Archiv der Kategorie: Staatskapelle Berlin

Die Reifeprüfung

Daniel Barenboim dirigiert die ersten drei Schubert-Symphonien mit der Staatskapelle Berlin im Pierre Boulez Saal

Von Sascha Krieger

Zurück zum Anfang. Symphonie-Zyklen sind ja so eine Sache. Schließlich ist auch der bedeutendste Komponist nicht als begnadeter Symphoniker geboren, musste sich so mancher Großer erst mühsam herantasten an das Königsgenre der Orchestermusik. Die Folge sind oft Frühwerke, die zu Recht oder Unrecht als leichtgewichtig gelten und in einem Vergleich mit den „reiferen“ Symphonien nicht immer standhalten, was in zyklischen Aufführungen nicht selten zu qualitativer Unwucht führt. Natürlich gibt es Ausnahmen, etwa jene Komponisten, die – wie Brahms – sich Zeit ließen, bis sie bereits waren für die große Symphonie oder die – wie Beethaven oder insbesondere Mahler – ein solches Talent für das symphonische Genre aufbrachten, dass sie schon mit dem ersten Wurf Meister ihres Fachs waren. Franz Schubert, so meint man gemeinhin, gehört zu keiner der beiden Kategorien. Diese Ansicht mag nicht wenig damit zu tun haben, dass seine ersten Symphonien echte Jugendwerke sind: Bei der ersten war er gerade 16, bei der Dritten 18. So oft man die Spätwerke auf Konzertprogrammen findet, so selten tauchen dort die ersten drei auf. Daniel Barenboim möchte das ändern. Nicht nur gruppiert er die drei streng chronologisch in einem eigenen Konzertprogramm zusammen, sondern er versucht sie hörbar von der ersten Note an als ernsthafte Werke eines großen Symphonikers zu etablieren.

file-pierre-boulez-saal-2C-march-2017-c-volker-kreidler-jvfxlapjos

Der neue Pierre-Boulez-Saal in Berlin (Bild: Volker Kreidler)

Weiterlesen

Beethoven auf Steroiden

Im neuen Pierre Boulez Saal dirigiert Daniel Barenboim die letzten beiden Schubert-Symphonien mit der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Er gehört zu den Herzensprojekten Daniel Barenboims: Der Pierre Boulez Saal im Herzen Berlins, Kernstück der Barenboim-Said Akademie, ein kleines Schmuckstück mit dem von Stararchitekt Frank Gehry entworfenen Raum, eine wellenförmige, geschwungene Ellipse in einem holzgetäfelten Quader, ein frühes Vermächtnis des Dirigenten-Weltstars, der in dieser Stadt längst heimisch geworden ist. Ein Weltenwanderer, Verbinder und Verbünder, Brückenbauer und Mauerüberwinder in einer Stadt, die all das hinter und zum Teil noch immer vor und mitten unter sich hat. Ein Schmuckstück, das Wärme ausstrahlt, wie geschaffen für intime Musikerlebnisse, ein Kammermusiksaal, der den berühmten einige Kilometer weiter das Wasser zu reichen in der Lage scheint. Aber Barenboim wäre nicht Barenboim, wenn ihm das reichte. „Sein“ Saal muss mehr können als Kammermusik, er muss hinein in die erste Liga und das heißt: Orchester. Also stellte er sich hier schon in den ersten drei Monaten immer wieder an Pult „seiner Orchester“, der Staatskapelle und des West-Eastern Divan Orchestra. Und lässt sich nicht lumpen, denn was unterstreicht den Anspruch für diesen Saal besser als ein Symphoniezyklus? Franz Schubert soll es sein, von den leichten Haydn- und Mozart-inspirierten Jugendwerken bis zu den beiden großen, welt- und musikgeschichtsbewegenden Schlusswerken. Nachdem diese erklungen sind, lautet die Bilanz: Der Saal hat seinen Test mit kleinen Abstrichen bestanden. Für Orchester und Dirigent gilt das – leider – weniger.

