Archiv der Kategorie: Theater an der Parkaue

Auslauf für Sysiphos

Maria Milisavljevic: Beben, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Volker Metzler)

Von Sascha Krieger

Die Welt ist eine Gummizelle. Nur ohne Gummi. Hart sind die Wände, abweisend weiß. Ein Pfäd führt an ihnen entlang. Eine Aneinanderreihung von Schrägen. Auslauf für Sysiphos. Die Insassen: ebenso weiß. Fingernägel und Gesichter „verziert“ mit fluoreszierenden Farben. Dazu passend: Ein (weißes) DJ-Pult in der Mitte des Raums. Der Untergang der Menschheit ist eine Techno-Party. Regisseur Volker Metzler, der mit dieser Inszenierung sein Debüt als Schauspieldirektor des Theaters an der Parkaue gibt, und seine Bühnenbildnerin Claudia Charlotte Burchard haben sich eines der derzeit meistdiskutierten und -gefeierten Stücke des deutschsprachigen Theaters angenommen: Maria Milisavljevics Beben, Gewinner des Heidelberger Stückepreises. Eine Endzeitvision, vielschichtig, sperrig, eine kaum bezwingbar erscheinende Textfläche. Metaphysisches steht neben Konkretem, Dystopie neben Realismus. Ein gottgleiches Wesen ergötzt sich an der Selbstvernichtung der Menschheit; ein Kind wird erschossen und die Mutter will dem Soldaten, der abdrückte, die Hand reichen; ein Dröhnen erfüllt die Welt und lässt sie im Krieg versinken; irgendwo muss jemand immer noch schnell sein Level zu Ende spielen. Ein faszinierender Text, hochkomplex, verwirren, immer wieder auf falsche Fährte lockend, abbrechend und neu ansetzend, wild zwischen den Ebenen springend. Ein Weltpanorama in Fragmenten. Perfektes Material also für das Jugendtheater?

Bild: Christian Brachwitz

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Nicht alles Gold, was glänzt

Friedrich Schiller: Die Räuber, Theater an der Parkaue (Prater), Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Das Überraschendste an diesem Abend: es wird viel gelacht und das ist auch gewollt. Das klingt zunächst seltsam, schließlich sind Friedrich Schillers Die Räuber, das Duell zweier Brüder, das in erster Linie auch eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotie ist, nicht als Komödie angelegt. Bei Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder- und Jugendtheater, schon. Bereits Bühnenbild und Kostüme von Dorothee Curio haben eine dezidiert satirische Note. Gold dominiert: im Mobiliar, dem Kühlschrank, der Kleidung, dem eisernen Vorhang, sogar eine güldene Toilettenschüssel gibt es. Ein goldener Käfig, dessen Oberflächenglanz brüchig ist. Das herrschaftliche Haus der Moors ähnelt von der Einrichtung jenseits der Farbe eher einer abgeranzten Single-Wohnung, wobei die blätternde Farbe des alten Prater-Saals ein Übriges tut. Hier ist nicht nur alles, sondern nichts Gold, was glänzt. Keine Herrlichkeit, sondern Ego-Spiele. Da ist der intrigante Manipulator Franz, sein nicht minder narzisstischer, aus Kränkung zum Rebellen mutierender Bruder Karl, und der von Dennis Pöpping als egomanischer Choleriker gegebene Vater Moor. Ich-AGs in mehrfacher Potenz.

Bild: Christian Brachwitz

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Der kurze Weg vom Spaß zum Krieg

Augenblick mal! 2015 – Kinder | SOLDATEN, Theater Bremen – Junge Akteure (Text und Regie: Gernot Grünewald)

Von Sascha Krieger

„Was ist Spaß?“ Mit dieser Frage beginnt ein Abend, der die beiden Spielarten von Kinder und Jugendliche einbeziehender Theaterarbeit auf geradezu exemplarische Weise verknüpft: das Theater von und jenes für junge Menschen. Ein Abend, der auf dem zentralen Kinder- und Jugentheaterfestival „Augenblick mal! 2015“ ebenso gut aufgehoben ist, wie er es in wenigen Wochen beim Theatertreffen der Jugend, dem jährlichen Festival junger Theatergruppen wäre. Denn hier machen Kinder und Jugendliche Theater für ihre Altersgenossen. Und sie widmen sich einer Frage, die weit weg scheint von ihrer, unserer Realität, und die in dieser Welt, die eben auch die unsere ist, allzu oft zu bitterem Ernst wird: Wie werden aus spielenden Kindern Killermaschinen, wie wird aus harmlosem Herumtollen mörderische Realität, wie führt die Frage „Was ist Spaß?“ zu jeder anderen: „Was ist Krieg?“ In Kinder | SOLDATEN suchen siebzehn Kinder und Jugendliche diesen Weg, der nicht der ihre ist und es doch, wären sie ein paar tausend Kilometer südlich geboren, sein könnte.

