Archiv der Kategorie: Stephan Kimmig

Kalte Welt

Friedrich Schiller/Mario Salazar: Demetrius/Hieron. Vollkommene Welt, Deutsches Theater, Berlin (Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Wenn der Regisseur einer Uraufführung dem zu inszenierenden Stück in einer Doppelaufführung ein zweites zur Seite stellt, kann das sicherlich eine Reihe von Gründen haben. Vielleicht will er einen Kontext schaffen, Korrespondenzen ausloten, Aussagen durch Parallelität oder auch Gegensätze schärfen. Was auch immer der jeweilige Beweggrund sei: Es spricht zumindest nicht dafür dass dem Text selbst zugetraut wird, in seiner ersten Inkarnation auf einer Bühne  für sich selbst zu stehen. Da hilft es auch wenig, die Uraufführung besonders prominent zu platzieren, etwa zur Spielzeiteröffnung. Trotzdem hat Stephan Kimmig für die Uraufführung von Mario Salazars Hieron. Vollkommene Welt genau diesen Weg gewählt. Warum, erschließt sich auch nach diesem in seiner Gesamtheit misslungenen Abend nicht.

Foto: Sascha Krieger

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Jenseits der Sprache

Autorentheatertage 2013 – Franz Xaver Kroetz / Stephan Kaluza: Stallerhof / 3D, Schauspiel Stuttgart (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Am lautesten an diesem Abend ist die Stille: jene unerträglich langen Momente, in denen niemand spricht, sich keiner bewegt, vermeintlich nichts geschieht. Momente, in denen die Sprachlosigkeit die Kontrolle übernimmt, die Unfähigkeit zur Kommunikation, die Übermacht des gesunden Menschenverstandes, des Pragmatismus‘, der den Menschen den Atem nimmt, sie leblos erscheinen lässt. Wie sie da reglos an ihren Küchentischen (Bühne: Oliver Helf) sitzen, wie der Vater sich hinter seiner Zeitung versteckt, die Mutter leer vor sich hinstarrt, die Tochter Beppi, die alle für „zurückgeblieben“ halten, mit fragendem Blick in diese tote Welt schaut: Hier, in dieser Inszenierung von Franz Xaver Kroetz‘ immer noch erschütterndem Stallerhof, ist gleich zu Beginn alles da, alles präsent, die ganze Geschichte eines Mädchens, das nicht ins Räderwerk dieser durch und durch vernünftigen Welt passt und deshalb unter die Räder kommt. Die ruhigen, unaufgeregten, eisigen Stimmen der Eltern zerschneiden den Raum, hallen hart und blechern durch die leere Welt, und mittendrin: das missbrauchte Kind – geistig von den Eltern, sexuell vom Hofknecht Sepp.

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Polternd durch die Weltgeschichte

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2011, ist ein Exemplar einer wahrhaft seltenen Spezies: ein Bestseller, der gleichzeitig von der Kritik fast einstimmig gefeiert wurde wie lange kein deutschprachiges Buch mehr. Ruge erzählt darin eine Familiengeschichte, die von der eigenen mehr als nur inspiriert ist: die Großeltern überzeugte Kommunisten, welche die Nazidiktatur im mexikanischen Exil verbracht haben, der Vater erfolgreicher Historiker mit dunkler Vergangenheit in einem stalinistischen Arbeitslager, der Sohn rastlos durch sein Leben treibend, gegen die Dogmen der alten rebellierend und letztlich in den Westen ausreisend. Ruge erzählt in seinem Roman nichts weniger als die Geschichte eines Landes und er tut dies, in dem er eigentlich nur“ eine Familiengeschichte erzählt, wichtige Ereignisse wie zum Beispiel den Mauerbau lässt er ganz aus und doch sind sie gegenwärtig. In seiner Multiperspektivik, seinem ständigen Wechseln zwischen den Zeiten gelingt es Ruge, ein Gesamtbild zu malen, das aus vielen Mosaiksteinchen zusammengefügt ist eben deshalb so etwas wie Universalität vermittelt, weil es im Persönlichen, im Individuum selbst verwurzelt ist. Ruge hat seinen Roman jetzt selbst fürs Theater bearbeitet und Stephan Kimmig besorgt eine Uraufführung, die kaum erahnen lässt, warum der Roman so viele fasziniert und begeistert hat.

