Archiv der Kategorie: Stefan Pucher

Unterkühlte Gespenster

Frank Wedekind: Lulu, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Die Aufgabe, die sich Stefan Pucher gestellt hat, ist nicht gerade trivial: Frank Wedekinds Lulu, diese düster morbide Feier befreiter Sexualität mit der Frau als einer Art personifiziertem Lustprinzip bietet sich nicht unbedingt für eine emanzipatorische, gar feministische Lesart an. Zumal, wie das Programmheft zugibt, das Kernteam – inklusive längst totem Autor – vollständig männlich ist. Was also tun, um das Objekt Frau, das auch Wedekinds Lulu immer bleibt, aus ihrer Rolle, ihren Rollen zu befreien, oder diese zumindest als durchdring- und damit überwindbar deutlich zu machen? Puchers Antwort: Lulu muss sterben, um neu anfangen zu können. Also zwängt er sie zu Beginn in ein enges Rechteck in dem fünf Männer aufgereiht sind. Einer erwählt sie, das Objekt, und bringt sie um.Sie rutscht die gerade entstandene Treppe herunter, leblos, ausgenutzt, weggeworfen. Barabara Ehnes‘ Bühne besteht aus in einander geschobenen und verschiebbaren Rechtecken, eine Art Matrjoschka zunehmend engerer Einhegungen, die mal eine wand bilden, mal eine Treppe, mal bedrohlich gen Rampe drücken. Befreit werden kann die Frau aus diesem Gefängnis nur durch den Tod, wiederauferstehen als Gespenst, als Spuk, als Heimsuchung.

Bild: Julian Röder

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Im Kasperletheater der Geschichte

Peter Weiss: Marat / Sade, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wäre Peter Weiss 100 Jahre alt geworden. Das HAU hat ihm deshalb zu Spielzeitbeginn ein ganzes Festival gewidmet, am Deutschen Theater, das sich in diesem Jahr mit den Spielzeitmotto „Keine angst vor Niemand“ betont politisch gibt, reicht es immerhin für eine Neuinszenierung im großen Saal. Dass die Wahl dabei auf Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade – der vollständige Titel sollte einmal genannt sein – liegt, ist doppelt erklärlich. Zum einen ist das Stück neben Die Ermittlung zweifellos Weiss‘ bekanntestes und populärstes – zum anderen passt es wohl auch am besten in unsere Zeit. Mit der – fiktionalen – Konfrontation des Revolutionärs und Verfechter gesellschaftlicher Bewegungen Jean Paul Marat und des radikalen Individualisten Marquis de Sade zielte Weiss sehr deutlich auf die Restorations- und Verdrändgungsbemühungen Nachkriegsdeutschland. In einer Zeit, in der sich so mancher berechtigt fühlt, auf Weiss‘ Frage „Wer ist das Volk!“ mit einem exklusiven „Wir!“ zu antworten, in dem Geschichtsvergessenheit und Schlussstrichverlangen sich erneut mit gesellschaftlich sanktioniertem Egoismus paaren, schreit das Stück geradezu nach einer neuerlichen Hinterfragung.

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Bild: Arno Declair

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Ein CSU-Ortsverein entdeckt das Internet

Theatertreffen 2016 – Henrik Ibsen (Bearbeitung: Dietmar Dath): Ein Volksfeind, Schauspielhaus Zürich (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Am Sonntag war mal wieder Theater und Netz. Zum vierten Mal versuchte sich die von nachtkritik.de und Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete Konferenz dem schwierigen Verhältnis der analogen Kunstform Theater mit einer längst vom Digitalen dominierten Gesellschaft widmen. Nicht besonders erfolgreich, weil die Macher vor lauter Extremismusangst in Deutschland das Thema aus dem Auge verloren und vor allem über Politik, ein bisschen über Netz und dann wieder über Theater debattieren ließen, aber immer schön fein säuberlich getrennt. Wie wichtig ein solches Format aber nach wie vor ist, zeigt drei Tage später das Theatertreffen. Da gastiert nämlich das Schauspielhaus Zürich mit einem Volksfeind, der sich in der Bearbeitung Dietmar Daths aufmacht, Demokratie und Meinungsmache im Internetzeitalter nachzuspüren. Und dabei exemplarisch das – schon reichlich widerlegte – Klischee bestätigt, Theatermacher verstünden das Internet nicht. Was offenbar auch für manchen Theaterkritiker zu gelten scheint – anders ist die Einladung des abends zum Theatertreffen kaum zu erklären.

