Archiv der Kategorie: Thalia Theater Hamburg

Ich ist alle Anderen

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Da nahen sie. Wieder? Die schwankenden Gestalten. Aus dem Nebel. Der Erinnerungen? Der Drogenräusche und Selbstzerstörungsroutinen? Es ist auch nur eine Gestalt, die da zu Worten aus Goethes Faust herantaumelt. Die Figur eines Journalisten und Autors, Pop-Stars und Drogensüchtigen, die Hauptfigur von Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischem Buch Panikherz, bei der man nicht den Fehler machen sollte, sie mit dem Autor selbst zu verwechseln. Christopher Rüping vermeidet ihn in seiner Hamburger Inszenierung denn auch. Sie folgt auf Oliver Reeses Berliner Uraufführung. Wo dieser seinen Abend, seine Ich-Analyse und -Neudefinition aus dem Lieblingsmedium des ehemaligen Plattenkritikers, der Musik, ableitete, sucht sich Rüping tief in den Text hinein, in den Akt des Erzählens als Kern der Identitätsschaffung. Die bei ihm – wie bei Reese – eine aufgespaltene ist. Gleich sieben Benjamins bevölkern die Bühne in unterschiedlichen Konstellation. Sie repräsentieren unterschiedliche Lebensphasen, manche die zurückblickende Gegenwart, andere die herbei imaginierte Vergangenheit.

Bild: Sascha Krieger

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Auf den Spielplatz!

Theatertreffen 2018 – Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Ein Sarg, zwei Männer, zwei Tote. Der eine hängt einen Kranz auf, der andere nimmt ihn wieder ab, ersetzt ihn durch ein Porträt, Kirk Douglas ist zu erkennen, er hat einmal Odysseus gespielt. Jetzt betrauern ihn die Söhne, der eheliche Telemachos und der Zauberinnen-Sohn Telegonos, die bislang nichts voneinander wussten. Der eine erinnert den Vater als gewalttätigen Krieger, der andere als neugierigen Wanderer. Welches Bild stimmt, tut es überhaupt eines, kann es das? Die Geschichten werden sie durchspielen, mit dem Furor kleiner Kinder: die Überlistung des Polyphem, der Sieg in Troja, all die Heldegeschichten, die in ihnen stecken, sie geformt haben, den Vater, den sie nicht kennen, ersetzen mussten, das eigene Ich vorprägten. Spielmaterial sind sie geworden, blutige Märchen, ihr Held ein Mythos? Eine Geschichte selbst. Aber welche und wessen? Verschlagen, verbissen, erfindungsreich kämpfen die beiden Sandkastenhelden um die Deutungshoheit, legen einander rein, führen den Anderen vor, ein albern infantiler Slapstick der Selbstbehauptung.

Bild: Armin Smailovic

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Es lebe die Narrheit

Edmond Rostand: Cyrano de Bergerac, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Ein Vorhang, ja, ein echter Vorhang. Rot und schwer hängt er da zu Beginn dieses Dreistünders und kündet: Hier wird Theater gemacht. Ganz klassisch, mit vierter Wand und Illusion und Geschichte und so. Und ohne Fremdtext. Hach, ist das altmodisch. Das war es nicht immer. Als Leander Haußmann einst die deutschsprachigen Bühnen stürmte, war seine Feier des reinen Spiels eine Sensation, ein frischer, reinigender Sturm, der Staub hinwegfregte und Hirne befreite, der so viel Lust machte wie er lustvoll war. Eine Liebesgeschichte war es, die vor allem hängen blieb, seine gefeierte Münchner Inszenierung von Romeo und Julia, zwei Liebende, die zueinander nicht kommen konnten und doch alles, auch das Leben, gaben, um dem Schicksal und den Verhältnissen zu tropfen, die sich und den anderen im und durch das Spiel fanden, auch wenn sie einander verloren. Von der Unmöglichkeit asymmetrischer Liebe kündet nun auch dieser Abend, 25 Jahre später. Ein paar Worte Heines (ein bisschen Fremdtext gibt es dann doch) künden davon, vorgetragen von Marina Wandruszka im Nonnenkostüm, vor dem zweiten illusorischen Vorhang, der sich bald als semitransparent entpuppt. Dahinter: die Spiegelung des Thalia Theaters.

Bild: Krafft Angerer

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Unter totem Schimmel

Theodor Storm: Der Schimmelreiter, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Johan Simons) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Die Glocke läutet, obwohl sie still steht. Das Geläut weht von fern heran, von wo auch schwarz gekleidete Gestalten herantreten, stehen bleiben oben auf dem Kamm der Schräge (Bühne: Bettina Pommer), der Deichkrone, in sanftem Wind und dem Schatten vorbeiziehender Wolken (oder ist es die Spiegelung des Wellenspiels einer ewig ruhenden See?). Hölzern ist der Deich, so hälzern wie der Boden der Geschichte, die hier erzählt wird. In seiner unverwechselbar schneidend dauerleidenden Stimme berichtet Jens Harzer vom Jahr 1756, von der großen Sturmflut, die dem Deichgrafen Hauke Haien und seiner Familie das Leben kosten wird. Siebenmal geschieht das im Lauf dieser knapp drei Stunden, siebenmal die gleiche Erzählung, immer ein wenig anders im Tonfall, die Figurenaufstellung stets etwas abgewandelt. Textteile kommen hinzu, die Erzählung mündet direkt in Spielandeutungen, die ähnlich statisch sind wie die erzählerische Aufreihung der pietistisch streng in Schwarz gekleideten Unbeweglichen. Irgendwann, gar nicht merklich, biegt die Geschichte ab. Tiefer in die Vergangenheit, in die Vorgeschichten(n) der Katastrophe: die Kindheit Haukes, das Kennenlernen seiner späteren Frau, die Karriere als Deichgraf, die Anfeindungen der Dorfgemeinschaft. Erst ganz am Ende, beim siebten Versuch, wird die Geschichte zu Ende erzählt. Und findet ein Ende doch nicht.