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Wirklichkeitsraum Mehrzweckhalle

Yasmina Reza: Ihre Version des Spiels, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Da hat das Deutsche Theater einen wahren Coup gelandet. Völlig egal, dass Ihre Version des Spiels so gar nicht unter das Spielzeitmotto „Macht Gewalt Demokratie“ passen will, dem das Haus mit seinen ersten Premieren der Saison penibel gefolgt war. Eine Uraufführung der derzeit weltweit meistgespielten Dramatikerin überhaupt bekommt man nicht alle Tage. Und das obwohl Yasmina Rezas deutscher Stammregisseur Jürgen Gosch vor einigen Jahren verstarb und sie, wie sie es im Programmheft-Interview ausdrückt, „ein wenig verwaist“ gewesen sei. Und doch kommt Ihre Version des Spiels ganau hier auf die Bühne, zum einen, weil mehrere Versuche, es von Luc Bondy uraufführen zu lassen, zunächst in Wien, später in Paris, gescheitert waren, zum anderen, weil Reza hier mit Corinna Harfouch ihre Wunschbesetzung für die Hauptrolle der Schriftstellerin Nathalie Oppenheim zur Verfügung hatte. Da ist es fast zweitrangig, dass Stephan Kimmig Regie führt – der Abend funktioniert genau solange, wie es Harfouchs Abend ist. Erst als Kimmig merklich die Regiezügel in die Hand nimmt, verliert er an Schwung und offenbart auch so manche Schwäche des Stücks, das dann eben doch nicht Kunst oder Der Gott des Gemetzels ist, Rezas meistgespielte Stücke.

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Machtspieler

Sophokles, Euripides, Aischylos: Ödipus Stadt, Deutsches Theater Berlin (Regie Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

„Macht Gewalt Demokratie“: Unter dieses Motto hat Intendant Ulrich Khuon die neue Spielzeit am Deutschen Theater gestellt und Stephan Kimmig hat einen Eröffnungsabend inszeniert, der zurückführt in die Geburtsstunde des Dramas, die griechische Tragödie, ein Theater, das aus der Athener Demokratie entstand und in dem es immer um die Verstrickung des Menschen, vor allem jene in Gewalt und Macht geht. Das gilt nirgends mehr als im Mythos um das Geschlecht der Labdakiden. Und so überrascht es nicht, dass alle drei großen Tragöden, Sophokles, Euripides, Aischylos, sich mit diesem Mythos befasst haben, mit Ödipus, Kreon und Antigone, diesen Schuldbeladenen, die stets Opfer aber eben immer auch Täter sind. John von Düffel hat aus vier dieser Dramen, darunter Sophokles König Ödipus und Euripides‘ Antigone ein zweieinhalbstündiges Destillat geschaffen, das in drei Teilen daher kommt: Der erste erzählt die Geschichte von König Ödipus, der unwissend seinen Vater erschlug und die Mutter ehelichte, die zweite vom Bruderzwist von Ödipus‘ Söhnen, die dritte vom Konflikt zwischen dem neuen König Kreon und Antigone, die ihren abtrünnigen Bruder bestatten will. Immer geht es dabei um Gewalt und stets auch um Macht – um die, die sie ausüben, jene, die sie anstreben, jene, die unter ihr leiden. Und immer auch um das, was sie mit jedem von ihnen anstellt. Stephan Kimmig inszeniert das als hemdsärmeliges Kammerspiel, in dem er dem großartigen Ensemble viel Raum lässt, Konstellationen durchzuspielen, Nuancen auszuloten und unter die Oberfläche zu blicken. Und er erbringt dabei den Beweis, dass sich Regie- und Schauspielertheater nicht ausschließen müssen.