Das Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2016 (Bild: Sascha Krieger)

Das Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2016 (Bild: Sascha Krieger)

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Im schwarzen Loch

Henrik Ibsen: Nora. Für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Es ist manchmal ein Kreuz mit dem Deutschen Theater. Da produziert es zuletzt einen Clavigo, der sich so radikal jeglicher Aussage zu der Welt, in der wir leben, verweigert, knallt einen Eisler-Abend auf die Bühnenbretter, der so konsequent die Vergangenheit bewohnt, dass sich beide um den Belanglosigkeit-Oscar streiten, und jetzt das: Kaum inszeniert Stefan Pucher eine Nora, die Armin Petras sehr konsequent in eine Gegenwart übertragen hat, die er für die unsrige hält, ist es dem mehr oder weniger geneigten Kritiker auch nicht recht. Wobei dem Abend ein echtes Kunststück gelingt: Eine so dezidiert heutige Textfassung derart beliebig und nichtssagend erscheinen zu lassen, muss man auch erst einmal hinbekommen. Armin Petras schafft das. Er verpflanzt die Bankiersgattin Nora, die einst mit einem Betrug dem geliebten Mann das Leben rettete, und eben diesen, einen sich hinter seinem Moralpanzer verschanzenden Karrieristen, in die neoliberale Neuzeit, wo, wie Petras im Programmheft sagt, alles ökonomisiert sei, Menschen und Gefühle den Marktmechanismen unterlägen wie alles andere auch. Dazu sprechen sie eine Sprache irgendwo zwischen Prenzlauer-Berg-Hipster-Denglish und Pseudo-Klartext-Vulgarität nach Art der Geissens (wer den Bezug nicht versteht, darf sich glücklich schätzen). Sie sagen Dinge wie „Ich bin so dizzy“ oder „Du bist so (…) old style, so last season“ und wünschen sich zu Weihnachten Geld.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

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Endlicher Spaß

William Shakespeare: Was ihr wollt, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Nein, eine ganz so harmlose Verwechslungskomödie ist William Shakespeares Was ihr wollt nicht. Zu zufällig, zu aufgesetzt ist die Lösung, die der Barde seinen die Grundfesten gesellschaftlichen Konsenses zu erschüttern drohenden Liebesverwicklungen schenkt, zu unsicher die Identitäten seiner Protagonisten. In Was ihr wollt kommt so manches ins Rutschen: Geschlechterrollen und -differenzen, sexuelle Identitäten und Orientierungen, die feste Abgrenzung des Ichs vom Anderen. Es gehört sicher zu den Stücken, die am meisten Anknüpfungspunkte an aktuelle Debatten etwa um Genderrollen und konstruierte Identitäten bieten. Da erstaunt es wenig, das Stefan Pucher genau diese Aspekte des Stücks in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellt. Hier ist von Anfang an nichts sicher. Das zentrale Figurenpaar, die Zwillinge Viola, die sich als Mann Cesario verkleidet, und Sebastian, lässt er nicht nur beide von Katharina Marie Schubert spielen, er erlaubt ihnen auch keinerlei Unterscheidungsmerkmale, so dass sie letztlich wie eine Figur erscheinen. Der Knabe, der eine Frau ist, und den Gräfin Olivia ebenso begehrt wie Graf Orsino und der Mann Sebastian, den sie letztlich, für Cesario haltend, ehelicht, sind ein- und derselbe, männliches und weibliches Geschlechterkonstrukt zerfließen und sind bestenfalls plumpe Abziehbilder. Zumal Pucher Cesario/Viola nochmals spaltet und in Selbstgesprächen mit sich debattieren lässt. Der schein ist das Sein, was wir sehen wollen, wird zur einzig möglichen Realität, das Geschlecht bloße Konstruktion, die Frage nach der „richtigen“ Sexualität Makulatur, „Ich bin auch nicht, wer ich bin“ der Schlüsselsatz.