Foto: Jörg Landsberg

Foto: Jörg Landsberg

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Theatertreffen der Jugend 2014: Die Teilnehmer stehen fest

 

"Wenn du nicht mehr da bist" (Foto: Christian Brachwitz)

„Wenn du nicht mehr da bist“ (Foto: Christian Brachwitz)

Die Jury des Theatertreffens der Jugend hat die Preisträger der 34. Ausgabe des Festivals bekannt gegeben. Acht Gruppen aus Schulen, der freien Szene und Jugendclubs an Theatern wurden ausgewählt, ihre Inszenierungen vom 30. Mai bis 7. Juni 2014 im Haus der Berliner Festspiele vorzustellen.Die Teilnehmer des 35. Theatertreffens der Jugend sind:

  • poco*mania, Theatergruppe an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Grevenbroich
    „als wär’s ein Stück von mir …“
  • TaGGs Goethe-Gymnasium Schwerin
    „Freiheit und Demokratie, du Wichser!“
  • Theatergruppe Familie Eschenbach, Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Greifswald
    „Looking for Parzival“
  • Jugendinitiative „KarateMilchTiger Unplugged“, Chemnitz
    „Love Life Realityl“
  • JugendtheaterBüro Berlin
    „90/60/90 – Rollenscheiß!“
  • M8MIT! – Jugendclub Münchner Kammerspiele, München
    „PUNK ROCK“ von Simon Stephens
  • Theaterensemble der Stadtteilschule Blankenese, Hamburg
    „Syrien – Der Krieg im Menschen“
  • Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin
    „Wenn du nicht mehr da bist“

(sk / Berliner Festspiele)

 

„Das bringt doch nichts!“

Joanna Praml: Wenn du nicht mehr da bist. Rechercheprojekt mit drei Generationen, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Joanna Praml)

Von Sascha Krieger

Man kann dem Club 4 des Berliner Theaters an der Parkaue wahrlich nicht vorwerfen, die jungen Theaterbesessenen würden sich mit Unwichtigem aufhalten, nein, die großen Themen sind es, die sie umtreiben. Zuletzt widmeten sie sich – sehr kreativ, verspielt und unterhaltsam – dem Thema Liebe: in ihrer gefeierten Arbeit Romeo und Julia, mit der sie es unter anderem auch zum Theatertreffen der Jugend schafften. Jetzt gelang ihnen der nächste Sprung: mitten hinein ins Repertoire des Theaters an der Parkaue. Und wieder ist es ein ganz großes Thema, das sie gemeinsam mit Regisseurin und Club-Leiterin Joanna Praml erarbeitet haben: Es geht um Abschiede im Allgemeinen und um den größten, einschneidendsten und unwiderruflichsten von allen, den Tod. Starker Tobak für die zehn Spieler an der Grenze zum Erwachsensein. Und doch ist es ein typischer Club-4-Abend geworden, wenn es denn so etwas gibt: Spielerisch, unterhaltsam und streckenweise hochkomisch nähern sie sich auf vielfältige Weise und mit unterschiedlichstem Blickwinkeln diesem so schwer erträglichen und nicht leichter fassbaren Thema, dem das spürbar gut tut. Dem Zuschauer ergeht es ähnlich.

"Komm, süßer Tod" (Foto: Christian Brachwitz)

„Komm, süßer Tod“ (Foto: Christian Brachwitz)

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Theater im Fleischwolf

Theatertreffen der Jugend 2013 – HAMLET nach Shakespeare in der zeitgenössischen Textfassung von Christopher Kriese, Theater Performance Kunst RAMPIG, Heidelberg

Von Sascha Krieger

Jetzt also die ganz große Kunst: Da haben sich die Ensembles beim diesjährigen Theatertreffen der Jugend an der Lebenswirklichkeit junger Menschen abgearbeitet, sich mit Liebe, Zukunftsängsten und Rollenbildern auseinandergesetzt, mit dem Theater auch als Begegnungs-, Erfahrungs-, Experimentierort, da gab es Politisches und Persönliches und nicht immer ließ sich das klar unterscheiden. Da ist es jetzt Zeit, das Theater als Kunstraum wiedereinzufordern und das macht das Ensemble von Theater Performance Kunst RAMPIG mit ihrem HAMLET ohne Kompromisse. Wobei die Großbuchstaben Programm sind: Hier werden keine kleinen Brötchen gebacken, hier ist Theater und Tanz und Performance Art und Bildende Kunst und Video und Musik und Rauminstallation. Postdramatik beim Theatertreffen der Jugend. Darauf muss man auch erst einmal kommen.

Foto: Nikola Neven Haubner

Foto: Nikola Neven Haubner

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“Das musst du gesehen haben!“

Theatertreffen der Jugend 2013 – Romeo und Julia, Parkaue-Club 4, Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Entschuldigung: Eigentlich sagt eine Darstellerin, spiele man ja nur selbst entwickelt Stücke. Diesmal dagegen solle es ein Klassiker sein, Romeo und Julia, eines der meistgespielten stücke überhaupt. Die Spielleiterin Joanna Praml wollte es so. Also stellt man sich auf, in Zweierreihe, und deklamiert den Eingangsmonolog, der energisch, fast ein wenig aggressiv und sehr laut gerufen wird, nach dem er sich aus einem anfänglichen kollektiven schälen herausgeschält hat. Doch kaum ist er zu Ende, schert einer aus. Julius heißt er und verkündet: „Ich kann hier nicht so einen Scheiß spielen.“ Damit hat er die anderen Jungen auf seiner Seite und eine Art Geschlechterkampf entbrennt. Noch ein paar Mal versuchen die Mädchen, mit dem Stück fortzufahren, doch irgendwann müssen auch sie die Unmöglichkeit des Unterfangens einsehen.

Foto: Christian Brachwitz

Foto: Christian Brachwitz

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