Der neue Pierre-Boulez-Saal in Berlin (Bild: Volker Kreidler)

Weiterlesen

Der Eigenwillige

Festtage 2017: Radu Lupu gastiert bei der Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Radu Lupu zählt längerem zu den wichtigsten und besten Pianisten unserer Zeit. Gleichzeitig ist er auch einer der eigenwilligeren. Glatte Interpretationen, an denen sich niemand reiben könnte, sind seine Sache nicht. Das Ergebnis kann magisch sein, aber auch ein Desaster. Zuweilen gelingt beides. Ein solcher Abend ist sein Gastspiel mit der Staatskapelle Berlin im Rahmen der diesjährigen Staatsopern-Festtage. Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 steht auf dem Programm. In der englischsprachigen Welt nennt man es gern das „kaiserliche“, passend zum vermeintlich heroischen Ton, der zweifellos an die „Eroica“ erinnert. Der Beginn lässt böses erahnen: Uneben, verwaschen, richtungslos umspielt, umspült eher, Lupu die eröffnenden Orchesterakkorde, breiig und überhastet klingt das. Dann hat das Orchester das Wort, das unter Daniel Barenboims Leitung äußerst zielstrebig zu Werke geht. Der Klang ist dicht, kompakt, schnörkellos und präzise, findet seine Kraft in sich selbst. Ein energischer, zuweilen muskulöser Beethoven, vorwärtsdrängend und klar strukturiert. Dann ist Lupu wieder dran und sie da, welch ein Unterschied: Glasklar der Anschlag, das Spiel eine wunderbare Mischung aus Detailschärfe und sanglichem Gestus, das Instrument singt und lauscht sich zugleich selbst hinterher. Besonders magisch ist der Effekt beim zart berührenden zweiten Thema des Kopfsatzes: Schon im Orchester ist es wie getupft, bevor ihm die Holzbläser gleichzeitig Körperlichkeit wie Licht verleihen. Bei Lupu sitzt jeder Ton, perlen die einzelnen Noten, ganz für sich stehen, fügen sich zusammen zu einem Gesang höchster Innigkeit, die in höchster Spannung steht zum zu größter Dringlichkeit verdichteten Orchester.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

Weiterlesen

Zersplitterte Menschheit

Paavo Järvi dirigiert die Staatskapelle Berlin mit Werken von Beethoven und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Die Staatskapelle Berlin ist in ihrem Hauptjob ein Opernorchester. Das sollte wissen, wer an ihr Pult tritt. Dem estnischen Dirigenten Paavo Järvi, der als einer der besten seiner Zunft gilt, ist das nicht entgangen. Und so fällt zu Beginn dieses Abends zunächst auf, wie muskulös das Orchester agiert, wie massig die Streicherblöcke daherkommen, wie affirmativ die Blechbläser, wie deutlich und konturenscharf die Holzbläser. Das mag in Ludwig van Beethovens drittem Klavierkonzert ein wenig irritieren, erweist sich aber als kluge Entscheidung. Das hat auch mit dem Solisten zu tun. Radu Lupu ist ein eher idiosynkratischer Pianist, der gern einmal Umwege nimmt und auch vor extremen Lesarten nicht zurückschreckt. Das zeigt er hier im langsamen zweiten Satz: Da verzögert er radikal, wählt extrem langsame Tempo, baut immer wieder Abbrüche und Bremsbewegungen, aber auch die eine oder andere harte Setzung ein. Er verweigert dem Largo den typischen Fluss, hinterfragt und zergrübelt es, reißt es reflektiert auseinander. Das Orchester dagegen liefert den lyrischen Fluss, der den Satz eigentlich auszeichnet, spielt klar und affirmativ und bietet Lupu damit den Grund für seine Wanderungen.

Paavo Järvi (Bild: Ixi Chen)

Paavo Järvi (Bild: Ixi Chen)

Weiterlesen

Die Fragenstellerin

Martha Argerich feiert ihren 75. Geburtstag mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

