westen und des fremdelnden Westlers im Osten, des stets Widerständigen, des offen Schwulen, des zwischen alle Schubladen Gefallenen, der nie dazu gehörte und es vielleicht nicht wollte. Erscheinen durfte das 1100 Seiten starke Mammutwerk nur – und erst nach dem viel zu frühen Tod des Autors –, weil es zahlreiche prominente DDR-Kolleg*innen vorab subskribierten, schnell war es vergriffen, seit mittlerweile bald 30 Jahren. Jetzt scheint die zeit reif zu sein für eine Renaissance: Der Verbrecher Verlag besorgte eine kommentierte Neuauflage und die Volksbühne bringt den Wälzer in einer Dreieinhalbstunden-Adaption auf ihre große (Dreh-)Bühne. Mit Stefan Pucher kümmert sich auch gleich ein Regie-Schwergewicht um das sperrige Konglomerat – in besseren Hände könnte diese Neubelebung also kaum sein. Und doch drängt sich schnell der Gedanke auf, dass hier vor allem eines herrscht: tiefe Ratlosigkeit. Denn aus der Zeit gefallen ist dieses Werk ohne Zweifel: Der postulierte Streit zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf Augenhöhe, das Schwanken zwischen Verzweiflung an der Welt und fast naiver Rettungsvision – das alles wirkt anachronistisch und weit weg, die Schlachten längst geschlagen – und nun wieder aufgewärmt?

Bild: Thomas Aurin

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