Archiv der Kategorie: Sophokles

Aus dem Fundus

Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Veit Schubert)

Von Sascha Krieger

„Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheuerer als der Mensch.“ Welch Kosmos an Widersprüchen und Ambivalenzen liegt in diesen berühmte Zeilen aus Sophokles‘ Antigone, welch Lob und Kritik des Menschlichen, welch Liebe und Verachtung des Menschen – ein Satz, der nahe kommt, die menschliche Existenz in ihrer Größe und Nichtigkeit, ihrem Glanz und ihrer Niedertracht zu umfassen. In Veit Schubert Inszenierung erklingt der Monolog der Alten von Theben zweimal. Die deklamieren ihn in hölzern selbstgerechtem Ernst, während an anderer Stelle die Randexistenzen, die der Gesellschafter nicht voll Zugehörigen, die irgendwie aus dem normativen Roster fallenden, in letzter Gemeinschaft zusammensitzen und die Zeilen auf Englisch, mit Ukulele und Mundharmonika, als sanft melancholischen Folksong intonieren. Ein traurig hoffnungsvoller Gesang, ein behutsames ansingen der Möglichkeiten des Menschlichen, stehen staatstragender Leere, opportunistischer Phrasendrescherei eintgehen. Ein schöner, symbolhafter Moment voller poetischer Tiefe und spielerischer Offenheit an diesem eineinhalbstündigen Abend. Es wird der einzige bleiben.

Bild: Julian Röder

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Die Welt ist ein Horrorhaus

Nach Sophokles: Antigone und Ödipus, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Familie als Schoß allen Übels. Am Deutschen Theater spürt Sebastian Hartmann in seiner Ibsen-Strindberg-Heine-Collage Gespenster gerade den dunklen Abgründen dieser essenziellsten aller sozialen Einheiten nach, (fast) nebenan am Gorki tut Ersan Mondtag in seiner ersten Regiearbeit in seiner Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und Machtverhältnisse heraus. Da ist der Schritt zur vielleicht dysfunktionalsten aller Familien der Literaturgeschichte, den Labdakiden (ja, der Atriden-Clan um Agamemnon und Co. ist ein würdiger Rivale) nicht weit. Ödipus, der als Säugling verstoßene Königssohn, der alles richtig machen will und gerade dadurch zum Vatermörder und Mutterschänder wird, seine Söhne, die sich im Machtkampf gegenseitig töten, die Schwester, die um der Brüder und der Tradition willen das Gesetz des Onkels missachtet: Sie alle presst der Regisseur in gut 90 Minuten, legt sie unter ein Mikroskop, das das Kleinste, Lächerlichste vergrößert und plötzlich zum bitter-fatalisten Gesellschaftsbild aufpumpt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Je Suis Antigone. Oder nicht?

Autorentheatertage Berlin 2016 – Darja Stocker nach Sophokles: Nirgends in Friede. Antigone. Theater Basel (Regie: Felicitas Brucker)

Von Sascha Krieger

Theben ist die Festung Europa, Polyneikes, der entmachtete Königssohn, der sein Geburtsrecht einfordert, steht für die Ausgegrenzten, Entrechteten, Schutzsuchenden, die hinein wollen oder, wenn sie schon drin sind, fordern, gehört zu werden. Die Schweizer Dramatikerin Darja Stocker hat Sophokles Antigone umgeschrieben – zu einem Stück über Flüchtlingskrise und arabischen Frühling, über die Heuchelei des Westens und die Hohlheit seiner „Werte, über die Angst als Machtwerkzeug der Mächtigen. Gleich drei Antigones gibt es: die Privilegierte, die Königstochter, die ihre Augen nicht verschließt; die Helferin, die an vorderster Front steht, da, wo die Ergebnisse von Ausbeutung und Abschottung zu Menschen werden; die Unterprivilegierte aus dem Armenviertel, die erkannt hat, wo die wahre Bedrohung liegt. Kreon dagegen gibt es nur einmal: als Demagogen, der sich als Demokrat verkleidet, der Angriffs- und Invasionsrhetorik schürt, Mythen vom Überranntwerden pflegt, Angst verbreitet, der von Frieden redet und damit meint, nicht von der Außenwelt behelligt zu werden.

Bild: Theater Basel

Bild: Theater Basel

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Die Rache der Kreatur

Nach Sophokles/Friedrich Hölderlin: Ödipus der Tyrann (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Eine halbe Stunde lang bleibt es dunkel. Das Licht reduziert auf das Minimum, welches das Publikum benötigt, um etwas zu sehen. Von Zeit zu Zeit illuminiert ein Spotlight einzelne Figuren, die wie von innen leuchten. Ein heiliges Licht. Das ist nicht unpassend, schließlich befinden wir uns in einem Nonnenkloster und beobachten die Bewohnerinnen bei ihrem Leben: beim gemeinsamen Essen, Beten, Singen, bei der Gartenarbeit – und beim Tod. Schwarz ist die Farbe der Gewänder, der engen Zellen mit ihrer niedrigen Decke, das Schwarz der Askese, der Buße für die Sünden, die nicht die eigenen sind, sondern jene der Welt. Die Stimme taugt nur zum liturgischen Gesang, Ansonsten herrscht Stille, durchbrochen nur durch das sich Geltung verschaffende Kreatürliche, das Husten des Todeskampfes, das sich dem ritualisierten Leben denn doch nicht unterordnen lässt. Irgendwann, die Äbtissin hat gerade ein Buch gefunden, Hölderlins Übersetzung von Sophokles‘ Ödipus, und begonnen es mit zögernder Stimme vorzulesen, wird es ganz hell, der Raum öffnet sich in eine antikisierende Weite mit niedrigen Treppen, einem Altar und einer gewölbten Wandöffnung, in der Ursina Lardi steht, das Nonnengewand ablegt und sich samt Toga verwandelt in Ödipus. Jule Böwe übernimmt die Rolle des Kreon, Iris Becher die der Iokaste, während Äbstissin Angela Winkler als Chorführerin das Gewand anbehält. Gemeinsam deklamiert man mit einigem Pathos und in weihevollem Ton Hölderlins schwer verständliche Verse.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

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Komm, süßer Tod!