In der Pause gibt es Geburtstagskuchen, die Besucher dürfen Karten schreiben und kaum hat die Staatskapelle die Bühne der Berliner Philharmonie betreten, erklingt ein „Happy Birthday“, in das nicht nur das Publikum freudig einstimmt, auch die Jubilarin selbst steuert ein paar Verzierungen bei. Martha Argerich, die Spielfreudige, Junggebliebene, die Meisterin des Ausdrucks, die Melodiezauberin und Klanganalytkerin, die bescheidene Virtuosin, wird 75. Ihr lebenslanger Freund Daniel Barenboim schenkt ihr ein Geburtstagskonzert und sie tut, was sie am liebsten macht: Sie spielt. Zunächst das zweite Klavier in Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448. Barenboim übernimmt das erste und natürlich überzeugt die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich mal die Bälle zuspielen, mal ein fast orchestrales Unisono abliefern, dann einen Farbeinreichtum aufs Parkett zaubern, wie ihn sich Mozart nicht schöner hätte vorstellen können. Dabei sind die Unterschiede deutlich: Barenboims Spiel ist fester, sachlicher, knapper, klar bis zur Überdeutlichkeit. Argerichs dagegen fließt, sie sucht die Zwischenwerte, in Ausdruck, Metrik, Dynamik, ihr Spiel ist subtiler, variabler, gedämpfter. Spielen sie gemeinsam ergänzen sie sich ideal, bei den Themen, die zunächst er, dann sie spielt, überzeugt ihre Version zumeist mehr. Barenboim wird es ohne Zweifel verschmerzen, das ist schließlich ihr Tag und ihre Bühne.

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Weiterlesen

Der Spielwütige

Zweimal Yo-Yo Ma bei den Festtagen 2016: solo mit Bachs Cello-Suiten und gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Yo-Yo Ma gehört zu den wenigen Superstars der klassischen Musik. Kaum einer ist so unermüdlich auf der Suche nach Wegen, mit dem Publikum zu kommunizieren und vor allem auch, neue Zuhörer an die vermeintlich elitäre Klassik heran zu führen. Gleichzeitig ist der wohl führende Cellist seiner Generation, der höchste Perfektion und Musikalität verbindet mit interpretatorischem Mut, bereit, sich auch einmal gegen den Konsens zu stellen. Seine Interpretationen der sechs Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs etwa haben Bewunderer wie Gegner, wird ihm doch zuweilen vorgeworfen, sie zu einseitig introspektiv zu interpretieren. Auch jetzt, bei seinem Berliner Gastspiel, ist die Innensicht sein Modus operandi. Versonnen und nachdenklich hebt er an, fast wie im Vorübergehen passiert der Zuhörer die berühmte erste Suite, die streckenweise wie von fern heranzuwehen scheint. Und doch ist hier vom ersten Ton an nichts nur melancholisch oder gar lyrisch verträumt. So traurig ernst die Grundstimmung ist, so rau ist doch oft der Ton, so schroff fällt dieser Blick ins zutiefst Menschliche immer wieder aus. Horcht er in der ersten Suite noch jedem Ton nach, wird der Duktus später affirmativer  und ja, fast ein wenig wütend.

Yo-Yo Ma (Foto: Todd Rosenberg)

Yo-Yo Ma (Foto: Todd Rosenberg)

Weiterlesen

„Die Königsdisziplin des Singens“

Festtage 2016: Die Staatskapelle Berlin mit Jonas Kaufmann sowie Werken von Mahler und Elgar

Von Sascha Krieger

Spricht man derzeit über die größten Tenöre des Planeten, fällt unweigerlich der Name Jonas Kaufmann, in der Regel als erster. Kaufmann hat alles, was ein Opernstar braucht: Er brilliert in Wagner-Rollen und den großen italienischen Partien gleichermaßen, gilt als außergewöhliches darstellerisches Talent und sieht auch noch unverschämt gut aus. Dann kommt er nach Berlin, zu den Festtagen der hiesigen Staatsoper, und das Programmheft zitiert ihn  mit den Worten, er betrachte das Kunstlied als die „Königsklasse des Singens“. Nein, nicht Wagner, Puccini oder Verdi, sondern Schubert und Mahler. Wenn sich der Saal der Philharmonie zur Pause lehrt, fällt es schwer, ihm zuzustimmen. Der Meister der großen Gesten und des strahlenden Tons, er hat soeben ein so intimes musikalisches Bekenntnis abgeliefert, wie man es auch in vielen Jahren und tausenden Konzertbesuchen vielleicht nur ein einziges Mal erlebt.