Bild: Krafft Angerer

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Ein Selfie mit Werther

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Werther!, Thalia Theater, Hamburg, Gastspiel am Berliner Ensemble, Berlin (Regie: Nicolas Stemann)

Von Sascha Krieger

Werther also, der Schrecken ungezählter Schülergeneration, die Urgeschichte des verlorenen jungen Menschen, der an seiner jugendlichen Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit zu Grunde geht. 1997 ist die Inszenierung entstanden, in einem Nürnberger Klassenzimmer. Philipp Hochmair kam damals frisch von der Schauspielschule, Philipp Stemann baute gerade eine kleine Truppe auf, die seine ersten Inszenierungen ermöglichte. 19 Jahre später ist ihr Werther! (seit 2009 im Repertoire des Hamburger Thalia Theaters) ein Welthit, ein Dauerbrenner, ein Gastspielfeuerwerk. Wo er gespielt wird, bevölkern mürrische Oberstufenklassen den Saal, die am Ende begeistert applaudieren. Beim Werther? Warum das so ist, ist ziemlich einfach zu erklären. In gerade einmal 70 Minuten beantwortet der Abend eine Frage, an der Generationen von Deutschlehrern gescheitert sind: Was hat Werther uns heute zu sagen? Was hat er mit uns zu tun?

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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„Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen!“

Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, Thalia Theater Hamburg (Regie: Nicolas Stemann) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

Elfriede Jelinek ist wütend. Wütend über die Art und Weise, wie unsere, komfortable, reiche, selbstgerechte, Gesellschaft mit jenen Umgehen, die unter Einsatz ihres Lebens versuchen zu uns zu kommen, um Schutz zu suchen und nicht mehr zu finden als etwas Leben. Ausgelöst wurde ihr neuestes Stück Die Schutzbefohlenen von den Ereignissen in Wien 2012, als Flüchtlinge in der Votivkirche Schutz suchten, über mehrere Stationen weitergereicht wurden, sich von Rechtsextremisten attackieren lassen mussten, und am Ende in so manchem Fall kaltblütig abgeschoben wurden. Zu den Abgewiesenen, so erfahren wir in einem Nebensatz, ist jeder Kontakt abgebrochen. Uns als Gesellschaft, so konstatiert Jelinek, ficht das nicht an. Ganz im Gegensatz: Der Tod, so ist sie sicher, ist kein Kollateralschaden, sondern ein legitimes Mittel, das „Flüchtlingsproblem“ zu lösen. So scharf, so dicht, so intensiv war lange kein Jelinek-Text mehr. In einem Ich, das ein Wir ist, kommen die Sprachlosen zu Wort, die „Unerhörten“, die Unsichtbarzumachenden. Aber es sind, und dessen ist sich der Text stets bewusst, eben nicht ihre Worte, sondern jene einer der Privilegierten, einer jener, die dort leben, wo jene hin wollen, welche die Freiheit verteidigen, die sie jenen verweigern.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Franchise-Theater

Foreign Affairs 2014 – Pascal Rambert: Ende einer Liebe, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Pascal Rambert)

Von Sascha Krieger

Theater nach dem Wiederholungsprinzip: Der französische Theatermacher Pascal Rambert hat Clôture de l’Amour für das Festival von Avignon 2011 geschrieben und dort inszeniert. Das funktionierte offenbar so gut, dass Rambert daraus gleich eine theatrale Serienproduktion gemacht hat: Seitdem hat er die Inszenierung in Moskau, Zagreb und New York mit dortigen Schauspielern und in der jeweiligen Landessprache wiederbelebt. Jetzt ist Deutschland dran, genauer gesagt das Hamburger Thalia Theater. Jenz Harzer und Marina Galic spielen hier nun die Szenen einer gerade zu Ende gegangenen Liebe. Der Theaterbetrieb als Fließband, als Franchise-Betrieb nach Vorbild von Fastfood-Ketten – Henry Ford hätte seine helle Freude. Die Geschichte passt für eine solche Serialisierung perfekt, ist sie doch vollkommen universell: Er macht mit ihr Schluss, erklärt warum, worauf sie im Anschluss seine Anwürfe erwidert. Rambert stellt sie in größtmöglicher Distanz zu einander auf, wer gerade spricht, ist den Publikum halb zugewandt, der Zuhörende halb abgewandt. es ist eine streng formale Versuchsanordnung, eine prototypische Trennung aus dem Labor menschlicher Gefühle. zwischen den beiden Monologen singt ein Kinderchor vom Kuckuck und vom Esel und deren Streit darüber, „wer wohl am besten sänge“. Das ist natürlich symbolisch gemeint.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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