Archiv der Kategorie: Stefan Kaegi

Die Stunde der Mikrobrigade

Rimini Protokoll (Stefan Kaegi): Granma. Posaunen aus Kuba, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Wer ins Theater geht, kann etwas lernen. Zumindest, wenn eine Arbeit von Rimini Protokoll auf dem Spielplan steht. Zum Beispiel, was eine Mikrobrigade ist. So nennt man in Kuba Gruppen von Menschen, die gemeinsam ein Haus bauen. Laien, die so etwas noch nie gemacht haben, angeleitet von einem Profi. So begegnete man einst der Wohnungskrise im vom US-Embargo gebeutelten Land. Auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters kommt nun auch eine solche zum Einsatz. Ein Haus muss sie nicht bauen, das steht ja schon länger. Stattdessen lernt sie Posaune zu spielen. Profi-Musikerin Diana Sainz Mena hat ihre vier Mittstreiter*innen Milagro Àlvarez Leliebre, Daniel Cruces-Pérez und Christian Paneque Moreda angeleitet und jetzt, kurz nach der Premiere, klingt das schon ganz gut. Mit der Kuba-eigenen Mischung aus Zuversicht und Improvisation blasen und pusten sie sich durch 60 Jahre kubanische Revolution. Benannt ist der Abend nach der legendären Jacht, auf der Fidel Castro und Genossen 1956 von Mexiko übersetzten, um die Revolution zu starten. Was mit einem Massaker begann – von den 82 Gelandeten schafften es nur 22 durch den blutigen Empfang der Regimetruppen – endete mit der Machtübernahme vor ziemlich genau 60 Jahren.

Bild: Esra Rotthoff

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„Die Technik ist die Natur des Menschen“

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle: Unheimliches Tal/Uncanny Valley, Münchner Kammerspiele (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Die Angst, dereinst von Maschinenwesen, Robotern, Androiden, was auch immer abgelöst zu werden, ist spätestens seit der industriellen Revolution eine der hartnäckigsten dystopischen Visionen der Menschheit – zumindest in dem Teil, der nicht tagtäglich mit Fragen des Überlebens zu kämpfen hat. Das Theater, der Ort, an dem mindestens seit Schiller die großen Menschheitsfragen erörtert werden sollen, ist ohnehin seit jeher mit Themen wie Authentizität und Künstlichkeit befasst, ist der Platz des Als-ob, der Illusion, des anderen etwas Vormachens. Dabei besteht sein USP, wie man in Beratersprech sagen würde, ja darin, die menschliche Präsenz, die Gleichzeitigkeit von Publikum und Spieler*innen im selben Raum, die Unmittelbarkeit und Flüchtigkeit gemeinsamer Gegenwart, die Anwesenheit des Menschen. Gewissheiten, die in den vergangenen Jahren – endlich – hinterfragt werden. Beginnend mit der Aufspaltung des gemeinsamen Raumes durch Castorfsche Live-Video-Eskapaden machen sich Theatermacher*innen wie Susanne Kennedy oder Kay Voges mit sehr unterschiedlichen Mitteln und aus verschiedenen Richtungen kommend, daran, den Grundkonsens, dass im Theater menschliche Spieler*innen und ebensolche Zuschauer*innen im gleichen Raum zusammenkommen, in Frage zu stellen und exponieren damit nicht weniger als das Kernparadoxon dieser Kunstform: die Gleichzeitigkeit von authentischer Präsens und illusorischem Als-ob (mit letzterem befasst sich bekanntlich die Postdramatik seit etlichen Jahren).

Bild: Gabriela Neeb

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