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Szenen eines Untergangs

Anton Tschechow: Der Kirschgarten, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Es ist ein Kreuz mit diesem Kirschgarten: Kaum ein Stück scheint so sehr in diese Zeit zu passen wie dieses Portrait einer Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse lebt und nicht wahrhaben will, dass es so nicht weitergehen kann. Kein Wunder also, dass landauf landab derzeit Kirschgärten aus dem Boden schießen – allein in Berlin ist es in dieser Spielzeit bereits der dritte. Nachdem Thomas Langhoff in seiner letzten Regiearbeit eine bereits untergegangene Gesellschaft in einem Beckettchen Nirgendwo verortete und Hein / Lensing eine lärmende Hysterikergruppe auf die Bühne stellte, ist Stephan Kimmigs Interpretation wohl die heutigste und gleichzeitig die uneinheitlichste. Dabei ist es keineswegs so, dass ihm nichts einfiele – ihm fällt im Gegenteil vielleicht zu viel ein, er verfolgt zu viele Ansätze, die er nicht ganz zusammenbringt.

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Eugene O’Neill: Trauer muss Elektra tragen, Deutsches Theater Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Zweifellos ist es für ein Fazit dieser noch jungen Berliner Spielzeit viel zu früh, und doch lassen sich bereits zwei Trends feststellen: Der eine sind Inszenierungen ohne erkennbare Regiearbeit (Leander Haußmanns Rosmersholm ist hier ebenso zu nennen wie Andreas Kriegenburgs Winterreise), der andere Regisseure, die ihre Stücke so weit entkernen, alle denkbaren oder inhärenten Themen und Interpretationsansätze als irrelevant, überholt, nicht zeitgemäß verwerfen, bis nichts mehr übrig bleibt (Friederike Hellers Einsame Menschen). Das Ergebnis sind in beiden Fällen Inszenierungen, die uns nichts zu sagen haben, weil sie nichts sagen können oder gar wollen. Eine seltsame Leere hat die etablierten Häuser Berlins ergriffen (mit wenigen Ausnahmen wie Michael Thalheimers eindrucksvoller Unschuld-Inszenierung). Stephan Kimmigs O’Neill-Abend am Deutschen Theater kann mit gutem Recht als vorläufiger Tiefpunkt angesehen werden, gelingt es ihm doch, beide Trends zu verbinden. Hier ist ein Regisseur, der ein Stück auf die Bühne bringt, das er zunächst sämtlicher Themen entledigt hat und der sich anschließend jeglicher erkennbarer Regie verweigert. Knapp zwei Stunden waren selten so lang.

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Judith Herzberg: Über Leben, Deutsches Theater Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Es ist ein wahrer Kraftakt, den Regisseur Stephan Kimmig und sein Ensemble stemmen. Drei Stücke, eine Trilogie der niederländischen Dramatikerin und Dichterin judith Herzberg, an einem Abend, viereinhalb angespannte, zumindest schauspielerisch intensive, auf jeden Fall für Ensemble wie Zuschauer anstrengende.  Stunden.

Zwischen 1982 und 2002 entstanden, umspannen Leas Hochzeit, Heftgarn und Simon die Geschichte einer jüdischen Familie über 26 Jahre und drei Generationen hinweg. Im Mittelpunkt stehen Simon und Ada, Holocaust-Überlebende, ihre Tochter Lea und Riet, eine nichtjüdische Frau, bei der Lea im Krieg Zuflucht fand und die von dieser immer noch Mama genannt wird. Dazu kommen Nico, Leas dritter Mann, und seine Familie, sowie einige Figuren an der Familienperipherie.

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Maxim Gorki: Kinder der Sonne, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Kinder der Sonne, geschrieben in Folge und unter dem Einfluss der gescheiterten russischen Revolution von 1905, ist ein Stück über Gegensätze. Auf der einen Seite die „Kinder der Sonne“, die russische Intelligenz, erfüllt vom Glauben, für das Wohl der breiten Masse zu arbeiten, aber eingeschnürt in ihrer eigenen kleinen Realität. Auf der anderen steht der Pöbel, stumpf, unidealistisch, gewalttätig. Aus dieser Spannung zieht das Drama seine Energie, seine Wirkung. Nur vor dem Hintergrund des Außen, der wahren Welt, sind die narzisstischen, um sich selbst drehenden Diskussionen der Möchtegern-Weltverbesserer zu verstehen, nur vor ihm haben sie eine dramatische Funktion. Kinder der Sonne ist ein zutieft pessimistisches Stück: Weder die Elite, noch das Proletariat erscheinen hier als Motoren eines Wandels zum Besseren.