Jonas Kaufmann (Foto: Gregor Hohenberg)

Jonas Kaufmann (Foto: Gregor Hohenberg)

Weiterlesen

Der steinige Weg zum Abschied

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker mit Mahlers neunter Symphonie bei den Festtagen 2016

Von Sascha Krieger

Es ist mittlerweile schon Tradition: Wenn die Berliner Staatsoper um Ostern herum ihre Festtage durchführt, sind die Wiener Philharmoniker mit dabei. Das Orchester und den musikalischen Leiter des Berliner Opernhauses, Daniel Barenboim, verbindet eine lange und intensive Beziehung, die den Klangkörper immer wieder nach Berlin zieht – auch für 2017 ist das Orchester wieder fest gebucht. In den vergangenen Jahren blieben die Wiener bei ihren Berliner Gastspielen meist in ihrem Kernrepertoire: viel Mozart, ein bisschen Schubert, kein Risiko. Das ist in diesem Jahr anders: Mit Gustav Mahlers neunter Symphonie steht ein Werk auf dem Programm, welches das Orchester aus seiner Komfortzone holt, eines, für das auch dieses Spitzenensemble hellwach sein muss und bei dem es nicht allein schon mit seinem einzigartigen Klang verzaubern kann. Mahlers Neunte ist harte Arbeit und das ist in jeder der rund 80 Minuten zu spüren.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Bild: T. Bartilla)

Weiterlesen

Wenn Musik träumt

Sir Antonio Pappano und Renaud Capuçon zu Gast bei der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Was bekommt man, wenn ein Dirigent, der als ausgewiesener Opernspezialist gilt, vor ein Orchester stellt, dessen Haupttätigkeit das Musiktheater ist? Große Gesten, ein schwerer, theatraler Klang, ein Hang zur Dramatik? Weit gefehlt! Was Sir Antonio Pappano und die Staatskapelle Berlin erschaffen ist so frisch, licht, offen und fein, dass es scheint, als hätte einer die fenster aufgerissen und die Frühlingssonne schiene herein. Da passt es, dass drei Werke auf dem Programm stehen, die dediziert poetischen Charakter haben. Den Anfang macht Maurice Ravels Märchenzyklus Ma mère l’oye. Fast irreal erscheint die schwebende, zarte Klangwelt, die Pappano zunächst die bestechend klaren Holzbläser einführen lässt. Ein feines, lichtes Klanggewebe entspinnen die Musiker, die sanfte Melancholie eines Traums, der um die eigene Illusion weiß, füllt den Saal. So transparent,m so vollkommen durchsichtig ist die Staatskapelle nur selten zu erleben. Das bleibt auch so, wenn es lebhafter wird, etwa in der Episode der Pagodenkaiserin, in der Pappano die dynamische Entwicklung klar zeichnet, der behutsame Gestus jedoch Grundlage bleibt. Klar getrennt dann im vierten Teil die Sphären der Schönen (ein fragiler, heller Walzer) und des Tiers (ein tiefes Brummen), die dann im Traumgestus des Beginns zusammenfinden. In der letzten Episode singt Wolfram Brandls Solovioline sehnsüchtig, bevor dann die tausend Farben am Ende ihren Glanz entfalten.

Renaud Capuçon, Antonio Pappano und die Staatskapelle Berlin (Foto: Thomas Bartilla)

Renaud Capuçon, Antonio Pappano und die Staatskapelle Berlin (Foto: Thomas Bartilla)

Weiterlesen

Die Selbstverständlichkeit des Magischen

Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim und Martha Argerich spielen Beethovens zweites Klavierkonzert

Von Sascha Krieger

Wer verstehen will, warum Martha Argerich als Ausnahmepianistin gilt, warum  ihr ein Maß an Wärme und Zuneigung entgegen schwappt, von dem viele nicht weniger respektierte Kolleg*innen nur träumen können, muss nicht bis zum Ende des Mittelsatzes von Ludwig van  Beethoven zweitem Klavierkonzert warten. Doch gerade hier, in den kurzen Solopassagen des Klaviers und seinem Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Orchester, zeigt sich die besondere Magie von Argerichs Spiel. Wie sie die Töne aus der Stille pflückt, sich die Musik in diesem Moment aus Klangfragmenten zusammenfügt, den Raum füllt und zu schweben beginnt, das Orchester sich ganz und gar auf sie einstellt, plötzlich fast kammermusikalisch zurückgenommen agiert, mit einer Zartheit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte – das ist ohne große Worte wie „Magie“ und „Wunder“ nicht ansatzweise zu beschreiben. Martha Argerich durchschreitet den Klangraum des jungen Beethoven mit schlafwandlerischer Sicherheit, festen Schritts, doch stets so leichtfüßig, dass da kaum eine physische Berührung der tasten zu sein schein. Diese Musik schwebt schwerelos im Raum und ist zugleich zutiefst erdverbunden, sachlich, durchdacht, von musikalischer Vernunft durchdrungen.

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Weiterlesen