Archiv der Kategorie: Theater Bremen

Der Geist auf der Schrankwand

Autorentheatertage 2018 – Tom Lanoye: GAS. Plädoyer einer verurteilten Mutter, Theater Bremen (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Fast 200 Menschen hat er auf dem Gewissen, Kinder, Jugendliche, am Ende sich selbst. Ein Giftgasanschlag in einer U-Bahn, ein enthaupteter Jugendlicher. Und sie, die hier spricht, ist, war seine Mutter, hat ihn per Kaiserschnitt ins Leben gezwungen, durchs Leben getragen, losgelassen und lebt nun mit einer schuld, von der sie nicht weiß, ob sie die ihre ist. Der belgische Autor Tom Lanoye lenkt in seinem Stück den Blick auf einen Aspekt des Terrorismus, der, und auch dies thematisiert er, wenn überhaupt mit küchenpsychologischen Floskeln, Unterstellungen und Pauschalisierungen abgehakt wird: dem persönlichen Umfeld des Täters, seiner Familie, ihrem Leiden, und er stellt über diesen Weg auch die Frage, wer so etwas tut, wie jemand zu einem „Monster“ wird, das sich anschließend von Medien und Empörungsindustrie ausschlachten lässt. Und er ruft die Zeugin auf, die am nächsten dran war, den genauesten Einblick hatte, die erklären könnte, wenn es etwas zu erklären gäbe. Fragen stellt sein Text und findet keine Antworten. Anders als der Boulevard, die Politik, das Wutbürgertum. Das ist schmerzhaft, unbefriedigend und ungeheuer ehrlich.

Ort des Gastspiels bei den Autorentheatertagen: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Ein Sprachkurs für Europa

Nach Jaroslav Hašek: Kauza Schwejk / Der Fall Švejk, Wiener Festwochen / Theater Bremen / Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Josef Schwejk, der Held des Weltbestsellers des tschechischen Romanciers Jaroslav Hašek ist längst zum Synonym geworden: für den einfachen Mann, der ins große Weltgetriebe gerät und alles tut, um unbeschadet wieder herauszukommen, und der dabei mit Witz und Schläue die Lächerlichkeit der Kriegs- und Heldenrhetorik der Mächtigen entlarvt. Er ist der „kleine Mann“, der Überlebenskünstler, der Stachel im Fleisch der Narrative von Gut und Böse, ein Eulenspiegel des 20. Jahrhunderts. In  der Bearbeitung des tschechischen Regisseurs Dušan David Pařízek bleibt er abwesend. Hier spricht er nicht, hier wird über ihn gesprochen. Und vor allem gerichtet. Die Handlung? Ein General will den vermeintlich Fahnenflüchtigen hängen lassen, ein Kadett versucht, zumindest den schein des Rechtswegs zu wahren, drei Tchech*innen, eine Art Verteidigerin und zwei Zeugen, sowie ein ungarischer Zeuge der Anklage verkomplizieren die Sache. am Ende ist kein Schuld- oder Freispruch gefallen, die Lage aller Beteiligten im Schwebezustand.

Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

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Der kurze Weg vom Spaß zum Krieg

Augenblick mal! 2015 – Kinder | SOLDATEN, Theater Bremen – Junge Akteure (Text und Regie: Gernot Grünewald)

Von Sascha Krieger

„Was ist Spaß?“ Mit dieser Frage beginnt ein Abend, der die beiden Spielarten von Kinder und Jugendliche einbeziehender Theaterarbeit auf geradezu exemplarische Weise verknüpft: das Theater von und jenes für junge Menschen. Ein Abend, der auf dem zentralen Kinder- und Jugentheaterfestival „Augenblick mal! 2015“ ebenso gut aufgehoben ist, wie er es in wenigen Wochen beim Theatertreffen der Jugend, dem jährlichen Festival junger Theatergruppen wäre. Denn hier machen Kinder und Jugendliche Theater für ihre Altersgenossen. Und sie widmen sich einer Frage, die weit weg scheint von ihrer, unserer Realität, und die in dieser Welt, die eben auch die unsere ist, allzu oft zu bitterem Ernst wird: Wie werden aus spielenden Kindern Killermaschinen, wie wird aus harmlosem Herumtollen mörderische Realität, wie führt die Frage „Was ist Spaß?“ zu jeder anderen: „Was ist Krieg?“ In Kinder | SOLDATEN suchen siebzehn Kinder und Jugendliche diesen Weg, der nicht der ihre ist und es doch, wären sie ein paar tausend Kilometer südlich geboren, sein könnte.

Foto: Jörg Landsberg

Foto: Jörg Landsberg

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