Stephan Kimmig nimmt zwei zentrale Änderungen vor: Erstens verlegt er das Geschehens in die heutige Zeit (wie Gorki es in die Vergangenheit schob), zweitens blendet er den Pöbel, das einfache Volk fast vollständig aus. Übrig bleibt nur der Hausmeister Jegor, der ein bisschen pöbeln darf, einige clowneske Momente hat, aber eher lächerlich als bedrohlich wirkt. Einmal darf er mit einem Hammer den von Katja Haß gebauten Stangenwald malträtieren. Ein Bild der Bedrohung der fragilen Innenwelt durch die Gewalt der Realität, dass in seiner Einfalls- und Hilflosigkeit seinesgleichen sucht.

Mit der Beschneidung des Personals und dem Bühnenbau endet dann auch die Regiearbeit Kimmigs weitgehend. Er stellt einfach ein Ensemble auf die Bühne, das jeden Theaterliebhaber mit der Zunge schnalzen lässt. Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sven Lehmann oder Katharina Schüttler, so meint er, werden schon etwas draus machen. Und natürlich tun sie das, jeder für sich. Matthes spielt den Protassow als weltfremden lächerlichen Jammerlappe weit jenseits der Grenze zur Parodie, Nina Hoss spielt jede Schattierung des Gelangweiltseins durch, Lehmann probiert jede Nuance aus, die seine schnarrende Stimme hergibt und ergeht sich ansonstem in einem spöttischen Lächeln, das den Eindruck erweckt, es gelte der Inszenierung selbst. Nur Katharina Schüttler fühlt sich sichtlich unwohl und erscheint irritiert ob des behaupteten Weltschmerz, den sie darstellen soll. Ihre Lisa ist in der Verweigerung des oberflächlichen Leidens vielleicht die authentischste Figur.

Ansonsten spielt man vor sich hin und nebeneinander her, wird von Zeit zu Zeit zu bedeutungsschwangeren Tableaus aufgestellt, die eher das Niveau eines Fotoshootings für „Germany’s Next Topmodel“ haben, und wartet ansonsten auf den Vorhang. Da ist keine Spannung, zum einen weil der Reibungspunkt der feindlichen Außenwelt, der „echten“ Realität fehlt, aber auch weil sich Kimmig weigert, das ganze wenigstens als Kammerspiel, als Drama einer hermetisch abgeschotteten Parallelwelt, zu inszenieren, wenn nicht als Tragödie, dann wenigstens als Farce. Aber es ist nicht einmal eine ironische Darstellung einer überdrehten Mittelklasse von heute. Was da auf der Bühne zu sehen ist, sind Aufwärmübungen eines Schauspiel-Workshops. Machen Sie mal einen weltfremden Professor. Sehr schön. Und jetzt ist Mittagspause.

Theatertreffen 2010 – Dennis Kelly: Liebe und Geld, Thalia Theater Hamburg (Regie: Stephan Kimmig)

Dennis Kelly gehört derzeit, gerade auch in Deutschland, zu den meistgespielten britischen Autoren. Nach jeder Inszenierung, jedem neuen Stück, stellt sich jedoch immer lauter die Frage, warum das so ist. Kellys Texte sind oft nicht viel mehr als Skizzen, Handlung und Dialoge nicht selten plakativ, die Figurenentwicklung im besten Fall rudimentär vorhanden.

Bei „Liebe und Geld“ ist das nicht anders. Da geht es, passend zum Thema des diesjährigen Theatertreffens, um den im Titel annoncierten Gegensatz. Jess, eine kaufsüchtige Ehefrau, hat sich umgebracht, David, ihr Mann, hat nachgeholfen. Erzählt wird die Geschichte durchaus souverän episodenhaft in mehreren Zeitsprüngen.

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