Sophokles: Elektra, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Vielleicht liegt es ja, daran, dass der Winter spürbar Einzug gehalten hat in Berlin: In jedem Fall ist der Tod derzeit allgegenwärtig auf den Bühnen der Hauptstadt. Am Berliner Ensemble singt man lustvoll mit Bob Dylan „Death Is Not the End“, worauf am Ende von Leander Haußmanns Hamlet all die Dahingemeuchelten in schöner Harmonie ins Licht entschwinden. Davon ist nebenan in Stefan Puchers Elektra-Inszenierung am Deutschen Theater wenig zu spüren, wenngleich auch hier der Tod als willkommener Gast erscheint. „Death to everyone is gonna come“ heißt es bei Bonny ‚Prince’ Charlie, in einem anderen Lied ist gar davon die Rede, wenn der Tod schon sicher sei, könne man auch das Töten genießen. Und wenn zum Schluss in trügerischer Harmonie „Home is where you’re happy“ angestimmt wird, sollte man wissen, dass der Text von keinem anderen als Charles Manson stammt. Mit einer Mischung aus Resignation, Todessehnsucht und beißender Ironie begegnet man dem Tod hier, lädt man ihn ein zum Fest, das Leben heißt, und aus dem er sich ohnehin nicht aussperren lässt. Also kann man ihn auch gleich willkommen heißen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Machtspieler

Sophokles, Euripides, Aischylos: Ödipus Stadt, Deutsches Theater Berlin (Regie Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

„Macht Gewalt Demokratie“: Unter dieses Motto hat Intendant Ulrich Khuon die neue Spielzeit am Deutschen Theater gestellt und Stephan Kimmig hat einen Eröffnungsabend inszeniert, der zurückführt in die Geburtsstunde des Dramas, die griechische Tragödie, ein Theater, das aus der Athener Demokratie entstand und in dem es immer um die Verstrickung des Menschen, vor allem jene in Gewalt und Macht geht. Das gilt nirgends mehr als im Mythos um das Geschlecht der Labdakiden. Und so überrascht es nicht, dass alle drei großen Tragöden, Sophokles, Euripides, Aischylos, sich mit diesem Mythos befasst haben, mit Ödipus, Kreon und Antigone, diesen Schuldbeladenen, die stets Opfer aber eben immer auch Täter sind. John von Düffel hat aus vier dieser Dramen, darunter Sophokles König Ödipus und Euripides‘ Antigone ein zweieinhalbstündiges Destillat geschaffen, das in drei Teilen daher kommt: Der erste erzählt die Geschichte von König Ödipus, der unwissend seinen Vater erschlug und die Mutter ehelichte, die zweite vom Bruderzwist von Ödipus‘ Söhnen, die dritte vom Konflikt zwischen dem neuen König Kreon und Antigone, die ihren abtrünnigen Bruder bestatten will. Immer geht es dabei um Gewalt und stets auch um Macht – um die, die sie ausüben, jene, die sie anstreben, jene, die unter ihr leiden. Und immer auch um das, was sie mit jedem von ihnen anstellt. Stephan Kimmig inszeniert das als hemdsärmeliges Kammerspiel, in dem er dem großartigen Ensemble viel Raum lässt, Konstellationen durchzuspielen, Nuancen auszuloten und unter die Oberfläche zu blicken. Und er erbringt dabei den Beweis, dass sich Regie- und Schauspielertheater nicht ausschließen müssen.

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Sophokles: Antigone, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Spricht man über diesen Abend, stellt sich zunächst eine Frage: Darf eine antike Tragödie Spaß machen? Darf man sich dabei unterhalten fühlen, lachen, Vergnügen empfinden? Friederike Hellers Antigone beantwortet diese Frage mit einem emphatischen ja und zumindest die Mehrheit des Publikums erklärt sich bereit, ihr zu folgen. Wie schon in Der gute Mensch von Sezuan arbeitet Heller mit der Band Kante zusammen, zwei Schauspieler vervollständigen das – frauenlose! – Ensemble.

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Sophokles: Ödipus auf Kolonos, Berliner Ensemble (Regie: Peter Stein)

Wenn Peter Stein und Klaus-Maria Brandauer Theater machen und ihnen Claus Peymann seine Bühne zur Verfügung stellt, geht es immer um mehr, als ein Stück zu inszenieren. Es geht um nicht mehr und weniger als die Rettung des Theaters, um seine Befreiung aus den Klauen des Ungeheuers, das da heißt „Regietheater“. Das Ergebnis ist meist ein unnachgiebiger Konservatismus, der das Theater zum rechten Weg zurückführen soll, zum Primat des Stücks, und zum Schauspieler als dem wichtigsten Interpreten des Stücks. Was Regisseure wie Peymann und Stein einst selbst begannen, ist längst, so glauben sie, in eine Sackgasse geraten, in der Regisseure nurmehr sich selbst inszenieren, in der die Stücke zerstört, die Schauspieler erniedrigt, das Theater in den Dreck gezogen werden.

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