Das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

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Dirigent des Nichts

Bertolt Brecht: Baal, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

„Baal ist“, „Baal hat“, „Baal will“: Kaum ist das Saallicht erloschen, erfahren wir, wer dieser Baal, von dem Brecht in seinem Frühwerk erzählt sei. Der das erzählt ist ein schwitzender Clown mit weißer Schminke im Harlekinskostüm. Christoph Franken spielt, nein, im besten Sinne verkörpert ihn, der nun Baal sein soll. Die Videowand zeigt Publikumsbilder, Tabea Bettin bringt die Zuschauer Per Handykamera live auf den Schirm, während unten Baals Auftritt zunächst bejubelt und dann angewidert verurteilt wird. Hier, so ist schnell klar, wir nicht gefressen, gehurt und gemordet, hier wird Theater gespielt. Die Darsteller sind grell, zunehmend grotesk geschminkte Mimen in lustigen, meist in Schwarz, Weiß und Rot gehaltenen Kostümen von unterschiedlichem Abstraktionsgrad, die gestelzt agieren und gekünstelt sprechen. Baal beginnt auf einer Soiree und hat einen seiner Höhepunkte in einem Nachtcafé, heute würde wir es wohl Varieté oder Kabarett nennen. Bei Regisseur Stefan Pucher verlässt das stück nie diesen Raum, ist alles Spiel, Show, Komödie.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Komm, süßer Tod!

Sophokles: Elektra, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Vielleicht liegt es ja, daran, dass der Winter spürbar Einzug gehalten hat in Berlin: In jedem Fall ist der Tod derzeit allgegenwärtig auf den Bühnen der Hauptstadt. Am Berliner Ensemble singt man lustvoll mit Bob Dylan „Death Is Not the End“, worauf am Ende von Leander Haußmanns Hamlet all die Dahingemeuchelten in schöner Harmonie ins Licht entschwinden. Davon ist nebenan in Stefan Puchers Elektra-Inszenierung am Deutschen Theater wenig zu spüren, wenngleich auch hier der Tod als willkommener Gast erscheint. „Death to everyone is gonna come“ heißt es bei Bonny ‚Prince’ Charlie, in einem anderen Lied ist gar davon die Rede, wenn der Tod schon sicher sei, könne man auch das Töten genießen. Und wenn zum Schluss in trügerischer Harmonie „Home is where you’re happy“ angestimmt wird, sollte man wissen, dass der Text von keinem anderen als Charles Manson stammt. Mit einer Mischung aus Resignation, Todessehnsucht und beißender Ironie begegnet man dem Tod hier, lädt man ihn ein zum Fest, das Leben heißt, und aus dem er sich ohnehin nicht aussperren lässt. Also kann man ihn auch gleich willkommen heißen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Alles so schön bunt hier

Henrik Ibsen: Hedda Gabler, Deutsches Theater Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Eines mal vorweg: Wer an einer zentralen Stelle der Inszenierung eine Live-Performance von Bob Dylans „Dirge“ einbaut, einem der wohl am meisten unterschätzten Stücke der Musikgeschichte, erhält von diesem Rezensenten einen Bonuspunkt. das komplette Ensemble fungiert als Band und für einen kurzen Augenblick entsteht eine Unmittelbarkeit, ein Moment, der nur hier und jetzt ist und der eine echte Seltenheit ist in Stefan Puchers Hedda Gabler. Pucher ist ein Oberflächenarbeiter, einer, der mit Ästhetiken spielt, der Bilder schafft, dekonstruiert, analysiert, bei dem der schöne Schein Stil- und Analysemittel ist. So auch in Hedda Gabler, einem Stück, vor dem man sich auf deutschsprachigen Bühnen derzeit kaum retten kann.

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Im Dickicht der Triebe

William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum, Thalia Theater Hamburg (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Ganz überraschend ist dieser Beginn nicht: Zunächst sieht sich das Publikum einer riesigen Videoleinwand gegenüber, die vor die Bühne gespannt ist. Video ist seit jeher ein wichtiges Element im multimedialen Theateruniversum des Stefan Pucher und kaum jemand setzt es wohl so elegant und zugleich eindrucksvoll ein wie er. Diesmal wählt er zunächst klassisches Schwarz-Weiß. Und wir gehen sogleich in medias res: Gesichter in Großaufnahmen berichten über den Ausgangskonflikt: Hermia soll Demetrius heiraten, liebt aber Lysander, der unnachgiebige Vater pocht auf sein Recht, Fürst Theseus stimmt zu, die Liebenden vollen fliehen. Die Gesichter ausdrucksstark, zuweilen einen kleinen Tick übertrieben, wir merken gleich: Hier geht es um die Oberfläche, jeder repräsentiert ein Image, das aufrechterhalten werden soll. Hier der rechtschaffene, strenge Vater, dort der ernsthaft verliebte Lysander. Man sitzt wie bei einer Geschäftsverhandlung um einen Tisch herum. Liebesbeziehungen sind hier nicht nur eine ernste Sache, sie sind in erster Linie Geschäft, Verhandlungsmasse.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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