Archiv der Kategorie: Staatstheater Mainz

Das entlarvende Klatschen

Eugène Ionesco: Die Nashörner, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Théâtre National du Luxembourg / Staatstheater Mainz (Regie: Frank Hoffmann)

Von Sascha Krieger

Der aufschlussreichste Moment bei diesem Berliner Gastspiel ereignet sich, als eigentlich schon alles vorbei ist. Die Darsteller*innen haben sich bereits mehrere Runden Applaus abgeholt, da kommt auch die Blaskapelle, die während des Abends zweimal durchs Bild lief, auf die Bühne, natürlich ihre „volkstümliche“ Marschmusik spielend. Und plötzlich passiert etwas seltsames: Langsam, einer nach dem anderen, fallen die Zuschauer aus dem individuellen Schlussapplaus in rhythmisches Klatschen. Schrittweise übernimmt der Rhythmus, bis das Publikum fast einförmige Masse ist. Doch dann die Gegenbewegung: Offenbar unwohl ob der eigenen Kollektivierung stemmen sich immer mehr Zuschauer*innen gegen den Automatismus, klatschen gegen den Rhythmus an, bis sich Konformisten und Verweigerer die Waage halten. Man darf davon ausgehen, dass das beabsichtigt ist, ist es doch näher an Eugène Ionescos Intention als ein Großteil der vorangegangenen gut eineinhalb Stunden. In Die Nashörner verwandeln sich nach und nach alle Bewohner einer Stadt in besagte Dickhäuter. Am Ende bleibt Behringer zurück, als letzter Mensch. Das Stück war – und ist – eine Parabel über die Entstehung totalitärer Systeme, über die Verführung eines Gemeinschaftsversprechens, das sich bald in Zwang umwandelt, dem sich kaum einer entziehen kann und den doch so mancher als Freiheit uminterpretiert. Sich anzuschließen, mitzumachen, dabei zu sein ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wohin das führt, zeigt Ionesco in seinem absurden Lehrstück (so es derartiges gibt) auf schlichte, geradlinige und konsequente Weise.

Bild: Birgit Hupfeld

Weiterlesen

Träumend in die Nacht

Theatertreffen 2017 – Thom Luz: Traurige Zauberer, Staatstheater Mainz (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Sie ist längst Erinnerung, die letzte Performance, der letzte Trick, die letzte Illusion. Gähnend leer ist der Zuschauerraum, seltsam klein wirkt er aus der Distanz, die hier, wie so oft bei Thom Luz, auch eine zeitliche ist. Ein Mitarbeiter, Mitarbeiter langweilen sich am Regiepult, einer besteigt die Leitern, auf denen Tonbandgeräte befestigt sind. Publikumsgeräusche, blechern, verzerrt tönen aus ihnen, Beifall, Ausrufe des Erstaunens. Zeugnisse einer Welt der Fantasie, die längst vergangen ist. Eine Frau führt unsichtbare Besuchergruppen durch ein imaginiertes Theater, beschreibt unsichtbare Plakate. Später werden die berühmtesten Tricks großer Zauberkünstler genannt, nur mit ihren Namen, sie sich vorzustellen, obliegt dem Publikum. Es ist ein Abend der Imagination, der den Schweizer Regisseur zum zweiten Mal zum Theatertreffen geführt hat. Der Zuschauer ist Zaungast, auf der Hinterbühne sitzend ist er eingeladen, sich die große Illusionsmaschine vorzustellen, die einst die Welt in Atem gehalten hat. Die Bühne, auf der einst der Welt größte Magier standen – sie ist natürlich die des Theaters, jenem Ort der Erschaffung und Aufhebung von Illusion, der Erweiterung der Vorstellungskraft, der Einladung, die Möglichkeit, andere Welten, andere Varianten dieser Welt zu denken.

Bild: Andreas Etter

Weiterlesen

Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen